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Ecke Prenz – das sind die DJs und Producer P-Berger Roman und Martin aka Breaque (Foto oben, hinten) und V.Raeter. Sich selber beschreiben die Berliner als eine „unreale“ Mischung aus Malzbier, Mutterwitz und ’ner ehrlichen Wurst aus HipHopFutureFunkCornerBeats mit Bass. Aha. Die Ecke Prenz befindet sich im Original in der Hauptstadt: Prenzlauer Allee Ecke Danziger Straße. „Aber eigentlich hat jeder seine eigene Ecke Prenz und die Prenzlauer Allee hat viele davon“, sagt Breaque. Das war euch zu wirr? Ja, dann wird’s Zeit für ein Interview.

Interview von Marcel Schlegel mit Fotos von Hanna Heider


Wie hat das bei euch mit dem Musikmachen angefangen?

B: „Bei mir der klassische Weg irgendwie: sich mit 13 in die Musik verknallen und es spannend finden, was die ,Alten’ da auf der Bühne, an der Wand oder sonst so machen. Sich dann selbst ausprobieren und irgendwann das finden, was einem am meisten Spaß macht. Schlussendlich dann noch Mama überzeugen, dass es total richtig und wichtig ist, sein Geld von der Jugendweihe für die ersten Billo-Plattenspieler und einen noch schlechteren Mixer auszugeben.“

V: „Ich habe mein Jugendweihe-Geld auch für das erste Equipment ausgegeben. Ich sah damals auf VIVA die Sendung ,Freestyle’ und dann wollte ich das auch machen. Vorher gab es nur Star Trek – ich hatte keinen richtigen Zugang zu Musik und Hip-Hop hat da eine ganz große Tür für mich aufgemacht.“

Und wie war die Entwicklung seither?

V: „Dann habe ich über Schulkameraden Marcello und Hiob beziehungsweise V.Mann kennengelernt und wir haben in meinem Kinderzimmer Freestyles aufgenommen und unsere erste Band gegründet. Daraus entstand dann Ende der 90er ,FunkViertel’, unser erstes Tape-Label.“

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B: „Bei mir: Mixtapes hören, VHS-Tapes von DJ-Battles gucken, zu Liveshows und Partys gehen und währenddessen die ersten eigenen Partys im Jugendclub organisieren, um auflegen zu können. Ich habe mir über die Jahre viel selbst beigebracht, da ich in meiner Jugend eher mit Freunden aus dem Indie-Rock und Elektro-Bereich rumgehangen habe. Dann bin ich durch Martin und Sir Serch irgendwie zu ,FunkViertel’ gekommen und das Ganze nahm seinen Lauf.“

Gibt’s Produzenten, die ihr bewundert habt, die euch vielleicht auch dazu gebracht haben, das selber zu machen?

V: „Der Produzent, von dem ich gelernt habe, war Marcello. Dann war RJD2 lange ein Vorbild – vor allem, wie er die Sachen live umgesetzt hat. Prefuse73 und Young RZA fand ich auch super. Ich glaube auch, dass wir beide Anticon voll gut fanden. Uns ist es aber wichtig, Sachen anders zu machen beziehungsweise frei an die Sache heranzugehen.“

B: „Dem kann ich nichts hinzufügen, Top-Antwort!“

 

ECKE PRENZ @ MIXCLOUD – CORNERN

ECKE PRENZ @ FRAGEN ÜBER FRAGEN

 

Habt ihr einen All-Time-Classic in Sachen Rap, der immer geht?

B: „Das ,Ill Scripts’-Tape von V-Mann und Serch.“

V: „Tony Touch – ,Tape 50’.“

Was war die erste Hip-Hop-Platte, die ihr euch jeweils gekauft und die ihr gefeiert habt?

V: „Irgendwas zwischen ,Alte Schule’-Sampler, Fettes Brot, ,36 Chambers’ von Wu-Tang Clan und ,Black Sunday’ von Cypress Hill.“

B: Irgendwas zwischen ,Flashnizm’ von den Beginnern, Main Concepts ,Coole Scheiße“’ und ,Berlin No.1 Volume 2’ – beste Mischung (lacht).“

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Die beiden kennen sich schon seit über einer Dekade

Vom Hobby zum Beruf – oder welche Rolle spielt die Musik bei euch?

