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Ohne Massive Töne wäre die „Mutterstadt“ nicht die Mutterstadt. Anfang der 90er haben Ju, Schowi, Wasi und 5ter Ton in Stuttgart die Köpfe zusammen gesteckt – und wurden zu den „Kopfnickern“, die in 0711 auch heute noch irgendwie omnipräsent sind. Zum 25-jährigen Jubiläum, das die Stuttgarter Rap-Crew in 2016 feierte, haben wir einige Weggefährten gefragt, was sie mit MT verbinden. Achso, alles Gute nachträglich noch, Jungs.

Ein Beitrag von Marcel 


ULRIKE DREHER (Management, 0711 Büro)

Angefangen hatte alles mit einem Praktikum, auf das Ulrike Dreher in der Zeitschrift „Prinz“ gestoßen war. Ulli hatte Lust auf den Job beim 0711 Büro respektive bei 0711 Entertainment, also bewarb sie sich. Anfangs assistierte sie Mastermind Strachi und Co. „Aber nachdem  Strachi immer noch mehr Baustellen zu bewältigen hatte, hat er einen großen Teil der Orga an mich abgegeben.“ Einige Zeit später kümmerte sich die gelernte Medienkauffrau schließlich um Webseiten (0711hiphop.com), Clubs und Events (0711Club, 12inch, Red Bull BC One), ums Booking (hauptsächlich DJs) und natürlich um Massive Töne (Personal Management).

Meine Hauptaufgabe war es, den Jungs auf die Füße zu treten, zu versuchen, sie rechtzeitig zu Terminen zu bringen, sie bei Interviews und Gigs zu betreuen, mit den Veranstaltern abzurechnen und so weiter.

Einmal, so erzählt Ulli, habe sie von einem Veranstalter die komplette Gage in Ein- und Zwei-Euro-Münzen ausgezahlt bekommen. „Die hatten sich offensichtlich etwas verspekuliert“, sagt Ulli und lacht. „Das waren säckeweise Münzen, eigentlich als Festival-Wechselgeld gedacht, mein ganzes Auto hing nach hinten über. Aber besser als nichts, denn für die Künstler nach uns war kein Geld mehr für die Gage da.“

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Auch eine Horrorfahrt musste Ulli mit den Jungs  gezwungenermaßen hinter sich bringen, die „irgendwo hinter München“ gespielt hatten, aber um 1 Uhr im 12 Inch auflegen sollten. „Ich bin kein sonderlich gläubiger Mensch. Aber bei gefühlten zehn Metern Sichtweite im Schneegestöber auf komplett verschneiter Straße ohne sichtbare Begrenzungen mit Tempo 80/100 unterwegs zu sein, hat mich wirklich zum Beten gebracht.“ Zum „Glück“ rammten Ulli und Co. gleich in der dritten Ortschaft frontal eine Verkehrsinsel, „die man einfach gar nicht gesehen hatte“, so Ulli. „Danach ist Schowi wenigstens ein klein wenig langsamer gefahren.“ Trotz Blindflug standen Massive Töne um 1.30 Uhr hinter den Turntables. „Ein bisschen zu spät waren sie ja eigentlich immer, da halfen auch keine Tricks. Aber wirklich zu spät gekommen sind wir nur zum FM4 Frequency Festival in Salzburg 2005.“

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Bei Festivals sind die Auftritte ohnehin sehr eng getaktet, doch diesmal war der 0711-Tross tatsächlich einigermaßen rechtzeitig losgekommen. „Wir standen dann aber so lange im Stau, dass wir keine Chance hatten, rechtzeitig zum Gig dort zu sein. Nach uns hätte eigentlich DePhazz spielen sollen und da die Band bereits vor Ort war, erklärten sie sich freundlicherweise dazu bereit, ihren Slot mit Massive Töne zu tauschen.“

Das sollten DePhazz schließlich bereuen. Im Backstage war ein Kompressor ausgefallen und daher kämpfte die Band während ihres kompletten Auftrittes mit Stromausfällen. „Die konnten keinen einzigen Song bis zu Ende spielen.“ In der Umbaupause zu MT wurde das Problem behoben und „Massive Töne spielten ein Hammer-Konzert“.

Sie erinnere sich gerne an die Zeit zurück. Von 1999 bis 2008 arbeitete Ulli für 0711 und MT. „Kontakt gibt es heute leider zu selten, auch weil nicht mehr alle Massiven in Stuttgart wohnen. „Aber die Jungs liegen mir immer noch sehr am Herzen und die gemeinsame Zeit wird sicher immer ein Teil von mir sein.“

Es war eine sehr schöne Zeit, an die ich gerne zurück denke. Ich fände es schön, wenn es nochmal neue Musik oder eine Tour von den Massiven gäbe – vielleicht zum 30. Jubiläum? Die Hoffnung stirbt zuletzt. Und ich hoffe, wir sehen uns mal wieder.

