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Wenn man Dexter (32) schon mal einen ganzen Tag für ein 0711tape für sich hat, muss man das auch ausnutzen, oder? Bei einem Teaz-Eistee und einem Käffchen haben wir mit dem Stuttgarter Produzenten auf dem Fernsehturm ein bisschen geplauscht. Daraus entstand dieses Interview – über Dexys Anfänge als Beatmacher, über Wu-Tang, Mobb Deep und die Geschichte hinter seinem Künstlernamen.

Ein Interview von Maren und Marcel mit Fotos von Felix und Jaydee


Wo Dexter draufsteht, da ist auch Dexter drin. Doch nicht jedem Musikliebhaber dürfte bewusst sein, in wie vielen Produktionen tatsächlich „Dexy“ steckt. Viele dürften den Stuttgarter Beatmacher spätestens seit der Platte mit Rapper Fatoni vom letzten Jahr auf dem Schirm haben. Den meisten ist Dexter als Teil des Beatmacher-Trios Betty Ford Boys ein Begriff. Erstmals kommerziell erfolgreich wurde Dexter mit seinen Produktionen für Casper und Cro. Doch gerade Anhängern oldschooler Beats seien unter anderem auch die früheren Platten mit Jaques Shure, Maniac oder Dennis Da Menace ans Herz gelegt. Neben den vielen Instrumental-Scheiben natürlich.

Wie hat das mit Dir und Hip-Hop eigentlich angefangen?

DEXTER: „Ich war früher der absolute Wu-Tang-Jünger und besitze auch so gut wie alle Platten aus der ,älteren Zeit’ – so bis 2002 habe ich quasi jede Veröffentlichung. Für mich war es zunächst der New-York-Rap, der mich begeisterte – vor allem düstere Sachen wie die von Mobb Deep, aber auch ein bisschen West Coast, Eazy E und solche Künstler.“

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Und wie sah’s mit deutschen Künstlern aus?

D: „Ich habe fast keinen Deutsch-Rap gehört und wenn, dann waren es Massive Töne. Andere Rapper aus dieser Zeit, wie etwa die Beginner, haben mir weniger gefallen, ich war auch nie ein Samy-Deluxe-Fan – eher Doppelkopf oder Eins Zwo. Und dann hatte ich irgendwann so eine Phase, da hab ich nur noch Abstraktes gehört; total abstrakte Beats, die auch mein eigenes Verständnis von Musik prägten und konträr zum klassischen Vier-Viertel-Takt liefen.“

Wie meinst du das?

D: „Es gab eine Zeit, in der ich viel langsamere Sachen gehört habe – DJ Crush, DJ Shadow. Oder auch Musik von Künstlern, die mit Hip-Hop eigentlich nichts zu tun haben – zum Beispiel Portishead. Ich habe dann irgendwann gemerkt: ,Ey, da kann man doch auch im Hip-Hop-Bereich viel mehr machen.’ Das hat mir in meiner Entwicklung sehr geholfen.“

 

MANIAC @ INTERVIEW

SUFF DADDY @ INTERVIEW

BRENK SINATRA @ INTERVIEW

 

Wie verlief dann der Schritt vom Wu-Tang-Fan zum selber Produzieren?

D: „Das verlief parallel. Zunächst hört man sich die Samples von Wu-Tang Clan und solchen Acts an und entdeckt, wie gut diese Soul-Musik aus den 60ern und 70ern eigentlich ist. Doch irgendwann checkst du dann auch, wie oft diese Samples bis heute schon benutzt wurden. Man sucht danach dann eben die raren Tracks, die keiner kennt und keiner hat. Dann kommst du vom 100sten in 1000stel – und diese Sample-Jagd lässt einen in der Folge nicht mehr los.“

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Gab’s ein konkretes Erlebnis, das dich dazu gebracht hat, selbst Musik zu machen?

D: „Nicht wirklich. Wir haben ganz naiv begonnen, über Mikrofone direkt auf Tape aufgenommen und über Ami-Instrumentals gerappt. Aber ich weiß noch:

 

Ich bin irgendwann mal hier in Stuttgart in einen Soundladen am Hauptbahnhof marschiert und habe gefragt: ,Ich will Beats machen, wie geht das, was brauche ich?’

 

„Und ich meine, heute schaust du im Internet und du brauchst nicht viel dazu. Aber damals hast du 400 Mark oder so für eine Soundkarte und für eine der ersten Logics, die es gab, gezahlt. Ich wusste überhaupt nicht, was ich damit machen soll. Ich dachte: ,Shit, ich habe jetzt 300 oder 400 Mark ausgegeben für den Kack. Was mache ich denn jetzt, ich blick’s überhaupt nicht.’“

Es hat aber scheinbar doch irgendwie geklappt?