B: „Für mich ist und bleibt es, zumindest gefühlt, immer noch ein Hobby, was einfach 24/7-mäßig zu mir und meinem Leben gehört, es um 1000 Dinge bereichert und mir keine Zeit für langweiligere Alternativen lässt. Deshalb klingt Hobby irgendwie zu abwertend und zu geringfügig. Kitschig ausgedrückt, ist es eher ein fester Teil des Lebens, der schöner ist als jeder Beruf.“

V: „Komischerweise sehe ich das alles auch noch als Hobby, obwohl ich mindestens 50 Prozent meines Lebens, sowohl finanziell als auch zeitlich und gedanklich, damit verbringe. Ich glaube, das liegt daran, dass der Begriff ,Arbeit’ so negativ belegt ist – und es scheinbar keinen Spaß machen darf. Die andere Hälfte der Zeit bin ich Illustrator und Grafiker. Das macht auch Spaß. Geil! Jobby.“

B: „Jobby (lacht)! Lass das mal als ,prenzige’ Wortschöpfung sichern!“

Wie lange kennt ihr euch?

B: „Zehn Jahre bestimmt, oder?“

V: „Mindestens.“

Wie kamt ihr zusammen?

B: „Eine Freundin kannte uns – getrennt voneinander – über verschiedene Ecken. Irgendwann meinte sie zu mir: ,Martin und du, ihr müsst euch kennenlernen. Ihr seid schon jetzt wie Brüder, obwohl ihr euch noch nicht einmal kennt!’ Zwei Dinge habe ich von ihr gelernt: Zum einen, dass sie damit mehr als recht hatte und außerdem, dass man Ingwer nicht nur aufgießen, sondern auskochen muss, bis er richtig schön dunkel ist. Vor allem auf Tour im Winter ist dieser Tipp nicht zu verachten. Danke, Jalda!“

Wohin wollt ihr mit eurer Musik – ist es das Ziel, euren Lebensunterhalt mal mit Musik bestreiten zu können?

 

V: „In euren Kopf und in eure Beine wollen wir – und wenn wir davon leben können, ist das toll. Wenn nicht, auch gut – wir machen das ja eh.“

 

B: „Das Wichtigste ist uns wirklich, gemeinsam eine gute Zeit zu haben. Zum einen kumpelmäßig durch die Gegend zu düsen und zum anderen mit allen Zappelwütigen eine möglichst besondere Nacht mit eigenem ,Prenz Flavour’ zu erleben.“

Ihr macht eine kleine Online-Radiosendung, mittlerweile cornert ihr schon seit 76 Folgen. Wie hat das angefangen? Wart ihr anfangs echt am Cornern?

B: „Er hat klein gesagt, Martin.“

V: „Weiß doch jeder, dass es nicht auf die Größe ankommt! Dafür stimmt die Quali und ,Cornern’ ist wohl die Basis, wenn man das Wort ,Ecke’ im Namen trägt.“

Ihr legt im Duo auf. Was zeichnet eine Ecke-Prenz-Show aus?

V & B: „Musikalische Überraschungen, ungeahnte Genre-Sprünge, mehr Frauen auf den Partys als bei jeder anderen DJ-Crew, die Würste werden geschwungen wie sonst was, immer was zu lachen, wenn man Romans Tanzmoves beobachtet und vor allem Fun, Fun, Fun!“

DJ-Sein ist Battle – Konkurrenz pur! Okay, so halb

Wie plant ihr das? Steht die Setlist davor?

V: „Wir sprechen uns höchstens am Anfang ab, der Rest ist Freestyle. Wobei sich mittlerweile auch zwei bis drei Kombos entwickelt haben, aber sonst lassen wir uns vom Moment leiten.“

B: „Wenn wir jetzt einen 30-Minuten-Slot auf irgendeinem crazykrassen Festival hätten, würden wir sicher vorher überlegen, was wir machen wollen, um all unsere musikalischen Facetten in der kurzen Zeit zeigen zu können. Aber wenn man eine ganze Nacht auflegt, sind Playlists halt echt Quatsch. Die eigene Stimmung und der Vibe in der jeweiligen Stadt und im jeweiligen Club sind doch immer different. Diese Herangehensweise habe ich noch nie wirklich verstanden. Zumal wir uns selbst am meisten langweilen würden.

