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In der Serie „0711er der Woche“ stellen wir euch jeden Montag einen Stuttgarter vor, den man unter Umständen kennt – und doch nicht so recht kennt. Leute, die unsere Stadt durch ihr Schaffen auf verschiedenste Art bereichern, aber oftmals doch im Hintergrund bleiben. Menschen wie du und ich, die ihren Teil dazu beitragen, dass Stuttgart das ist, was es ist: unsere Stadt, die Mutterstadt. Nachdem wir mit dem jeweiligen 0711er etwas Zeit verbringen, verewigen sie sich in unserem 0711er Buch.


Christoph Michl ist Geschäftsführer des Vereins IG CSD Stuttgart e.V. Mit seiner Rolle als schwuler Mann in der Gesellschaft hatte er nie ein Problem. Mit der politischen Situation der LSBTTIQ-Community hat er allerdings ein großes Problem. Ein Gespräch über Vorurteile, Politik und dem Wunsch nach der Gleichheit der Gesellschaft.

Ein Text von Niko mit Fotos von Saeed

Chris Michl lebt seit 20 Jahren in Stuttgart. Geboren ist er in Geislingen an der Steige. Dass die Schwaben, einem der vielen Vorurteile nach, intolerant sein sollen, kann er so nicht unterschreiben. „Ich meine, wir haben hier in Stuttgart immerhin den drittgrößten Christopher-Street-Day Deutschlands.“ Sogar vor Hamburg und München, das wolle schon etwas heißen.

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Über seine eigene Sexualität war Chris sich schon ziemlich lange im Klaren. „Ich fand schon als Siebenjähriger eher den besten Freund als die beste Freundin toll“, erzählt er lachend. In der Schule wurde zu der Zeit noch ein traditionelles Familienbild vermittelt, Homosexualität war ein Tabu-Thema. „In meinem Biologieunterricht hieß es: ‚Es gibt Homosexualität und lasst uns jetzt mal über AIDS reden.‘ Da fühlst du dich als Schwuler natürlich gleich so richtig akzeptiert“, sagt Chris trocken, mit einer Spur Verbitterung in der Stimme. Von seinem engeren Umfeld bekam Chris keinen Gegenwind: „Meine Mutter hat mich da auch immer voll unterstützt. Ich war sogar das erste Mal in einer Schwulendisko mit ihr!“

Kannst du dir nicht noch irgendeine Transe in den Arm nehmen, damit das mehr nach CSD aussieht?

Die vorurteilsbehafteten Debatten um Geschlechterrollen, so nach dem Motto “Wer ist die Frau in der Beziehung?” kennt Chris natürlich gut. Beim CSD ist er als Geschäftsführer viel mit der Presse in Kontakt. „Ich hab’ mir anfangs immer einen Spaß daraus gemacht. Ich hab’ mich im Restaurant in eine Ecke gesetzt und den Journalist beobachtet, als er in das Lokal kam. Interessanterweise hielten die dann immer nach besonderes auffälligen, feminin wirkenden Männern Ausschau. Als ich mich dann zu erkennen gegeben habe waren alle immer ganz erstaunt, dass ich eben nicht mit der Federboa und den hochhackigen Pumps durch die Gegend laufe.“ In den ersten Jahren machte Chris damit lustige aber auch vor allem traurige Erfahrungen. „Für ein Foto hieß es auch mal: Kannst du dir nicht noch irgendeine Transe in den Arm nehmen, damit das mehr nach CSD aussieht?“

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Zum CSD Stuttgart verschlug es Chris im Jahr 2000. Nach einer gescheiterten Beziehung suchte er nach einer neuen Beschäftigung, wie er sagt. Er entschied sich für ein Engagement beim CSD. Bereits nach einem Jahr kam der damalige Vorstand auf ihn zu und fragte, ob Chris nicht mehr Verantwortung übernehmen wolle. Schon nach zwei Jahren saß er selbst im Vorstand. Das heißt natürlich auch, dass man abends mal länger im Büro sitzt. Seinen Alltag stemmt er  trotzdem locker: „Gott sei Dank habe ich seit acht Jahren einen Lebenspartner, der mich da voll unterstützt.“

