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In der Serie „0711er der Woche“ stellen wir euch jeden Montag einen Stuttgarter vor, den man unter Umständen kennt – und doch nicht so recht kennt. Leute, die unsere Stadt durch ihr Schaffen auf verschiedenste Art bereichern, aber oftmals doch im Hintergrund bleiben. Menschen wie du und ich, die ihren Teil dazu beitragen, dass Stuttgart das ist, was es ist: unsere Stadt, die Mutterstadt. Nachdem wir mit dem jeweiligen 0711er etwas Zeit verbringen, verewigen sie sich in unserem 0711er Buch.


Führungsposition bei Nokia, Umzug nach Stuttgart, Bekanntschaft mit einem Destillateur, Kreation eines Gins und tada, da war er plötzlich, der Welterfolg. Naja, ganz so einfach hatte es Alexander Stein dann doch nicht. Unser 0711er der Woche ist der Kopf hinter Monkey 47 und Erfindergeist und Tüftler in einem, ein richtiger Schwabe eben. Mitten im brodelnden Kessel hat er uns in die Geschichte seiner Schnaps-Idee (indeed, im wahrsten Sinne des Wortes) eingeweiht.

Ein Text von Valentina mit Fotos von Saeed

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Ein Märchen par excellence: Exportschlager made im Ländle.

Einen Plan B? Den gibt’s für Alexander Stein nicht. Warum auch? Plan A hat ausgezeichnet funktioniert. Zurück ins Jahr 2006. In den Tiefen des Schwarzwalds taucht bei Renovierungsarbeiten eine Kiste auf. Eine wahrhaftige Schatzkiste. Inhalt: eine einzige Flasche Gin, und, noch viel aufsehenerregender, die dazugehörige Rezeptur. Glaubt man der Legende, stammt das Rezept von einem englischen Offizier, den es in das Ländle verschlagen hat. Diese Nachricht dringt bis nach Detroit zu Alexander durch. Mehr als 6.000 Kilometer und sechs Zeitzonen entfernt arbeitet der Sohn eines Spirituosenunternehmers als Manager bei Nokia, dem Handy vor dem iPhone. Die Geschichte vom Briten Collins (der Pate eines Affen war) begeistert ihn so sehr, dass er sie wieder zum Leben erweckt: Er versucht sich daran einen Schwarzwälder Gin zu kredenzen.

2008 kehrt der Schwabe heim in den Kessel. Hier im Südwesten locken neben Spätzle und Maultaschen naturreines Quellwasser und aromatische Beeren- und Obstsorten. Alexander gründet die Black Forest Distillers GmbH. Die Geburtsstunde von Monkey 47. Und wie es der Zufall so will, trifft der Createur auf einen Destillateur: Durch die Zeitung wird er auf Christoph Keller aufmerksam. Die Beiden tüfteln zwei Jahre lang an der DNA des Gins, bis dieser 2010 seinen Platz erstmalig, abgefüllt in 2.500 Flaschen, in den Verkaufsregalen der Nation findet. Bevorsteht die Karriere als Exportschlager made im Ländle.

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Damals, erinnert sich der Familienvater, habe man über diese Idee noch gelacht. Und er seine Flaschen von Hand abgefüllt.

Gin aus Deutschland? Und dann auch noch aus Baden-Württemberg? Wer soll das trinken?

Doch der Schwarzwald ist über die deutsche Grenze bekannt. Nah und Fern weiß Mann und Frau, dass hier handwerkliche Perfektion zuhause ist (jaja, die Heimat der Hidden Champions). Monkey 47 entwickelt sich zu einer waschechten Geheimwaffe. Die Verkaufszahlen steigen an, es geht rapide bergauf. Der Unternehmergeist baut seinen Markt aus, investiert und exportiert – alles auf kleiner Flamme. „Das war der richtige Zeitpunkt für Ungezwungenheit. Ich hab’ es einfach ausprobiert“, erzählt unser 0711er sichtlich stolz. Dabei wirkt er so herrlich bodenständig, dass man nicht anders kann, als von ihm und seiner Idee begeistert zu sein.

