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In der Serie „0711er der Woche“ stellen wir euch jeden Montag einen Stuttgarter vor, den man unter Umständen kennt – und doch nicht so recht kennt. Leute, die unsere Stadt durch ihr Schaffen auf verschiedenste Art bereichern, aber oftmals doch im Hintergrund bleiben. Menschen wie du und ich, die ihren Teil dazu beitragen, dass Stuttgart das ist, was es ist: unsere Stadt, die Mutterstadt. Nachdem wir mit dem jeweiligen 0711er etwas Zeit verbringen, verewigen sie sich in unserem 0711er Buch.


Wo ist eigentlich dieser Österreichische Platz und welchen Einfluss hat man als Bürger auf das Geschehen in einer Stadt, auf den Ort, an dem man lebt? Mit Fragen wie diesen beschäftigt sich unser 0711er der Woche. Ob mit den „Stadtisten” oder „flügel.tv”, Filmkomponist und Musiker Thorsten Puttenat alias „Putte“ engagiert sich seit Jahren für ein tolerantes, offenes und vielfältiges Stuttgart. Wir trafen Putte auf ein Bier am Palast und hatten mächtig Spaß.

Ein Text von Alessandra mit Fotos von Felix

Eines der wichtigsten Dinge in Puttes Leben war schon immer die Musik. Geprägt von unzähligen Stunden des Müßiggangs am Böblinger Busbahnhof (damals der dritt gefährlichste Ort Deutschlands, wie Putte uns verrät), wandte sich der heute 42-Jährige in seiner Jugend früh dem Rap zu. „Damals hieß es noch Rap und nicht Hip Hop. Das war Ende der 80er Jahre – da hab‘ ich dann auch die Human Beat Box gelernt, das war mein erstes Instrument“, erzählt Putte und fährt fort: „Irgendwann bin ich dann zum Indie geworden. Und mit 16 hab‘ ich zum ersten Mal in ‘ner Band gesungen.“ Gemeinsam mit seinen Bandkollegen sei er damals so durch die Jugendhäuser der Umgebung getingelt und habe Smiths-Coverversionen, „Zeugs“ und Indie-Mucke zum Besten gegeben.

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Wir legen ein kurzes Rechen-Intermezzo ein und versuchen Puttes Lebenslauf zu rekonstruieren. Denn unser 0711er verrät, dass er sich nie so recht erinnert, wie alt er wann war. Auf Erzählungen längst vergangener Tage wirkt sich diese Eigenschaft wie folgt aus: „In meiner Kindheit war ich zum Beispiel bei allen Sachen immer acht. Das stimmt natürlich nicht. Also das stimmt auf keinen Fall, sonst wäre das ja ein unglaubliches Jahr gewesen. Aber ich sag‘ dann immer: ‚Ja ich war so acht.‘“, erzählt der 42-Jährige lachend.

Nach diesem kleinen Exkurs gelingt es Putte, allen Erinnerungslücken zu trotzen und sich an das nächstgrößte, einschneidende Erlebnis in seiner Musikerkarriere zu erinnern: „Ein Jahr vor dem Abi – 1994 – hab‘ ich dann die Schule geschmissen. Ich war damals in der Sprechgesangsband ,SuperSonnig‘. Irgendwann haben wir ein Angebot für einen Plattenvertrag bekommen und ich dachte: ,Jetzt werd‘ ich Popstar.’“, erzählt er. Die große Karriere blieb jedoch aus.

Wir hatten einfach überhaupt keinen Erfolg damit – wir waren halt jung und naiv. Das war eine sehr lehrreiche Geschichte.

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Vier Jahre später gründete er gemeinsam mit einem Freund die Band „Putte & Edgar“. Eine Zwei-Mann-Band, bestehend aus, na klar, Putte und Edgar. Seit mittlerweile 19 Jahren steht das Duo regelmäßig gemeinsam im Rampenlicht. „Edgar spielt Schlagzeug, ich stehe an zwei Samplern und einem Stimmenverzerrer mit Mikro“, berichtet Putte. Die Musikrichtung könne er gar nicht so richtig beschreiben. „Die Musik ist tanzbar, sehr heftig, sehr laut und geht in die Richtung der alten Beats der Chemical Brothers plus Sonic Youth“, erklärt er. Der Clou an der Sache: Die beiden proben nicht, sondern improvisieren live.

Wir verstehen uns einfach blind – menschlich wie auch musikalisch – und das macht ganz großen Spaß.

