0711er der Woche_0711blog_Philip Gnadt_Gaza Surf Club_by Saeed--1120988

In der Serie „0711er der Woche“ stellen wir euch jeden Montag einen Stuttgarter vor, den man unter Umständen kennt – und doch nicht so recht kennt. Leute, die unsere Stadt durch ihr Schaffen auf verschiedenste Art bereichern, aber oftmals doch im Hintergrund bleiben. Menschen wie du und ich, die ihren Teil dazu beitragen, dass Stuttgart das ist, was es ist: unsere Stadt, die Mutterstadt. Nachdem wir mit dem jeweiligen 0711er etwas Zeit verbringen, verewigen sie sich in unserem 0711er Buch.


Er ist gekommen, um zu studieren – und geblieben, weil Stuttgart die “richtige Mische” hat. Im Kessel findet Philip Gnadt Anonymität und Gemeinschaft gleichermaßen. In seinen Filmen erzählt er außergewöhnliche Geschichten. Die Hintergründe dazu hat er uns bei einem netten Pläuschchen verraten.

Ein Text von Carina und Alessandra mit Fotos von Saeed

Dass Philip heute als Regisseur vor uns steht, verdanken wir Enid Blyton und den “fünf Freunden” – genauer gesagt: den, so findet Philip, schlechten Filmemachern der gleichnamigen Serie aus den 80er-Jahren. Während die Kinder in der Frankfurter Nachbarschaft gespannt die Abenteuer auf der Mattscheibe verfolgten, dachte sich Philip nur, dass der Film als Medium doch mehr zu bieten haben müsse als das, was da vor ihm flimmerte. Sein Wunsch: dass die Serie mehr Gefühle transportiere – jene Gefühle,  die fünf Freunde Bücher in ihm selbst auslösten.

So kribbelte es unserem 0711er der Woche bereits mit 14 Jahren in den Fingerspitzen, schon da wusste er, irgendwann wollte er selbst Regie führen. Dass das nicht nur die Flausen im Kopf eines Jungen waren, zeigte sichkurz darauf. Während Philips Zeit als Zivi machte er Nägel mit Köpfen und reichte seine Bewerbungen bei zahlreichen Filmhochschulen ein. Seine nächste Station sollten entweder Potsdam, Babelsberg, Köln, Ludwigsburg oder München heißen. Doch in seinem Briefkasten landete eine Absage nach der anderen. Fair enough, meint Philip heute.

Wenn ich mir jetzt meine Bewerbungsfilme anschaue, weiß ich selbst nicht, ob ich mich damals genommen hätte.

0711er der Woche_0711blog_Philip Gnadt_Gaza Surf Club_by Saeed--1120955

Den Traum aufzugeben, in der Filmbranche mitzumischen, war keine Option. Plan B war die Ausbildung zum Toningenieur. Den Titel holte er sich an der Frankfurter School of Audio Engineering, anschließend arbeitete er fünf Jahre als Kameraassistent für den hessischen Rundfunk und ein paar Produktionsfirmen. Als im Jahr 2000 der “Neue Markt” zusammenbrach, standen die Jobaussichten jedoch unter keinem guten Stern. Das schien für Philip der richtige Zeitpunkt zu sein, die Sache mit dem Studium noch mal in Angriff zu nehmen.

0711er der Woche_0711blog_Philip Gnadt_Gaza Surf Club_by Saeed--1120738

An dieser Stelle kommt nun endlich unsere Mutterstadt ins Spiel, denn für das Studium Audiovisuelle Medien zog es ihn an die Hochschule der Medien. Philip kam mit viel Tatendrang und Enthusiasmus in Stuttgart an. Er wollte direkt loslegen mit dem Filme drehen, wurde aber ganz schnell von Physik und dessen kleinem “Arschl***-Bruder” Mathe ausgebremst. Das Studium war theoretischer als gedacht, damit der Spaß dabei nicht auf der Strecke blieb, gründeten Philip und ein paar Kommilitonen deshalb das „tanztee-kollektiv“ – sozusagen eine Selbsthilfegruppe mit dem Motto „dann machen wir halt selber was“.

Unter diesem Namen starteten die Studenten erste Projekte wie Musikvideos und bekamen schnell den einen oder anderen Job. Um später größere Aufträge an Land zu ziehen, mussten sie etwas seriöser werden und benannten sich deshalb um: in „Substanz Film“. Von der ursprünglichen Studentengruppe ist Philip der einzige, der dem Namen bis heute treu geblieben ist. Er konnte in der Industrie gut Fuß fassen und betreut hier in der Region die üblichen Verdächtigen als Kunden.