Mittlerweile stehen die Spirituosen in 65 Ländern auf der Karte und hinter der Bar. Größte Abnehmer seien neben ihm selbst (thumbs up, dieser Humor gefällt uns!) die Briten und die Amerikaner.

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Ideenreichtum auf Schwäbisch

Doch der Erfolg kommt nicht von alleine. Hinter dem Ruhm stehen unzählige Prozesse, die im Verborgenen passieren. Allein die Entwicklung habe fast zwei Jahre gedauert. „Mal eben im Keller einen Gin produzieren? Die Vorstellung ist lustig, aber leider unreal. Wenn man nicht mit dem Herzen bei der Sache ist und Zeit investiert, wird das nichts“, ist sich der 44-Jährige sicher. Alexander muss seine Festanstellung kündigen, Geld investieren und gleichzeitig darauf verzichten, Steuern bezahlen, eine Destillerie bauen, sich mit Brandschutzregelungen rumärgern und an die Hotspots der Welt reisen.

In Japan wartet keiner auf dich und deinen Gin. Du alleine musst hingehen und dein Produkt vermarkten.

Auch sonst geht’s für den Schrittmacher nicht immer schnurstracks geradeaus. Sein Abitur meistert Alexander mit Ach und Krach. Ähnliches Spiel in Nürnberg, wo er anschließend mit eher durchwachsenem Erfolg BWL studiert. „Gerade wenn man nicht nur Einsen hat, muss man flexibel sein“, weiß der Kaufmann und fügt hinzu, „ich kann nichts wirklich richtig gut, aber alles ein bisschen!“. Er sei eben schon immer ein Generalist gewesen. In seinem Unternehmen ist das von Vorteil. Keine großen Strukturen machen es möglich, noch immer mit nur elf Mitarbeitern zu arbeiten und erfordern wenig Absprache. So kann auch nach acht Jahren die Firmenphilosophie wie in ihrem Ursprung gelebt werden. Qualität statt Quantität. Authentizität anstelle von Perfektionismus.

Das ‚Rumkranteln’ der Schwaben hat auch eine Stärke. Die Menschen hier im Süden stellen Dinge in Frage und suchen ständig Verbesserungen.

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Zugegeben, von Alexanders Kreativität und seiner Leidenschaft würden wir uns gerne eine Scheibe abschneiden. Die Idee zur Flasche kommt nämlich nicht von irgendwoher. Als der erste Gin 2010 fertig ist, sucht er unter Zeitdruck ein Gefäß, schließlich will er nach zwei Jahren Entwicklung nicht immer nur Rechnungen bezahlen, sondern eben auch eigene schreiben. An einem Samstag entdeckt er auf dem Flohmarkt am Karlsplatz eine Acetonflasche. Preis: Sieben Euro. Er schickt sie zu einer Glashütte und lässt die Form individualisieren. Selbst das Etikett schneidet er zunächst selbst aus. Mit einer Lochzange knipst er das gezackte Muster, welches noch heute den „Bäbber“, wie der Schwabe sagt, auf der Flasche ziert. Schwäbisches Tüftlertum vom Feinsten. Siehe da, für Erfolg braucht es manchmal nichts mehr als Improvisationstalent und Ideenreichtum.

Mein erster Tank war ein alter Milchtank. Den musste man festbinden, weil er so wackelig war. Der war nicht schön, aber seine Funktion hat er erfüllt.

Never change a winning team.

Schritt für Schritt baut Alexander sein Unternehmen auf. Von einem Businessplan hat er noch nie was gehört. Geschweige denn von einer Absatzplanung. „Mein Ziel ist und war immer ein organisches Wachstum. Wenn man bestimmte Zahlen erfüllen muss, macht man Fehler. Dann lieber kleine Kunden auf der ganzen Welt verteilt“, erklärt er und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: „Ich bin dankbar für meinen Job. Ich wär’ ein miserabler Ingenieur“. Mit Spaß bei der Sache sein, das ist ihm besonders wichtig.