Alexi Jordan (Management, 0711 Büro)

Von 2000 bis 2009 arbeitete Alexi Jordan für 0711. In den Anfangsjahren des 0711 Büro und von 0711 Booking prägte Alexi also den Weg von 0711 Entertainment und von Massive Töne mit. Sie organisierte das MTV Hip Hop Open mit und zeigte sich unter anderem für das Management von Massive Töne verantwortlich. „Ich habe mich vor allem um die Liveauftritte der Jungs gekümmert, sprich das Booking der Band, die Promo-Auftritte, die Touren und alle Festivals.“ Alexi, heute 43 Jahre alt und dreifache Mutter, verbrachte folglich viel Zeit mit Schowi und Co. Wie war’s? „Immer chaotisch“, sagt sie und lacht. „Die Jungs hatten neben ihren gemeinsamen Zielen, auch immer ihre individuellen Ideen und Vorstellungen, die nicht immer so leicht auf einen Nenner zu bringen waren.“

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Sie habe die MT-ler derweil immer für ihre offene und ehrliche Art geschätzt. „Am Ende wurde immer alles gemeinsam ausgetüftelt. Unsere Zusammenarbeit war sehr persönlich, da ich im Laufe der Jahre ihre Eigenheiten und die Dynamik untereinander sehr gut kennen gelernt habe.“ Und immer habe es Spaß gemacht, „weil sie einfach die Coolsten sind.“

Sie erinnere sich sehr noch gut an einen Trip nach Tallinn in Estland. Das Goethe Institut, mit dem 0711 damals viel zusammengearbeitet hatte, hatte die Crew für einige Clubshows gebucht. „Ich bin schon bei der Landung tausend Tode gestorben, weil die Wetterbedingungen nicht die besten waren und die kleine Maschine furchtbar hin- und herschwankte“, sagt Alexi, die mittlerweile in Utrecht wohnt.

Die Menschen dort waren dann aber unglaublich herzlich und freundlich, die Clubs waren selbst in Estland immer brechend voll und die Fans kannten die Texte auswendig.

Random Fact zum Schluss: „Selbst Einzimmer-Wohnungen haben in Tallinn eine Sauna. Zum 25-Jährigen möchte ich euch sagen: Rockt on. Genießt das Leben. Und passt auf euch auf!

Massive Töne Aus dem Frico-Archiv
Aus dem Frico-Archiv.

 

Michel Baur (Producer/Musikproduzent, Die Allianz, Deine Quelle)

„Kennengelernt habe ich die Jungs schon so 1992“, sagt Michel. Damals lebte er ich noch in Memmingen im Allgäu und war mit Kumpel Def Kev „total aufm Deutschrap-Film, der damals noch ziemlich in den Kinderschuhen steckte“, erinnert sich Michel. „Wir kauften uns ’nen Vierspur-Kassettenrecorder und gründeten unsere erste Hip-Hop-Crew.“ Beim ersten Gig der Combo „Die Allianz“ im „Cinderella“ in der Tübinger Straße waren Schowi, Ju und Wasi im Publikum und schauten sich an, was Kev und Michel an Mic und Turntables zu bieten hatten. „Kev ist kurz darauf nach Stuttgart gezogen, weil da einfach mehr ging, was Hip-Hop, aber vor allem auch, was Graffiti anging.“

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Michel zog es damals zunächst nach Berlin, doch dann, 1996, rief Kev bei seinem alten Allianz-Homie an. „Er erzählte, dass er die ersten Tracks von ,Kopfnicker’ gehört habe und dass jetzt eine neue Zeitrechnung beginne.“ Kurz drauf hörte auch Michel das Album, dazu noch die Debüt-LPs von Freundeskreis und Afrob. „Ich merkte, dass Kev absolut null übertrieben hatte und ich eindeutig in der falschen Stadt lebte.“

Also zog Michel 1997 nach Stuttgart und gründete mit Def Kev und Eldin „Deine Quelle“, eine der Kolchmob-Rookie-Bands neben ,Skills en Masse’ und ,Breite Seite’.

„Wir hingen jeden Tag im 0711-Büro und produzierten im „FengShui-Studio“ am Nordbahnhof, das war ein Hinterzimmer von ’ner Rollerwerkstatt, heute steht da ein riesen Supermarkt.“ Elmar Jäger und Nadja Hentsche nahmen als Sentinel Soundsystem ihre ersten Dubplates bei Michel und Co. auf und auch Massive Töne hatten zu diesem Zeitpunkt kein festes Studio und hingen und produzierten somit auch im FengShui, „bis wir dann ins Theaterhaus am Pragsattel zogen und das Kopfnicker Studio gründeten“.

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Ab 2000 betrieb Michel Baur mit Massive Töne diese Musikschmiede. „Dort haben wir alle Kopfnicker-Records-Produktionen geschaukelt“, sagt der Stuttgarter. Dort co-produzierte er die Alben „MT3“ und „Zurück in die Zukunft“ und zeigte sich mit DJ Emilio auch für die LP „Rücken zur Wand“ von Franky Kubrick verantwortlich. Unzählige weitere Produktionen entstammen diesen musikalischen vier Wänden.

Die Arbeit mit den Jungs war von Sekunde eins an cool. Einfach, weil wir uns alle mochten und respektierten.

