053a2851In der Serie „0711er der Woche“ stellen wir euch jeden Montag einen Stuttgarter vor, den man unter Umständen kennt – und doch nicht so recht kennt. Leute, die unsere Stadt durch ihr Schaffen auf verschiedenste Art bereichern, aber oftmals doch im Hintergrund bleiben. Menschen wie du und ich, die ihren Teil dazu beitragen, dass Stuttgart das ist, was es ist: unsere Stadt, die Mutterstadt. Nachdem wir mit dem jeweiligen 0711er etwas Zeit verbringen, verewigen sie sich in unserem 0711er Buch.


Aufgewachsen am schönen Bopser bringt Hannes Steim dieser Tage den Kessel mit seinen Projekten zum Brodeln. Ob mit dem Pop-Up-Store „TEMPS“ oder der „FLUXUS – Temporary Concept Mall“ – der 37-Jährige hat ein Händchen für temporäre Ladenkonzepte, mischte aber auch schon bei der ein oder anderen Partyreihe wie dem „YEAH!Club“ oder dem „POPNOTPOP Festival“ mit. Wir haben den Tausendsassa im „LÀ POUR LÀ“ in der Calwer Passage getroffen und nicht schlecht gestaunt, was dieser so aus dem Nähkästchen plauderte.

Ein Text von Alessandra mit Fotos von Saeed

Bildungsschuppen à la Rudolf Steiner sei Dank, wächst Hannes inmitten von Zwergen und Elfen auf, löffelt brav seinen Hirsebrei oder lauscht seinem hochbegabten Freund Florian, wenn dieser ihm auf dem Apfelbaum seines Vertrauens etwas über Schaltpläne und Elektronik erzählt. Im Alter von sechs Jahren geht es dann ohne Umwege vom Walddorf-Kindergarten auf die Waldorfschule, wo er mit der Punk-Band „Plug-In!“ seine Leidenschaft für die Musik entdeckt. Aber dazu später mehr.

053a2651Nach dem Abi zieht es unseren 0711er der Woche für ein Jahr nach Köln. „Ich wollte erstmal weg aus Stuttgart und habe dort meinen Zivildienst gemacht“, berichtet der 37-Jährige. Als individueller Schwerstbehinderten-Betreuer kümmert er sich von nun an um einen Mann, der aufgrund einer genetisch bedingten Krankheit so gut wie keine Muskeln hat. „Das war ziemlich krass! Ich war drei oder vier Tage die Woche rund um die Uhr bei ihm und musste letztendlich alles machen, was er eben nicht konnte“, erzählt Hannes.

Ein cooler Typ, manchmal musste ich ihm auch den ein oder anderen Joint hinhalten.

Nach seinem Zivildienst entscheidet sich der Stuttgarter für Berlin. Das Medizinstudium ruft. „Einfach weil ich dachte, Medizin ist doch gut. Da kann niemand sagen, dass das keinen Sinn macht“, erinnert sich unser 0711er der Woche. Vor seinem Studium muss er allerdings noch ein dreimonatiges Praktikum in der Krankenpflege absolvieren.
053a2780

Zwischen Medizin und Meeresrauschen

Und so verschlägt es den damals 20-Jährigen auf die Karibikinsel Dominica. „Das war ziemlich abenteuerlich, weil ich eigentlich dachte, ich hätte alles abgeklärt. Als ich dann ankam, war aber alles andere als klar, dass ich mein Praktikum dort machen würde“, so Hannes. Letztendlich habe dann aber doch irgendwie alles geklappt und so assistiert Hannes den Ärzten bei OPs, besucht Patienten in der geschlossenen Psychiatrie und erlebt mit, wie Menschen kommen und gehen. Und das alles inmitten von Palmen, Kokosnüssen und Meeresrauschen.

Die Zeit in der Karibik war schon sehr spannend, aber auch krass, weil es da ganz schön hemdsärmelig zuging.

053a2671Trotz der Arbeit kommt auch der Spaß nicht zu kurz. Als einer der wenigen Ausländer auf der Insel wird Hannes gemeinsam mit einem Franzosen auserwählt, einen Werbespot für das lokale Bier namens „Kubuli“ zu drehen. „Wir sollten von einem Schiff steigen und unsere Vorliebe für Kubuli Bier beteuern“, erzählt Hannes. Bei seinem noch weniger begabten Schauspielpartner hörte sich das in etwa wie folgt an: „Oh, I olwäys pröfer se locöl bränd“, ahmt Hannes ihn lachend nach. Klingt nicht nur nach Trash vom Feinsten, war auch so, versichert uns der 37-Jährige, der fortan nur noch als „Kubuli-man“ auf der Insel bekannt ist.

Sogar als ich mit der Fähre abgefahren bin, waren da ein paar Kids auf den umliegenden Booten, die mir zuwinkten und riefen ‘Kubuli man, Kubuli man’.