D: „Ich habe rumprobiert und irgendwann hatte ich den Knoten raus. Ich merkte eben, dass ich das unbedingt machen wollte – und das motivierte mich. Es gab damals in der Nähe von Heilbronn, wo ich aufgewachsen bin, echt niemanden, der mir das hätte erklären können.“

Eine andere Zeit?

D: „Ich will das gar nicht verklären, aber es war schon verrückt: Wir waren Schüler, hatten keine Kohle, schon gar nicht für solche teuren Geräte – so eine MPC oder Technics-Plattenspieler, die waren damals schon verflucht teuer. Ich weiß noch, dass ich mir von meinem Zivi-Gehalt Technics gekauft habe. Dafür musst ich dann vier Monate arbeiten gehen – aber wir haben’s einfach gemacht.“

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Übers DJ-ing zum Produzieren also?

D: „Ja, ich wollte immer Plattenspieler haben und scratchen können. In der Schule haben wir uns Reimzettel hin- und hergeschrieben haben dann ganz naiv etwas aufgenommen.

Haben dich deine Eltern dabei unterstützt?

D: „Total! Meine Eltern sind cool, liberal und jung geblieben. Mein Vater besitzt selber gefühlt 80 000 Platten und ist Blues-, Jazz- und Rock-Fan. Er spielte auch in einer Band. Auch meine Mutter ist sehr musikalisch. Die haben mich immer ganz stolz verfolgt – mit Zeitungsartikel-Ausschneiden und so weiter. Aber ich glaube auch, dass ich die bei der Stange halten konnte, weil ich nebenbei mein Studium durchgehauen habe. Da konnten die sich quasi gar nicht beschweren, auch wenn man mal beim Kiffen erwischt wurde. Es gab auf jeden Fall Freunde, die sind mehr eskaliert. Ich war eher der Vernünftige – zwar für jeden Spaß zu haben, aber manchmal halt auch der, der sagte: Nee, das müssen wir jetzt echt nicht vollsprühen. Lass’ uns doch lieber da den Stromkasten nehmen, das stört doch keinen.“

 

DEXTER @ 0711TAPE

DEXTER @ 0711ER DER WOCHE

 

Wie kam dann der der Name „Dexter“ zustande?

D: „So hat mich ein Klassenkamerad immer genannt. Eigentlich war das ein total dummer Schulname. Ich konnte nur mit rechts scratchen und wir hatten Lateinunterricht. Und Dexter heißt ,rechts’ und ,sinister’ heißt links. Es gab einen DJ, der hieß Mr. Sinister, weil der auch immer nur mit links konnte.“

 

Wie kamst du als gebürtiger Ulmer und späterer Heilbronner eigentlich nach Stuttgart?

D: „Ich war zur Hip-Hop-Hochphase – von ’98 bis 2000 – schon oft zum Skaten hier, habe damals aber noch in Heilbronn bei meinen Eltern gewohnt und bin zur Schule gegangen. Nach dem Studieren in Göttingen und Regensburg hat mich der Job zurück gebracht. Ich hatte eigentlich nicht vor, nach Stuttgart zu gehen. Aber nun bin ich froh darüber. Mir gefällt’s hier.

Beruf und Musik – hat man da abends noch den Kopf dazu, kreativ zu sein?

D: „Naja, abends denke ich schon manchmal: Wenn ich mich jetzt hinsetze, da kommt doch sicher nichts bei ‘rum. Aber ich habe mir das so angeeignet, dass, wenn ich ein Sample höre oder irgendetwas im Kopf habe, dass ich das dann ziemlich schnell umsetzen kann. Dann setze ich mich hin und mache das so weit es geht fertig.

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Dann ist das Grundkonstrukt da und wird irgendwann mal fertig gemacht?

D: „Genau. Oder ich mache mir schnell eine Skizze.“

Um nochmals auf Stuttgart zu kommen: Die letzten vier Jahre, seit denen du hier wohnst, waren für deine musikalische Karriere dennoch sehr wichtig, oder?

D: „Ja, auf jeden Fall. In dieser Zeit ist erst das passiert, was mich auch deutschlandweit auf den Schirm brachte. Ich mache schon seit 1999 Musik, aber die breite Masse interessiert sich erst seit den letzten paar Jahren für mich. Mit Stuttgart hat das aber nur indirekt zu tun, ich würde eher sagen, dass ich in den letzten Jahren zum Glück die Früchte der Jahre davor ernten durfte.“

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Welche Rolle spielt eine Stadt insgesamt für einen Musiker?

