053A0184

In der Serie „0711er der Woche“ stellen wir euch jeden Montag einen Stuttgarter vor, den man unter Umständen kennt – und doch nicht so recht kennt. Leute, die unsere Stadt durch ihr Schaffen auf verschiedenste Art bereichern, aber oftmals doch im Hintergrund bleiben. Menschen wie du und ich, die ihren Teil dazu beitragen, dass Stuttgart das ist, was es ist: unsere Stadt, die Mutterstadt. Nachdem wir mit dem jeweiligen 0711er der Woche etwas Zeit verbringen, verewigen sie sich in unserem 0711er Buch.


Agrarökonom, Fotograf, DJ, Magazin-Macher, Redakteur und Familienvater: Matthias Straub ist wohl einer der vielseitigsten Kreativköpfe Stuttgarts – mit einem besonders scharfen Kunstverstand und einer ausgeprägten sozialen Ader. Wieso „richtig Bock“ reicht, um ein Magazin zu gründen, wie Aktfotografie auch kunstvoll inszeniert werden kann und warum man das Rocker 33, Kinki Magazin und Paperness in einem Atemzug mit seinem Namen nennen muss, hat uns der 40-Jährige bei einem Kaffee in seiner Küche verraten.

Interview von Tanne  –  Fotos von Saeed


Nur mal kurz vorweg: Dieser Mann hat eine richtig coole Wohnung. Zwei Etagen, alles offen und hell und eine Dachterrasse, wie sie ein Silbertablett nicht besser hätte präsentieren können. Wahnsinn. (Übrigens auch eines von Matthias’ Lieblingswörtern.) Wurst, weiter im Text. Wenn die Münder eh schon offen stehen, kann man auch gleich mal ein paar Fragen raushau(ch)en. Denn schaut man sich in der bomben Loft-Bude, wo auch mal Yoga-Stunden gegeben wurden, so um, stechen einem u.a. die vielen Vinyl-Scheiben ins Auge. Matthias war und ist immer noch leidenschaftlicher DJ – Wahnsinn. (Das war das letzte Mal – versprochen.) Und dann gibt’s auch gern mal Italo-Disco-Mucke auf die Ohren – verrückt. “Das Auflegen ist eine Leidenschaft. Ich habe das DJ-ing eine Weile lang auch etwas professioneller betrieben und auch zeitweise nur davon gelebt. Das war aber schon sehr mühsam – jeden Donnerstag, Freitag und Samstag”, erinnert sich der Musikliebhaber. Da gab es eine Zeit, als er natürlich viel in Stuttgart, aber auch deutschlandweit in den abgefreaktesten Locations auflegte, selbst in irgendwelchen Wellblechhütten in der Pampa. Das sei schon sehr abenteuerlich gewesen und bestimmt acht oder neun Jahre her.

Ohne Musik könnte ich nicht leben, ich brauche sie wie die Luft zum Atmen.

053A0009

Kein Wunder gehört die Musik deshalb auch zu den fünf Bereichen, die, laut Matthias, sein Leben prägen und ausmachen. Das sind: Familie, Musik, Fotografie, seine redaktionelle Tätigkeit und sein soziales Engagement. Der 40-Jährige möchte ausholen – nicht mit Fäusten, sondern Worten, versteht sich. Es geht an den Bodensee, wo Matthias aufgewachsen ist, und in die Mutterstadt, wo’s zum Studieren hinging. Aufgrund seiner damaligen Freundin sollte die Stadt nicht allzu weit vom schwäbischen Meer entfernt sein. (Moment, das kommt uns bekannt vor – s. Manuel Klink a.k.a. Knatterflatter). In der Mutterstadt angekommen, widmete er sich an der Uni Hohenheim der “Agrarökonomie” mit dem Fachgebiet “Subtropen/Tropen”, weil er Entwicklungshilfe machen wollte. “Doch schon während dem Studium, durch die vielen Praktika, die wir machen durften, bin ich zum Reisen gekommen, habe angefangen zu fotografieren und dann auch Reiseberichte geschrieben”, so der Kreativkopf. Irgendwann habe er damit begonnen, die Berichte und Fotos an Magazine zu schicken und siehe da: Sie wurden gedruckt! “Da war ich schon sehr überrascht.” Weil er es cool fand und eine Mordsgaudi dabei hatte, gründete der damalige Idealist außerdem noch während dem Studium mit Freunden seine erste eigene Zeitschrift: “Moment”.

Wir waren naiv, hatten Bock und haben dann einfach gemacht.

