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In der Serie „0711er der Woche“ stellen wir euch jeden Montag einen Stuttgarter vor, den man unter Umständen kennt – und doch nicht so recht kennt. Leute, die unsere Stadt durch ihr Schaffen auf verschiedenste Art bereichern, aber oftmals doch im Hintergrund bleiben. Menschen wie du und ich, die ihren Teil dazu beitragen, dass Stuttgart das ist, was es ist: Unsere Stadt, die Mutterstadt. Nachdem wir mit dem jeweiligen 0711er etwas Zeit verbringen, verewigen sie sich in unserem 0711er Buch.


Wo soll man bei Elmar Jäger anfangen. Unserer 0711er der Woche hat eine Biographie vorzuweisen, die verrückter kaum sein könnte. Grafiker für die komplette Hip-Hop-Szene der Mutterstadt, Dancehall-Weltmeister in Brooklyn und Burlesque Veranstalter und Tour-Manager. Doch erst einmal schön der Reihe nach.

Ein Text von Niko mit Fotos von Jaydee

Elmar Jäger ist Ur-Stuttgarter. Also so richtig. Born and raised in 0711 ist er jemand, der die Musikgeschichte der Stadt in den 90ern mitgeprägt hat. Aber eben eher im Hintergrund. Er ist jemand, von dem einige vielleicht noch nicht gehört haben. Aber gesehen hat man von Elmar auf jeden Fall etwas. 1992 nämlich fragten ihn ein gewisser „Schowi“ und ein gewisser „Strachi”, ob er nicht vielleicht einen Flyer für eine Hip-Hop-Jam im Feuerwehrhaus Möhringen gestalten wolle.

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Elmar war zu dieser Zeit, Anfang der 90er, selbst Sprayer und viel in der Writer-Szene in Stuttgart unterwegs. Über Graffiti lernte er Kevla aka. DefKev kennen. Der war ein Kumpel von Jean-Christoph „Schowi“ Ritter und Johannes „Strachi“ Strachwitz. „So kam damals die erste Connection zur Kolchose“, lächelt Elmar. Zu dieser Zeit studierte er Kommunikationsdesign. Von Anfang an war Elmar die „Grafikabteilung“ der Stuttgarter Hip-Hop-Szene. Neben den Flyern für die Jams gestalteten DevKev und er die ersten Grafiken für den legendären 0711club am Pragsattel. Zusammen gründeten die Jungs die Grafikagentur Schlachterei Eckardt.

„Wir arbeiteten Tür an Tür mit dem alten 0711büro, am Rotebühlplatz im Radio Barth Gebäude“, erzählt Elmar. „Die Jungs sind teilweise einfach über den Flur gekommen und haben an meiner Tür geklopft, wenn sie Plakate, einen Flyer oder sogar ein Albumcover gebraucht haben.“ Angefangen mit den Flyern für den 0711club, über das erste Kopfnicker-Logo, bis hin zum Bühnen-Back-Drop der MT3-Tour – Elmar und Kevla gestalteten alles, was mit Hip-Hop in 0711 zu tun hatte: „Das war oft richtiges Co-Working. Wir haben zum Beispiel die Plattencover der Massiven designt, und dann zusammen mit Schowi, Ju, Wasi und Alex an einem Tisch so lang dran rumgearbeitet, bis es für uns perfekt war.“

Bald war die Schlachterei Eckardt auch über den Kessel hinaus bekannt. Elmar arbeitete unter anderem für Warner, Downbeat, Universal und so weiter. Noch heute ist er hauptberuflich Grafiker. Seit 13 Jahren gestaltet er zum Beispiel das Design für das Summerjam Festival in Köln. Trotz nationaler Bekanntheit zog Elmar nie nach Berlin. Schon immer wohnt er im Kessel: Zuerst im Westen, dann am Friedensplatz im Osten und seit drei Jahren in Kaltental. Er erinnert sich gern an die Zeit mit der Kolchose zurück: „Bei der ersten Tour war ich mit meinen Writer-Kumpels von Anfang an dabei, Kevla zum Beispiel als Merchandiser. War auf jeden Fall ne geile Zeit.“ Das glauben wir sofort!