D: „Ebenfalls nur eine sekundäre. Ich wäre zum Beispiel gerne nach Köln gezogen, wo eines meiner Labels MPM sitzt und wo die Infrastruktur für mein Genre sehr ausgereift ist und wo viele Gleichgesinnte wohnen – Hulk Hodn, Twit One, der Retrogott und viele andere. Aber andererseits ist diese romantische Vorstellung, dass die sich dort alle jeden Tag treffen auch verfälscht. Jeder hat seine Aufgaben und seine Familie – und in Zeiten des Internets funktioniert der Austausch eben auch darüber. Ich bin ja ohnehin viel unterwegs in anderen Städten und diese Freunde und befreundeten Musiker kommen auch oft nach Stuttgart. Dann kommen die halt zu mir, zum Kaffee trinken oder Platten kaufen. Obwohl die so weit weg wohnen, sieht man sich trotzdem relativ oft. Also ich bin zufrieden mit der Situation hier in Stuttgart und kann mich nicht beklagen. Eigentlich geht es mir gerade extrem gut. Da könnten auch andere Zeiten kommen.“

 

INTERVIEW @ HULK HODN

INTERVIEW @ RETROGOTT

 

Aber warum dein „Aufstieg“ – auch der der Betty Ford Boys mit Suff Daddy und Brenk Sinatra – wenn man das so harsch sagen kann, in den letzten Jahren – einfach den Zeitgeist getroffen?

D: „Ich mache das Musik-Ding schon so lange, dass ich weiß, wie sich das verändert über die Jahre. Der Musikgeschmack der Leute ändert sich sehr schnell und irgendwann ist man nicht mehr interessant, wenn man am Zeitgeist vorbei produziert. Ich habe aber auch keinen Bock, jeden Scheiß mitzumachen.“

 

Ich könnte zwar, aber ich mache lieber mein Ding, als das Ding der vielen.

 

„Ich habe auch schon Techno-Tracks produziert, French-House-Sachen, ich habe irgendwelche Trap-Dinger gemacht, nur um es auszuprobieren, um sich weiter zu entwickeln. Die Frage am Ende des Tages ist aber, was man musikalisch selber mag und wofür man stehen will.“

Wie entscheidest du, mit wem du zusammen arbeitest?

D: „Ich schaue, dass ich mit den Leuten etwas anfangen kann, mit denen ich zusammen arbeite. Ich bekomme manchmal Beat-Anfragen von bekannteren Künstler, bei denen ich aber schnell sehe, dass das musikalisch einfach null zusammenpasst. Dann fragt man sich schon: Okay, wollen die jetzt einen Beat von mir, einfach nur, weil man den Namen öfter gehört hat? Man merkt schnell, dass die sich eigentlich gar nicht für die Musik interessieren, die man sonst macht.“

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Es braucht also eine persönlichere Ebene?

D: „Ja, genau! Da kriegt man manchmal bei Facebook Nachrichten, wie: Ich würde 300 Euro für einen Beat zahlen und hier ist mein Link. Manchmal höre ich mir das Zeug dann sogar an. Ich denke mir auch oft – und das soll nun echt nicht arrogant rüberkommen: Was denken sich solche Leute, die ganz frisch Musik machen, eigentlich, wenn sie mir einen Beat abkaufen wollen? Das ist für mich ein nicht nachvollziehbarer Ansatz des Musikmachens. Als ich jung war und noch kein Geld hatte, habe ich nie gedacht: Ich kaufe mir jetzt einen Beat von jemandem. Da habe ich selber versucht, die Beats zu machen. Punkt.“

Kommt es eigentlich vor, dass dich jemand bei der Arbeit im Krankenhaus darauf anspricht, was du sonst so machst?

D: „Ja, das kommt schon vor. Die googeln einen und schauen sich dann YouTube-Videos an. Aber das kommt nicht so oft vor, da ich ja nur Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre behandle. Und die steigen nicht so tief in die Materie ein.“

 

Einen Bezug zu mir fänden die nur über Cro, aber welcher Cro-Fan interessiert sich für den, der die Beats gemacht hat.

 

„Was immer öfter passiert, ist, dass man in der Bahn angesprochen wird – und ich bin dann freundlich und rede mit denen. Aber diese Situationen sind mir immer krass unangenehm. Vor allem, wenn dann die ganze restliche Bahn auch noch guckt. Da gibt es auch andere Leute, die damit viel cooler umgehen. Zum Beispiel Bartek von den Orsons, der handelt solche Sachen immer ganz cool, dann denke ich immer: Och, so locker würde ich das auch gerne mal können. Ich bin immer gleich so verkrampft.

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Da muss man auch der Typ für sein …

D: „Ja, ich meine, auch wenn ich dann ab und zu mal rappe, mache ich das, weil ich kurz Bock darauf habe. Aber dann denke ich, wenn das rauskäme und ich müsste ein Video dafür machen – eigentlich muss man mein Gesicht nicht überall zu sehen bekommen.“

 

DEXTER @ FACEBOOK

DEXTER @ SOUNDCLOUD

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Marcel Schlegel
Author

Schreibt viel und immer mit zwei Fingern. Mal über dies, mal mehr über das. Stärke: die Kommasetzung. Punkt. Ein Werdegang in Linkform – hier: http://bit.ly/2ajtdCU

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