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Mit den Betty Ford Boys hat Brenk Sinatra die Producer-Szene in Deutschland in den letzten Jahren wieder frisch herausgeputzt. Solo veröffentlicht der Wiener im Oktober seine neue Platte „Midnite Ride“. Uns hat Branko verraten, warum er genauso gut hätte Brenk Zappa heißen können.

Ein Interview von Marcel Schlegel mit Fotos von Linda


Bei Bier, Barbecue und Beats hatten sich die Betty Ford Boys einst kennen gelernt. Es sei recht zwanglos gewesen, erzählt Brenk Sinatra, der Wiener im Bunde der drei Beatmacher. „Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden“, sagt er. „Wir teilen denselben Humor, das kommt einem nicht oft unter.“ Heute gehören Suff Daddy (Berlin), Dexter (Stuttgart) und Brenk Sinatra zu den angesagtesten Produzenten in Deutschland. Und Europa.

BRENK: „Wir haben alle drei solo über das Label ,Melting Pot Music’ released und die hatten damals in Köln das ,Beat-BBQ’ organisiert, bei dem sich alle Beat-Nasen Deutschlands trafen. Da haben wir drei uns kennen und schätzen gelernt. Dort haben wir dann auch ein Jahr später unseren ersten Gig zusammen, der legendär geworden ist, weil alles völlig chaotisch verlief. Die Boxen mussten abgedreht werden, weil die Polizei vorbeischaute. Wir haben dann unsere Monitorboxen, die für die Bühne gedacht waren, ins Publikum gedreht, damit die Leute zumindest noch ein bisschen mithören konnten. Trotz des Chaos von damals – retrospektiv war das für uns drei Haudegen natürlich der einzig wahre Start.“

Erst wuchs der gegenseitige Respekt, dann entstand zwischen den dreien eine Freundschaft, die sich schließlich etwa in den Releases „Leaders of the Brew School“ (2013), „10% Vol. EP“ (2013), „The Uppers and Downers“ (2014) und „Retox“ (2014) entfaltete.

B: „Wir sehen uns mittlerweile mindestens einmal, teilweise drei- bis viermal im Monat – weil wir viele Liveshows zusammen spielen. Beim ersten Album war das noch ein Cloud-Ding, wo man sich Sachen hin- und hergeschickt hat: Ich fand zum Beispiel das Sample, Suffy steuerte vielleicht die Drums bei, Dexy machte den Bass – und dann wurde das irgendwie alles gemeinsam mit ein paar Solotracks zu einem Album zusammen gestampft.“

Beim neusten Album „Retox“ schlossen sich die drei dann in einer Hütte in Bayern ein. Und bauten Beats. „Von null auf, alles gemeinsam gemacht“, sagt Brenk. „Beim nächsten Mal wollen wir vielleicht irgendwohin ans Meer, das wäre natürlich der Hammer.“

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Schon seit Kindertagen werde er „Brenk“ genannt, eine Abwandlung seines bürgerlichen Vornamens Branko. Den Wiener zeichnet bisweile eine etwas harsche Aussprache aus, daher wurde nicht selten das ,a’ mit dem ,e’ getauscht. Der Zusatz sei dann durch die Amis gekommen, sagt der Produzent. Aus Spaß tauschte er mit der Zeit immer wieder die „Franks“ dieser Welt mit „Brenk“ ein, daraus entstanden dann Namen wie „Brenk Zappa“. Oder eben „Brenk Sinatra“. Der Name blieb hängen. Brenk ist cool damit.

B: „Sinatra war ja auch ein ganz eigener Kerl. Seine Persönlichkeit stand in gewisser Weise für einen Zwiespalt: auf der einen Seite war da der Showstar aus Las Vegas. Auf der anderen Seite sagt man ihm nach, mehr als nur gute Kontakte zur Mafia gehabt zu haben. Den konnte man kaum in eine Schublade stecken – und damit kann ich mich gut identifizieren, obwohl ich natürlich nichts mit irgendeiner Mafia zu tun habe.“

Auch für die Namensgebung der „Betty Ford Boys“ war Brenk verantwortlich. „Ich bin bei uns offenbar für die dummen Namen zuständig“, sagt er und lacht. Das „Betty-Ford-Center“ ist eine Entzugsklinik in Kalifornien, die ihren Namen und ihre Gründung der ehemaligen First Lady, eben Betty Ford, verdankt. Die Ehefrau des früheren Präsidenten Gerald Ford war zuvor selbst Alkohol süchtig gewesen.