053a2746Nächster Halt – Berlin

Jetzt aber Schluss mit lustig. Zurück zum Ernst des Lebens, der da heißt: Medizinstudium in Berlin. Bestärkt durch sein Praktikum büffelt sich Hannes also fleißig durch das erste Semester. Bis ihm der Prep-Kurs im zweiten Semester einen Strich durch die Rechnung macht. „Als ich die Leichen, die da so vor mir lagen, auseinanderschnitt, habe ich irgendwie gemerkt, ‚Fuck, eigentlich interessiert mich das gar nicht so richtig’“, gesteht er. Also legt er kurzerhand ein Urlaubssemester ein.

Und als er eines Tages so mit seinem alten Ost-Motorrad durch die Stadt fährt, bleibt dieses plötzlich stehen. Umzingelt von Backsteingebäuden und Fabriken bleibt ihm damals nichts anderes übrig, als sich nach einer Werkstatt in der Nähe umzusehen. Die findet er zwar nicht, dafür führt ihn die Suche jedoch geradewegs in ein Tonstudio. Er klopft, kommt mit dem Besitzer ins Gespräch, spielt ihm ein paar seiner Sachen vor (wir erinnern uns an Hannes musikalische Ader), woraufhin dieser kurzerhand sagt: „Hey, komm! Wir nehmen mal ein paar Songs auf und schicken die über unsere Kanäle raus.“ Und Hannes nur so „Joa ok!“.

Daraufhin hat dann relativ schnell die BMG (Sony, it is) angebissen und mir einen Vertrag für ein Album angeboten.

053a2692„Ich dachte einfach, ‚Ja cool, mach ich mal, wenn das schon so vom Himmel fällt’“, erzählt der 37-Jährige. Aus Hannes wird „Hannes Orange“. „Wegen des Motorrads, das war nämlich Orange und hat mich ja dort hingeführt“, erklärt er. Und so nimmt er 2001 sein erstes Album auf.

Ich hab’ schon immer Musik gemacht, aber ich dachte immer, das ist nichts, was eine berufliche Perspektive bietet.

Als er sich auch nach dem zweiten Urlaubssemester nicht vorstellen kann, das Medizinstudium wiederaufzunehmen, verabschiedet er sich schließlich von dem Gedanken Arzt zu werden. Weil er jedoch auch kein halbgares „Pop-Musik-Solo-Projekt“ sein will, beschließt er, wieder zurück nach Stuttgart zu gehen und sich neben der Produktion seines ersten Albums noch etwas Anderes zu suchen.

Ich hab’ dann beschlossen, dass Musik noch nicht die Lösung ist und hab’ mich in Stuttgart an der Hochschule der Medien beworben.

053a2664

Der Kessel ruft

2002 geht es für das Studium der Audiovisuellen Medien also wieder back to the roots in den schönen Südwesten. Parallel dazu veröffentlicht Hannes Orange sein Album, tourt durch ganz Deutschland, dreht sein erstes Video und besucht diverse MTV-Shows. Das nötige Know-how für weitere musikalische Projekte eignet er sich im Studium und bei dem Hamburger Indielabel „Tapete Records“ an. Außerdem organisiert er zu dieser Zeit, zusammen mit Jakob Süß, mit dem „Yeah!Club“ die erste Indie-Club-Reihe ihrer Art in Stuttgart und ist ein gutes Jahr lang für das Booking des Keller Klubs verantwortlich. Ein Tausendsassa, wir sagen’s ja.

Für sein zweites Album schreibt Hannes dann nicht mehr nur die Songs, sondern ist gleichzeitig Sänger, Label, Promoter und Booking-Agentur. „Irgendwann hatte ich darauf einfach keinen Bock mehr und dachte ‚Fuck off. Ich mach’ zur Abwechslung mal was, womit ich Geld verdiene.‘“
053a2786

Nach seinem Studium, das er 2006 abschließt, widmet er sich zunächst Videoproduktionen: Dreht – gemeinsam mit drei Kommilitonen – Imagefilme, Musikvideos „und so ’nen Kram“ für Kunden wie „Universal Music“ und „FluxFM“. Weil er hier jedoch nicht sein eigenes Ding machen kann, zieht er sich aus dem Geschäft zurück und widmet sich, zusammen mit Andreas „Pese“ Puscher, mit der Organisation des „POPNOTPOP Festival“ 2010 schließlich Stuttgarts Clubkultur.

Das POPNOTPOP Festival war ein Club-Festival, das ich zusammen mit einem Freund gemacht habe. Wir wollten einen perfekten Ausgehabend organisieren. Einen Abend, an dem man ein, zwei oder auch drei Bands sehen und anschließend noch durch die Clubs ziehen kann.

2011 schenkt Hannes seiner Freundin und Modedesignerin Mary einen Businessplan zu Weihnachten, sucht eine freistehende Ladenfläche, die für die Eröffnung eines Klamottenladens in Frage kommt und gibt damit den Initialreiz für Marys Boutique namens „LÀ POUR LÀ“.

Letztendlich sind mir immer irgendwie lustige Sachen über den Weg gelaufen.

