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In der Serie „0711er der Woche“ stellen wir euch jeden Montag einen Stuttgarter vor, den man unter Umständen kennt – und doch nicht so recht kennt. Leute, die unsere Stadt durch ihr Schaffen auf verschiedenste Art bereichern, aber oftmals doch im Hintergrund bleiben. Menschen wie du und ich, die ihren Teil dazu beitragen, dass Stuttgart das ist, was es ist: unsere Stadt, die Mutterstadt. Nachdem wir mit dem jeweiligen 0711er der Woche etwas Zeit verbringen, verewigen sie sich in unserem 0711er Buch.


Er ist ein “Brudi” wie er im Buche steht, ein Wortwitz-Wahnsinniger wie man ihn selten erlebt, ein “0711er” wie es ihn jede Woche gibt – nicht: DJ Emilio macht sich seine Welt wie sie ihm gefällt. Das Studieren war nicht sein Ding, dafür aber die Musiklandschaft und der Job im Plattenladen “Sound Shop”. Als Teil der Krähen gab’s MC-mäßig was auf die Ohren, als Teil der Kolchose-Posse füllte er Hallen. Neulich vor dem Tatti plauderten wir bei Windstärke 20 über “Vom Winde verweht”, ne, natürlich nicht. Sondern vielmehr über Stuttgart-West, die goldenen Zeiten des Hip-Hops und die Zukunftsvisionen eines Vinyl-Visionärs.

Interview von Tanne  –  Fotos von Saeed


Ja, der Emil hat mächtig was vor, aber auch schon mächtig was erlebt. Wo fängt man da an zu fragen, wie findet man da den passenden Einstieg? Wie wär’s mit der kleinen SOUL-Kneipe, die bald wieder ansteht?! Am 15. Mai steigt das gediegene, wie es der DJ selbst formuliert, Familien- und Haustier-Event in der Südlage am Erwin-Schöttle-Platz – von extrem jung bis extrem alt sei jeder willkommen. Die souligen Beats werden natürlich vom Brudi himself, Emil (ohne seine Detektive, dafür aber mit Kollegen) frisch auf polierten Plattentellern serviert, die Vorfreude darauf ist groß, auch wenn am Abend davor die britisch-kroatische Brudischaft (BKB), DJ Emilio und Karl Francis Bushell, im KellerKlub Vollgas gibt und das bekanntlich kein schnelles Ende nimmt. Egal, der Stuttgarter nimmt’s gelassen, genau wie alles andere in seinem Leben eben auch.

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Bevor wir uns weiter übers Auflegen unterhalten, sneakt #nachbarforlife Martin Elbert a.k.a. Ram vorbei, plaudert und highfivet ‘ne Runde, auch wenn einen jetzt Stadtteile trennen – Emilio ist vor geraumer Zeit vom Stuttgarter Westen nach Obertürkheim gezogen – bleibt man BNF (best Nachbars forever). Weiter im Text.
Anfang der 80er, da war Ü-40-Emil gerade mal zwölf Jahre alt, fing er an Platten zu kaufen und zu sammeln (bitte kurz Luft anhalten: mittlerweile ist die Zahl seiner Vinyl-Exemplare fünfstellig und gekonnt in die Wohnungsdeko integriert – Frau sei Dank) – zunächst eher so 80s-Pop/-Rock, Michael Jackson und Prince, später natürlich viel Hip-Hop, Soul, Funk, Reggae, Dancehall und elektronisches Zeug. “Ich bin musikalisch sehr offen”, sagt der DJ mit den kroatischen (oder laut Autokorrektur: kritischen) Wurzeln. Was bestimmt auch mit seiner Plattenladen-Vergangenheit einhergeht: “Da musste ich mich mit allen Musikrichtungen auseinandersetzten und das wollte ich auch. Es ist eigentlich ganz einfach: Alles, was mir gefällt, kommt auf den Plattenteller. Fertig.”

 

Die ganz großen Musikrevolutionen waren im letzten Jahrtausend. Alles, was jetzt kommt, ist ein Zusammenschluss von alten Sachen kombiniert mit neuen und ich habe zu allen Richtungen einen Bezug – im weitesten Sinne bin ich schon ein stylischer Mixed-Music-DJ.