B: „Und weil wir, wenn wir uns getroffen haben, oftmals relativ angeheitert waren, ist mir das damals eingefallen. Da war das lustig und angemessen. Aber wir Jungs sind nun alle auch älter geworden – und so viel trinken wir jetzt auch nicht mehr, nur noch manchmal.“

Nicht selten kommt es vor, wenn man ein BFB-Konzert besucht, dass das Trio mitten im Gig den Sound herunter schraubt und erst einmal eine Club-Runde Schnaps schmeißt. Auch das 2013 veröffentlichte „Leaders of the Brew School“ greift Alkohol im Titel auf. Welche Rolle spielt das Feuerwasser also für Suff Daddy, Dexter und Brenk Sinatra?

B: „Ich kann für uns alle sprechen, wenn ich sage: Wir machen nur nüchtern Beats. Ich kann ohnehin schon nach zwei Bier keinen Beat mehr bauen. Wenn ich arbeite, dann gibt’s da oftmals klassisch Tee oder Wasser. Und wenn ich Alkohol trinke, dann trinke ich Alkohol. Dann mache ich aber keine Beats. Ich kann nicht saufen und kreativ sein und das ist auch gut so. Wir trinken, wenn man sich trifft und feiert. Manchmal wird’s mehr, manchmal weniger – doch ein bisschen ,toxicated’ sind wir meistens.“

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Doch nicht nur mit Dexy und Suffy arbeitet Brenk zusammen. Gerade in jüngster Vergangenheit produzierte der Wiener mit seinem österreichischen Kollegen Fid Mella. Ende 2014 erschien etwa „Singende Klingende Unterwelt – Chop Shop 2“ und für die folgende Weihnachtszeit brachte das Duo „Christmas in Macellonien“ heraus. Gemeinsam mit dem Südtiroler Produzenten Mainloop gründeten die beiden das Label „Hector Macello“. Seit gut zehn Jahren wohnt der ebenfalls gebürtige Südtiroler Mella in Wien. Als Brenk eine Einladung dazu bekommen hatte, die vierte Ausgabe des „Hi-Hat-Clubs“ auf MPM zu machen, wollte er Mella dabei haben.

B: „Als ich das erste Mal Mella-Beats gehört hatte, wusste ich sofort: Der Typ ist extrem gut. Da war jeder Beat ,on point’. Und so etwas – zudem noch aus der Nachbarschaft – bekommt man nicht oft zu hören. Wir haben uns gleich super verstanden und sind erst Freunde geworden, aber irgendwie war es dann nur natürlich, dass wir auch zusammen arbeiten werden.“

1998 fing Branko mit dem Beatmachen an. Der junge Brenk war Autodidakt. Er sei nicht mehr in die Schule gegangen, habe das österreichische Abitur eine Klasse vor dem Abschluss geschmissen, „was saudämlich war“, sagt der Wiener. Ein Freund Brenks hatte sich damals eine billige Drum Machine gekauft. Und der Spaß begann. Der Kumpel gab derweil schon nach wenigen Wochen auf, Brenk aber steigerte sich immer mehr in die Sache rein und baute verbissen Beats.

B: „Irgendwann war ich total besessen von dem Ding, obwohl das alles andere als ein gutes Teil war. Ganz spartanisch war das am Anfang: im Sitzen, mit Maus auf dem Knie Beats machen. So lief das ab – und das Ganze auf einem 30-Zentimeter-Fernseher, so einer Old-School-Riesenröhre, bei der dir nach wenigen Minuten schon die Augen wehtun. Für mich hat es sich gelohnt, die Schule abzubrechen, denn wer weiß, ob ich jemals Beats gemacht hätte, wenn ich sie abgeschlossen hätte. Es war und bleibt aber ein Risiko und ich würde keinem 16- oder 17-Jährigen raten, die Schule zu schmeißen und es mir nachzumachen, denn ein festes Standbein beruhigt ungemein, kann ich mir vorstellen.“

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Heute ist Brenk Beatbau-Fulltimer. Am Anfang arbeitet er nebenher noch in einem Sneaker-Laden. Vollzeit im Lager, dann bis 3 Uhr nachts Beats machen und nach ein paar Stunden Schlaf wieder zur Arbeit – so sah für ihn lange Zeit die Routine aus.