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Aus dem 0711Büro im Radio Barth Gebäude: Dirk Schumaier (Firma Bonn), Def Kev, Wasi, Eldin, Schowi, Elmar (1998)

Trotzdem sagt Elmar: „Ganz ehrlich: Ich war nie so ein richtiger Hip-Hop Fan. Von der Prägung komm ich eigentlich eher vom Punk und vom Metal. Beim Hip-Hop hat mich deshalb die Dynamik auf der Bühne immer brutal fasziniert“. Diese Dynamik ist auch das, was Elmar zu seiner Leidenschaft brachte. „Ich hab schon immer viel Drum’n’Bass gehört. Dienstags im großen Bär hat Mitte der 90er immer die Feeva Crew mit DJ Tease, Weedspirit, Yen-Cee und Mo’Unique aufgelegt. Das hat mich musikalisch sehr, sehr geprägt.“

Fasziniert, von den Vocals der Jungle-Sounds, reiste Elmar 1995 zum ersten Mal nach Jamaika, um den Ursprung dieser Musik zu entdecken: Dancehall. „Von da an war ich infiziert“, lacht er. Zurück in Stuttgart ließ der Dancehall unseren 0711er der Woche nicht mehr los. Von Anfang an ging es dabei um mehr als nur Musik: „Das war ein Mysterium, dass man sich mit Zeit, Geld und Hingabe erstmal erschließen musste.“ Dancehall fand in Deutschland quasi kaum statt. Auch Platten gab es in Stuttgart nicht zu kaufen. „Wir haben in Hamburg beim Selecta-Shop angerufen, die Platten über Telefon Probe gehört und dann per Post bestellt.“ Das kann sich die Generation Facebook kaum vorstellen, oder Kinder?0711er_elmar-1600761

Um den Sound richtig zu ergründen, reiste Elmar mit Freunden immer wieder auf die Karibik-Insel: „Mein erstes Stone-Love Tape (ein berühmtes Soundsystem auf Jamaika) hab’ ich 1994 in Kingston einem Taxifahrer abgekauft“, erinnert sich Elmar. „Das hab ich gehört, bis es kaputt war.“ Über solche Tapes hat sich Elmar auch Patois, das jamaikanische Englisch, beigebracht. Immer mehr angekommen in der Welt von Dancehall gründete er 1998 mit Nadia Henschel das Soundsystem Sentinel Sound.

„Es gab davor schon zaghafte Anfänge in Stuttgart, was die Soundsytem-Kultur anging, z.B. Supa Nova oder Dirk von Firma Bonn legten Reggae & Dancehall auf. Mit denen waren wir befreundet und die haben uns dazu inspiriert, selbst eins zu gründen.“ Später kam dann mit Blessed Love Records ein Plattenladen nach Stuttgart, der Dancehall im Angebot hatte. Das Soundsystem-Movement bildete sich so langsam in Deutschland – und Elmar war mit Sentinel mitten drin.

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Foto: Julian Schmidt

15 Jahre lang tingelte er mit Sentinel durch die Welt. „Wir hatten Monate, in denen wir öfters in Italien gespielt haben als in Deutschland“, erinnert sich Elmar. Gigs in Jamaika und Japan führten sie 2005 sogar zur Soundsystem Weltmeisterschaft in Brooklyn. Ja, es gibt eine Soundsystem-Weltmeisterschaft! Die Sounds treten bei einem Clash gegeneinander an, wer mehr Stimmung macht, gewinnt. 2005 waren außer den Stuttgartern noch Sounds aus Japan, Kanada, England und natürlich aus Jamaika dabei.

Elmar und Sentinel gewannen in diesem Jahr als erstes weißes Soundsystem den Titel. „Das war schon der ultimative Ritterschlag“, sagt Elmar heute. „Das war ein totales Cross-Culture Ding. Wir kamen als Touristen und deutsche Weißbrote dahin. Und haben das Ding mit guter Vorbereitung dann tatsächlich gewonnen.“ Aber die Jamaikaner waren nicht sauer, im Gegenteil: „Die haben das gefeiert. Für die Jamaikaner war das krass, dass wir am anderen Ende der Welt ihre Kultur so zelebriert und verstanden haben.“

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Early Sentinel Days: mit Nadia an den Turntables (1999)

Nach 15 Jahren Dancehall-Welttourwar für Elmar Schluss. „Dadurch, dass du so 100% dedicated sein musst wenn du dieses Level halten willst, sind mir mittlerweile andere Dinge wichtiger geworden.“ Er hat das Mic weitergegeben und ist sehr glücklich damit. „Die Vibes einer Musik erreichen dich entweder voll oder sie tun es halt eben nicht. Und irgendwann war das bei mir eben nicht mehr ganz so.“ Trotzdem ist Elmar dancehall-technisch immer noch aktiv. 14 Jahre lang organisierte er die „Kingston Hot“-Partyreihe in der Mutterstadt. Mit „Sentinel’s Dancehallspot“ hat er jetzt zusammen mit der neuen Generation von Sentinel einen Nachfolger ins Leben gerufen.

