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In der Serie „0711er der Woche“ stellen wir euch jeden Montag einen Stuttgarter vor, den man unter Umständen kennt – und doch nicht so recht kennt. Leute, die unsere Stadt durch ihr Schaffen auf verschiedenste Art bereichern, aber oftmals doch im Hintergrund bleiben. Menschen wie du und ich, die ihren Teil dazu beitragen, dass Stuttgart das ist, was es ist: unsere Stadt, die Mutterstadt. Nachdem wir mit dem jeweiligen 0711er etwas Zeit verbringen, verewigen sie sich in unserem 0711er Buch.


Tattoos am ganzen Körper, breit gebaut und ein Modefanatiker. Das ist Alex Wild. Der Stuttgarter führt seit zwei Jahren im Westen seinen Tattooshop und sticht in seinem Stil auf Welt-Niveau. Sein Weg dahin war untypisch: Zuerst Sprayer, dann Barmann und Klamottenverkäufer. Wie er schließlich zu Nadel und Tinte kam, hat er uns verraten.

Ein Text von Niko mit Fotos von Saeed

Zum ersten Mal kam Alex als Kind mit Streetart in Berührung. Geboren in Leonberg und aufgewachsen in Stuttgart besuchte er bei einem Jugendarbeiter einen Graffiti-Workshop am Abendteuerspielplatz in Vaihingen. Damals, genauer gesagt 1988, fing Alex die Magie von Graffiti sofort ein: „Einfach ein paar Backsteine mit einem Piece im B-Boy Style, ganz simpel. Das hat eine Faszination bei mir ausgelöst. Noch heute bekomme ich, wenn ich irgendwo auf der Welt in einem Hinterhof ein fettes Graffiti sehe, Gänsehaut am ganzen Körper.“

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Früh übt sich, sagt man ja immer: „Schon als Kind hab’ ich angefangen Sachen zu illustrieren“, erinnert er sich. Der Opa ist Schriftsteller, der Onkel Künstler und die Mutter Pianistin. Alex wuchs also in einem künstlerischen Umfeld auf. „Meine Mutter spielte teilweise zehn Stunden Klavier am Tag. Als ich noch ganz klein war, lag ich währenddessen auf dem Flügel und hab’ geschlafen. Kunst war irgendwie allgegenwärtig.“

Ende der 90’er war Alex richtig drin in der Graffiti-Szene. „Am Wochenende bin ich mit meiner Crew von Jam zu Jam gefahren und aufgetreten“, erzählt er. Bei RadioQuerfunk in Karlsruhe hatte er zeitweise mit seinen Sprayer-Dudes eine eigene Sendung, in der sie über das aufkeimende Hip-Hop-Game in Deutschland berichteten. „Da hast du halt dann auch mal auf einem Jam im Bielefeld (Die Stadt gibt’s echt!) Samy Deluxe und Kool Savas als absolut unbekannte Rapper getroffen. Also noch lange vor Dynamite Deluxe und L.M.S.“ Aus seiner Zeit als Sprayer hat Alex auch viel für seine heutige Arbeit als Tätowierer gelernt. „Du hast eben deine Skills und musst sie in jeder Stadt neu unter Beweis stellen. Dadurch bekommst du Anerkennung und Respekt. Genau so läuft’s auch beim Tätowieren.“

Beim Thema Grafitti kam Alex irgendwann an den Punkt, an dem er sich entscheiden musste: Ganz oder gar nicht. Mehrere Male beim illegalen Sprühen erwischt, drohte ihm bei weiterem Vergehen sogar eine Haftstrafe. Alex entschied sich dafür, die Dosen ab jetzt nur noch in einem legalen Rahmen rauszuholen. „Für mich gehört das Sprühen an verbotenen Stellen aber einfach zur Essenz des Graffiti-Gedankens. Mit einer Erlaubnis ist das einfach nicht mehr dasselbe.“ Unserer 0711er der Woche brauchte also etwas Neues, um seine Kunst auszuleben.