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Ist das auch Konkurrenz zwischen euch?

V: „Das ist Konkurrenz pur – das macht’s auch immer wieder spannend für uns und das Publikum.“

B: „Wir wollen uns mit Songs immer überraschen und uns damit battlen. Wer spielt den geileren Song, wer macht den besseren Übergang und so. Martin hat mich in den letzten Monaten echt ein paar Mal mit richtigen Übertracks weggehauen. Voll der Kack-V.ogel ey …“

V: „Darum hört man bei uns auch oft Tracks, die sonst nicht unbedingt im Club laufen.

Martin, du begleitest Fatoni auf Konzerten. Wie kam’s dazu?

V: „Wir kennen uns schon knapp zehn Jahre. Ich habe mal einen Track für seine alte Crew ,Creme Fresh’ produziert, angefreundet, immer wieder getroffen – und ich habe auch für die Nocebo-Platte mit Edgar Wasser ein paar Beats gemacht. Dann brauchte er einen neuen DJ, weil er mit DJ ,Koffer’ Unstimmigkeiten hatte – das ist glücklicherweise mittlerweile aus der Welt. So kam eins zum andern und er wurde zu meinem Rapper.“

Roman größer Fatoni, aber Anton ist schon auch cool

Mit wem macht’s mehr Spaß: mit Roman oder Toni?

B: „Jetzt bin ich aber gespannt …“

V: „Ganz klar: mit Roman. Der ist einfach mein Bruder und wir verstehen uns blind: Essen, Unternehmungen, Musik und so weiter. Wobei Toni ihm ganz schön auf den Fersen ist. Diesen Sommer war ich verdammt viel mit Toni unterwegs und da hab ich Roman und das Auflegen mit ihm schon ganz schön vermisst. Das ist mehr als eine DJ-Zweckgemeinschaft. Wir sind wirklich beste Freunde.“

Ihr produziert auch beide. Ich stelle mir das Beatmachen immer sehr „romantisch“ vor: Draußen ist es dunkel, wenig los auf der Straße und man hockt mit wenig Licht in seinem Zimmer und widmet sich nur dieser einen Sache. Wie läuft das bei euch ab?

V: „Das ist ganz unterschiedlich. Da wir viel zu selten Zeit finden, gemeinsam was zu machen, bastelt erst mal jeder für sich Skizzen oder findet Samples und dann schicken wir uns das zu. Der andere hat dann eine Idee und bringt seine Zutaten rein: Drums verändern, Scratches dazu und so weiter.“

 

B: „Meine MPC habe ich irgendwann wieder verkauft, weil ich einfach zu faul war, das ganze Handling zu lernen. Plattenspieler, Cubase, Fruity Loops und möglichst viele analoge Spielzeuge sind eher unsere Dinge.“

 

Gehen da Tage drauf oder nur ein paar Stündchen?

V: „Wenn wir ehrlich sind: Jahre!“

Wie geht ihr vor?

B: „Ein Hauptmerkmal ist vielleicht, dass es keine festen Regeln oder Herangehensweisen gibt. Manchmal sample ich mit meinem Handy und baue Loops mit so ’ner 99-Cent-App aus Zahnbürsten- und Türschloss-Sounds. Dann eiern wir wieder mit ’nem alten Plaste-Piano rum oder sampeln klassisch von einer abgerockten Amiga-Platte. Final kommt dann bei uns aber alles am Rechner zusammen und wir versuchen aus einem schrecklichen Daten-Chaos, wirklich sehr gruselig, irgendeinen geilen Beat zu basteln.“

Die Welt der Medien rast und damit auch die Möglichkeiten des Produzierens: Jeder hat prinzipiell die Möglichkeit, mit wenig Geld und einfachen Mitteln am Computer Musik zu machen und vielleicht sogar, nenn wir es, Mirko-Prominenz zu erreichen. Wie steht ihr zu solchen Entwicklungen?