Chris war schon vor seinem politischen Engagement in der LSBTTIQ-Szene als DJ aktiv. Bald reichte ihm Party allein nicht mehr. „Ich kam ziemlich unvoreingenommen zum CSD, ohne große politische Ambitionen. Aber je mehr man sich mit der Thematik beschäftigt, desto mehr merkt man, dass es doch immer noch große Probleme gibt.“ Als Chris 2001 beim CSD anfing, gab es noch kein Antidiskriminierungsgesetz für Homosexualität. Grade frisch aus diesem Jahr stammt das  Lebenspartnerschaftsgesetz für homosexuelle Paare. Umgangssprachlich auch „Homo-Ehe“ genannt, ermöglichte das Gesetz Schwulen und Lesben erstmals eine rechtlich anerkannte Verbindung eingehen zu können. Von einer Heirat ist das aber noch weit entfernt, meint Chris.

„Wenn Menschen nicht auf dem Standesamt verpartnert werden, sondern auf der KFZ-Zulassungstelle, dann läuft doch immer noch ‘was falsch. Ich war in Esslingen auf dem Landratsamt auf einer Verpartnerung. Die zwei wurden in einem Besprechungsraum der Beamten verpartnert und es hieß noch: ‚Verlassen sie den Raum nachher auch bitte so, wie sie ihn vorgefunden haben.‘ Ich glaube nicht, dass das irgendjemand zu einer Braut im Brautkleid sagen würde.“ Diese Situation war für Chris ein Aha-Erlebnis, dass “die Dinge vielleicht doch noch nicht so viel besser geworden sind, als ich sie als junger Schwuler wahrgenommen habe.“

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Auch zur Debatte um die Frühsexualisierung hat Chris natürlich genug zu sagen. Der neue Bildungsplan im Jahr 2015 packte unter anderem das Thema Homosexualität in den Biologieunterricht der fünften Klassen in Baden-Württemberg. Die damals grün-rote Landesregierung bekam dafür viel Gegenwind. Von den konservativen Kräften im Parlament hieß es,  man würde die Kinder zur Homosexualität erziehen. Obwohl diese Angst, um mal kurz persönlich zu werden, von einer monumentalen Dummheit zeugt, bleibt Chris auch hierbei ganz ruhig: „Wenn ich zu einem Kleinkind sage: Schau mal, der Daniel hat zwei Väter, dann sagt das Kind: ,Ok, ja und?’ Wenn die Kinder von Anfang an vermittelt bekommen, dass es sowas auch auf der Welt gibt, werden sie nie ein Problem damit haben.“ Und das ist doch wohl besser als das, was in Chris’ Biologieunterricht vermittelt wurde, oder?

In meinem Unterricht spielte das Thema Sexualität bis auf den Zusammenhang mit AIDS keine Rolle. Mir wurde tagtäglich die traditionelle Hetero-Familie vorgespielt. Und trotzdem bin ich schon immer schwul.

Für die schwul-lesbische Bewegung ist die gleichgeschlechtliche Ehe das nächste große Steckenpferd. Das heißt, dass die Heirat zweier Männer oder zweier Frauen, die einer Hetero-Ehe auf allen Ebenen gleichgestellt ist. Entgegen dem Wahlverprechen der SPD tat sich unter diesem Aspekt allerdings auch in dieser Legislaturperiode in der großen Koalition mit der CDU/CSU nichts. Die Debatte um die gleichgeschlechtliche Ehe wurde im Bundestag in den letzten vier Jahren sage und schreibe 47 Mal verschoben.