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Heute ist Alex von Kopf bis Fuß tätowiert. An einigen Stellen sogar in der dritten Schicht. „Ich bin um den halben Globus geflogen, um Tattoos zu sammeln,“ erzählt Alex. „Wenn ich einen Anruf bekam, dass zum Beispiel bei einem Tätowierer aus Trieste, den ich gefeiert hab’, ein Termin frei wurde, dann bin ich dahin geflogen, auch wenn ich gerade keine 50 Euro mehr in der Tasche hatte. Und wenn ich dafür ein paar Platten beim Second Hand Records verkaufen musste – ich hab’s immer hin und zurück geschafft.“ Aus dieser Leidenschaft heraus, probierte sich Alex irgendwann selber an der Nadel. „Anfangs hab ich mit dem Equipment von einem Kumpel nur irgendwelche Skater-Kids tätowiert, die sich kein Studio leisten konnten.“

Alex arbeitete tagsüber in Streetwear-Klamotten-Läden, nachts in Bars wie dem Oblomow und dem Mata Hari. „Zu der Zeit war ich auch ziemlich in der Straigt-Edge-Szene unterwegs.“ Also ganz bewusst ein drogen- und alkoholfreies Leben führen. Schwierig, wenn man gleichzeitig im Nachtleben arbeitet, oder? Definitiv! Damit klar kam er trotzdem:  „Ich wette, im Mata Hari findest du heute Abend noch Leute, die ich da früher um 4 Uhr nachts mit dem Besen rausgekehrt habe“, sagt  er lachend.

Irgendwann setzte Alex den Fokus ganz auf die Tattoos und kündigte seinen Job im Einzelhandel. In einem Studio am Killesberg zeichnete und übte er täglich. Er fing an, Kunden kleinere Tattoos zu stechen. „Irgendwann wollte ich dann raus aus dem Kessel, einfach gucken, was es sonst noch so gibt.“ In Heidelberg und Offenbach besetzte er Guest-Spots in einigen Studios und tätowierte und tätowierte. So pendelte Alex von Studio zu Studio und ging am Wochenende zurück nach Hause zu seiner Frau und seinem Hund.

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Sein Engagement und Enthusiasmus vergrößerten sich mehr und mehr bis Alex gleichzeitig in 40 Städten, hauptsächlich in deutschsprachigem Raum, tätowierte. Er war fasziniert von der Vielfalt der Tattoo-Welt: „Du lernst einfach jeden kennen. Vom versnobten Münchner, der im P1 rumhängt bis zum vorbestraften Dortmunder Hooligan.“ Alex stach teilweise 16 Stunden am Tag. „Das war irgendwann so surreal: Ich kam aus der Hip-Hop-Szene und hing auf einmal nur noch mit Punkern, Skinheads und Bikern ab,“ scherzt er.

„Wenn du dir Hände und Hals tätowierst kannst du dir sicher sein, dass du niemals in einem 0815 Job landest“

Nach vier Jahren Tattoo-Reise war Alex körperlich und nervlich so am Ende, dass er sich nach einem festen Job umsah. Er kam in Ulm bei „No Pain No Gain“ unter. Dort tätowierte er drei Jahre bis er sich bereit fühlte, seinen eigenen Laden zu gründen. Er wollte nicht mehr in einem „Massenabfertigungs-Studio“ arbeiten. Alex’ Studio in der Gutenbergstraße im Westen ist ein Shop, in dem man nur Termine machen kann, ohne reguläre Öffnungszeiten. „Ich steche pro Tag nur eine Person. So kann ich sicher sein, dass ich individuell alle Wünsche erfüllen kann.“

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Tattoos sind wie Klamotten. Die müssen nicht unbedingt eine Bedeutung haben, die sollen zu den Menschen passen und geil aussehen.