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In Stuttgart gibt’s den Gin aus dem Schwarzwald (Standort der Brennerei: Loßburg) als erstes im Café Scholz am Marktplatz. Der Moment, als er die braune Flasche mit dem Korken das erste Mal im Schaufenster entdeckt, ist etwas ganz besonderes für ihn. Wir können uns vorstellen, wie stolz der Herr gewesen sein muss. Beim Betreten einer Bar, sei es in Singapur oder Sydney, hat Alexander noch immer die Angewohnheit, direkt nach der Theke Ausschau zu halten. Erhascht er dann noch eine seiner Flaschen im Regal, ist die Freude besonders groß.

Es könnte Gwyneth Paltrow vor mir an der Bar stehen, ich würde sie nicht sehen.

An seiner neuen, alten Heimat Stuttgart schätzt der Perfektionist den unaufgeregten Charakter und die schwäbische Küche. „Ohne Maultaschen? Da fehlt ein Stück“, gesteht er und lacht. Können wir nur zu gut nachvollziehen.

Das Herzstück: die 47 Instrumente

Der Gin besticht nicht nur durch seine äußere Schönheit, sondern auch durch die inneren Werte. Exakt 47 Zutaten machen das Herzstück des Destillats aus und sind logischerweise auch für den Namen verantwortlich. „Die Deutschen neigen zwar dazu, Unternehmen nach sich selbst zu benennen, aber ‚Alexander Stein Gin’ hätte vermutlich weniger gut funktioniert“, scherzt er. Die Kombination aus Zitrus, Lavendel, Fichtensprossen, Scharlach-Monarden, Brombeerblättern, Preiselbeeren und 41 anderen ausgefallenen Aromen vergleicht Alexander mit einem Orchester. „Die Instrumente zu dirigieren ist nicht schlecht, denn die Komponenten müssen ja aufeinander abgestimmt werden.“ Eine Flasche zu produzieren nimmt vier Monate in Anspruch. Aber wie sagt man so schön, „gut Ding will Weile haben“.

alexander-stein_monkey-47_by-saeed-kakavand-3832Von der floralen Note, der spritzigen Frische und dem pfeffrigen Hauch deines Gins sind wir schon lange Fans, lieber Alexander! Doch deine mitreißende Art und deine Leidenschaft für dein tägliches Schaffen ist das i-Tüpfelchen an der ganzen Story.

Zum virtuellen Zuhause von Monkey 47

Monkey 47 @ Facebook

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NAME … Alexander Stein – ALTER … 44

HERKUNFT … Stuttgart

WAS ICH SO MACHE … Gin

MEIN LIEBLINGSORT IN STUTTGART IST … überall

GLÜCKLICH MACHEN KANN MAN MICH MIT … Linsen und Spätzle

MEIN PERFEKTES WOCHENENDE VERBRINGE ICH MIT … Meiner Familie

ICH KANN NICHT OHNE … Projekte jeglicher Art

DAS SOLLTE MAN GESEHEN HABEN … Galapagos Inseln

DAS MACHE ICH, WENN KEINER ZUSCHAUT … Schaut wirklich keiner zu?

ICH WÜRDE NIEMALS … Glühwein trinken

ICH LIEBE AN STUTTGART … Das Unangepasste

ICH HASSE AN STUTTGART … Eigentlich nichts

WENN NICHT STUTTGART, DANN … Titiwu mit Urmel & Co.

DAS HABE ICH IMMER IM GEPÄCK … Musik

WENN ICH MORGENS AUFSTEHEN, MACHE ICH DAS IMMER ZUERST … Espresso

SO KRIEGT MAN MICH RUM … Humor

WENN ICH DIE FREIE WAHL HÄTTE, WÜRDE ICH HEUTE ABENDESSEN MIT … Meiner Familie

UND ZWAR WO? … In der Kochenbas

STUTTGART, ICH WOLLTE DIR SCHON IMMER EINMAL SAGEN … Bleib so wie Du bist

Valentina Kress
Author

Fast-Französin und Vollblut-Stuttgarterin, will Journalistin werden, wenn sie groß ist. Weil das so schön abenteuerlich klingt.

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