Bei Sekunde drei sei dann auch das „massive Herzblut“ dazugekommen, was sich in oft stundenlangen Diskussionen über eine Textzeile oder deren Betonung bemerkbar gemacht habe. „Ju, noch mal, weisch, cooler“ – war ein Standard-Schowi-Satz, der beim Aufnehmen gefühlt alle 2,5 Stunden fiel. Legendär auch: die „massive Pünktlichkeit“ um 0711-Papa Strachi. Hochmotiviert habe man sich da morgens um 3 vor dem Studio für nächsten elf Tage verabredet. „Nachdem dann gegen 1 Uhr alle da waren, wurde erst mal was zu essen bestellt, noch die ein oder andere Textzeile diskutiert und dann so um drei mit Aufnehmen begonnen. Faul waren sie aber nie, also ging die Session eben hintenraus länger und man hat sich dann halt erst um 5 morgens wieder auf – sagen wir – 12 verabredet“, erzählt Michel. „Nach Strachi war der Zeitdruck der beste Manager von den Jungs, und mit seiner Hilfe wurde eigentlich letztlich alles immer rechtzeitig fertig.“

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Als intensiv beschreibt Michel den Moment, als im Kopfnicker-Studio die letzten Korrekturen an „MT3“ fertig gemacht worden sollten, um sie Ralf C. Mayer zu bringen, der das Album mischte. „Der saß sowieso schon auf Kohlen, weil – natürlich – nur noch wenig Zeit bis zum Presswerk-Termin war“, so Michel.

Als ich den Rechner startete, fuhr die Festplatte nicht mehr hoch und gab nur noch ein leises Dauerzirpen von sich. Die Festplatte, auf der die ganzen Spuren von ,MT3’ waren und von der’s kein Backup gab – tot.

Adrenalin pur für alle, denn keiner konnte absehen, ob der Release damit auf lange Zeit gestorben war. Gottseidank habe es in Ludwigsburg eine Firma für Datenrettung gegeben, die viele Stunden und noch mehr „Hunnies“ später „MT3“ für die Nachwelt sicherte. Eine weitere bleibende Erinnerung stellte für ihn die Afrika-Tour 2009 dar, wo MT durch fünf afrikanische Länder gereist sind und überall Konzerte und Workshops für Kids gegeben haben.

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Massive Töne goes Africa (2009).

Michel: „Eine unglaublich intensive Zeit voller Eindrücke für alle, und noch mal ein Beweis dafür, dass dauerhaftes Abhängen ohne ,Fluchtmöglichkeit’ mit den Jungs von Massive Töne auch abseits vom Musikmachen letztlich immer quality time war. Weil sie quality people sind!“  Letztlich war das Arbeiten mit den Jungs bei allem Stress immer ein Abhängen unter Freunden – eine menschlich und musikalisch intensive Zeit, die ich nicht missen will und nie vergessen werde. Noch immer hat Michel Kontakt zu den Jungs von Massive Töne. „Natürlich mit den Zuhausegebliebenen, Alex und Wasi, mehr als mit Schowi und Ju“, sagt er. „Mit Alex habe ich bis vor kurzem noch in brüderlicher Studionachbarschaft ,gewohnt’ und Wasi hat mir letztes Jahr sein Instrumental-Vinyl zum Mischen und Mastern anvertraut.“

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Den letzten Track, den die Combo fürs letzte Album aufgenommen hatte, war „Weitergehen“ – ganz hinten auf „Zurück in die Zukunft“ zu finden. „Da ist der fast ein bisschen hinten runtergefallen“, sagt Michel. Für ihn sei der so etwas wie der Soundtrack zur kleinen Schaffenspause, die jetzt ja schon ein „paar Jährchen“ andauert: „Ich kann allen Vieren nur das Beste für die Zukunft wünschen und hoffe, dass jeder sein für sich Bestes draus macht. Und für mich und den Rest wünsche ich mir einfach mal, dass nach ,Weitergehen’ noch mindestens ein ,Massive Töne’-Track kommt, mit ’ner ordentlichen Jubiläumsparty, auf der wir ,die Massiven’ nochmal feiern können für das, was sie Hip-Hop-Deutschland mitgegeben haben. Und wenn’s auch zum 25. nicht mehr ganz pünktlich klappen sollte: Wir feiern euch auch zum 26. Geburtstag!“

 

Ingo Walter aka „Walterrama“ (Breite Seite, Produzent)

1992 gründete Ingo Walter mit zwei Kollegen die Crew „Breite Seite“, die 2001 über „Kopfnicker Records“ ihre LP „Adrenalin“ veröffentlichen sollte. „Ich war erst 15, als ich mit zwei Freunden die Crew gegründet habe“, erinnert sich Ingo, dessen Rap-Pseudonym „Walterrama“ lautete. Doch schon nach der Debüt-LP kehrte Ingo Hip-Hop zunehmend den Rücken. „Mein Herz schlägt seither für elektronische Musik, vor allem Techno und House, was ich auch selber produziere“, so der heutige Lehrer aus Tübingen, der gerade versucht, mit ein paar Freunden ein kleines Undergroundlabel an den Start zu bringen.

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Die Jungs von Massive Töne lernte Ingo Mitte der „goldenen 90er“ kennen, 5ter Ton zuerst. „Mit Alex habe ich später auch für kurze Zeit in einer WG in Botnang gelebt“, so Ingo. „Dadurch, dass wir auch gerappt haben, ist man sich im Kessel quasi zwangsläufig über den Weg gelaufen.“ Mal im „Red Dog“ am Mittwoch, mal im „Sound Shop“, später im „0711-Club“ oder im Studio am Pragsattel. „Heute ist der Kontakt sporadisch, aber immer herzlich.“ Schon damals sei das Verhältnis zwischen den Stuttgarter Rap-Crews sehr gut gewesen.

Wir waren im Nachwuchs anzusiedeln und kamen auch von außerhalb – wir waren die Provinzcowboys sozusagen.