053A0050

Nach dem Studium, das war im Jahr 2002, sollte noch eine Fotografenausbildung folgen, bei keinem geringeren als Jürgen Altmann, DEM Modefotografen aus Stuttgart. Und wie kam’s dazu? “Mich hat die Entwicklungshilfe zwar interessiert, aber ich habe dann einfach auch gemerkt, dass ich zum einen noch eine andere Leidenschaft habe – das ganze kreative Thema, mich auch als Medienschaffender auszuprobieren. Zum anderen wurde mir immer wieder schmerzlich bewusst, wie anstrengend und frustrierend die Zusammenarbeit in der Entwicklungshilfe sein kann und dass man da immer wieder an seine Grenzen stößt.” Zu diesen grenzenlosen Idealisten wollte Matthias einfach nicht mehr gehören. Und so habe er während der Ausbildung zum Fotografen für Momente “Moment”, eine Zeitschrift, die sich von Ausgabe zu Ausgabe verändert hat, weitergemacht. „Wir haben ganz klassisch mit einem Print-Magazin angefangen und sind dann irgendwann über eine Posterausgabe bei einem Hörbuch gelandet.” Und die letzte Ausgabe habe das Ganze dann schließlich noch getoppt.

Wir haben aus dem Magazin eine Ausstellung gemacht und die Inhalte quasi in den Raum gebracht. Das war 2004 die erste Ausstellung bzw. Veranstaltung überhaupt, die in den Wagenhallen stattfand.

Zusammen mit Gold & Wirtschaftswunder, (d.h. Thorsten Neumann, Steff Deininger und Christian Schiller) hätte man die Kombi aus Ausstellung und Party in der damaligen Lagerhalle auf die Beine gestellt und sogar mit Künstlern aus Antwerpen, wo die Kunstszene wie in Stuttgart „mega vernetzt“ und mit der Graffiti- und Musikszene total connected sei, kooperiert. Auf einen Schlag hatte man ganz viele Bekannte. „Das war geil – aber auch ein wahnsinnig monströser Aufwand. Für vier Tage hatten wir uns Monate lang vorbereitet.” Man habe dann nach einer Location Ausschau gehalten, wo man länger verbleiben konnte. Gesucht, gefunden: das erste Rocker 33 ging im ehemaligen Musikgeschäft Molu, wo heute Feinkost Böhm steht, an den Start.

Mit dem ersten Rocker 33 hatten wir the Time of our Lifes.

Die Zeit muss ein einziger Rausch gewesen sein. Oder wie es der DJ aus Leidenschaft selbst sagt: “Das war der absolute Exzess: keine Gesetze, keine Regeln, einfach nur machen, was man wollte.” Unterm Strich kann man also sagen, dass aus der Entwicklung des Magazins “Moment”, das Rocker 33 mit ins Leben gerufen wurde. Da kann man doch mal ganz locker in die Runde rufen: Not bad, Matthias.

053A0041

Zu der Zeit habe er aber nicht nur das Rocker 33 gemacht, sondern auch die Magazin-Tätigkeit weiter be- und vor allem vorangetrieben. Mit einer “Moment”-Ausgabe habe sich der 40-Jährige dann bei einem Schweizer Verlag beworben und wurde auch genommen. „Die wollten mich eigentlich als Fotografen einstellen. Doch ich meinte dann etwas vorlaut: Schönes Magazin, aber eigentlich bräuchte man da ein richtig neues Redaktionskonzept.” Großmaul hin oder her, Matthias habe diese Aufgabe dann übernommen und leitete die Redaktion der Zeitschrift MEX, die irgendwann zum Kinki Magazine, einem legendären Schweizer Magazin für Kunst, Musik und Mode, wurde, insgesamt fünf Jahre lang. Unter der Woche sei er, der gebürtige Tettnanger, immer in Zürich gewesen, an den Wochenenden, wegen dem Rocker 33, meist in Stuttgart. Dann kam das erste Kind, doch Matthias machte zwei Jahre so weiter. Beim zweiten Kind zog der kreative Nimmersatt schließlich die Notbremse. Er schrie sich selbst ins Gewissen: “Stopp, das wird too much und so verabschiedete ich mich vom Rocker 33.”