B: „Irgendwann hat mich das fast kaputt gemacht. Seit über drei Jahren mache ich nun nur noch Beats. Ich stehe auf, drehe eine Runde um die Donau und produziere dann oft bis tief in die Morgenstunden. Das ist ein Full-Full-Fulltime-Job. Ich arbeite auf die Woche gesehen sicher mehr als 40 Stunden. Aber solange ich – ohne kreative Abstriche machen zu müssen – die Miete zahlen kann, lebe ich wohl meinen Traum.“

Die Inspiration komme von überall her, kein Genre sei vor seinem Sample-Jagd-Instinkt sicher, sagt Brenk. Die Auswahl der Samples sei auch eine Sache der Stimmung.

B: „Man muss ein gespitztes Ohr haben und viel Musik hören, dann kommt auch die Inspiration. Man muss offen sein für jedes Genre. Ich produziere oftmals ins Blaue hinein, auf was ich gerade halt Bock habe. Und wenn es mir gefällt, mache ich weiter. Ich habe schon von Dokus gesampelt. Ich habe von DVDs die Audiospur geripped und dann gesampled. Vor mir ist nichts sicher.“

2015 war bisher ein produktives Jahr. Am 16. Oktober wird der Österreicher auf „Hector Macello“ nun seine neue Solo-Platte „Midnite Ride“ droppen, die es seit Montag zum Vorbestellen gibt.

 

Als „Kopfkino-Autofahrt-Zugreise-Geschichte“ bezeichnet Brenk sein Solo-Album.

 

B: „So etwas wollte ich immer schon machen – für mich und auch mal auf Album-Länge. Es ist ein Soundtrack zum aus dem Fenster schauen. Und so etwas wie habe ich bisher überhaupt noch nicht gemacht. Die Platte ist durchweg entspannt. Die Amis würden es wohl Smoke-Music nennen – das treffenste Wort wäre wohl wavy. Es ist ein Album, das für Musik-Liebhaber ist, die nicht immer in die Clubs rennen, sondern gerne auch mal zu Hause mit Freunden oder alleine entspannten Sound genießen wollen.”

Seit Februar ist die Platte fertig. Natürlich verzögere sich ein solcher Release dann zwangsläufig, wenn dieser dann auf die organisatorische Ebene gelange, sagt Brenk. „Irgendwann kannst du es dann kaum mehr erwarten, bis das Ding released wird. Irgendwann hast du deine eigene Musik dann so oft gehört, dass sie dir gar nicht mehr als so neu rüberkommt. Aber ich habe natürlich immer noch Bock darauf.“ Zu „Midnite Ride“ wird es neben den Download-Code optional auch ein schniekes Bundle geben, das unter anderem einen zum Motto passenden Duftbaum und eine Premium-Snapback, die den typischen Brenk-Gorilla als Aufdruck featured, beinhaltet. „Ich bin leidenschaftlicher Kappen-Sammler“, sagt Brenk. „Und ich wollte daher schon immer mal meine eigene Cap haben.“ Zudem soll dieses Jahr das oftmals angekündigte Album „Which Way Iz West“ der Westcoast-Legende MC Eiht gedropped werden, auf dem auch Brenks Instrumentals zu hören sein werden. „Diesmal wirklich. Das ist für mich als alten Westcoastler natürlich eine große Ehre“, meint der Vinyl-Sammler.

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Selbstredend sei das Musikmachen auch immer zu einem gewissen Teil Routine. „Gerade, wenn man solange Musik macht wie ich. Trotzdem weiß man am Anfang nie, was am Ende dabei herauskommt – und oft überrascht man sich auch selbst. Das ist doch das Schöne am Musikmachen.“ Brenk genießt, dass er sein Hobby zum Beruf machen konnte. „Ich bin in meinem Arbeiten völlig frei. Mir sagt niemand, was ich machen soll. Und das ist auch gut so. Man darf seinen Stil niemals vom Strom der Massen lenken lassen. Inspirieren schon, lenken nie. Wenn du lange dabei bleiben willst, musst du deine eigene Schiene finden. Wer immer auf das anspringt, was gerade angesagt ist, geht auch schnell wieder im Strom unter“, sagt Brenk, der die Stellung des Produzenten im Business mittlerweile gesteigert sieht.