Alex Geschmack bei Tattoos ist der gleiche wie bei der Kunst – roh und echt. „Viktorianische Gemälde interessieren mich nicht. Ich will naive, rohe und volksnahe Kunst machen.“ Geprägt vom Style der frühen Tattoomeister der amerikanischen Küste will Alex zeitlose Motive stechen. “Mir gefällt an Tattoos das Rohe und Einfache. Das was ich steche, dass soll bei der Person gut aussehen, könnte aber auch dessen Vater oder Großvater tragen.“ Wer stellt sich seinen Opa jetzt gerade auch mit einem Alex Wild Tattoo vor?

Dieser zeitlose Stil zieht sich durch Alex’ Arbeiten: „Tätowierungen waren 100 Jahre lang so wie ich sie jetzt steche.“ Was viele nicht wissen: Vor der Nazizeit war Tätowierer in Deutschland ein anerkannter Beruf. Vor allem in Hafenstädten wurde Anfang des 20. Jahrhunderts sehr viel tätowiert. Die Nazis verboten den Beruf dann aber. „Sogar Kaiserin Sissi war tätowiert, Alter!“ Alle Deutschen Tätowierer flohen daraufhin nach Amerika. So begründet, sieht Alex sich gar nicht als einer, der amerikanische Tattoos sticht. „Das nennt man zwar heute so, aber das ist auch eine deutsche Tradition.“

Dieses Traditionsbewusstsein ist auch die Antwort auf die Frage, warum Alex seit zwei Jahren seinen eigenen Laden in Stuttgart hat und nicht in Berlin, Barcelona oder Los Angeles. „Ich bin hier geboren. Hier ist meine Familie, hier sind meine Freunde, auf die ich zählen kann. Ich bin viel gereist und je mehr du siehst desto, mehr lernst du deine Heimat schätzen. Ich liebe Stuttgart. Deshalb bin ich hierher zurück.“

Alex, wir freuen uns, dass du der Mutterstadt all die Jahre treu geblieben bist!

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NAME … Alex Wild – ALTER … 34

HERKUNFT … Stuttgart  – STADTTEIL … Mitte

WAS ICH SO MACHE …  Tätowieren, freche Sprüche Klopfen und Kunst leben

MEIN LIEBLINGSORT IN STUTTGART IST … Die Caffè-Bar (Tagblatt-Turm) & O’ Reilly’s Irish Pub im Westen,  naturmäßig auf jeden Fall der Bärensee

GLÜCKLICH MACHEN KANN MAN MICH MIT … Coolen Designer Klamotten und nem guten neuen Rap Album

MEIN PERFEKTES WOCHENENDE VERBRINGE ICH MIT … Frau und Hund am Meer

ICH KANN NICHT OHNE … Gegen den Strom zu schwimmen, anzuecken und mit nem Augenzwinkern zu provozieren

DAS SOLLTE MAN GESEHEN HABEN … New York City 

DAS MACHE ICH, WENN KEINER ZUSCHAUT … Klavierkonzerte hören 

ICH WÜRDE NIEMALS … Die Fresse halten

ICH LIEBE AN STUTTGART … Meine Familie und Freunde

ICH HASSE AN STUTTGART … Langweilig bzw schlecht angezogene Menschen, die sich nicht trauen auch mal aus der Reihe zu tanzen

WENN NICHT STUTTGART, DANN … Brooklyn, Paris oder Amsterdam

DAS HABE ICH IMMER IM GEPÄCK … Meinen Hund Chaplin

WENN ICH MORGENS AUFSTEHE, MACHE ICH DAS IMMER ZUERST … Doppelten Cortado und ab ins Fitnessstudio

SO KRIEGT MAN MICH RUM … Cognac und schwazer Humor

WENN ICH DIE FREIE WAHL HÄTTE, WÜRDE ICH HEUTE ABENDESSEN MIT … Meiner (leider verstorbenen) Oma

UND ZWAR WO? … Der Grieche am Bubenbad

STUTTGART, ICH WOLLTE DIR SCHON IMMER EINMAL SAGEN … Take it Easy

Niko Kappel
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