0711er der Woche_0711blog_Philip Gnadt_Gaza Surf Club_by Saeed--1120716

Doch Philip wäre nicht unser 0711er der Woche, wenn da nicht noch mehr über ihn zu sagen wäre. Die Industriekunden habe er, um Leben zu können, sagt er.  Viel interessanter is,  was er „nebenher“ macht: Dokumentarfilme. Und zwar solche, die die Welt noch nicht gesehen hat. Das beste Beispiel ist sein jüngstes Projekt „Gaza Surf Club“. Der Film handelt von jungen Menschen, die in Gaza unter dem Regime der Hamas leben. Vor allem durch die israelische Blockadepolitik sind sie auf dem schmalen Streifen zwischen Israel und Ägypten gefangen. Kein Schiff legt dort an, kein Flugzeug hebt ab. Wege, dem dauerhaften Ausnahmezustand und religiösen Fanatismus zu entkommen, gibt es so gut wie nicht. Durch das Surfen im Mittelmeer hat ein kleiner Teil der jungen Generation ihre Art des Protests gefunden, mit dem sie sich ein kleines Stückchen Freiheit schaffen. Philip und sein Team haben die Jugendlichen dieser Grenzregion begleitet und ihre Träume und Hoffnungen, welche die ältere Generation längst aufgegeben hat, auf die Leinwand gebracht. Wir lauschen gespannt, wie es zu diesem außergewöhnlichen Projekt kam.

0711er der Woche_0711blog_Philip Gnadt_Gaza Surf Club_by Saeed--1120919

Alles hatte seinen Anfang an der HdM, wo Philip einen guten Freund fand, der ursprünglich aus Gaza kam und der mit seinen Geschichten verschiedene Blickwinkel des Lebens in dieser Region beleuchtete. Angefixt von diesem Thema, las Philip viel über das Leben der Menschen in Gaza und stieß schließlich auf einen Artikel, der von Surfern handelte. Er stellte sich selbst die Frage, die er sehr häufig hört, wenn die Menschen seinen Filmtitel lesen: „Gibt’s das wirklich?“. Das war die Geburtsstunde seines Dokumentarfilms. Philip, ganz on fire, recherchierte, nahm Kontakte auf und wollte am liebsten sofort los. Es gab nur ein Problem: Er spricht kein Arabisch. Die Lösung hieß Mickey Yamine, er wuchs in Kairo auf, studierte in Potsdam und war von nun an Philips Produzent, Dolmetscher und Co-Regisseur.

0711er der Woche_0711blog_Philip Gnadt_Gaza Surf Club_by Saeed--1120721

Da standen die beiden nun, mit einer großen Idee und wenig Budget. Ihr Kapital war viel Energie und Leidenschaft, die sie in das Filmförderungsprojekt der Robert Bosch Stiftung investierten und am Ende mit einer ordentlichen Summe als Anfangsfinanzierung belohnt wurden. Nun fiel der Startschuss für die nervenaufreibende Recherche-Reise in ein Krisengebiet. Über Ägypten und die Wüste Sinai traten Philip, Mickey und ihr Kameramann Niclas Reed Middelton eine Fünf-Stunden-Taxifahrt an, bei der die Angst vor einer Entführung ein ständiger Begleiter war. In Gaza angekommen, verflüchtigte sich diese Angst jedoch nach und nach – durch die herzliche Gastfreundschaft der Einwohner. Was blieb, war die Bedrücktheit beim Anblick der katastrophalen Zerstörung. Auch das beklemmende Gefühl, nun ein stückweit zu den Gefangenen in diesem schmalen Streifen zu gehören, machte Philip zu schaffen.

Ich habe diesen Druck auf der Brust gespürt, bei dem Gedanke hier festzustecken, wenn etwas passieren sollte. Eine schnelle Ausreise war einfach nicht möglich.

0711er der Woche_0711blog_Philip Gnadt_Gaza Surf Club_by Saeed--1120946

Mit den inspirierenden Eindrücken, die sie sammeln konnten, beendeten die drei ihre Recherche-Reise. Sie trafen Vorbereitungen, feilten an ihrem Konzept und kehrten schließlich anderthalb Jahre später, im Oktober 2014, zum Dreh zurück. Dieses Mal war der Weg über die Wüste Sinai abgeschnitten. In Ägypten hatte das Regime gewechselt und die Grenze zu Gaza wurde mehr oder weniger dicht gemacht. Der alternative Einreiseweg führte die Jungs über Israel und bedeutete viel Papierkram. Mit zahlreichen Genehmigungen und dem benötigten Presseausweis in der Tasche setzten sie ihre Reise fort.