B: „Das ist eine Entwicklung der letzten Jahre. Und dazu haben alle ihren Teil beigetragen, die Instrumental-Alben veröffentlicht haben – von Suffy, über Dexter bis Iamnobodi, von Mella zu mir. Wir alle haben dazu beigetragen, dass sich beim Hörer eine Einstellungsänderung vollzogen hat. Dadurch hat der Produzent an Stellenwert gewonnen; er funktioniert auch komplett eigenständig und ist bei einer Rap-Nummer gegenüber dem MC weiter nach vorne gerückt, vielleicht nicht gerade ins Spotlight, aber die Leute checken allmählich auch abseits der verschworenen Nerd-Kreise, dass der Produzent für einen Track genauso wichtig ist wie der Rapper. Früher gab’s nur ein paar sehr Interessierte, die die Credits einer Platte durchgegangen sind, um den Produzenten ausfindig zu machen. Und ich finde es gut, dass das nun anders ist.“

Gleichwohl ist es heute leichter denn je einen Beat zu produzieren. Wer will, der kann sich online ein komplettes Paket an Software zusammenstellen, mit dem er Beats von A bis Z bauen kann und kaum ein Gerät dazu braucht.

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B: „Diese Entwicklung ist ein zweischneidiges Schwert: Ich bin kein Hardware-Purist, im Gegenteil, ich verwende auch viel Software. Aber man merkt schon, wenn jemand Hardware-Equipment besitzt und sein Handwerk versteht. Ein ordentlicher Analog-Synthesizer kostet nicht umsonst so viel Geld und klingt auch dementsprechend. Aber wenn ich etwas feier’, ist es mir egal, wie es gemacht ist oder wo es herkam. Es kommt aber klarerweise durch den leichten Zugang zu den Tonnen an Free Software auch viel Schrott heraus. Die Medien versuchen ja, den Menschen auf Hochdruck zu suggerieren, dass jeder schnell ein Star werden kann. Das bezieht sich auch auf einige Produzenten, speziell in Amerika.“

Brenk überlegt sich oft, was wäre, würde er erst heute mit dem Produzieren beginnen. „Das wäre schwierig, aber nicht unmöglich“, glaubt er. Es gibt so viele Produzenten, da braucht es ordentlich Biss und Willen, um sich durchzusetzen, wenn man frisch begonnen hat.“ Da behaupte sich leider auch nicht immer die Qualität, oftmals müsse man einfach Glück haben und den richtigen Moment erwischen.

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B: „Heute hört man sich ein Album, wenn überhaupt, schnell online durch, pickt sich die Rosinen ’raus, die dann noch ein paar Mal gehört werden, und geht dann zum nächsten. Es gibt zu viel Material. Das gab es sicher schon damals, aber früher war es nicht so leicht, an dieses zu kommen. Ich bin auch kein Fan von Streaming-Diensten, die sind mir zu faul. Ich bin nicht altmodisch, aber da bekommt der Künstler einfach nichts ab, er kriegt keinen Lohn für seine Arbeit. Die einzigen, die davon profitieren, sind die Betreiber der Plattformen und die Riesen-Artists a la Madonna. Das ist die Realität.“

Dennoch erkennt auch Brenk den Reiz des Digitalen an. Er sample auch mal einen Youtube-Track, wenn er ihn anderweitig nicht herbekomme. „Ich digge auch viel in der digitalen Welt, keine Frage. Aber optimal ist und bleibt eben Vinyl. Ich sammle ja auch leidenschaftlich Platten. Und die Vinyl verliert niemals ihren Reiz. Der einzigartige, viel wärmere Klang, das Format – Platten sind einfach Platten. Und an die reicht nichts heran.“

 

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Marcel Schlegel
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Schreibt viel und immer mit zwei Fingern. Mal über dies, mal mehr über das. Stärke: die Kommasetzung. Punkt. Ein Werdegang in Linkform – hier: http://bit.ly/2ajtdCU

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