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In der Serie „0711er der Woche“ stellen wir euch jeden Montag einen Stuttgarter vor, den man unter Umständen kennt – und doch nicht so recht kennt. Leute, die unsere Stadt durch ihr Schaffen auf verschiedenste Art bereichern, aber oftmals doch im Hintergrund bleiben. Menschen wie du und ich, die ihren Teil dazu beitragen, dass Stuttgart das ist, was es ist: unsere Stadt, die Mutterstadt. Nachdem wir mit dem jeweiligen 0711er etwas Zeit verbringen, verewigen sie sich in unserem 0711er Buch.


Für Mini Schulz ist Stillstand keine Option: Der überzeugte Stuttgarter steckt hinter dem BIX, mischt bei den Jazzopen mit, lehrt an der Musikhochschule und ja, Konzerte gibt er auch noch. Was als nächstes kommt? Mini legt sich da nicht fest. „Aber das Kontrabass spielen, das werde ich garantiert immer machen“, sagt unser 0711er der Woche.

Ein Text von Jessica Gehring mit Fotos von Saeed

Mini Schulz (und ja, genau so steht es in seinem Pass) ist so viel Stuttgarter, wie er Musiker ist: durch und durch, mit sehr viel Herz und noch mehr Seele. Schon sein ganzes Leben lang. Sogar seine Handynummer (weist mehrfach 0711 auf) ist auf die Stadt mit der 0711 ausgerichtet. Der geborene und „absolut überzeugte“ Stuttgarter liebt den Kessel – vor allem, wenn er ihn mit Musik verbinden kann. Vorzugsweise Jazz. So hat er vor zehn Jahren aus einer Laune heraus mit Freunden das BIX, das Jazzlokal am Stuttgarter Leonhardsplatz, eröffnet. Nebenbei leitet er seit über acht Jahren, natürlich auch mit guten Freunden zusammen, die Jazzopen in der Landeshauptstadt. Und dann ist er ja auch noch Professor an der Musikhochschule in Stuttgart. Man will sagen: Sein Leben ist die Musik und sein Kontrabass ist sowas wie die große Liebe – neben Frau und Kindern, versteht sich.

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Der Mann mit dem Wikipedia-Eintrag

Wer ihn mal eben googelt, merkt schnell, dass man dieses Leben nicht eben auf einer Seite zusammenfassen kann – geschweige denn auf zwei oder drei. Er ist in der Deutschen Nationalbibliothek zu finden und natürlich auch auf Wikipedia. Der gemeinsame Nenner ist immer die Musik – und das schon seit mehr als 40 Jahren. Zuerst stand Blockflöte auf dem Plan wie bei den meisten Kids nach der Grundschule. Dann folgte nicht etwa Klavier oder Gitarre – sondern Ukulele. Entdeckt in Papas Schrank.

Alle anderen aus meiner Klasse haben was Cooles gelernt, wie eben Gitarre spielen und sowas – aber ich fand so eine Ukulele viel geschickter.

Mini erklärt: „Damit konnte man schon beim Fahrradfahren was vorspielen und singen und bei den Mädels angeben.“ Er sei nie ein typischer Gitarrentyp gewesen. Das hätte ihm alles viel zu lang gedauert mit dem Lagerfeuer aufbauen am Strand und dem Warten bis es dunkel ist.

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Denn Mini Schulz verliert nicht gerne Zeit. Er muss sie sich gut einteilen. Denn wenn er von seinem Tag, seinen ganz normalen Arbeitswochen erzählt, fragt man sich schnell, wie viele Stunden ihm zur Verfügung gestellt werden – es müssen mehr sein, als für andere Menschen: Da wäre der Jazzclub, der meist sechs Tage die Woche öffnet mit 250 Konzerten, dann unterrichtet er zwei Tage die Woche an der Musikhochschule, hat die künstlerische Leitung des Scalas in Ludwigsburg inne und die verschiedensten Engagements als Bassist. Zwischendurch werden noch Events wie die Jazzopen organisiert, klar. „Aber das Kontrabass spielen, das werde ich garantiert immer machen“, sagt Mini Schulz. Im Alter von elf oder zwölf Jahren habe er damit angefangen. Nach zwei Wochen ging’s aufs erste Konzert nach Frankreich und mit 15 spielte er bereits im Landesjugendorchester.

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Schon immer Stuttgart, immer für Stuttgart

Das Beste daran? „Die vielen Reisen, die mich an alle Flecken der Erde gebracht haben“, erzählt der 51-Jährige. Tourneen durch Australien, Indonesien, Südamerika, Afrika – was man halt so macht. Einmal musste er mit Mitte 20 für eine Nacht in einem mexikanischen Stadtgefängnis übernachten – man hatte vergessen, ein Zimmer für sein Orchester und ihn zu buchen. Die Nacht in der Zelle war die sicherste Alternative.

Das ist das Beste am Reisen mit Kontrabass – dir passiert garantiert immer irgendwas.

Ganz verlassen hat er Stuttgart aber nie, wollte er nie. Es ist ihm wichtig, etwas in der Landeshauptstadt zu bewirken. Mit 40 ist Mini Schulz zum Professor an der Musikhochschule in Stuttgart berufen worden. Eine Chance, für die er dankbar ist – das Leben für die Musik ist viel einfacher als von ihr zu leben. „Und wenn du dann eine Familie und so viele Jahre Gemucke und Gemache hinter dir hast, und dann die Möglichkeit bekommst, ein geregeltes und stabiles Einkommen zu haben – da hab‘ ich gedacht: Jetzt ist es Zeit für das nächste Wagnis.“ Ein Jahr später gibt es die Idee fürs BIX, denn für Mini Schulz ist Stillstand keine Option, er scheint nie müde zu sein, sich etwas Neues für seine „Kulturhauptstadt“ auszudenken. Natürlich sitzt er im Kulturausschuss der Stadt Stuttgart, als dienstältestes Mitglied.

