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In der Serie „0711er der Woche“ stellen wir euch jeden Montag einen Stuttgarter vor, den man unter Umständen kennt – und doch nicht so recht kennt. Leute, die unsere Stadt durch ihr Schaffen auf verschiedenste Art bereichern, aber oftmals doch im Hintergrund bleiben. Menschen wie du und ich, die ihren Teil dazu beitragen, dass Stuttgart das ist, was es ist: unsere Stadt, die Mutterstadt. Nachdem wir mit dem jeweiligen 0711er etwas Zeit verbringen, verewigen sie sich in unserem 0711er Buch.


Zugegeben, Miriam hat wahrhaftig einen grünen Daumen. Und nicht nur das: Sie nimmt die Dinge selbst in die Hand, denn Werkeln ist so richtig ihr Ding. Sie sägt, schraubt und bohrt par excellence. Und neben all dem ist sie auch noch Designerin. Ein Gespräch mit Stuttgarts kreativem Kind.

Ein Text von Valentina mit Fotos von Saeed

Kurzes lockiges Haar umspielt ihr Gesicht. Ein herzliches Lachen huscht ihr über die Lippen und lässt ihre stahlblauen Augen leuchten. Kaum geschminkt und doch sieht sie fabelhaft aus – und das um diese Uhrzeit (Freitag, 9 Uhr!). Rote Lippen und rosige Wangen. Hach, herrlich! Wir sind schon jetzt begeistert und drehen die Uhr um ein paar Jährchen zurück. Miriam wird am Killesberg groß und macht ihr Abitur im Kessel. Eine Stuttgarterin wie aus dem Bilderbuch. Waschecht. Und dann? Erstmal die übliche Selbstfindungsphase: Was soll ich nur mit mir anfangen? Und wo will ich überhaupt hin? Unsere 0711erin wird Schreinerin. Schleifen bis die Holzspäne fliegen.

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Nach dem Abitur wusste ich nicht so recht, was ich machen soll.

Die Bastlerin

Später, an der Akademie der Bildenden Künste, lernt sie das Handwerk der Produktdesigner. Fünf Jahre lang tobt sie sich in den Werkstätten im Stuttgarter Norden aus. Sie baut Stühle, gießt Porzellangefäße, bedruckt T-Shirts und bindet Bücher. Für ein halbes Jahr flirtet sie mit den Franzosen und wirft bei einem Praktikum in Paris einen Blick auf die Arbeiten von Marc Newson (DER preisgekrönte, australische Designer schlechthin). Lachend gesteht sie: „Mir war damals gar nicht klar, wie bekannt er wirklich ist.“

Weg vom Produktdesign hin zu Designkonzepten, denn der Interior-Bereich hat’s ihr schon immer angetan. Als kreativer Kopf leistet sie sechs Jahre lang einer großen Agentur in Stuttgart Gesellschaft und gestaltet vor allem Schaufenster. Vor vier Jahren wagt unsere liebe Miriam mit der Selbstständigkeit ihr Glück. Eigene Ideen, eigene Kunden. Die Tüftlerin gestaltet fortan Innenräume und Messestände und experimentiert en masse. Sie bandelt mit Berlin an und liebäugelt mit der Mode (geht ja gar nicht anders, wenn man mal das französische Chic erleben durfte!). „Manchmal“, erinnert sie sich, „dachte ich: ‚Hä? Was mach’ ich denn jetzt eigentlich?’“ und schmunzelt. Im Mittelpunkt bei alldem, weiß sie mittlerweile, steht der räumliche Aspekt.

Ich wollte einfach probieren frei zu sein und auf eigenen Beinen zu stehen.

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Der Homie

Und doch kehrt unsere 0711erin immer wieder heim in den Kessel. „Mein Herz schlägt total für Stuttgart“, erzählt sie uns. Miriam genießt die Überschaubarkeit und Vielfältigkeit und schätzt, dass jeder Stadtteil doch so unterschiedlich ist. Wer kann schließlich stolz schon von sich behaupten, einmal in jedem Viertel gewohnt zu haben?

Als letztes Jahr direkt bei ihr ums Eck im Heusteigviertel ein Laden übergangsweise leer steht, fackelt sie nicht lange. Mit Phyllis, ihrem kontemporären Pflanzenkonzept, setzt sie auf die Freiberuflichkeit noch einen drauf und macht die Stadt ein wenig grüner. Wie sie zu den Gewächsen kam? Bei ihrer Freundin Regina Fasshauer (blooms) bindet sie schon länger Blumensträuße und findet schnell Gefallen daran. Als ein Büro vor etwa zwei Jahren eine Pflanzeninstallation wünscht, entdeckt Miriam ihren grünen Daumen. Von da an ist die Gärtnerei Schäfer in Vaihingen ihr Partner in Crime, der wichtige Ratschläge gibt.

Abgesehen davon, dass Zimmerpflanzen gerade ohnehin ein Revival erleben, sind sie nicht nur schön, sondern haben auch einen Sinn.