Ingo grinst. Massive Töne seien damals schon „large“ gewesen. „Sie hatten wegen der ,Kopfnicker’-LP einen absoluten Heldenstatus.“ Der Kontakt sei mit den Jahren enger geworden, Kollabos zwischen MT und Breite Seite kamen aber nie zustande. Ingo und Crew starteten Projekte mit Solo-Wasi, mit „Deine Quelle“ und „Skills en Masse“, mit dem „Kolchmob“ eben.

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Ingo im Studio (2000).

„Ich habe den Massiven viele wundervolle Erinnerungen zu verdanken, da sie uns ordentlich gepusht haben“, sagt der Wahl-Tübinger. Für ihn bleibe etwa der Auftritt auf dem „Splash“ im Rahmen des Auftritts von Msasive Töne zur Prime Time unvergessen. „Auch wenn ich mich vor Nervosität komplett mit Absinth, Wodka und Weed abgedichtet habe“, sagt er. „Das war richtig heftig, vor so vielen Leuten zu rappen.“ Gerne erinnere sich an viele schöne Stunden im Studio oder auf Konzerten. Ein weiteres Highlight: die Premiere von „TaxiTaxi“ in Köln. „Da hatte ich mit Schowi eine gut durchgezechte Nacht und damit leider nichts von dem fetten Hotel, das wir zur Abwechslung mal hatten.“ – Das klingt nach Insider. Wir fragen nicht nach, sondern fragen nach Ingos Shoutouts:

Danke für euren Support und die schönen Momente, die ihr uns ermöglicht habt. Das sind Sachen, die man nicht vergisst und die prägen. Bleibt so entspannt und liebenswert wie ihr seid. Auch wenn man sich selten sieht, bleibt es hoffentlich auch weiter so herzlich wie bisher. Alles Gute, Jungs!

 

Adone (Mitgründer von Massive Töne)

„Mein Name ist Adone. Ich bin 42 Jahre alt und Koch im Kraftpaule in Böblingen. Vor 25 Jahren habe ich zusammen mit Ju und Schowi Massive Töne gegründet.“ Doch wie lief das ab? Wir gehen back to the roots: Ju und Adone waren Klassenkameraden in der Grundschule und später auch in der Realschule. Als dank des Kabelfernsehens „Yo! MTV-Raps“ die Stuttgarter Homies erreichte, waren Ju und Adone bald schon Feuer und Flamme für jede Art von Sprechgesang. „Wir hatten kein Equipment, aber wollten unbedingt die Texte auf Instrumentalstücken nachrappen. Also versuchten wir verzweifelt, alle Texte zu verstehen und Beats mit Hilfe unseres Doppel-Kassettenrekorders zu produzieren.“

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Zu dieser Zeit stellte Ju Adone seinen Kumpel Schowi vor, der die gleichen Interessen teilte. „Nach einer Weile und ein paar wirklich wegweisenden Hip-Hop-Konzerten – Gang Starr, Public Enemy und andere – war für uns klar:

Wir wollen auf die Bühne!

Die Jungs kauften sich einen Plattenspieler und Hip-Hop-Platten mit Instrumentalstücken und fingen an, eigene Texte zu schreiben. „Wir haben uns auch gleich gesagt: Wenn Texte, dann nur auf Deutsch, was damals eher unüblich war.“ Schon bald folgte das erste Konzert: bei der Schul-Abschlussfeier von Ju und Adone. „Unser erster Beat war von Cypress Hill ,The Phuncky Feel One’. Während des Songs waren alle mucksmäuschenstill und danach tobte die ganze Schule. Da wussten wir, wir sind auf dem richtigen Weg.“

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Als das Trio später viel im Jugendhaus Mitte abhing, trafen die Jungs auf Wasi und Alex, die sich für das Vorhaben der drei interessierten. „Ab diesem Zeitpunkt gab es Massive Töne“, sagt Adone. „Wir produzierten unsere ersten Songs in einer Bude im Hinterhof auf dem Grundstück meiner Eltern und traten mit den Songs ziemlich bald auf Jams in ganz Deutschland auf. Und der Rest ist Geschichte.“

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Er selbst habe aber andere Ideen für die Crew gehabt. „Ich bin nach Erscheinen der ersten EP ,Dichter in Stuttgart’ relativ früh ausgestiegen. Den Erfolg der Jungs habe ich jedoch immer mitverfolgt und mich mit ihnen gefreut“, sagt Adone. „Heute ist unser Kontakt zwar sehr sporadisch, aber immer herzlich und man fühlt sich wie 18, wenn man sich wiedersieht. Es war eine schöne Zeit, die ich nicht missen möchte.“

 

Def Kev (Deine Quelle, Schlachterei Eckard)

14 Jahre lang lebte Def Kev in Stuttgart, malte und rappte – mal solo, mal als „Deine Quelle“ (zum Musikvideo „Das A und O“ mit Ju). „Def Kev nennen sie mich in den Straßen Cannstatts“, sagt er und grinst. Gemeinsam mit Elmar Jäger, mit dem er das Grafiker-Duo „Schlachterei Eckard“ bildete, engagierte er sich für 0711 (ab 1996) und das dazugehörige Label “Kopfnicker Records” (ab 2000) als Grafiker. Er habe noch immer zu fast allen “Tönen” Kontakt, sagt der Writer. „Ich kenn’ die Jungs aus dem Westen und später aus dem Jugendhaus Mitte, wo unsere Corner war“, erzählt er. Er erinnere sich noch gut an eine Jam in Kornwestheim, wo er zum Malen eingeladen gewesen sei.