Konfrontiert mit diesen Fakten wird der sonst so ruhige und besonnene Chris auch mal lauter: „Das Thema ist ein Stellvertreterkrieg. Wenn wir einzeln die Abgeordneten befragen würden, hätten wir vielleicht zehn Prozent, die strikt dagegen sind. Dann kommen aber solche Dinge wie Parteizugehörigkeit und Koalitionszwang dazu. Und das kotzt mich enorm an.“

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Dabei sieht er die Schuld nicht nur an den konservativen Kräften im Bundestag. „Die Koalitionspartner der CDU sind genau so Schuld. Jeweils vor der Koalition stellten sich SPD und FDP als große Homo-Wegbereiter hin und als sie dann an der Macht waren, zogen sie den Schwanz ein. Und wenn ich eine dieser Parteien wähle, um etwas für mich als schwulen Mann zu tun, dann komm‘ ich mir richtig verarscht vor.“

Wenn Menschen nicht auf dem Standesamt verpartnert werden sondern auf der KFZ-Zulassungstelle, dann läuft doch immer noch was falsch.

Gegenwind bekommt der Aktivist aber auch aus den eigenen Reihen: „Es gibt einige in unseren Reihen, die die CDU zum Beispiel von unserer Parade streichen wollen. Bei uns demonstriert aber nicht direkt die CDU mit sondern die LSU (Lesben und Schwule in der Union). Wenn wir jemand auschließen, verschlimmern wir das Problem. Wir müssen mit denen, die uns nicht aktzeptieren so lange im Dialog bleiben, bis sie es tun. Auch wenn das ermüdend sein kann. Aber müde bin ich noch lange nicht.“

Chris wir hoffen, dass du weiterhin nicht müde wirst! Bewahr dir deine Geduld und deine Weitsicht und kämpfe weiterhin für deine Überzeugung.

NAME … Christoph Michl – ALTER … 39

HERKUNFT … Geislingen an der Steige – STADTTEIL Mitte

WAS ICH SO MACHE … Geschäftsführer der IG CSD Stuttgart e.V., dem Trägerverein des Christopher Street Day (CSD) in der Landeshauptstadt

MEIN LIEBLINGSORT IN STUTTGART IST … 

GLÜCKLICH MACHEN KANN MAN MICH MIT… Allem was aus Schokolade ist.

MEIN PERFEKTES WOCHENENDE VERBRINGE ICH MIT … Meinem Mann im Urlaub in einem Straßencafé beim Menschen beobachten.

ICH KANN NICHT OHNE … Smartphone. Ja, ich weiß, ich bin süchtig und sollte in Therapie.

DAS SOLLTE MAN GESEHEN HABEN … Natürlich den CSD in Stuttgart – aber nicht nur große Polit-Parade, sondern auch das Straßenfest und die vielen kleinen Veranstaltungen während der Kulturtage.

DAS MACHE ICH, WENN KEINER ZUSCHAUT … 

ICH WÜRDE NIEMALS … nie sagen.

ICH LIEBE AN STUTTGART … Die wunderbare Kessellage und die vielfältigen Menschen.

ICH HASSE AN STUTTGART … Dass es sich oftmals deutlich unter Wert verkauft.

WENN NICHT STUTTGART, DANN … Hamburg oder London oder Lissabon oder oder oder

DAS HABE ICH IMMER IM GEPÄCK … Das Lexikon der kleinen Unterschiede.

WENN ICH MORGENS AUFSTEHEN, MACHE ICH DAS IMMER ZUERST … Die Kaffeemaschine an.

SO KRIEGT MAN MICH RUM … Der, der das wissen muss, weiß welche Knöpfe er zu drücken hat.

WENN ICH DIE FREIE WAHL HÄTTE, WÜRDE ICH HEUTE ABENDESSEN MIT … Angela Merkel, um mit ihr über ihre schlechten Bauchgefühle in Sachen Eheöffnung und Adoption zu sprechen.

UND ZWAR WO? … Im Schweinemuseum, denn herzhaftes Essen ist Pflicht bei herzhaften Gesprächen.

STUTTGART, ICH WOLLTE DIR SCHON IMMER EINMAL SAGEN … Du bist klasse, wie du bist. Lass dir niemals etwas Anderes einreden.

Niko Kappel
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