 

Und wann fing das mit der Auflegerei an? “Das war 1991 im ,Unbekannten Tier’ beim ,Palast der Republik’ – mein erster Spot, wo ich regelmäßig aufgelegt habe.” Danach sei der Climax-Vorgänger red dog dazugekommen, wo Emilio mit Matze Bach und Thomilla den “Hip-Hop-Mittwoch” gestartet habe. Und natürlich soll auch der 0711-Club in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben. Tja, und heute legt er mal hier, mal dort auf – wie er eben lustig und natürlich auch wie der Abend angekündigt ist. Im Bergamo zum Beispiel sei das Gute, dass man da (musikalisch) machen könne, was man wolle, könne sich genremäßig den Vibes im Raum anpassen, was ein DJ laut dem Musikliebhaber immer tun sollte. Denn jeder Abend habe eine andere Dynamik, verlaufe anders und da müsse man als DJ schon ein Feingefühl haben und sensibel auf die jeweilige Situation reagieren können. Trotzdem sollte man nie planlos in den Club gehen. “Ich spiele ja auch immer noch ab und zu Vinyl-Sets und dann packst du halt deine Platten ein und bist gezwungen, damit den Abend zu gestalten und das ist schon eine echte Herausforderung.”

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Und wie ist das Gefühl sich zurück zu erinnern? “Ich merke, dass ich alt werde. Nein, aber das früher waren eben die goldenen Zeiten.” Damals sei noch alles sehr subkulturmäßig gewesen, Hip-Hop schwappte Ende der 80er/Anfang der 90er nach Deutschland und flutete die Clubs. “Da war das alles noch sehr von den Amis geprägt – durch die Kasernen, die es hier überall gab und die GI-Läden, wo ich als Kiddie auch immer hin bin und mir Rap reinzog.”

 

Neue Musik gab’s früher nur in den Clubs oder in den Plattenläden, da kamen die DJs mit dem neuen, heißen Scheiß um die Ecke. Heute halten dir die Kids ihre Smart-Phones unter die Nase und fragen: Kannst du das spielen?

 

Damals seien die DJs die Tastemaker gewesen. “Das war schon eine geile Zeit, weil auch die Musik damals mehr Seele hatte. Ich bin  froh, dass ich da dabei war.” Beim Hip-Hop nach 30 Jahren seinen mittlerweile schon viele komische Vögel im Game. “Aber das ist halt die Entwicklung.”

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Ganz anders: Ende der 90er – die Blütezeit für Hip-Hop in Stuttgart. Das 0711Büro wurde gegründet, die Kolchose fand zusammen. Auch Emilio übte sich damals als einer von “Die Krähen” (1993 bis 1996) im Sprechgesang und war ebenso gern Teil des Kreativ-Kollektivs, das als Zusammelschluss der Aktiven, die Hip-Hop machten, auf die Beine gestellt wurde. “Jeder hat damals so ein paar Lieder gehabt und dann sind wir halt so Posse-mäßig in den Jugendhäusern aufgetreten.” Doch dabei sollte es nicht bleiben. Es folgten Touren, die in Erinnerung blieben. Wie etwa ’97 die Deutschlandtour im Nightliner. Kleinere Hallen wurden bespielt, die Stimmung konnte besser nicht sein. Dann der Höhepunkt und Tourabschluss in Stuttgart, wo das Konzert wegen enormer Nachfrage auf den Killesberg verlegt wurde. “Das war schon echt krass.” Ein weiteres Highlight war laut Emil der San-Francisco-Austausch, der sich durch das Jugendhaus Mitte ergeben hatte. “Den Zusammenschluss aus Rappern, Sprayern, Breakern fand die Stadt gut und wollte das eben auch fördern.” Also ging’s in die Staaten, wo Hip-Hop herkommt. “Dort haben wir nicht nur den Bürgermeister getroffen und in den Clubs gespielt, sondern sind sogar am Independance Day im Hafen aufgetreten und haben auf Deutsch gerappt, richtig krass.” Untergebracht sei man privat bei “so einer Mutti” gewesen und der Sohn, der aus Überzeugung Hippie bzw. Obdachloser war, sei dann für ein paar Tage auch noch mit den Boys abgehangen. Das scheint eine verrückte Zeit gewesen zu sein, diese Kolchose-Zeit. Das muss doch richtig zusammengeschweißt haben?! Sieht man sich denn noch regelmäßig? Emilio: “Beim Kaffeekranz oder Stammtisch? Ne, viele sind nach Berlin gezogen, für mich war das nie ein Thema, nie eine Option, ich bin eben ein Lokalpatriot und hatte hier ja auch meinen Laden bis 2007, habe in Stuttgart Musik gemacht und produziert und meine Kontakte angesammelt.” Er sei eben eine lokale Größe und die Leute hier wüssten halt einfach auch was für ein geiler DJ er sei, erklärt der Witzbold lachend.

