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Zeit für Meinung. Zeit für eine Kolumne. Diesmal hat unser Gastautor Thorsten “Putte” Puttenat (Die Stadtisten) seine Gedanken zur Mobilitäts- und Verkehrssituation in Stuttgart – und in Städten allgemein – niedergeschrieben.

Text von Thorsten “Putte” Puttenat – Foto von Saeed


Ich bin ein Autokind.

Als verwöhntes Bürschchen spielte das Automobil in den ersten zehn Jahren meines Lebens eine große Rolle. Daddy fuhr über all die Zeit stets den neuesten 7er BMW. Wie entzückt ich war, als es wieder darum ging, welche Extras er sich für den nächsten Neuwagen via Katalog aussuchte. Selbst noch zu jung fürs Lenkrad, erfand ich mir meine eigene Marke und ging in den Zeichenwettbewerb virtueller Marken mit dem Nachbarsjungen. Später dann, als auch die Zeit der Beschäftigung mit Spielzeugautos von Matchbox und Siku endete, verführte mich ein anderer Nachbarsjunge dazu, den Bestand unserer kleinen Flitzer anzuzünden oder mit Steinen kaputt zu schlagen. So gingen sie hin. Mit 18 stand mir dann der Ford Escort meiner Mutter zur Verfügung, vom Dorf in die große Stadt und wieder zurück. Meine Faszination fürs Auto war längst vorüber – es wurde zum Fortbewegungsmittel, um von A nach B zu kommen.

Vor sieben Jahren ging auch das dahin. Seither Fahrrad, Füße und die Öffentlichen. Befreiungsschlag. In den letzten Jahren holte mich das Thema wieder ein. Diesmal unter dem Vorzeichen meines Lieblingsthemas Stadt: Was macht das heilige Blech der Schwaben mit Stuttgart, das nach dem Abgesang Detroits zu DER Automobilitätsstadt der Welt wurde?

Wir verdanken dem Auto nicht nur Wohlstand, sondern mittlerweile auch Meisterschaften in Sachen Stau und Staub.

Wir verteidigen den Titel der Feinstau(b)hauptstadt eisern, von Jahr zu Jahr. Gleichzeitig erstickt der öffentliche Raum am fließenden, stotternden und parkenden Verkehr. Statistisch gesehen hat mehr als jeder zweite Einwohner der Landeshauptstadt ein Auto, Säuglinge eingeschlossen. Täglich werden bis zu einer Million fahrende Pendler an den Gemarkungsgrenzen der Stadt gezählt. Dabei sitzen durchschnittlich 1,2 Leute in diesen Kisten, die zu mehr als 90 Prozent ihrer Zeit stillstehen. All diese Autos werden mehr denn je gekauft. Umsatzrekorde. 2013 fing ein Freund damit an, vom autonomen Fahren zu erzählen. Anfangs tat ich das als bloße Spinnerei ab. Danach setzte ich mich mit diesem Thema auseinander: Wie werden selbstfahrende Autos unsere Städte wandeln? Welche Veränderungen sind bezüglich Raum und Platz einer Stadt zukünftig vorstellbar? Für die meisten ein (noch) unspannendes Gedankenkonstrukt, denn: Ob die Dinger nun von alleine fahren oder von Menschenhand gesteuert werden – was bitteschön sollte das großartig verändern? Dadurch werden doch keine Autos gespart, und was hat das mit dem öffentlichen Raum zu tun?

Beschäftigt man sich damit eingehender und liest, was Zukunftsforscher an möglichen Szenarien liefern, kann man ordentlich ins Staunen kommen. Beispiel: Die autonom fahrenden Autos der Zukunft werden kaum mehr im Privatbesitz, sondern als Dienstleistungen unterwegs sein. Sie werden aufgrund optimierter digitaler Vernetzung selten im öffentlichen Raum parken, sondern die allermeiste Zeit in Bewegung sein. Aufgrund neuartiger Antriebsformen werden Feinstaubalarme und Stickoxide zudem der Vergangenheit angehören. Ich versuche mir das bildlich vorzustellen, denke an unsere Stadt, an die Straßenschluchten vor der Haustür: Es entsteht womöglich Raum. Platz, um Stadt(planung) neu zu denken.

Weg von der Dominanz der Autos im städtischen Raum, mehr Aufenthaltsorte und damit Gestaltungsmöglichkeiten für uns Leute. Das ist, was mich an diesem Thema fasziniert.

Ich bin Laie, kein Experte. Man muss mir diese Vorstellungskraft nicht abnehmen. Ich spekuliere und bin davon überzeugt, dass wir in den nächsten zehn bis 20 Jahren etwas miterleben werden, das unser gewohntes Bild der Mobilität auf den Kopf stellen wird. Kurzum: Nicht nur die Fortbewegung, auch unsere Städte werden sich stark verändern. Chance. Stuttgart, du hast mit Daimler, Porsche, Bosch, Mahle, Fraunhofer und den Hochschulen die Garanten für den Erfolg dieser Mobilitätsrevolution. Zumindest auf dem Papier.

Es geht nicht zuletzt auch darum, diesen Wettbewerbsvorsprung zu halten. Mit Tesla, Google, Apple und Co schicken sich internationale Unternehmen an, die schwäbische Vormachtsstellung in Sachen Automobil abzulösen. Es ist absurd, dass ausgerechnet ein Fahrradler wie ich es oftmals in Gesprächen mit konservativen Leuten bin, der in Sorge um den Standort ist. Verkehrte Welt. Der topmoderne Hippie warnt die Fortschrittsgläubigen davor, dass Stuttgart Gefahr läuft, abgehängt zu werden. Die Reaktion ist meist die Gleiche: Kein Grund zur Unruhe, verkaufen Daimler und Porsche doch gerade so viele Autos wie nie zuvor.

Das ist der Status Quo. Einer, der sich nach den alten Mustern nicht mehr lange halten wird.

Es ist nicht so, dass hier nichts passiert. Die ansässigen Unternehmen sind längst aufgewacht, noch mahlen die Mühlen langsam. Industrie 4.0 hat begonnen – wir alle werden sie bald zu spüren bekommen, müssen uns darauf vorbereiten und vor allem: einen sozialverträglichen Umgang damit finden. Ich wünsche mir sehr, dass Stuttgart samt Region vorangeht. Unsere Stadt könnte angesichts der Probleme mit Stau, Staub und Parkplatzsuche kaum besser geeignet sein, um zu DER Modellstadt neuer Mobilität zu werden. Mit allem, was dazu gehört. Diesen Lokalpatriotismus gönne ich mir.


Zum Autor: THORSTEN “PUTTE” PUTTENAT

Wo ist eigentlich dieser Österreichische Platz und welchen Einfluss hat man als Bürger auf das Geschehen in einer Stadt, auf den Ort, an dem man lebt? Mit Fragen wie diesen beschäftigt sich Thorsten Puttenat. Ob mit den Stadtisten oder fluegel.tv, Filmkomponist und Musiker Thorsten Puttenat alias „Putte“ engagiert sich seit Jahren für ein tolerantes, offenes und vielfältiges Stuttgart.

Mehr zu Putte erfahrt ihr in unserem Portrait.

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Anmerkung: Die Meinung, die in dieser Kolumne kundgetan wird, ist jene des Autors, eine fundiert argumentierte, aber nur eine mögliche von vielen – und nicht zwangsläufig die des 0711blogs. Eben das ist das Wesen einer Kolumne.

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