Def Kev am Pragsattel – beim ersten Stuttgarter Hip Hop Open (2000)
Def Kev am Pragsattel – beim ersten Stuttgarter Hip Hop Open (2000).

1995 müsse das gewesen sein, sagt Def Kev, als Massive Töne mit “Dichter in Stuttgart” die Jugendhäuser bespielten. „Massive Töne waren abends Hauptakt, kamen aber spät, weil sie noch in München bei Main Concept im Studio waren und die ersten Tracks fürs Album aufgenommen hatten.“ Später traf Kev im Backstage auf Schowi. „Er hat mir einen Discman hingehalten, war so damals, und sagte: ,Da, unser neuer Stuff. Das Album wird Kopfnicker heißen, wie findest Du es?’ Es waren die ersten fünf Songs“, erinnert sich Kev.

Ich hab’s mir gleich drei Mal reingezogen und sofort gemerkt, was da auf uns zu kam. Das war völlig neu. Die Wortwahl, der Flow, zusammen mit den reduzierten Beats. Wow, Bombe!

Kev daraufhin zu Schowi: „Wer soll euch burnen?“ Und ein halbes Jahr später war Kev mit Massive Töne als Merchendiser auf Tour, MT als Vorband von Fettes Brot in Deutschland, der Schweiz und Österreich. „Damals kannte keiner Massive Töne und das Fettes-Brot-Publikum war auch nicht wirklich straight Hip-Hop, aber in wirklich jeder Location hatten Massive Töne den Effekt, das spätestens beim dritten Lied der gesamte Saal mit dem Kopf nickte und ich begriff den Namen der Platte“, sagt Kev.

„,Kopfnicker’ ist für mich ein Epos und die Platte mit der meisten Patina. Im Ernst, nie mehr sah ich, wie Qualität sich so durchsetzt. Das war eine tolle Zeit. Wir haben am Merch-Stand mehr umgesetzt als Fettes Brot. Selbst die Fettes-Brot-Jungs haben unsere T-Shirts getragen.“

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Sybille Rau-Pfeiffer (Cumulus Kulturbüro)

Anfang der 90er war Sybille Rau-Pfeiffer im Cumulus Kulturbüro im Jugendhaus Mitte tätig. 1993 kam Sybille mit Thomas Koch vom Amerikahaus ins Gespräch. „Er erzählte mir, dass er junge Rapper aus San Francisco zu Gast hatte, die auf der Internationalen Gartenschau am Killesberg auftreten sollten.“ Gartenschau und Rap – für Sybille wollte das nicht so ganz passen. Also sprach sie Wasi an. Der hatte eine Idee: „Die Kolchose-Jungs haben spontan eine Jam im Hof vom Jugendhaus Mitte organisiert“, erinnert sich Sybille. „Die Gäste waren so begeistert, dass sie gleich wiederkommen wollten.“

Da entstand die Idee eines Austauschs!

Doch noch fehlten Geldgeber. Nach einigen Gesprächen und viel Einsatz konnte die Stuttgarterin die nötigen Geldmittel schließlich über die EU, das Amerikahaus, die Stadt Stuttgart und das Cumulus-Büro auftreiben. „So konnten wir die Eco-Rap-Gruppe San Francisco im Sommer 1994 erneut nach Stuttgart einladen.“

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San Fran meets Stuttgart.

Nach zehn Tagen mit Workshops, Jams und einem Openair-Festival auf dem Schillerplatz mit den Rappern aus den USA, mit Massive Töne, Max Herre & Friends, die Krähen (um Großmaul, DJ Emilio alias ICE und Eldin alias MC Coma an den Mikrofonen sowie DJ Thomilla am Plattenspieler und den Beats) durften im Anschluss schließlich zehn Jungs der Kolchose-Clique – darunter auch Massive Töne – mit nach San Francisco (Foto), „um dort zahlreiche Begegnungen mit Künstlern, Auftritte und Interviews zu erleben“, sagt Sybille Rau-Pfeiffer.

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Auch heute habe sie noch mit vielen der Jungs von damals Kontakt. „Ich freue mich noch immer sehr, dass der Austausch mit San Francisco Impulsgeber war und noch allen in guter Erinnerung ist“, betont sie. „Ich wünsche den Jungs weiterhin viel Erfolg, würde mich auf ein neues Revival wie bei einer neuen Auflage des HipHop Open freuen.“

Elmar Jäger (Schlachterei Eckhardt, Sentinel Sound, etc.)

Von 1996 bis 2006 war Elmar Jäger für die Artworks von Massive Töne, dem legendären 0711-Club und für Kopfnicker Record zuständig, größtenteils unter dem Trademark „Schlachterei Eckhardt“ (zusammen mit Def Kev). „Ich lernte die Jungs von Massive Töne und Strachi über Def Kev und unsere gemeinsame Leidenschaft, dem Graffiti Writing, kennen“, erinnert sich Elmar, der 1998 das Stuttgarter Dancehall-Soundsystem „Sentinel Sound“ gründete und 2005 mit demselben als erster und bislang einziger Weißer die Weltmeisterschaft in Brooklyn gewann. „Kev oder auch Kevla war damals einer der respektiertesten Writer deutschlandweit und definitiv der ,King im Kessel’ – und er fragte mich, ob wir zusammen das Plakat für die zweite große Hip-Hop-Jam 95/96 im Feuerwehrhaus Heslach machen wollen.“ Diese wurden von Schowi und Strachi organisiert und selbstverständlich waren Massive Töne einer der Main-Acts.