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Apropos eigener Plattenladen, wie kam’s eigentlich dazu? “Ich bin damals in jeden Plattenladen der Stadt gegangen und habe Vinyl ohne Ende gesucht – auch bei Oskar im ‘Comic- und Sound-Shop’ in den Kaiserbau-Passagen”, so der noch relativ frisch vermählte “Ehemilio”. Eins kam zum anderen und Emil wurde gefragt, ob er nicht die Bestellungen für den Laden machen wolle. “Das ging ein paar Jahre richtig gut.” Dann ging’s ins Radio-Barth-Gebäude, samt kroatischem Kreativkopf. Denn: “Bei meiner Bau-Ingenieur-Karriere – Alibi-Studium, damit ich meinen Eltern was zeigen kann – wusste ich schon am zweiten Tag: das wird nichts mehr.” Nachdem auch der Traum von der Film-AK mit einer Absage platzte, fing Emil eben an, im Plattenladen zu arbeiten (bis 2000). Dann übernahm Oskar die Stereo-Lounge und Emilio und Hank den Laden bis 2004 (von 2001 bis 2004 in der Gerberstraße). Danach ging es mit dem “Sound Shop” und DJ Hilmatic im Tagblattturm weiter, bis 2007.
Die Eltern hätten herzlich wenig dazu gesagt. “Die wollten halt immer, dass ich studiere und Doktor, Ingenieur usw. werde. Das hat sich irgendwann beruhigt als sie gesehen haben, okay, der Junge hängt nicht unter der Paulinenbrücke ab, ist kein Junkie und kann sein Leben finanzieren.” Außerdem habe Emilio auch einfach die beste Mama der Welt, die immer zu ihrem Sohnemann stehe.

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Und warum wurde aus Emil eigentlich “Emilio”? “Das war Ende der 80er, damals waren der Fußballer Emilio Butragueno und der Tennis-Spieler Emilio Sanchez Vicario ziemlich bekannt, also haben mich meine Jungs so genannt. Und ich dachte mir irgendwann: Emilio klingt so international, so Latin-Lover-mäßig, also habe ich mich auch als DJ so genannt.” Und es gab noch zig andere Spitznamen, einer davon: Croatia Bambaataa, in Anlehnung an Afrika Bambaataa, einer der Pioniere des Hip-Hops, der bereits damals genreübergreifend Rap, Funk und Disco auflegte. “Und das habe ich ja schon gut adaptiert”, findet der Stuttgart-West-Homie. Apropos Stuttgart West. Da ist Emil übrigens groß geworden und drückte mit Kolchose Kumpel Max Herre auf dem Schickhard-Gymi die Schulbank. Wenn seine Eltern mal nicht in Kroatien sind, dann ist Emilio auch gern noch in der alten Hood auf Stippvisite und auch so gibt’s da noch genug andere Ex-Nachbarn-for-Life, die man im Viertel besuchen kann.

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Und wie sind die Zukunftsaussichten so? Ganz rosig, wenn wir das richtig sehen. Seit 2007 legt Emilio eigentlich nur noch auf, sagt er, aber wir wissen, wo er sonst noch so mitmischt. Zum Beispiel beim Lese-Soundsytem mit another Brudi from another Mother und Mentor, Ingmar Volkmann. Zusammen schrieb und las man vor und Musik gab’s natürlich auch noch obendrauf. Angesprochen auf seine Schreibbegabung (man muss sich nur die Posts auf Facebook anschauen und hat sich selten besser unterhalten gefühlt) reagiert der Music-Man bescheiden. Nachdem ihn aber immer mehr Leute für seine Posts gefeiert hätten “glaub’ ich langsam auch dran.” Na, also. Es scheint ihm ja auch leicht zu fallen. “Ich find’s halt geil“, bestätigt der Privat-Poet. „Du bringst einfach nur deine Gedanken auf Papier, mit ein bisschen Fantasie kannst du die Sätze ausschmücken und Sachen lustig, detailliert schildern. Du hast deine Ruhe, niemand quatscht dir dazwischen, das mag ich.“ Zig Text-Edit-Dateien habe Emilio auf dem Rechner, mit Stichworten oder kleinen Geschichten. „Ich muss mich einfach irgendwann mal hinsetzen und machen.“ Was genau? Vielleicht ein Buch schreiben, in Kroatien, am Meer? Bislang sei er einfach immer zu selbstkritisch für Derartiges gewesen. Doch es gibt da eine Vision: “Irgendwas selbst zu machen, steht auf der TO-DO-Liste, irgendwas auf Papier bringen, vielleicht kombiniert mit Musik, aber das ist alles noch visionäre Zukunftsmusik.”

