0711blog_0711er der Woche_Refugee Welcome To Stuttgart_26 In der Serie „0711er der Woche“ stellen wir euch jeden Montag einen Stuttgarter vor, den man unter Umständen kennt – und doch nicht so recht kennt. Leute, die unsere Stadt durch ihr Schaffen auf verschiedenste Art bereichern, aber oftmals doch im Hintergrund bleiben. Menschen wie du und ich, die ihren Teil dazu beitragen, dass Stuttgart das ist, was es ist: unsere Stadt, die Mutterstadt. Nachdem wir mit dem jeweiligen 0711er etwas Zeit verbringen, verewigen sie sich in unserem 0711er Buch.

Es gibt viele Möglichkeiten, sich in der Integrationshilfe zu engagieren. Auch wenn sich die Flüchtlingszahlen im letzten Jahr verringert haben, viele leben inzwischen hier, sind aber noch nicht wirklich angekommen. Patricia Söltl hat ihre ganz eigene Methode gefunden, den Geflüchteten zu helfen. Zusammen mit ihrer Freundin Karin Braig betreibt sie die Facebook-Seite „Refugees, Welcome to Stuttgart“.

Ein Text von Niko mit Fotos von Saeed

„Meine Idee war ein schwarzes Brett für Geflüchtete und Menschen, die ihnen helfen wollen“, erzählt Patricia. Genau nach diesem Prinzip funktioniert „Refugees, Welcome to Stuttgart“. Wer etwas sucht oder zu verschenken hat, postet auf die Facebook-Seite. Wer anonym bleiben will, kann eine Nachricht schreiben, die dann ohne Namen veröffentlicht wird. Seit Ende 2014 betreut unsere 0711erin der Woche die Community für Menschen, die Hilfe brauchen und solche, die helfen wollen.

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Neben ihrem Beruf als Logopädin engagierte sie sich schon länger im Freundeskreis Stuttgart-West für Flüchtlinge. „Ich habe mich entschieden zu helfen, als ich das erste Mal in so einer Unterkunft war. Für mich schwer auszuhalten, dass Menschen in einer reichen Stadt wie Stuttgart so eingeschränkt leben müssen.“ Während ihrer Engagement merkte Patricia schnell, wie schwierig die Integrationsarbeit sein kann. „Das sind alles Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen. Der eine braucht vielleicht einen Laptop, der andere Hilfe bei seiner Bewerbung. Oft werden massenweise Säcke mit Kleidung vor die Flüchtlingsunterkünfte gelegt. Wir wollten aber gezielter helfen.“

Es war für mich schwer auszuhalten, dass Menschen in so einer reichen Stadt so eingeschränkt leben müssen.

Mit dieser Idee im Kopf, gründete Patricia eines Abends eine Facebook-Gruppe mit dem Namen „Refugees, Welcome to Stuttgart“. Dachte sie zumindest: „Das alles war eigentlich ein Fehler. Ich hab aus Versehen eine öffentliche Seite erstellt, statt einer geschlossenen Gruppe. Als ich am nächsten Morgen auf Facebook geschaut hab, hatte die Seite schon 300 Likes.“ Schnell war unserer 0711erin der Woche klar, dass das Ganze vielleicht größer wird als gedacht. Sie bat ihre Freundin Karin Braig um Hilfe. Die zwei Frauen kennen sich aus der Flüchtlingshilfe. Seitdem sind die beiden ein Team, und das mit Erfolg – mittlerweile hat ihre Seite über 17 000 Likes.

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Zwei Jahre nach dem Start des Projekts hat sich Patricias Leben in Stuttgart verändert. Die gebürtige Niederb
ayerin fand schon immer großen Gefallen daran, anderen Menschen zu helfen. Sie absolvierte nach dem Abitur ein freiwilliges soziales Jahr in der Behindertenhilfe. Danach machte sie eine Lehre zur Logopädin und arbeitete 13 Jahre im Olga-Hospital in Stuttgart-Mitte.

Als ihre Facebook-Seite dann durch die Decke ging, vernetzte sich Patricia immer mehr mit den gemeinnützigen Organisationen der Stadt. Das Ehrenamt wurde immer mehr zu ihrer Hauptbeschäftigung. Deshalb beschloss sie sich versetzten zu lassen und arbeitet seitdem beim Jugendamt. Wenn Patricia über ihre neue Arbeit spricht, leuchten ihre Augen. Auf dem Flyer von „Refugees, welcome to Stuttgart“ steht: Wer nicht teilt, der nicht gewinnt. Dieses Motto lebt sie.