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Mit der neuen Dancehall-Musik, die immer so „amimäßig produziert“ ist, kann er nicht mehr so viel anfangen. Trotzdem: „Ich will gar nicht derjenige sein, der jetzt rummosert: Dancehall ist scheiße geworden. Die Musik entwickelt sich einfach, und das ist auch gut so.“

Stillstand ist nichts für mich.

Also war es wieder Zeit für was Neues: Durch seine Frau, die Tänzerin Fanny di Favola, fand Elmar zum Burlesque. Als DJ legt er jetzt Rock n Roll, Swing und 60ies auf. Er begleitet seine Herzensdame auf Tour und versucht Burlesque nach Stuttgart zu bringen. Und das mit Erfolg: Ein monatliches Event in der Corso-Bar und seit letztem Jahr sogar ein eigenes Festival. Vier Wochen vor Beginn waren die Karten ausverkauft. 2017 geht es in die zweite Runde.

„Irgendwie ist das alles mal wieder aus der Leidenschaft zur Musik entstanden“, sagt Elmar. Und irgendwie haben wir das Gefühl, dass es auch damit zusammenhängt, dass es sowas davor in Stuttgart nicht gab. Elmar grinst: „Ja doch, es reizt mich schon, immer neue Sachen auszuprobieren. Es ist immer schön, wenn man seine Leidenschaft und seine Ideen auch umsetzen kann.“

Elmar, bewahr dir deine Offenheit und deinen Ideenreichtum. Wir hoffen, dass du die Mutterstadt auch in Zukunft noch mit vielseitigen und spannenden Projekten bereicherst!

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NAME … Elmar Jäger – ALTER … 41

HERKUNFT … geboren in Stuttgart, aufgewachsen in Ludwigsburg – STADTTEIL … West, Mitte, jetzt Kaltental

 

WAS ICH SO MACHE … Grafik / Musik auflegen / Rumspinnen, Dinge aushecken und stattfinden lassen

MEIN LIEBLINGSORT IN STUTTGART IST … Zuhause in Kaltental / Monte Scherbelino

GLÜCKLICH MACHEN KANN MAN MICH MIT … Dem Gefühl aus eine Reise aufzubrechen und von einer Reise heimzukehren

MEIN PERFEKTES WOCHENENDE VERBRINGE ICH MIT … Fanny auf Burlesque Tour begleiten, einem Sentinel Dance und Sonntags mit der Family zuhause

ICH KANN NICHT OHNE … Menschen zu begeistern

DAS SOLLTE MAN GESEHEN HABEN … die Forwards auf einem echten Street Dance auf Jamaika

DAS HÖRE ICH, WENN KEINER ZUHÖRT … grottig schlecht produzierten Black Metal im Auto

ICH WÜRDE NIEMALS … eine Dame in Verlegenheit bringen

ICH LIEBE AN STUTTGART … dass Stuttgarter sich selbst nicht so wichtig nehmen wie ihre Projekte

ICH HASSE AN STUTTGART … Hass ist ein Gefühl, welches man sich in eigenem Interesse abtrainieren sollte…

WENN NICHT STUTTGART, DANN … Zürich, Oslo, Yokohama

DAS HABE ICH IMMER IM GEPÄCK … einen guten Fantasy-Roman

WENN ICH MORGENS AUFSTEHE, MACHE ICH DAS IMMER ZUERST … duschen und Kaffee, um das “System hochzufahren”

SO KRIEGT MAN MICH RUM … mit einem echten Lächeln

WENN ICH DIE FREIE WAHL HÄTTE, WÜRDE ICH HEUTE ABENDESSEN MIT … Mille von Kreator

UND ZWAR WO? … bei ihm daheim oder bei mir, egal…

STUTTGART, ICH WOLLTE DIR SCHON IMMER EINMAL SAGEN … Love you bad.

 

Niko Kappel
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