V: „Ich finde es prinzipiell immer gut, wenn sich Leute kreativ ausleben und nicht nur stumpf konsumieren. Ob das dann alles gleich auf Platte gepresst werden muss, weiß ich nicht. Im Internet ist mir das auch egal. Ich kann mir zum Glück selber aussuchen, was ich höre und was nicht. Und ohne die lustigen Rapper und ihre lustigen Videos wäre Facebook auch nur halb so lustig.“

B: „Das ist doch voll geil. Hip-Hop-Gedanke to the fullest quasi! Ob man dann gleich immer alles überall raushauen oder zwingend gleich an ,(Mikro)Prominenz’ denken muss, sei mal dahingestellt. Jeder sollte sich unbedingt irgendwie kreativ ausleben und ausleben können, egal, ob nun im privaten, beruflichen oder im ehrenamtlichen Bereich. Das würde die Menschen und die Welt bestimmt zu einer besseren machen.“

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Wie steht ihr zu Neuen Medien – allgemein und im Musik-Business?

V: „Fluch und Segen: Ich muss immer wieder aufpassen, mich aufs Wichtige zu konzentrieren. Die Neuen Medien wissen mich einfach zu gut abzulenken. Dumme Chats und Instagram – schlimm!“

Seit ein paar Jahren sind die Beatmacher auf dem Vormarsch. Es braucht, um eine Platte zu machen, nicht mehr zwangsläufig einen MC. Für euch sicherlich eine spannende Entwicklung?

V: „Ach, das ist doch schon ewig so: Shadow, Krush, RJD2 etc. machen das ja schon länger vor und auch in Deutschland beziehungsweise Europa, vor allem in England, gibt es eine lange Liste an Instrumental-Hip-Hop. Durch die Beatfights und die ,Hi-Hat Club’-Reihe hat es hier nur eine neue Öffentlichkeit bekommen. Und das ist natürlich geil, weil hier Hip-Hop immer noch viel zu oft mit Rap gleichgesetzt wird. Von der Rolle der DJs ganz zu schweigen.“

Freundschaft durch Musik und Musik durch Freunde

Wie ist das Verhältnis zwischen den Producern und DJs: eher Konkurrenz oder doch Freundschaft?

B: „Freundschaften verbinden uns ja grundsätzlich nur mit Leuten, die wir mögen und da ist es erst mal völlig egal, was sie machen. Eine allgemeine Konkurrenz in der Szene kann ich da auch nicht beobachten, da viele Produzenten ja auch gute DJs sind oder umgekehrt. Was man deutlich kritischer sehen könnte, ist, dass sich heute ja jeder gleich DJ nennt, der mit einem Controller und Sync-Butten-Tracks aneinander reiht. Uns ist aber auch das zuwider, da es nie darum gehen sollte, wie man etwas technisch macht, sondern was dabei raus kommt. Außerdem kann das ja auch ein geiler Ansporn sein neue Wege, Stile oder Eigenschaften für sich, als ,kooler’ DJ, zu erschaffen. Am Ende des Tages geht es nur um Gefühle! Punkt!

Ihr seid oft in Stuttgart. Welche Verbindung habt ihr zum Schwabenland?

V: „Die erste war natürlich Prenzlauer Berg. Irgendwann haben wir uns über die Musik mit den Jungs von WSP um Dexter aus Heilbronn angefreundet. Ziemlich dicke sogar.“

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B: „Musik, Freundschaft und gutes Essen. An dieser Stelle auch ganz liebe Grüße an Mama & Papa Dexter aka. ,Die Dexters’, wie wir sie gerne nennen. Da gab es schon früher immer das allerbeste Frühstück nach verrückten Nächten im Mobilat.“

Was fällt euch spontan ein, wenn ihr an Stuttgart denkt?

B: „Der schöne Blick auf den Kessel, wenn man von der Autobahn kommt, Kopfnicker und vor allem drunky Nächte mit guten Gastgeber/innen.“

V: „Ich denke zuerst an Linsen mit Spätzle und ’ner Wiener. Lecker, lecker.“

Marcel Schlegel
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Schreibt viel und immer mit zwei Fingern. Mal über dies, mal mehr über das. Stärke: die Kommasetzung. Punkt. Ein Werdegang in Linkform – hier: http://bit.ly/2ajtdCU

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