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Er wirkt unermüdlich, unerschöpflich an Ideen und – trotzdem hat es drei, knapp vier Jahre gedauert, bis das BIX letztlich zu einem Erfolgsprojekt wurde. „Erst dann wussten wir so richtig: Was braucht, was will das Stuttgarter Publikum.“ Geglaubt hat er an seine Idee aber immer. Im Gegenteil zu anderen Stuttgartern. „Einfach mal machen – damit eckt man immer an. Neid-Diskussionen, Pöbeleien und das Ganze, das haben wir alles hinter uns gelassen. Auch wenn’s anstrengend war.“ Seine drei Söhne mussten am Haustelefon der Familie Stunden lang erklären, dass das nicht die richtige Nummer fürs Ticket reservieren sei. „Das hat die ordentlich genervt, aber was will man machen. Am Anfang kommt‘s eben auch auf die richtige Improvisation an“, erzählt Mini Schulz lachend.

Er weiß, dass er seinen drei Söhnen und seiner Frau manchmal viel abverlangt hat. Auch die Lage des BIX im Stuttgarter Leonhardsviertel hätte erst mal viele abgeschreckt. Die Nähe zur „wirklich erbärmlichen Prostitutionsnummer, die da läuft“ sei schade. Das habe das Viertel und die Stadt nicht verdient, glaubt Mini, weil es hier um einen verachtenswerten Umgang mit Menschen gehe – und Menschen, besonders wenn es Stuttgarter sind, liegen ihm am Herzen. Deswegen ist er ohne zu zögern in die Räume gezogen. Auch um mit einer Wiederbelebung des Viertels voran zu gehen. Und der Plan scheint aufzugehen.

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Mini nennt die „Theo“ liebevoll „Bumsmeile“

Mini ist ein Mann, der im Hier und Jetzt lebt – er neigt nicht dazu, vergangen Zeiten nachzutrauern, wie mancher seiner betagteren Gäste. Auch nicht denen, als die beliebtesten Clubs in Stuttgart noch in Jazz-Kellern waren und nicht an der Theodor-Heuss-Straße – die er übrigens liebevoll „Bumsmeile“ nennt. Das müsse man halt wollen, aber das echte Stuttgart sei das nicht. „Und echte 0711er wissen das.“ Mini hat sich die 50er Jahre einfach ins BIX geholt – und trotzdem lässt er jede Menge Innovationen zu, er will experimentieren und alle Leute, von 18 bis 80, in seinen Laden holen. Das gelingt ihm auch ganz gut. Vielleicht liegt es an der Faszination, die Mini für seine Sache mitbringt.

Es waren schon immer die Spinner, die Verrückten, die Musik gemacht haben. Und hier in Stuttgart wissen das die Menschen und sie lieben es.

Deswegen kämen die Leute in seinen Club: weil sie es wollen. Das sagt Mini ohne herablassend zu wirken. So sei es eben. Und was ist das berühmte Geheimrezept? Keines zu haben! Die Türen aufmachen und mit guten Freunden loslegen, das wollte er – und musste dann erst mal lernen, dass es so einfach eben doch nicht geht.

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Es kam kaum einer vorbei. Damit musste er lernen umzugehen. „Dann ist eben auch mal trocken Brett fressen angesagt“, sagt Mini Schulz und zuckt mit den Schultern. Es scheint nichts zu geben, was den 51-Jährigen schocken könnte. Vielleicht hat er dafür einfach schon zu viel erlebt. „Hier sind einfach noch ein paar echte Typen unterwegs“, sagt Mini. Hier fühlt er sich als richtiger 0711er, wie nirgendwo sonst in der Stadt. Irgendwas, dass er sich noch wünscht fürs BIX? „Das wir weiter so die Nase im Wind haben. Das wir so neugierig bleiben. Und das, solange wie es nur irgendwie geht.“

Das wünschen wir dir, lieber Mini, auch. Wir sagen Danke und hoffen, dass dein unstillbarer Durst, für unsere Mutterstadt was auf die Beine zu stellen, nie gestillt sein wird.

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NAME … Mini Schulz – ALTER … 51

HERKUNFT … Stuttgart

WAS ICH SO MACH’ … Sachen machen + Bass spielen

MEIN LIEBLINGSORT IN STUTTGART IST … das BIX

GLÜCKLICH MACHEN KANN MAN MICH MIT … Ingwerstäbchen

MEIN PERFEKTES WOCHENENDE VERBRINGE ICH MIT … Musik

ICH KANN NICHT OHNE … Liebe + Bass

DAS MACHE ICH, WENN KEINER ZUSCHAUT … pff – sag’ ich nicht

ICH WÜRDE NIEMALS … Querflöte spielen

ICH LIEBE AN STUTTGART … Das offene Publikum und die Kulturszene

ICH HASSE AN STUTTGART … Kurzsichtigkeit

WENN NICHT STUTTGART, DANN … Nizza

DAS HABE ICH IMMER IM GEPÄCK … meinen Bass

WENN ICH MORGENS AUFSTEHE, MACH ICH DAS IMMER ZUERST … Ingwertee

SO KRIEGT MAN MICH RUM … Skifahren + Berge

WENN ICH DIE FREIE WAHL HÄTTE, WÜRDE ICH HEUTE ABENDESSEN MIT … guten Freunden

UND ZWAR WO? … bei Vincent

STUTTGART, ICH WOLLTE DIR SCHON IMMER EINMAL SAGEN … immer schön über den Kraterrand hinaus sehen!

 

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