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In der Serie „0711er der Woche“ stellen wir euch jeden Montag einen Stuttgarter vor, den man unter Umständen kennt – und doch nicht so recht kennt. Leute, die unsere Stadt durch ihr Schaffen auf verschiedenste Art bereichern, aber oftmals doch im Hintergrund bleiben. Menschen wie du und ich, die ihren Teil dazu beitragen, dass Stuttgart das ist, was es ist: unsere Stadt, die Mutterstadt. Nachdem wir mit dem jeweiligen 0711er etwas Zeit verbringen, verewigen sie sich in unserem 0711er Buch.


Wir waren dort, wo das Kreativbarometer ausschlägt, wo die Luft nach neuen Ideen riecht und der Boden vor herumströmender Energie nur so bebt. Dort, wo Schrott zu Kunst und Container zu einem Zuhause werden, ja genau dort ist das Quartier des Stuttgarter Kunstvereins Wagenhallen e.V. Inmitten der inspirierenden Container City, die auf dem Kulturschutzgebiet steht, haben wir Robin Bischoff getroffen. Er ist der Mann, der den Künstlern den Rücken stärkt und ihr Kulturschaffen ermöglicht.

Ein Text von Carina mit Fotos von Fynn

Schon als jungen Architektur-Studenten zog es den gebürtigen Ludwigsburger zu den Wagenhallen. Damals war Robin Bischoff auf der Suche nach einem Projektraum, in dem er die Möglichkeit hatte, an seiner Semesterarbeit zu werkeln. Er hörte von leerstehenden Eisenbahnwagons auf dem Gelände nahe des Nordbahnhofs und war sofort Feuer und Flamme. Eines war Robin klar: Das sollte sein zukünftiger Arbeitsraum werden. Auch viele Musiker und Kunststudenten der Akademie bekamen Wind von den verlassenen Wagons und teilten Robins Begeisterung. Schnell war der Mietkauf mit DB Immobilien unterzeichnet und der neue Arbeitsplatz eingeweiht. Die bunte Mischung an Kreativen fühlte sich dort so wohl, dass es nicht lange dauerte, bis sie beschlossen, mit all ihrem Hab und Gut in die Wagons einzuziehen.

„Während meines Studiums war ich stolzer Bewohner eines Eisenbahnwagons. Mein neues Zuhause war drei Meter breit, elf Meter lang und wo andere einfach ein Dach hatten, hatte ich diesen wunderschönen Bogen.

Ein Badezimmer suchte man im neuen Heim vergeblich, dazu mussten die Bewohner in ein naheliegendes Haus spazieren. Das taten sie bei Wind und Wetter und im Sommer stand Freiluftduschen auf dem Programm. Sie gestalteten ihr Reich nach ihrer Fasson und bauten sich die Dinge, die sie brauchten, einfach selbst. So entstanden auch mehrere Terrassen mit schnieken Holzöfen vor den Wagons.

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Das Architekturstudium schusterte sich Robin so zusammen, dass es mehr zu einer Art Kunststudium wurde. Er schuf große Skulpturen, Installationen oder kreierte einen Film über Raum.

„Eigentlich wollte ich immer zu den Künstlern wechseln, aber ich war ja sowieso schon so eng mit ihnen zusammen, da konnte ich auch bei der Architektur bleiben.

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Das Universum scheint für Robin entschieden zu haben, dass genau hier in Stuttgart der Platz ist, an den er hingehört.

„Ich wollte schon immer nach Berlin ziehen und jedes Mal, wenn ich Ernst machen wollte, ist irgendwas passiert, dass mich hier gehalten hat.

Spannende Projekte, der Einzug in die Eisenbahnwagons oder der Einsatz für den Erhalt der Wagenhallen durchkreuzten die Umzugspläne unseres 0711ers. 2004 sollten die Wagenhallen dann eigentlich abgerissen werden – im Zuge des Großbauprojekts Stuttgart 21. Glücklicherweise entstand durch die Bauverzögerung ein Vakuum. Erstmal passierte nämlich nichts; die Bagger standen still. Die Künstler selbst hingegen kamen erneut in Bewegung. Sie gründeten den Kunstverein Wagenhallen e.V., mit dem sie sich gemeinsam vor der Stadt stark machten. Sie wollten das Gebäude als Künstlerwerkstatt nutzen. Ihr Vorhaben hatte Erfolg und ihr Verhandlungsgeschick bescherte ihnen schöne Ateliers in den Wagenhallen und eine großzügige Außenfläche davor.

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In den Jahren nach Vereinsgründung hat es immer mehr Künstler zu den Wagenhallen gezogen und es waren nun 120 Kreative, die dort zusammenarbeiteten. Trotz dem großen Zuwachs fror die Eigenpolitik der Künstler jedoch etwas ein. „Der Verein war eher ein Papiertiger für Kunstprojekte. Man hat ab und an mal ein größeres Theater- oder Architekturprojekt gemacht und dank des Vereins konnte man Fördergelder beantragen“, sagt Robin. Die Bildhauer, Maler, Architekten, Designer und Spieler des Großpuppentheaters waren alle so in ihre Arbeit vertieft, dass sich niemand um das große Ganze kümmern konnte. Es gab keinen Verwalter der Ateliers und des ganzen Gebäudes. Niemand war da, der bei der Stadtplanung einen Veto einlegte, wenn Pläne gemacht wurden, welche die Existenz der Künstler gefährdeten.

