0711er der Woche_Pulse of Europe_Stuttgart_by Saeed-1150496In der Serie „0711er der Woche“ stellen wir euch jeden Montag einen Stuttgarter vor, den man unter Umständen kennt – und doch nicht so recht kennt. Leute, die unsere Stadt durch ihr Schaffen auf verschiedenste Art bereichern, aber oftmals doch im Hintergrund bleiben. Menschen wie du und ich, die ihren Teil dazu beitragen, dass Stuttgart das ist, was es ist: unsere Stadt, die Mutterstadt. Nachdem wir mit dem jeweiligen 0711er etwas Zeit verbringen, verewigen sie sich in unserem 0711er Buch.


Die Entspannungsmomente in den letzten 10 Wochen waren rar. Kein Wunder, denn unser 0711er der Woche hat ambitionierte Ziele: Die Welt retten will er. Oder es zumindest versuchen. Nicht alleine natürlich. Sondern mit dem Organisationsteam der Bewegung „Pulse of Europe“ in Stuttgart. Was in Frankfurt von Sabine und Daniel Röder initiiert wurde, wird mittlerweile von 120 Städten in derzeit 19 Ländern in ganz Europa fortgeführt. Eine Antwort auf rechtspopulistische Strömungen, Brexit, AfD und Co. Für Europa. Für eine friedliche Gemeinschaft. Gegen Populismus und Protektionismus. Bei einer – wie könnte es anders sein – Johannisbeerschorle hat uns der selbstständige Industriedesigner mehr über die Bewegung in Stuttgart erzählt.

Ein Text von Alessandra mit Fotos von Saeed

Wie so viele wusste auch Johannes nach dem Abitur vorerst nicht so recht, was er vom Leben und der Welt eigentlich wollte. Also probierte er aus und sammelte Erfahrungen: Vom Praktikum im Betrieb des Vaters, bei dem er Glasfasermatten für Hochspannungstransformatoren zurechtschnitt, über seinen Zivildienst à la „Essen auf Rädern“, bis hin zum Job in der Brauerei.

Auf Anraten der Eltern entschied er sich 2002 für ein Maschinenbaustudium in Darmstadt. „Ich war mir aber eigentlich von Anfang an nicht sicher, ob das wirklich das ist, was ich machen will und hab’ mich dann irgendwann dazu entschlossen doch eher etwas Künstlerisches zu tun“, erzählt der 35-Jährige.0711er der Woche_Pulse of Europe_Stuttgart_by Saeed-1150203

„Irgendwann habe ich meinen Eltern bei einem Bier gebeichtet, dass ich gerne freie Kunst studieren würde. Mein Vater, Elektroingenieur, hat wahrscheinlich innerlich die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen“, erzählt Johannes und muss lachen. Seine Eltern hätten ihm dann diplomatisch ans Herz gelegt, dass das vielleicht nicht das Richtige für ihn sei, so Johannes.

Ganz nach dem Motto: für jedes Problem gibt’s auch die passende Lösung, fand er dann eine Kombination, die sowohl seine künstlerische als auch seine technische Seite bestens miteinander vereinen ließ: Industriedesign. Der Kunst-Physik-Leistungskurs der Berufswelt sozusagen.

Einen Zeichenkurs und einen weiteren Mappenkurs später habe er sich dann, blauäugig wie er war, an der Hochschule Pforzheim beworben. „Und wurde, aus welchen Gründen auch immer, angenommen“, wundert sich der 35-Jährige noch heute.

Das Studium in Pforzheim war eine sehr beflügelnde, aber auch krasse Zeit.

0711er der Woche_Pulse of Europe_Stuttgart_by Saeed-1150344Nachdem er sich im Studium regelmäßig die Nächte um die Ohren geschlagen hatte, zog es ihn 2008 in den Kessel, wo er sich dank Wirtschaftskrise erst einmal mit Hilfe mehrerer Jobs über Wasser halten musste und schließlich in der Automobilbranche Fuß fasste. Zwischenzeitlich war er sogar Gastdozent an der Akademie für Kommunikation in Mannheim. Nach zwei Jahren schickte man ihn für ein Projekt zum Nutzfahrzeughersteller Scania nach Schweden. Geplant waren zwei Monate. Aber er blieb schließlich über ein Jahr.

Die gewieften Schweden haben mir ein Angebot gemacht, das ich einfach nicht abschlagen konnte.

Im Sommer 2012 ging es zurück nach Deutschland. Wolfsburg, um genau zu sein. Dort arbeitete Johannes zwei Jahre lang für einen Zulieferer. „Und dann sind wir aber wieder zurück nach Stuttgart. Nicht wegen des Jobs, sondern einfach wegen der Sehnsucht nach Stuttgart“, erinnert er sich zurück.
0711er der Woche_Pulse of Europe_Stuttgart_by Saeed-1150274Vor sechs Monaten kehrte Johannes der Autoindustrie den Rücken: Er brauchte was fürs Herz, sagt er heute. Eine Aufgabe mit Sinn. Und die fand er. Bei Facebook stieß er zufällig auf die Bewegung „Pulse of Europe“. Er und seine Verlobte Denise fackelten nicht lange und zogen – Europaflagge im Gepäck – auf den Schlossplatz, der anfangs Schauplatz der wöchentlichen Demonstrationen für ein vereintes Europa war.