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Foto: Nicolas Oswald

„Ich studierte Grafikdesign und war fit in Sachen ,Desktop Publishing’ und im Satzprogramm ,Pagemaker’ – jaaaa, so hieß das damals. Die Zusammenarbeit war großartig und das Ergebnis gefiel.“ Also gründeten die beiden die Grafikagentur „Schlachterei Eckhardt“ und sollten sich fortan für alle Artworks von Massive Töne, von vielen der Kolchose-Leute und später für Kopfnicker-Records-Releases, den 0711Club und so weiter verantwortlich zeigen. „Die Plattencover entstanden immer in enger Abstimmung mit den Jungs von Massive Töne selbst, die auch ihre Vorstellungen und Flashes einbrachten“, sagt Elmar und grinst: „Das war mitunter ziemlich turbulent und nicht selten mussten wir komplette Konzeptionen umwerfen und von vorne beginnen.“ Eine der ersten Grafiken war das „Kopfnicker“-Logo, welches auch auf dem gleichnamigen legendären Album abgebildet ist. „Ich glaube, alleine dafür brauchten wir bestimmt 40 Anläufe, bevor es allen gefiel – anstrengend, aber es spricht auch dafür, wie viel Amibition jedermann in die gemeinsame Vision miteinbrachte. Wir wollten burnen!“ Und wenn die Künstler dieses hohe qualitative Level in ihrer Musik selbst erreichten, so Elmar, dann sollte sich das auch in einem „State of the Art“-Artwork bei Coverartworks, Anzeigen, Merchandise usw. wiederfinden, fanden Def Kev und er. „Ich würde sagen, wir haben das größtenteils auch hinbekommen.“

Auch heute noch tausche er sich manchmal mit den MT-Jungs aus, sagt Elmar, dessen Leidenschaft seit 2013 insbesondere der Musik der 40er bis 60er Jahre gilt und der neben seiner Grafiktätigkeit weiterhin als DJ unterwegs und Veranstalter des „Stuttgart Burlesque Festivals“ und des „Corso Cabaret“ ist.

Mehr oder weniger geplant läuft man sich sehr gerne über den Weg.

Alex 5ter Ton treffe er eher in den einschlägigen Bars und Nightlife-Venues in Stuttgart an. „Schowi hatte ich öfter mit aktuellen Dancehall-Sound für seine DJ-Sets versorgt und mit Ju und Wasi bin ich ab und zu über die Social-Media-Kanäle am Chatten“, erklärt Elmar. „Schowi hatte mich zusammen mit DJ Tease am Stuttgarter Flughafen begrüßt, als wir 2005 mit Sentinel von der gewonnenen Weltmeisterschaft in New York zurückkehrten – das fand ich sehr nice und daran erinnere ich mich gerne zurück.“

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Die Musik der Jungs und besonders die LP „Kopfnicker“ höre er sich bis noch immer gerne an. „Erstens kann man dieses Album hervorragend an einem Stück durchhören, alle Tracks sind textlich und produktionstechnisch ,wie aus einem Guss’ und fügen sich so großartig aneinander, was das Album zu einem konzeptionellen Meisterwerk werden lässt.“ Das sei, so mutmaßt er, vielleicht damals gar nicht so geplant oder beabsichtigt gewesen, umso fantastischer sei es, dass es sich im Nachhinein so darstelle. „Die Musik ist zeitlos und unvergänglich. Sie beflügelte regelrecht die Hip-Hop-Aktivisten der frühen 90er im Stuttgarter Kessel, egal ob Writer, Rapper, Breaker oder auch Skater, Veranstalter und Party Animal“, erinnert sich Elmar.

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„Es mag sich pathetisch anhören, aber es gab damals tatsächlich so etwas wie ein ,Aufbruchsgefühl’, weil alle Beteiligen sich als relevanter Teil des Ganzen und Neuen fühlen konnten. Dieses Feeling strahlte über die Grenzen Stuttgarts hinaus und begründete definitiv den Fame des Stuttgarter Hip-Hop dieser Zeit.“

Elmars Lieblingsartworks für Massive Töne?

Das Vinyl-Cover für die Maxi-Single „Geld oder Liebe“ mit der Illustration von Thilo Rothacker. „Ganz im Style eines ,Wimmelbilderbuchs’ ist darauf die gesamte Stuttgarter Hip-Hop-Szene der damaligen Zeit abgebildet und man kann Stunden damit verbringen, die kleinsten Details zu entdecken.“ Übrigens, so erzählt Elmar, gebe es zu diesem Release auch ein Vinylcover mit den Massiven in Adidas-Trainingsanzügen im Breaker-Style, das allerdings nie verkauft wurde. „Wer also irgendwie eines von diesen Vinyls ergattern konnte, darf sich glücklich schätzen – er besitzt eine Rarität.“ Er führt aus: „Damals hatten wir dem Vinyl auch ein MTS-Abziehtattoo beigelegt, das war stylemäßig seiner Zeit schon ziemlich voraus.“

