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In der Serie „0711er der Woche“ stellen wir euch jeden Montag einen Stuttgarter vor, den man unter Umständen kennt – und doch nicht so recht kennt. Leute, die unsere Stadt durch ihr Schaffen auf verschiedenste Art bereichern, aber oftmals doch im Hintergrund bleiben. Menschen wie du und ich, die ihren Teil dazu beitragen, dass Stuttgart das ist, was es ist: unsere Stadt, die Mutterstadt. Nachdem wir mit dem jeweiligen 0711er etwas Zeit verbringen, verewigen sie sich in unserem 0711er Buch.


Florentine Pilvi Moehrle ist Fotografin durch und durch. Wer die Wahlstuttgarterin nicht nur aus der Welt der sozialen Medien kennt, sondern bereits das Vergnügen hatte, ihr in natura über den Weg zu laufen, weiß: die 32-Jährige geht nie ohne ihre Sony Alpha 7 aus dem Haus. Und das ist auch gut so. Denn ihre Bilder fallen aus dem Rahmen, sind ein Gegenpol zu den sonst nach Perfektion strebenden Instagram-‚Schnappschüssen‘ und ziehen mittlerweile über Zehntausende von Menschen in ihren Bann. Wir trafen ‚die Frau mit der Kamera‘ auf einen Minztee im Café Babel.

Ein Text von Alessandra mit Fotos von Saeed

Rosafarbener Rauch inmitten von unberührter Natur. Verlassene Strände, deren unendliche Weiten – Collage sei Dank – plötzlich durch steile Felsen durchbrochen werden. Unsere 0711erin versteht es mit Kontrasten zu spielen. Regeln zu brechen. Dinge auf den Kopf zu stellen und sie trotz allem ins rechte Licht zu rücken. Ihre Bilder sind nostalgisch und futuristisch zugleich. Ihr Instagram-Feed entführt den Betrachter in eine Welt, die in etwa den Charme eines Wes Anderson Films versprüht. Dabei kam der Wunsch Fotografin zu werden eher schleichend.

florentine-pilvi-moerle_0711er_by-saeed-kakavand-1020357Zurück auf Anfang: Geboren und aufgewachsen in Radolfzell am schönen Bodensee, wechselt Florentine ihre Schulen wie andere ihre Schlüpfer. „Von der Waldorfschule bis zum Internat war alles mit dabei“, verrät die 32-Jährige. Woran das lag? Wahrscheinlich an ihrer rebellischen Art, wie sie gesteht. Als Sprössling eines erfolgreichen Künstlers und Grafikers verbringt sie schon als Kind mehr Zeit in Museen als auf dem Spielplatz und entdeckt so schon früh ihre Liebe zur Kunst.

Ich war als Kind ständig mit meinem Vater im Atelier und habe mehr oder weniger mitgearbeitet.

Als Florentine 17 Jahre alt ist erbt sie die Agentur ihres Vaters, die sie von nun an über Wasser halten muss. Sie macht eine Ausbildung zur Grafikerin und wird im Zeitraffer eingelernt. „Irgendwann wurde mir das alles zu viel“, erinnert sich Florentine und fährt fort: „Also bin ich nach Stuttgart gegangen und habe eine Ausbildung in der Modeschule Kehrer gemacht“. Zunächst ohne eine große Leidenschaft für Mode zu hegen, wie sie verrät. Was man ihr heute (und um das zu erkennen, muss man kein Modeexperte sein) nicht so recht glauben will.

Maßanfertigung statt Massenware

Drei Jahre später zieht es Florentine für ein Praktikum bei ‚Unrath und Strano’ vom Neckar an die Spree. Adieu Schulbank – Bonjour Haute Couture. Als technische Zeichnerin und Designerin schläft die damals 20-Jährige sozusagen unter dem Schneidertisch und organisiert nahezu im Alleingang eine komplette Modenschau auf der Fashion Week. Chapeau, können wir da nur sagen. Nach eineinhalb Jahren Berlin geht es dann wieder zurück in den Kessel.

Die Zeit war hart und ich habe die Arbeit jeden Tag verflucht, aber ich habe extrem viel gelernt.

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In den folgenden Jahren widmet sich Florentine gemeinsam mit Dami einem Conceptstore namens „Flashgib“. Ein Laden in der Lautenberger Straße, dessen Konzept Pilvi auf den ersten Blick überzeugt: „Ich fand das total cool, weil es das so in Stuttgart nicht gab. Der Laden war Boutique und Galerie in einem. Einmal im Monat haben wir den Raum komplett leergeräumt und eine große Ausstellung mit internationalen Künstlern gemacht.“

Als der Store schließt, bewirbt sich Florentine für eine Stelle im Vertrieb bei einem dänischen Modelabel namens „Solid“. Neben ihrer Arbeit im Showroom reist sie oft nach Dänemark und Hamburg, lässt sich dort inspirieren und lernt viele tolle Menschen kennen, die ihr alle sehr ans Herz wachsen. Ganze fünf Jahre bringt Florentine ihre Kollektionen an den Mann – oder die Frau. Bis der kreative Kopf schließlich schweren Herzens beschließt, alle Zelte abzubrechen, um nach München zu ziehen.

Eine Entscheidung, die sich schnell als Reinfall entpuppt. Mit den neuen Kollegen ist nämlich nicht gut Kirschen essen. Begrüßt wird sie mit den Worten: „So Frau Moehrle, jetzt setzen Sie sich erstmal hin und googeln das Wort ‚Demut’, das werden Sie hier nämlich noch öfter brauchen.“ Nicht mit mir, denkt sich Florentine und ist schneller wieder weg, als unsereiner ‚Saftladen’ sagen kann.