Wenn ich anderen helfen kann bin ich glücklich.

Doch am Anfang bekamen die beiden Frauen nicht nur Zuspruch für ihr Engagement. „Schnell war der Vorwurf da, wir würden eine Bestellkultur fördern“, erinnert sich Patricia. Doch „Refugees, Welcome to Stuttgart“ soll keine anonyme Austauschplattform sein. Wer etwas braucht, muss es persönlich beim Spender abholen. „Wir wünschen uns, dass durch die Seite echte Kontakte entstehen. Wenn eine Mutter aus Stuttgart einer geflüchteten Mutter aus Syrien einen Kinderwagen schenkt, kommen die zwei hoffentlich ins Gespräch. Vielleicht entwickelt sich daraus sogar eine richtige Freundschaft.“

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Auch eine Frohnatur wie Patricia weiß, dass eine neue Umgebung manchmal nicht so einfach sein kann. Nach dem Abi zog sie für ihre Ausbildung nach Ulm, danach nach Ingolstadt und dann nach Stuttgart. „Ich habe immer sehr schnell Anschluss gefunden. Trotzdem ist es irgendwie schwierig, da jeder schon seinen Freundeskreis hat. Man erlebt nette erste Kontakte, aber bis das tiefer geht, braucht es seine Zeit. Wenn dann jemand unsere Sprache nicht spricht, ist das noch hundertmal schwerer!“

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20 Jahre nach ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr in der Behindertenhilfe hat sich der Kreis für Patricia geschlossen. Sie hat fest vor, noch lange in der Flüchtlingshilfe zu arbeiten. In ihrer neuen Tätigkeit geht die Menschenfreundin voll auf: „Einmal wurde einem Jungen sein Smartphone gestohlen. Er ist allein nach Deutschland gekommen. Das Handy war seine einzige Kontaktmöglichkeit in die Heimat, ein neues konnte er sich nicht leisten. Da hat er uns angesprochen und wir haben das gepostet. Schon am nächsten Tag hat ihm jemand ein Handy vorbeigebracht. Er hat tagelang nur noch gestrahlt. Sowas macht mich selbst unglaublich glücklich.“

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Liebe Patricia, mit deiner herzlichen Art hast Du uns im Nu erobert. Toll, dass es in Stuttgart so engagierte und selbstlose Menschen wie Dich gibt. Wir hoffen, dass du noch sehr lange Spaß daran hast, anderen Menschen zu helfen!

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NAME … Patricia Söltl – ALTER … 40

HERKUNFT … Niederbayern

STADTTEIL … Ost

WAS ICH SO MACHE … Yoga, Lesen, Freunde treffen, Reisen, Träumen, Baden.

MEIN LIEBLINGSORT IN STUTTGART IST … Villa Berg Park.

GLÜCKLICH MACHEN KANN MAN MICH MIT … Schokolade.

MEIN PERFEKTES WOCHENENDE VERBRINGE ICH MIT … lieben Freunden in der freien Natur.

ICH KANN NICHT OHNE … Luft , Liebe, Lachen und Kommunikation!

DAS SOLLTE MAN GESEHEN HABEN … Ein Faultier.

DAS MACHE ICH, WENN KEINER ZUSCHAUT … Augen zu und durch die Wohnung tanzen.

ICH WÜRDE NIEMALS … Die AfD wählen.

ICH LIEBE AN STUTTGART … Die Vielfalt und die Menschen.

ICH HASSE AN STUTTGART …  Den Feinstaub und den Perfektionismus.

WENN NICHT STUTTGART, DANN … Barcelona.

DAS HABE ICH IMMER IM GEPÄCK … Blistex für die Lippe.

WENN ICH MORGENS AUFSTEHEN, MACHE ICH DAS IMMER ZUERST … Kaffee.

SO KRIEGT MAN MICH RUM … Das wird besser nicht verraten…

WENN ICH DIE FREIE WAHL HÄTTE, WÜRDE ICH HEUTE ABENDESSEN MIT … Robinson Crusoe.

UND ZWAR WO? … Auf einer tropischen Insel.

STUTTGART, ICH WOLLTE DIR SCHON IMMER EINMAL SAGEN … Trau dich mal öfter, was Neues auszuprobieren!

Niko Kappel
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