053A0047

Doch auch die Magazin-Zeit war nicht immer leicht. Matthias hatte sich all sein Wissen ganz nach dem Prinzip “Learning by doing” angeeignet. “Ich habe viele Dinge einfach auch falsch gemacht und dann aus den Fehlern lernen müssen. Wahrscheinlich hätte ich mir viel Ärger ersparen können, wenn ich das alles durch eine Ausbildung gelernt hätte.” Im täglichen Geschäft habe er oft versucht, aus dem Bauch heraus zu entscheiden – das lief mal schlechter, mal besser. Doch es gibt ja die Theorie: Wenn man sich sieben Jahre lang mit einem Thema beschäftigst, dann ist man Experte darin. Egal welche Ausbildung man hat. Und trotzdem: Wenn du so viele Sachen machst, machst du alles ein bisschen richtig, aber nichts richtig gut. Da hatte ich mit Zweifeln, Frustration und Rückschlägen zu kämpfen und war oft am Hadern.” Wie etwa beim Lotto-Magazin, das Matthias mit drei Partnern versuchte zu etablieren. Jede Ausgabe sollte sich einem Bereich der menschlichen Identität widmen, von Anfang an waren nur sechs Ausgaben geplant. Ein Bereich sollte z.B. die Beziehung zu Orten, ein anderer zu Menschen, zu Macht usw. abdecken, doch nur zwei Ausgaben wurden gedruckt. „Uns ist dann ein bisschen der Atem ausgegangen, die Kraft – aber auch die finanziellen Mittel.“ Nach diesem Erlebnis habe der Magazin-Macher das Bedürfnis verspürt etwas zu tun, das ohne kulturhistorische Vorbildung konsumierbar, einfach nur schön und jedem zugänglich ist.

053A0157

So entstand: “THE OPÉRA“.

053A0090

“Mein Frau hat eine Zeit lang in Paris gearbeitet und wir waren dort zusammen viel in Galerien, Museen und bei Fotografie-Ausstellungen, die ich liebe. Und dabei ist mir aufgefallen, dass es viele schöne Monographien gibt, aber gar keine Gesamtübersicht von aktuellen oder verstorbenen Künstlern, wo mal verschiedene Arbeiten drin sind.” Mit diesem Gedanken im Hinterkopf und der Pariser Oper vor der Nase – schließlich hatte sich Matthias die französische Hauptstadt von oben bis unten angeschaut – fand er, es sei an der Zeit, diese beiden Dinge zu verbinden. “Zum einen ist da die Oper als gehobene und getragene Kunstform. Da gibt es viele verschiedene Disziplinen und Aspekte, um die menschliche Gefühlswelt darzustellen.“ Und das war eben auch genau das, was Matthias machen wollte. Die Menschen so darzustellen, wie sie nun mal sind: groß, klein, dick, dünn, schön, hässlich, glücklich, fröhlich – und das so unmittelbar wie möglich. Die Aktfotografie als eine Form der Portrait-Fotografie zeige die Menschen und erzähle ihre Geschichten. “Dichter als in der Aktfotografie kommst du an einen Menschen ja gar nicht ran. Da gibt’s nichts verhüllendes oder verbergendes, was zwischen Künstler und Subjekt steht. Ich fand, dass die Oper da eigentlich eine ganz schöne Metapher ist.“

Mir war nur wichtig, dass ‘THE OPÉRA’ kein Erotikmagazin ist, dass sich auch keinerlei Verbindung zu einer anzüglichen Betrachtung ergibt. Es geht um den Menschen und seine Geschichte.

Natürlich schwinge Erotik bei nackten Körpern immer mit, aber sie stehe bei diesem Magazin nicht im Vordergrund, betont der überzeugte Macher. “Es gibt ganz viele unterschiedliche Ansätze, Menschen zu begegnen: von sehr inszeniert bis ganz nüchtern, von farbig bis schwarz-weiß, von abstrakt bis sehr figürlich und so ist es eben bei der Oper auch, da gibt es ganz viele Darstellungsformen, um Gefühle und Leidenschaften zu zeigen.” Und das habe man in der Fotografie eben auch. Außerdem würde die Oper auch noch wunderbarerweise eine schöne Strukturierung mit fünf Akten anbieten. Die nächste Ausgabe erscheine im Juli und sei u.a. in Museumsshops erhältlich. Und wie viele Hefte werden noch folgen? “Ich mache so lange weiter, wie ich Spaß dran habe.”