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Fehlen noch Elmars Shoutouts zum Vierteljahrhundert von Massive Töne: „Ich möchte sagen, dass ich sehr dankbar war und bin, Teil der damaligen Bewegung gewesen zu sein. Die Musik der Jungs war dabei sicherlich der Dreh- und Angelpunkt.“ Elmar will sich nicht unbedingt als klassischen Hip-Hop-Fan bezeichnen, aber die Begegnung mit Ju, Schowi, Alex und Wasi hätten, so sagt er, in vielen großartigen Erlebnissen und Ergebnissen resultiert, so dass er mit viel Freude und Stolz an die damalige Zeit zurückdenke. „25 Years in Bizz – Jubiläums-Shoutouts gehen raus an die Protagonisten MTS, sowie an all die anderen Strippenzieher im Hintergrund, wie Co-Produzent und Toningenieur Michel Baur, Mastermind Strachi, Def Kev, das 0711Büro Team, Ulrike Dreher, Kai Kirchhoff, Linda, DJ Tease, Sub Culture, Firma Bonn, Radio Bar, Soundshop-Team, die Kolchose, die Writers Corner und noch viele mehr, die die Mutterstadt zu dem machten, was sie für uns heutzutage hoffentlich noch ist.“

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Außerdem fragten wir bei einigen Musikerkollegen nach …

  • … der Lieblings-Platte?
  • … dem Favorite-Track/Line?
  • … dem Lieblings-Beat?
  • … einer gemeinsamen Anekdote?
  • … einem Shoutout?

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Thomilla

Platte? – „Kopfnicker“.
Lieblings-Line? –  „Ich kauf’ mein schwarzes Gold second hand im Vinyl West. Oder bei Freddys Record Store direkt aus Übersee, bevor ich zum Thomilla rübergeh’ – um abzuhängen in relaxter Atmosphäre. Hör’ die begehrte Ware, von der ich mich fast bloß ernähre.“ (Schowi – „Mutterstadt“)
Lieblings-Track? – „Nichtsnutz“. Tiefer geht es einfach nicht, für mich einer der besten deutschen Hip-Hop-Songs!
Lieblings-Beat? – Alle, wirklich ALLE Songs des Kopfnicker-Albums, Wasi = Genie!
Erinnerungen? – Die schönsten Zeiten damals in Benztown, diverse Midnight-Sessions und spontane Besuche bei uns in „der Burg“ – im (Benztown) Studio. Und natürlich Jahre zuvor bei mir im Plattenladen „Imports“ – einem der Treffpunkte der Kolchose, mit spontanen Freestyle-Sessions. Ich erinnere mih gerne an die legendären Partys, mittwochs im Red Dog bis in die frühen Morgenstunden, später dann im 0711 Club und Inner Rhythm. Reminisce, reminisce …
Shoutouts? – @ 5ter Ton, ich glaube, wir kennen uns am längsten, big up, Bro! @ Ju, schöne Grüße nach Portugal, hoffe wir sehen uns mal wieder, long time … @ Schowi, ich warte immer noch auf meine Shorts die ich dir letzten Sommer geliehen hatte, hehe. @ Wasi, Beatmaker No.1 – auf bald mal wieder in Stuggi auf ein Helles, würde mich freuen! @ an alle, ich Wünsche mir ein Album von euch zu eurem 30.

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David P (Main Concept)

Platte? – „Kopfnicker“, die erste LP.

Track? – Ebenfalls „Kopfnicker“!

Beat? – Ich sage noch mal „Kopfnicker, mein absoluter Lieblingsbeat.

Anekdote? – Ich erinnere mich gerne an die Zeit, als Massive Töne ihr erstes Album bei uns aufgenommen haben – und an die Jahre danach im 0711Club am Pragsattel. Das war eine schöne Epoche …

Shoutout? @Wasi, bis bald, mein Freund. Alex, hoffentlich legst du bald mal in München auf. Schowi und Ju, lange her, dass wir uns gesehen haben. Ich hoffe, es geht Euch gut, Jungs.

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Falk-Schacht (Journalist, DJ)

Platte? – „Kopfnicker“ und „Überfall“: Das erste Album, weil es noch diesen Jugendhaus- und Übungsraum-Charme versprüht – das Studio auf dem Cover mit den alten Teppichen von Oma, die man vom Dachboden holte, um den Raum zu dämmen, dazu den Akai-Sampler und den Atari im Hintergrund. Das ist einfach so extrem typisch für damals gewesen. Ich hab’ sofort den Geruch dieses Studios in der Nase. Diese durch die Geräte aufgewärmte Luft, die eine Mischung aus leicht angeschmorgelten Elektrosmog und muffigen Teppich smello entfaltet. Und in diesem Räumen war man dann stundenlang auf der Suche nach dem Geheimnis des Eastcoast–Sounds. Wie bekommen die ihre Bässe so warm und Fett hin? Woher kommt der Druck in NewYorker-Drums? Das zweite Album ist dann schon wesentlich professioneller gewesen. Man merkt „Überfall“ an, dass diese NY-Hip-Hop-Fragen beantwortet wurden.

Lieblings-Line? – Massive Töne fand ich immer am besten, wenn sie aus einfachen Lines etwas Besonderes machten – durch die Art und Weise der Betonung. Zum Beispiel: „Ja Mann, wir sind higher als der Himalaya“. Das ist brutal simpel. Aber so wie es betont wird, ist es einfach nur Style. Dadurch sind vor allem Ju und Wasi aufgefallen. Das gleiche gilt für: „Was geht ab? Junge was? Ja, ja. Ja, ja“. Das ist einfach nur geil, wie es gesagt wird, nicht so sehr, was gesagt wird. Ju muss nur das Wort „Junge“ in seiner typischen Art nur sagen – und ich bekomme sofort Gänsehaut. Oder wenn Wasi „Sportive Manöver“ sagt. Wer zur Hölle benutzt den das Wort „sportiv“? Und wie kommt man auf die Idee, das Wort „Manöver“ dazu zu addieren?