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“Ich wurde relativ schlicht von meinen Eltern erzogen, solange du gesund bist und was zu essen hast, ist alles gut und so bin ich tendenziell auch drauf. Mal sehen was dieses Jahr noch so mit sich bringt.” Aber einen Job zu machen, zu dem man keine persönliche Bindung habe, den man nur mache, um zu überleben – “wie schlimm ist das denn? Da verwelkst du doch und gehst zu Grunde, also ich könnte so nicht leben. Deshalb bin ich dankbar.”

 

Du weißt nie, was das Leben bringt, aber auch wenn’s dann mal zu Ende geht, kann ich sagen: Hey, ich hatte ein gutes, angenehmes, lustiges Leben.

 

Und noch was will der Gute loswerden: “Die Menschheit soll ihr Herz und ihr Hirn benutzen, das wäre mir Recht.” Uns auch, lieber Emil a.k.a. Latin-Lover Emilio. Danke, dass du uns an die goldenen Zeiten des Hip-Hops zurückerinnert hast und uns zeigst, dass man alles, was man will, aus seinem Leben machen kann. Ab sofort: Brudis for Life.

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NAME: DJ Emilio – ALTER: Ü40

HERKUNFT: in Stuttgart geborener ex-jugoslawischer Kroate (im Fachjargon Schwugo (schwäbisch + jugo))  

STADTTEIL: ganz viel West, etwas Süd und aktuell Obertürkheim

WAS ICH SO MACH’ … verschiedenste Musik mixen und auflegen, alles, was mit Musik zu tun hat: Plattenladen, Radiosendung, Musikproduktion, Veranstaltungen

MEIN LIEBLINGSORT IN STUTTGART IST … mein Bett

GLÜCKLICH MACHEN KANN MAN MICH MIT … Ehrlichkeit

MEIN PERFEKTES WOCHENENDE VERBRINGE ICH MIT … entweder guterzogenen Menschen mit gutem Musikgeschmack in Clubs (ganzjährig), mit Frau auf der Couch (Winter) oder mit Freunden bei uns im Garten (Sommer)

ICH KANN NICHT OHNE … Musik

DAS SOLLTE MAN GESEHEN HABEN … VfB Meisterschaftsfeier

DAS MACHE ICH, WENN KEINER ZUSCHAUT … singen und Selbstbefriedigung

ICH WÜRDE NIEMALS … mich öffentlich selbst befriedigen

ICH LIEBE AN STUTTGART … den VfB, die Kessellage und die grünen Flächen und Flecken in der Stadt

ICH HASSE AN STUTTGART … die Kessellage, die Baupolitik, Stadtplanung und den Verkehr

WENN NICHT STUTTGART, DANN … irgendwo am Meer

DAS HABE ICH IMMER IM GEPÄCK … Zahnbürste und Musik

WENN ICH MORGENS AUFSTEHE, MACH’ ICH DAS IMMER ZUERST … Musik & Kaffee

SO KRIEGT MAN MICH RUM … mit Rum Cola

WENN ICH DIE FREIE WAHL HÄTTE, WÜRDE ICH HEUTE ABENDESSEN MIT … meiner Frau

UND ZWAR (WO?) … bei meiner Mama

STUTTGART, ICH WOLLTE DIR SCHON IMMER EINMAL SAGEN: Du könntest noch besser sein, hättest du ein paar Dinge anders gemacht!

Tanne
Author

Word-Rebel, Sneaker-Addict, HipHop-Lover – Geboren in Skopje (Mazedonien) – Aufgewachsen in Stuttgart – Studiert an der Uni Passau – Gearbeitet in München bei den Magazinen Cosmopolitan/Joy/Shape – Volontariat bei der Cannstatter Zeitung – Freie Journalistin/Redakteurin beim Stadtkind Stuttgart (Stuttgarter Zeitung) + Textlieferant für viele kreative Projekte

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