„Der Kunstverein musste dringend aus seinem Dornröschenschlaf aufwachen und das war wieder mal ein Grund für mich hier zu bleiben. Ich wollte mich voll und ganz für den Kunstverein einsetzen, welcher über die Jahre zu meinem Herzensprojekt wurde.

Robin gab seine Werkstatt auf, in der er leidenschaftlich gerne Installationen, Bühnenbilder, Filmkulissen, Innenarchitektur, Zeichnungen oder Videos gemacht hat und widmete sich einer höheren Mission. Seit 2014 kennt man unseren 0711er der Woche nun als 1. Vorsitzenden des Kunstvereins, der sich stets für das Wohl der Künstler einsetzt. Endlich gibt es jemanden, der die Politik über aktuelle Projekte auf dem Laufenden hält und aufzeigt, wie wertvoll das Schaffen der Künstler für Stuttgart ist. Als der Prinz Eisenherz des Vereins zieht Robin nun in die Schlacht und kämpft gegen Mieterhöhungen oder verteidigt das Gelände gegen externe Baumaßnahmen. Durch den regelmäßigen Dialog mit der Politik konnte der Kunstverein wachsen und mehr Chancen wahrnehmen. Die Kunst- und Kulturschöpfer bei den Wagenhallen danken es Robin, so können sie ganz ohne Druck ihren Projekten nachgehen.

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Was den künstlerischen Architekten an Berlin so fasziniert, ist die kreative Stimmung, die dort herrscht.

„Man lebt in einer Atmosphäre, die einfach freier ist. Man trennt nicht immer zwischen mein und dein, öffentlich oder privat. Die Berliner Bürger leben in einer tieferen Verbundenheit miteinander und sie beteiligen sich mehr am öffentlichen Geschehen.

Deshalb möchte Robin das Gelände des Kunstvereins ganz bewusst der Öffentlichkeit zugänglich machen. So können die Menschen und die Politik sehen, dass es bei den Wagenhallen nicht nur Veranstaltungen gibt, sondern dass es eigentlich eine Produktionsstätte für Kunst und Kultur ist. Es ist Robins Vision dieses Berliner Lebensgefühl auch nach Stuttgart zu bringen. Er wünscht sich eine Stadt, in der sich jeder einzelne Bürger einmischt und sich nicht damit abfindet, was die Politik so macht.

„Wir brauchen mehr Menschen, die ihre Stimme erheben und etwas bewegen.

Dieser Aufwind scheint in Stuttgart angekommen zu sein. Robin beobachtet, wie die Menschen weniger schimpfen und mehr Dinge gut finden.

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„Ich hoffe, dass diese Stimmung noch stärker wird und wir gemeinsam Projekte vorantreiben. Meine Idee wäre, mit der Einbindung des Neckars anzufangen.

Lieber Robin, mit dieser Idee rennst du bei uns offene Türen ein. Wir danken dir und deiner Mannschaft für die Kunst, in all ihren Facetten, die ihr unserer Mutterstadt schenkt und freuen uns darauf immer wieder Neues zu entdecken!

Zum Schluss rühren wir noch die Werbetrommel für den Kunstverein. Wer die kreativen Köpfe bei den Wagenhallen unterstützen möchte, kann für 30 Euro im Jahr Fördermitglied werden. Das Formular zum Ausfüllen gibt’s auf der Website des Vereins. Kleiner Tipp: In diesem Jahr lohnt es sich ganz besonders. Am 9. September ist ein Katalog-Release über die Ateliers in den Wagenhallen. Für Normalos kostet er 25 Euro, aber als Fördermitglied bekommt man ihn für umme. Win-Win.

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NAME … Robin Bischoff – ALTER … 45

HERKUNFT … Europa – STADTTEIL … Nord (-bahnhofviertel)

 

WAS ICH SO MACH’ … Kulturmanager / Künstler / Designer / Initiator

MEIN LIEBLINGSORT IN STUTTGART IST … Mineralbad Berg

GLÜCKLICH MACHEN KANN MAN MICH MIT … gemeinschaftlichem Denken

MEIN PERFEKTES WOCHENENDE VERBRINGE ICH MIT … meiner Freundin

ICH KANN NICHT OHNE … Ruhe

DAS SOLLTE MAN GESEHEN HABEN … Wagenhalle

DAS MACHE ICH, WENN KEINER ZUSCHAUT … Sport

ICH WÜRDE NIEMALS … aufgeben

ICH LIEBE AN STUTTGART … ihre Schönheit, die man erst entdecken muss

ICH HASSE AN STUTTGART … die Flucht vor Stuttgart

WENN NICHT STUTTGART, DANN … die Welt

DAS HABE ICH IMMER IM GEPÄCK … neue Wege

WENN ICH MORGENS AUFSTEHE, MACH ICH DAS IMMER ZUERST … Kaffee trinken

SO KRIEGT MAN MICH RUM … Fish ‘n Chips

WENN ICH DIE FREIE WAHL HÄTTE, WÜRDE ICH HEUTE ABENDESSEN MIT … meinen Freunden

UND ZWAR WO? … am Atlantik

STUTTGART, ICH WOLLTE DIR SCHON IMMER EINMAL SAGEN … wann darf ich wieder im Neckar baden?!

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