053a2654Kreative Konzepte kommen ins Rollen

Langsam, aber sicher bahnen wir uns den Weg in Richtung Gegenwart. Im Juli 2014 folgt die Eröffnung des Pop-Up-Stores „TEMPS“, den Hannes gemeinsam mit Vanessa Heepen für einen Monat im heutigen „Condesa“ am Marienplatz aufleben lässt. Von der Idee eines temporären Ladens angetan, fragt er kurze Zeit später beim Vermieter der Calwer Passage an. Dieser ist Feuer und Flamme. „Also habe ich mich mit ihm getroffen und dann ging alles ganz schnell: Zwei Monate Vorlauf. 16 Flächen. 3 Monate lang“, erzählt Hannes.

Und dann Zack, ist das FLUXUS vor zwei Jahren im November voll vermietet gestartet.

Bereits bei der Eröffnung ist klar: Das Konzept kommt an. Es scheint fast, als hätte Stuttgart darauf gewartet: Eine gemütliche Einkaufspassage, abwechslungsreiche Läden und Cafés – ein Ort mitten in der Innenstadt, der zum Verweilen einlädt. „Wenn man heute hier sitzt, dann denkt man sich ‚Na klar, das muss so sein’“, sagt Hannes und fährt fort: „Das FLUXUS ist zu einem Treffpunkt geworden, an dem man sich gerne aufhält – das ist einfach abgefahren.“

053a2712Im vergangenen Jahr flattert dann eine eher ungewöhnliche Anfrage ins Steim’sche Postfach: Das Stuttgarter Stadtkaufhaus „Das Gerber“ möchte Hannes mit ins Boot holen. Er lehnt erst ab, entscheidet sich dann aber doch dafür, das Angebot anzunehmen. Und so wird aus dem Obergeschoss des Kaufhauses das „Gerber UPSTAIRS“. „Mein Ziel war es, kleinen Läden, die ja normalerweise von so einem großen Einkaufszentrum verdrängt werden, eine Plattform zu bieten“, erläutert Hannes. Gesagt, getan. Sowohl mit seinem eigenen Laden, dem „Designsupermarket“, als auch mit diversen Pop-Up-Boxen, die er für einen bestimmten Zeitraum an lokale Shop-Besitzer mit überschaubarem Konzept vermietet, setzt der Erfinder seine Idee mit Hilfe seiner Mitstreiterinnen Florentine Pilvi Möhrle und Michaela Korte in die Tat um. Außerdem sorgt er mit Flohmärkten, einer Instagram-Ausstellung und einer Modenschau für Abwechslung in dem sonst nahezu von Ketten dominierten Kaufhaus.

Mittlerweile ist Hannes wieder zurück im FLUXUS, wo er die Dinge bis Ende des Jahres ein wenig langsamer angehen möchte. Für 2017 habe er aber schon wieder tausend Ideen, auf die wir nun gespannt sein dürfen. Wir sagen Danke, lieber Hannes und hoffen, dass du auch in Zukunft nicht aufhörst, Stuttgart ein kleines Stückchen individueller zu machen.

FLUXUS @ FACEBOOK
FLUXUS @ INSTAGRAM
HANNES STEIM @ FARBEWEISS
053a2674

NAME… Hannes Steim – ALTER… 37

HERKUNFT… Stuttgart  – STADTTEIL… Süd / Bopser

 

WAS ICH SO MACH‘… u.a. das FLUXUS 

MEIN LIEBLINGSORT IN STUTTGART IST… Weißenburg

GLÜCKLICH MACHEN KANN MAN MICH MIT… Liebe

 MEIN PERFEKTES WOCHENENDE VERBRINGE ICH MIT… Segeln auf dem Bodensee

ICH KANN NICHT OHNE… Mein Fahrrad

DAS SOLLTE MAN GESEHEN HABEN… Warane

DAS MACHE ICH, WENN KEINER ZUSCHAUT… Robodance

ICH WÜRDE NIEMALS… Das Milaneo anzünden

ICH LIEBE AN STUTTGART… Dass ich hier die Möglichkeit habe mit guten Leuten immer wieder neue Projekte an den Start zu bringen

ICH HASSE AN STUTTGART… Dass es oft belächelt wird

WENN NICHT STGT DANN… Hamburg

DAS HABE ICH IMMER IM GEPÄCK… Ein großes Messer

WENN ICH MORGENS AUFSTEHE, MACH ICH DAS IMMER ZUERST… Coffee & Cigarettes

SO KRIEGT MAN MICH RUM… Vodka Tonic, Kurze, Mexikaner

WENN ICH DIE FREIE WAHL HÄTTE, WÜRDE ICH HEUTE ABENDESSEN MIT … Mary, Martina, Sabine, Hannah, Sarah, Nina, Lotte, Tattigirls, Sissy, Erica, Rita, Tina, Sandra, Jessica, Pamela, Ivana, Lisa, Veronika, Irina usw. allerdings an verschiedenen Abenden

UND ZWAR WO?… Mit Mary ins Don Carlos, mit Martina in die Weinstube Zur Kiste, mit Sabine ins Vetter, mit Hannah ins Piccola Napoli usw.

STUTTGART, ICH WOLLTE DIR SCHON IMMER EINMAL SAGEN… „Dass du das Größte für mich bist, und sichergehen, ob du denn dasselbe für mich fühlst?“

 

Write A Comment