Ich hab’ einfach irgendwas sinnstiftendes fürs Herz gebraucht.

„Es war rührend zu sehen, wie viele Leute sich einem Wertesystem verbunden fühlen, das so ein Gemeinschaftsgefühl transportiert. Da wollten wir einfach mitmachen“, schwärmt Johannes. Auf ein Gespräch mit Leiterin Annette Rueß folgten unzählige Organisationstreffen, Telefonate, Mails und Sonntage, bei denen Johannes auf dem Marktplatz unter anderem als Redner auftrat.
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Die Dynamik und der Erfolg der Bewegung sei für ihn und das gesamte Team noch immer überwältigend. „Wir sind alle völlig platt. Wir waren noch nie auf der Straße und folgen einfach dem, was wir für richtig halten“, verrät der 35-Jährige. Bei aller Zuversicht und dem unbändigen Tatendrang sei den Organisatoren jedoch auch bewusst, wie schwierig es ist, ein Projekt von solcher Komplexität auf die Beine zu stellen. „So viele Städte. So viele Menschen, so viele Meinungen, so viele Emotionen, so viel Leidenschaft – das alles unter einen Hut zu bringen ist eine Mammutaufgabe.“ Trotz allem ist Johannes sich sicher: „Die Welt muss gerettet werden, sie weigert sich derzeit nur ein wenig.“

Pulse of Europe ist ein Fest für Europa und ich würde gerne alle dazu einladen, mitzumachen!

Und deswegen lautet sein Appell: „Geht mit uns raus – ein Zeichen setzen. Es geht um Europa, es geht um eine Gemeinschaft, die unglaublich wichtig ist, an die wir uns gewöhnt haben. Wir haben uns daran gewöhnt in Freiheit zu leben, offene Grenzen zu haben und manchmal vergessen wir, wie wertvoll und wichtig das ist.“ Pluralismus und nicht Protektionismus sollte in diesem Falle die Schlussfolgerung sein, so Johannes.

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Derzeit, verrät uns Johannes, sei das Organisationsteam damit beschäftigt Redner, Musiker und jede Menge Unterstützer für die mittlerweile monatlich (jeden 1. Sonntag im Monat) stattfindenden Veranstaltungen zu mobilisieren. Wichtig sei ihnen vor allem auch eines: „Die Leute sollen nicht nur kommen, weil sie das thematisch gut finden, sondern auch, weil es Spaß macht.“ Das nächste Treffen findet übrigens am Sonntag, den 4. Juni um 14 Uhr auf dem Karslplatz statt.

Ich glaube der Sommer wird blau mit Sternchen.

Das glauben und hoffen wir auch, lieber Johannes und sagen danke dafür, dass euer Team dafür sorgt, Europas Pulsschlag auch in Stuttgart höher schlagen zu lassen.0711er der Woche_Pulse of Europe_Stuttgart_by Saeed-1150473

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NAME … Johannes Pudenz – ALTER … 35

HERKUNFT … Hessen – Nähe Frankfurt am Main – STADTTEIL … Stuttgart Süd

WAS ICH SO MACH’ … Fernstudium Maschinenbau (jetzt doch noch :-)), Design-CAD-Modelle erstellen, Sachen bauen und Handwerken, Welt retten! 🙂

MEIN LIEBLINGSORT IN STUTTGART IST … Unsere Dachterrasse!

GLÜCKLICH MACHEN KANN MAN MICH MIT … offenen, freundlichen Lächeln, Empathie und nem guten Beat!

MEIN PERFEKTES WOCHENENDE VERBRINGE ICH MIT … meiner Verlobten und Freunden

ICH KANN NICHT OHNE … gleiche Antwort! 🙂

DAS SOLLTE MAN GESEHEN HABEN … immer wieder schöne Dinge – jenseits des eigenen Tellerrands!

DAS MACHE ICH, WENN KEINER ZUSCHAUT … wirklich lustige Sachen! 🙂

ICH WÜRDE NIEMALS … jemanden bewusst betrügen

ICH LIEBE AN STUTTGART … oben und unten und alles dazwischen

ICH HASSE AN STUTTGART … “Mief” und seine Ursache

WENN NICHT STUTTGART, DANN … Stockholm

DAS HABE ICH IMMER IM GEPÄCK … Stift & Notizbuch

WENN ICH MORGENS AUFSTEHE, MACH ICH DAS IMMER ZUERST … Rolladen hoch und rausgucken

SO KRIEGT MAN MICH RUM … mit guten Ideen und Begeisterung

WENN ICH DIE FREIE WAHL HÄTTE, WÜRDE ICH HEUTE ABENDESSEN MIT … Lieblingsmenschen oder Richard David Precht

UND ZWAR WO? … Café List, Bella Napoli, Noir, Kwan Kao, Shima oder einfach daheim

STUTTGART, ICH WOLLTE DIR SCHON IMMER EINMAL SAGEN … You are going to make a difference. A lot of times it won’t be huge, it won’t be visible even. But it will matter just the same. – Commissioner James Gorden

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