053A0099

Und sonst so? Was ist denn aus der Reise(bericht)leidenschaft geworden? Nachdem der 40-Jährige viel in Asien und der Karibik unterwegs gewesen war, habe er in den vergangen Jahren immer mehr das Naheliegende zu schätzen gelernt. “Ich liebe Europa. Es gibt hier so viele tolle Orte, die ich immer noch nicht gesehen habe bzw. mal wieder besuchen möchte. Es ist so schön an der Atlantikküste, in den Bergen oder in Skandinavien.” Eben, es muss halt auch nicht immer die Karibik sein. Obwohl, wenn man weiß, was Matthias dort erlebt hat, dann vielleicht doch. “Ich wollte das jetzt gar nicht so unbedingt, habe mal privat eine Reise nach Jamaika gemacht. Über das Studium hat sich dann ergeben, dass ich dort ein langes Praktikum auf einem alten Anwesen mit Landwirtschaft und Gästebetrieb machen konnte, das von einer Deutschen mit ihren beiden Töchtern betrieben wurde. Ich hab mich dann natürlich auch noch in eine der Töchter verliebt.“ Klingt nach einer Story zum Verfilmen?! War’s dann letztendlich auch. “Die VOX-Reisesendung ‘Wolkenlos’ machte Station bei uns. Das Anwesen, wo ich arbeitete, war sehr alt und es rankte sich eine Legende darum, wie es entstanden war und woher der Name kam. Wir wurden gefragt, ob wir das nachspielen könnten. Und das haben wir dann auch gemacht – in historischen Kostümen.” Also steckt auch noch ein Schauspieler in Matthias. Wir wussten es: doch nicht nur fünf Bereiche (Spaaaaß).

053A0163

Unerwähnt sollte außerdem nicht bleiben, dass sich Matthias bei fischerAppelt, play als Chefredakteur um die Transporter-Plattform MYVAN kümmert und mit Paperness (zur Zeit bei Phyllis im Heusteigviertel) die Lust auf Papier und Gedrucktes wieder wecken will. Und auch Musik bleibt weiterhin ein Thema. Am 15. April gibt’s beim Italo-Disco-Abend mit Chris Hammer im White/Noise wieder was vom Allrounder auf die Ohren. Da sind wir natürlich am Start, lieber Matthias. Schön, dass du so viele Interessen hast und uns zeigst, dass man einfach mal nur machen soll. Bleib weiterhin so kreativ und zieh’ dein Ding durch. Ach ja, diese “Wolkenlos”-Sendung hätten wir schon gern mal gesehen. Filmabend bei dir?

Hier gibt’s noch was anderes zum Anschauen vom Tausendsassa – take a look:

Mehr Musik von Matthias auf Soundcloud.

053A0143

NAME: Matthias Straub – ALTER: 40

HERKUNFT: Bodensee – STADTTEIL: Süd/Lehenviertel

WAS ICH SO MACH’ … jeden Tag was Neues lernen und entdecken

MEIN LIEBLINGSORT IN STUTTGART IST … der Marienplatz

GLÜCKLICH MACHEN KANN MAN MICH MIT … einer Reise ans Meer

MEIN PERFEKTES WOCHENENDE VERBRINGE ICH MIT … leckerem Essen, meinen Freunden und meiner Familie

ICH KANN NICHT OHNE … Musik

DAS SOLLTE MAN GESEHEN HABEN … den Film „Die Liebenden von Pont Neuf“

DAS MACHE ICH, WENN KEINER ZUSCHAUT … Liegestützen mit hochrotem Kopf

ICH WÜRDE NIEMALS … Möglichkeiten ausschließen

ICH LIEBE AN STUTTGART … die Größe, die Menschen und die kulturellen Angebote

ICH HASSE AN STUTTGART … die Größe, den Verkehr und die aktuelle Baukultur

WENN NICHT STUTTGART, DANN … Wien oder Marseille

DAS HABE ICH IMMER IM GEPÄCK … Ideen, was ich als nächstes machen möchte

WENN ICH MORGENS AUFSTEHE, MACH’ ICH DAS IMMER ZUERST … Frühstück für meine Familie

SO KRIEGT MAN MICH RUM … mit Qualität

WENN ICH DIE FREIE WAHL HÄTTE, WÜRDE ICH HEUTE ABENDESSEN MIT … Alexander von Humboldt

UND ZWAR (WO?) … in einem türkischen Fischrestaurant in Istanbul

STUTTGART, ICH WOLLTE DIR SCHON IMMER EINMAL SAGEN: Werde endlich richtig grün!

Tanne
Author

Word-Rebel, Sneaker-Addict, HipHop-Lover – Geboren in Skopje (Mazedonien) – Aufgewachsen in Stuttgart – Studiert an der Uni Passau – Gearbeitet in München bei den Magazinen Cosmopolitan/Joy/Shape – Volontariat bei der Cannstatter Zeitung – Freie Journalistin/Redakteurin beim Stadtkind Stuttgart (Stuttgarter Zeitung) + Textlieferant für viele kreative Projekte

Write A Comment