Und so geht es erneut zurück in Pilvis zweite Heimat und Max’ erste Liebe, wo sie zunächst Michaela Korte im ‚Mädchenflohmarkt‘ aushilft, der die FLUXUS – Temporary Concept Mall als einer der ersten Läden zum Leben erweckt. Bis September 2016 kümmert sich die 32-Jährige sogar um das komplette Projektmanagement des FLUXUS. Heißt im Klartext: „Ich habe die Läden ausgesucht, Events organisiert, die sozialen Medien wie Instagram betreut und das Passagendach mit viel Leidenschaft und Liebe dekoriert.“ Wir erinnern uns an das schwebende Meer aus Blumen, das den Sommer über das Dach schmückte und wissen nun, wem wir das Ganze zu verdanken haben.

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Alles eine Frage der Perspektive

Alles schön und gut. Aber was hat all das nun mit Fotografie am Hut? Die begleitet Pilvi (was auf Finnisch im Übrigen „Wolke“ heißt) mehr oder weniger schon ihr ganzes Leben. Schon früh füllt Florentine die Filme ihrer analogen Spiegelreflexkamera, kommt jedoch nie auf den Gedanken, das Hobby später einmal zum Beruf zu machen. „Ich bin auch nie ausgebildet worden – alles, was ich kann, habe ich mir selbst beigebracht“, so die 32-Jährige.

Florentines Freunde hingegen erkennen sofort, dass das, was sie da macht, Potenzial hat. „Mir wurde immer wieder gesagt: ‚Hey, du hast einen guten Blick auf die Dinge, das hätte ich so gar nie gesehen, wie du es festgehalten hast‘ und dann hab‘ ich gedacht ‚Echt? Vielleicht sollte ich mich da mal ein bisschen mehr drum kümmern, wenn ich das anscheinend ganz gut mache‘“, erzählt Florentine. Gedacht, getan kauft sie sich ihre erste eigene, digitale Kamera und knipst, was das Zeug hält. Vor allem Landschaften, der Atlantik und steile Küsten haben es der 32-Jährigen angetan.

Fotografieren ist für mich fast wie eine Art Meditation.

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Florentines Fokus bei ihren Arbeiten liegt darauf, den Fokus auch mal getrost über Bord zu werfen und auf diese Weise Bilder zu schaffen, die gerade weil sie einen Makel haben, einzigartig sind. Mit ihren Werken möchte sie weder sich selbst, noch ihr Leben in den Mittelpunkt rücken. Ihr Instagram-Feed bricht mit den sonst so akkurat drapierten, digitalen Lifestyle-Stillleben. Das Interessante an Instagram sei für sie, dass die unbekannten Betrachter eine ganz andere, viel rationalere und auch ehrlichere Kritik üben.

Instagram war ein Selbstläufer. Mir war nie wichtig, ob mir fünf oder hundert Leute folgen.

In Zukunft möchte sich die 32-Jährige wieder stärker der analogen Welt widmen. Aus diesem Grund ist sie derzeit auf der Suche nach einem kleinen Atelier. „Dort könnte ich mich mal richtig, also wirklich auch handwerklich, mit meinen Arbeiten auseinandersetzen – bisher mache ich das alles noch digital mit Photoshop“, berichtet Pilvi.

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Bei diesem Vorhaben drücken wir doch glatt alle Daumen, die wir besitzen und können nur sagen: Liebe Florentine, wir hoffen, dass 2017 viele neue Perspektiven für dich und deine Linse bereithält und freuen uns mehr von dir zu hören und vor allem zu sehen.

Hier geht’s zu Florentines virtuellem Bilderbuch:

NAME … Florentine Pilvi Moehrle – ALTER … 32

HERKUNFT … Radolfzell am Bodensee

STADTTEIL … Mitte

WAS ICH SO MACHE … am liebsten Fotos

MEIN LIEBLINGSORT IN STUTTGART IST … das Bad Berg ab 19:00 h

GLÜCKLICH MACHEN KANN MAN MICH MIT … einem eigenen Atelier

MEIN PERFEKTES WOCHENENDE VERBRINGE ICH MIT … Foxy auf Städtereisen

ICH KANN NICHT OHNE … Lippenstift

DAS SOLLTE MAN GESEHEN HABEN … Island

DAS MACHE ICH, WENN KEINER ZUSCHAUT … Flamingos im Killesbergpark in den Schwitzkasten nehmen

ICH WÜRDE NIEMALS … Flamingos im Killesbergpark in den Schwitzkasten nehmen

ICH LIEBE AN STUTTGART … Didi’s Balkon

ICH HASSE AN STUTTGART … die engstirnige Provinzialität

WENN NICHT STUTTGART, DANN … Kopenhagen

DAS HABE ICH IMMER IM GEPÄCK … meine Kamera

WENN ICH MORGENS AUFSTEHEN, MACHE ICH DAS IMMER ZUERST … meine Bialetti auf den Herd stellen

SO KRIEGT MAN MICH RUM … verrate ich nie

WENN ICH DIE FREIE WAHL HÄTTE, WÜRDE ICH HEUTE ABENDESSEN MIT … Bill Murray

UND ZWAR WO? … Auf dem Millennium Falken

STUTTGART, ICH WOLLTE DIR SCHON IMMER EINMAL SAGEN … Schau doch auch mal über den Kesselrand

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