Aber nicht nur in seiner Freizeit, sondern auch beruflich hat sich unser 0711er der Musik verschrieben. Seine Brötchen verdient Putte nämlich mit dem Komponieren von Musik für Spielfilme, Dokus, Werbe- und Imagefilme. Ein weiterer, wichtiger Bestandteil und eine von Puttes großen Leidenschaften, sind “Die Stadtisten“. Diese sind Wählervereinigung und Aktionsplattform zugleich. Als Mitbegründer der Vereinigung, setzt Putte sich mit mittlerweile knapp 120 weiteren Mitgliedern dafür ein, die Stadt lebenswerter zu machen. „Einfach deshalb, weil ich mich sehr für Stuttgart interessiere und es mich immer umtreibt, wie die Menschen in einer Stadt miteinander umgehen, was Gesellschaft bedeutet und was Demokratie bedeutet“, so der 42-Jährige. „Wir machen sehr viel unpolitisches Zeug, daraus ist zum Beispiel die Plattform ‚Refugees, welcome to Stuttgart‘ entstanden, die Patricia Söltl und Karin Braig  von den Stadtisten ins Leben gerufen haben.“ Diese hilft Geflüchteten – durch die Vermittlung von Sachspenden, Unterstützung bei Behördengängen oder bei der Suche nach einer Wohnung – sich schneller und besser in der neuen Umgebung zurecht zu finden.

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Neben der Hilfe für Flüchtlinge gibt es außerdem noch ein Projekt namens “Obendrauf“. Hier wird in Bars, Restaurants, Yoga- oder Fotostudios ein Glas aufgestellt, in das man entweder Geld hineinwerfen, oder herausnehmen kann. So können sich auch finanziell schwächere Menschen den ein oder anderen Wunsch erfüllen. Eine super Sache, wie wir finden, auch wenn Putte anmerkt, dass Theorie und Praxis hier leider oft getrennte Wege gehen: „Viele Leute ‚geben‘ zwar, aber kaum jemand nimmt tatsächlich etwas heraus.“ Das liege oftmals daran, dass die meisten Leute ihre Lebenssituation ungern preisgeben wollen, so Putte.

Deswegen klappt das leider nicht ganz so gut, wie wir uns das vorstellen. Das ist sehr schade, weil die Idee natürlich ganz gut ist.

Apropos gute Idee – davon hat unser 0711er eine Menge. Eine davon ist die Agenda “RO5ENSTEIN“. An dieser Stelle sei kurz erklärt, dass mit Stuttgart 21 und der Tieferlegung des Hauptbahnhofs auch ein neues Stadtviertel, das Rosensteinquartier, Einzug halten könnte. Dieses kann und soll unter Beteiligung der Bürger in den nächsten Jahren entwickelt und gestaltet werden. 85 Hektar. Oder auch 120 Fußballfelder. Da lässt sich doch sicher was Schmuckes draus machen. Das dachte sich auch Putte und schrieb mit Freunden ein Konzept, das sich fünf dieser 85 Hektar annimmt. „In gewisser Weise ist die Agenda Rosenstein ein Gegenentwurf zum Europaviertel“, erläutert er. „Es gibt bestimmt Leute, denen das Europaviertel auch gefällt, mit Sicherheit, aber es gefällt auch ganz vielen Leuten nicht und wir wollen mit unserem Vorschlag ein buntes, soziales, kreatives Viertel schaffen. Das ist die Idee.“

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Sein frühzeitiges Engagement für das Rosensteinviertel rührt von Erfahrungen vergangener Tage. Denn bereits 2010 setzte sich der 42-Jährige mit dem Internetsender “flügel.tv” gegen Stuttgart 21 ein. Bis zur Volksabstimmung berichtete er als Reporter live über die Geschehnisse der Protestbewegung, führte ein Exklusiv-Interview mit Herrn Kretschmann und besuchte unzählige der Montagsdemos.

Als die Entscheidung der Volksabstimmung bekannt gegeben wurde, hab‘ ich dann aufgehört, weil ich mir dachte: ,Okay, wenn sogar die Stuttgarter das mehrheitlich wollen, dann sollen sie’s halt auch kriegen.‘

„Ich war sehr traurig, aber das war das Ende. Diese Protestzeit hat mir unglaublich viel beigebracht, über Politik, Medien, Sozialverhalten und auch Protestverhalten – Wie macht man einen kreativen Protest? Wie reagiert die Politik darauf? Wie reagieren die Medien darauf?“ All das habe ihn und seine Sicht auf die Dinge sehr geprägt. „Als ich dann aufgehört habe mit meinem Engagement gegen den Tiefbahnhof, wollte ich aber nicht aufhören, mich weiterhin für die Stadt zu engagieren“, fährt er fort. „Dadurch, dass ich zu den Protesten zu spät kam, hab‘ ich mir gedacht, bei dieser Bürgerbeteiligung im Rosenstein, dieses Mal, möchte ich nicht zu spät kommen. Egal, ob das irgendetwas bringt oder nicht“, sagt Putte entschlossen.