Ich würde zu gerne wissen, ob Wasi damit eine Reminiszenz an den Spruch „Funky Dope Maneuver“ von Super Lover Cee & Casanova Rud machen wollte?

Wie auch immer, es ist einfach nur extrem fresh, wie Wasi hier selten genutzte Wörter einbindet und damit seine eigene Sprache entwickelt. Das ist das, was Curse in “10 Rap Gesetze” meint, wenn er rappt: “Finde dein eigenes Repertoir”. Ein Rapper sollte seine eigene Art haben Dinge zu sagen.  Mit dieser Art haben Ju und Wasi für mich immer eher ein Flavor Flav-artiges Gefühl erzeugt, das dann einen wunderbaren Kontrast zu Schowis eher ruhiger Chuck D-esquen Smart Assness lieferte.

Für mich glänzte Schowi immer durch seinen Weitblick auf die Welt. Eine Zeile wie “Denn wir verwöhnen Fans mit Bühnenpräsenz und Songs am Fließband – Wir zieh’n von Disco zu Disco wie Hans Nieswandt” mag für echte Hip-Hop-Trueheads nichts Besonderes sein, weil sie zum einen nicht den Song “From Disco to Disco” kennen, noch wissen, dass hinter Whirlpool-Productions Hans Nieswandt steckte. Ich mag aber diese kleinen Nuggets in Rap-Texten ganz besonders. Es sind kulturelle Referenzen die einen aus dem Hip-Hop-Kosmos rausführen und z.B. zeigen, was für ein echter Musikliebhaber Schowi ist.

Beat? – „Unterschied“ ist mein All-Time-Favorite-Beat. Wie hier mit einem Rhythmuselement, das auf 16teln basiert, gearbeitet wird, das dann durch Pitchshifting und eine synkopische Programmierung unfassbaren Druck macht, ist schon extrem fresh. Und diese verstolperte Bassdrum, alle zwei Takte, ist einfach so ein Stylermove gewesen. Jeder andere hätte die Bassdrum gerade gerückt, die Jungs hatten die Eier, es so rauszubringen. Das ist eben der Unterschied.

Shoutout? – Alles Gute zum 25-Jährigen und ich würde mich freuen, wenn ihr mal einige Gigs spielen würdet. Eine Tour wäre doch mal was …

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DJ Emilio (Kolchose-DJs, Die Krähen usw.)

Platte? – „Kopfnicker“-LP.

Lieblings-Line? – „Fahren raus Richtung Paulinenbrücke zum Emil oder halten mal und chillen beim Phillippe in Kaltental.“

Beat? – „Unterschied“.

Anekdote? – Fand es immer kurios, wie sich Mitte der 90er Jahre innerhalb der Band die MCs regelmäßig in die Haare gekriegt haben, wer von ihnen bestimmte Worte oder Vokabeln in seiner Rapstrophe verwenden und einbauen darf. Erklärung dazu: In den 80er und frühen 90er Jahren waren Kreativität, Originalität und eigener Style extrem wichtige Bestandteile der Hip-Hop-Kultur und aller Aktiven. Man wollte nicht sprühen, tanzen oder rappen wie jemand anderer und als „Biter“ gelten. Bei diesem Bestreben nach „eigenem“ Vokabular kam es innerhalb der Massiven regelmäßig zu hitzigen und lauten Wortgefechten, gegen die der Beef von heutigen Rappern wie gepuderte Zuckerwatte rüberkommt.

Shoutout? – Möchte mich bei den Massiven noch mal für das Kopfnicker-Album bedanken. Würde mir wünschen, wenn sie es schaffen würden, zum 25-jährigen Geburtstag des Kopfnicker-Albums ein Jubiläum Konzert in Stuttgart auf die Beine zu stellen.

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DJ Friction (Freundeskreis)

Platte? – „Kopfnicker“.

Lieblings-Line? – „Die Halle voller Nikes, Adidas und Filas, ich weiß, dies war nie das, was zählt, aber irgendwie lieb’ ich das. Ich seh’ schon das wird ’ne Session, Kolchose-Freestyle-Spaß, Beats und Bass mit DJ Friction und den Jeepsters. Der 5te Ton, Playback, Milo, Thomilla am Teller, kiloweise Killersounds, die Wasi und Philippe bauen.“

Beat? – „Nichtsnutz“. Ich bekomme heute noch jedes mal Gänsehaut, wenn ich den Song höre.

Schönste Erinnerung? – Ich habe mit den Jungs 1994 ihr Demo in meinem Homestudio aufgenommen … the rest is history.

Shoutout? – We stick together like family – goin’ down in history.

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AFROB

Platte? – „Kopfnicker“.

Lieblings-Line? –  Schwer – aber wenn, dann ist es bestimmt eine von Schowi 😉

Lieblings-Track? – „Mein Job“.

Erinnerung? – Schwer, die Massiven sind vier Leute, vier Charaktere, aber: Alex „5ter Ton“ Scheffel gab den Massive eine Seele.

Shoutout? – Paff Paff Putos 🙂

 

Und noch ein paar schöne Sachen …

Marcel Schlegel
Author

Schreibt viel und immer mit zwei Fingern. Mal über dies, mal mehr über das. Stärke: die Kommasetzung. Punkt. Ein Werdegang in Linkform – hier: http://bit.ly/2ajtdCU

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