Der nächste Stopp war das Pressebüro in Gaza, um von der Hamas-Regierung die Drehgenehmigung zu erhalten. „Es mag verwunderlich klingen, dass bei dem Ausmaß der Zerstörung und des Krieges ein intaktes Pressebüro vorzufinden ist, aber aus den Gründen des Ausnahmezustands zieht es viele Journalisten dort hin“, erzählt Philip. Waren die Formalitäten erst einmal geklärt, so verlief der Dreh erstaunlich unkompliziert verrät uns der abenteuerlustige Regisseur. „Die Menschen in Gaza sind total an Kameras gewöhnt, echt krass, da wundert sich keiner, wenn du filmend durch die Gegend läufst.“ Für Beunruhigung sorgten etwa Szenen wie das Abschießen einer Rakete. Eine Untergrundorganisation feuerte sie auf das Meer ab, wobei ein lauter Schlag ertönte und sich Rauchwolken am Himmel bildeten.

Unser gazaischer Tonmann meinte, es sei nur eine Testrakete gewesen – also ging die Arbeit weiter.

0711er der Woche_0711blog_Philip Gnadt_Gaza Surf Club_by Saeed--1120688

Philip wollte mit „Gaza Surf Club“ einen anderen Blickwinkel beleuchten, weg von den üblichen politischen Aufhängern, den Bomben, den Flüchtlingen und der Grenzproblematik. Sein Ziel war es, die Menschen in den Fokus zu rücken, die so viel aufbringen, um ihre Leidenschaft leben zu können. Ihr Einsatz, für die Liebe am Surfen, beginnt bereits bei der Einführung der Boards. In Gaza gibt es große Mängel an Lebensmittel und Benzin und die Nachfrage an Surfbrettern steht nicht gerade an dritter Stelle. Außerdem kommt erschwerend hinzu, dass die Israelis in dem Surfsport eine Bedrohung sehen. Sie befürchten eine Flucht über den Wasserweg. Ein Surfer ist so flach auf dem Wasser, dass er unter dem Radar durchschwimmen könnte. Unterstützung bei der Einführung der Surfbretter leisten die beiden Organisationen „Surfing 4 Peace“ und „Explore Corps“. Die Initiatoren Arthur Rashkovan und Matthew Olsen nehmen große Anstrengungen auf sich, um den Jugendlichen aus Gaza das Wellenreiten zu ermöglichen.

Die „faszinierenden Einblicke“ von Gaza Surf Club, wie der Hollywood Reporter schreibt, könnt ihr euch in ausgewählten Kinos anschauen oder ab Herbst auf DVD. Es lohnt sich!

Lieber Philip, wir hoffen, du schenkst uns noch viele weitere Filme, die so eindrucksvolle Geschichten erzählen und freuen uns darauf, deinen Namen bald wieder auf der Leinwand zu sehen. Oder über einem Liegestuhlverleih am Marienplatz.

0711er der Woche_0711blog_Philip Gnadt_Gaza Surf Club_by Saeed--1120943

NAME … Philip Gnadt – ALTER … 42
HERKUNFT … Frankfurt am Main – STADTTEIL … Süd

WAS ICH SO MACH’ … Bewegte Bilder

MEIN LIEBLINGSORT IN STUTTGART IST … Die Karlshöhe

GLÜCKLICH MACHEN KANN MAN MICH MIT … einer Wohnung mit Garten in Stuttgart

MEIN PERFEKTES WOCHENENDE VERBRINGE ICH MIT … Familie, Grill und gutem Wetter am Bodensee

ICH KANN NICHT OHNE … Freunde

DAS SOLLTE MAN GESEHEN HABEN … die Doku „Bottled Life – Das Geschäft mit dem Wasser“

DAS MACHE ICH, WENN KEINER ZUSCHAUT … die Sauce vom Teller lecken

ICH WÜRDE NIEMALS … Nie sagen

ICH LIEBE AN STUTTGART … die Unaufgeregtheit

ICH HASSE AN STUTTGART … dass der Neckar im wesentlichen der Industrie vorbehalten ist.

WENN NICHT STUTTGART, DANN … Hamburg

DAS HABE ICH IMMER IM GEPÄCK … Zigaretten

WENN ICH MORGENS AUFSTEHE, MACH ICH DAS IMMER ZUERST … Windeln wechseln

SO KRIEGT MAN MICH RUM … mit einem LETZTEN Bier

WENN ICH DIE FREIE WAHL HÄTTE, WÜRDE ICH HEUTE ABENDESSEN MIT … meinen Großeltern väterlicherseits, die leider viel zu früh verstorben sind.

UND ZWAR WO? … Augustenstüble

STUTTGART, ICH WOLLTE DIR SCHON IMMER EINMAL SAGEN … schade, dass du keine Badeseen hast, aber ansonsten bist du ne ziemlich coole Socke.

Write A Comment