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Zurück zum Konzept: „Wir würden gerne fünf Hektar für die ganzen tollen Stuttgarter Gruppierungen und Initiativen aus sämtlichen Bereichen nutzen“, erklärt Putte. Denn davon gebe es mehr als genug. Von Fahrradaktivisten, über Flüchtlings- und Altenhelfer, bis hin zu Künstlern und Kulturschaffenden. „Es gibt so viele gute Leute in Stuttgart, die einfach seit Jahren ganz tolle Sachen machen. Die sollten von Anfang an in die Stadtplanung einbezogen werden.“

All diese Leute sollten sich zusammen tun und sagen: Hey, wir sind Stuttgarter, wir engagieren uns alle für diese Stadt und wir wollen ein Stück vom Kuchen.

Jetzt sei erst einmal wichtig, viele Unterstützer für das Projekt zu finden – ob Einzelpersonen oder Gruppierungen spiele dabei keine Rolle. Jeder, der den Stadtisten dabei helfen möchte, kann das ab sofort mit seiner Unterschrift hier tun. „Je mehr Leute ihren Namen darunter setzen, desto mehr Gewicht bekommt das Ganze“, so Putte. Ziel sei es, mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit für den Vorschlag zu generieren. Denn eines steht für Putte fest: „Wenn so viel Fläche frei wird, kann man Stadtplanung ruhig auch mal anders denken. Dann kann man auch mal sagen: ,Hey, lasst uns da mal was ausprobieren.‘“

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Und da wir gerade schon beim Thema sind, werfen wir noch einen kurzen Blick auf ein Projekt, das derzeit die Initiative “Stadtlücken” bewegt, mit der Putte in regem Austausch steht: Die Gestaltung des Österreichischen Platzes. „Stuttgart ist ja bekannt dafür, dass es den Namen ‚Platz‘ auf Schilder schreibt, wo eigentlich keiner ist. Die Stadtlücken haben dieses Thema dankenswerterweise aufgegriffen und regen an, darüber nachzudenken, was man aus dem ‚Loch‘ unter der Paulinenbrücke machen könnte“, erklärt Putte. „Die zentrale Frage lautet: Wie macht man aus einem Parkplatz einen Platz-Park?“ Dass dieses Vorhaben nicht nur ein Vorhaben bleibt, sondern auch gelingt, können wir uns bei derart kreativer Wortumdrehungs-Kunst nur wünschen.

Lieber Putte, wir sagen “danke” für deinen Einsatz für ein bunteres, offeneres, lebenswerteres Stuttgart und hoffen, dass du dir deinen Tatendrang auch in Zukunft von nichts und niemandem nehmen lässt.

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NAME … Thorsten Puttenat – Alter … 42

HERKUNFT … Böblingen – STADTTEIL … Süd

WAS ICH SO MACH’ … Musik, Stadtisterei und nichts

MEIN LIEBLINGSORT IN STUTTGART IST … Die Tübinger (Fahrrad)straße samt Marienplatz

GLÜCKLICH MACHEN KANN MAN MICH MIT … Guten Leuten, die gute Sachen zusammen machen.

MEIN PERFEKTES WOCHENENDE VERBRINGE ICH MIT … Schwimmen und Schwitzen im Mineralwasser

ICH KANN NICHT OHNE … Mate-Tee

DAS SOLLTE MAN GESEHEN HABEN … die Doku “Home”

DAS MACHE ICH, WENN KEINER ZUSCHAUT … Selbstgespräche

ICH WÜRDE NIEMALS … Zuschlagen

ICH LIEBE AN STUTTGART … Das enorme Potenzial.

ICH HASSE AN STUTTGART … Der Hass kann mich mal.

WENN NICHT STUTTGART, DANN … Eine topmoderne Hippie-Kommune auf dem Land.

DAS HABE ICH IMMER IM GEPÄCK … Die Simpsons und Justus, Peter und Bob

WENN ICH MORGENS AUFSTEHE, MACH ICH DAS IMMER ZUERST … Zigarette, Mate-Tee, Toilette

SO KRIEGT MAN MICH RUM … Diese Frage geht zu weit.

WENN ICH DIE FREIE WAHL HÄTTE, WÜRDE ICH HEUTE ABENDESSEN MIT … Georg Schramm

UND ZWAR WO? … Im Sushi&Wok

STUTTGART, ICH WOLLTE DIR SCHON IMMER EINMAL SAGEN … Dass ich dich gerne hab’, und dass deine Stadtplanung so viel Luft nach oben hat.

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