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Zurück zu ihrem „Baby“: Vier Monate lang arrangiert die Pflanzenliebhaberin auf 20 Quadratmetern vier verschiedene Themen und Gewächse und zeigt damit, dass auch Pflanzen Design können (Danke, liebes Stadtkind – 1A-Textvorlage!). Mit ihrer grünen Oase auf Zeit interpretiert Miriam den Raum immer wieder aufs Neue und kann den Menschen vermitteln, was sie eigentlich so macht. Neben Farn gibt’s angesagte Kakteen, fancy Begonien und eine Badewanne voller Orchideen (die jetzt übrigens Miriams Garten schmückt) zu bestaunen.

Orchideen machen einfach gute Laune!

Wachsen und gedeihen

Miriam lernt jung und alt aus dem Viertel kennen. „Pflanzen sind ‘was total persönliches, jeder hat eine eigene Geschichte zu ihnen“, weiß unsere 0711erin. Weitere Projektanfragen flattern ins Haus, denn ihr Schaffen zieht Blicke auf sich. Im Winter installiert sie eine Pflanzenwand in der Latteria am Marienplatz, die ab März wieder zur Gelateria wird. Ein Experiment. Alle zwei Wochen schaut sie nach ihren Schätzen und gießt sie. „Ich mag’s, mit den Pflanzen in Kontakt zu bleiben und zu schauen, ob’s allen gut geht. Das Lebendige macht mich total glücklich, da kann ich abtauchen“, gesteht sie. Gleichzeitig hat sie über die dunklen Monate eine Mini-Installation im Local-House.

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Phyllis war für Miriam viel mehr als nur eine Eintagsfliege, mit der sie ausprobiert, wie es eigentlich ist, einen eigenen Laden zu betrieben. „Die Idee soll immer wieder in Stuttgart auftauchen“, erzählt die Designerin. Deshalb kann ab 23. März zwei Monate lang im LÀ POUR LÀ (mehr über Maria an dieser Stelle) ein Blick auf Miriams blumige Arrangements geworfen werden. So viel sei schon jetzt verraten: es wird bunt, laut und knallig, denn starke Farben mag unsere grüne Fasern-Freundin so richtig gern.

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Bei all ihrem Tun darf ihre halbe Stelle bei DESIGNPLUS nicht vergessen werden, für die sie übrigens ihr erstes Pflanzenkonzept erstellt hat. Kreatives Austoben meets klare Strukturen – die Mischung macht’s eben. Und wer hätte es gedacht? Miriam hat noch weitere verborgene Stärken: Sie illustriert. Den Flyer zum Phyllis-Konzept zum Beispiel.
Grüne äh, große Gedanken für die Zukunft? Eigenständig und unabhängig möchte sich die Designerin weiterentwickeln und mit ihren Ideen wachsen. Und wer weiß, vielleicht wird sie irgendwann die Feinstaubwand aus Moos für unseren Kessel gestalten.

 

Miriam, behalte dir deine kreative Ader bei und kredenze uns weiterhin so viele coups de coeur, wenn wir auf Streifzug durch unsere Wahlheimat sind.

Miriams virtuelles Zuhause
Miriam @ Facebook
Phyllis @ Facebook

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NAME … Miriam Köpf – ALTER … 40

HERKUNFT … Stuttgart – STADTTEIL … Süd

WAS ICH SO MACH’ … InteriorDesign, Styling, Illustration, Räume mit Pflanzen.

MEIN LIEBLINGSORT IN STUTTGART IST … das Bad Berg.

GLÜCKLICH MACHEN KANN MAN MICH MIT … einer Tüte Chips,

MEIN PERFEKTES WOCHENENDE VERBRINGE ICH MIT … Blooms, Basti und vielen Zeitungen.

ICH KANN NICHT OHNE … Schlaf, Kaffee & frischer Luft.

DAS SOLLTE MAN GESEHEN HABEN … Delphine im Meer.

DAS MACHE ICH, WENN KEINER ZUSCHAUT …  Trash-Loveserien auf Netflix anschauen.

ICH WÜRDE WERDE NIEMALS … unfair oder versuche es zumindest.

ICH LIEBE AN STUTTGART … seinen fetten Kessel und die Berge drumherum.

ICH HASSE AN STUTTGART … den Dreck in der Luft.

WENN NICHT STUTTGART, DANN … Paris.

DAS HABE ICH IMMER IM GEPÄCK … Musik.

WENN ICH MORGENS AUFSTEHE, MACH ICH DAS IMMER ZUERST … zum Bäcker Weible eine Butterbrezel essen gehen.

SO KRIEGT MAN MICH RUM … mit Witz.

WENN ICH DIE FREIE WAHL HÄTTE, WÜRDE ICH HEUTE ABENDESSEN MIT … allen meinen Liebsten.

UND ZWAR WO? … in Tokyo.

STUTTGART, ICH WOLLTE DIR SCHON IMMER EINMAL SAGEN … du bist schöner als du denkst.

 

Valentina Kress
Author

Fast-Französin und Vollblut-Stuttgarterin, will Journalistin werden, wenn sie groß ist. Weil das so schön abenteuerlich klingt.

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