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Falk-Schacht ist die Konstante im deutschen Rap. Als „Hawkeye“ produzierte der gebürtige Hannoveraner in den 1990ern zunächst Beats, dann wechselte Falk die Seiten: Als Musikjournalist und Moderator hat er seither die Szene im Blick. Und im Deutsch-Rap-Dokumentarfilm „Black Tape“, der am 3. Dezember erscheint, macht Falk auch vor der Kamera eine gute Figur. Wir sprachen am Rande der Preview in den Stuttgarter Innenstadtkinos mit dem Labelbesitzer.

Ein Interview von Marcel Schlegel mit Fotos von Saeed


Seit gut 30 Jahren beschäftigst du dich mit Hip-Hop. Gab es ein Schlüsselerlebnis, das dich zu dieser Kultur brachte?

FALK: Das war, als ich zum ersten Mal Leute gesehen habe, die sich wie Roboter bewegten. Das war damals sehr beeindruckend für mich – als Neunjährigen.

Über Breakdance fandest du also den Weg zu den anderen Elementen von Hip-Hop, etwa zu Rap?

F: Genau, ich bin mit dieser Kultur erstmals über das Breaken, das Tanzen konfrontiert worden. Das habe ich von 1983 an auch lange Jahre selbst gemacht. Ich habe zwar schon früh Rap-Songs gehört, hatte diese damals allerdings zunächst nicht als Teil einer Kultur wahrgenommen. In der Folge habe ich mich zunehmend mit den dahinterliegenden Elementen auseinandergesetzt. Und auf diese Weise bin ich mehr und mehr in diese Kultur hineingewachsen. Hinzu kommt, dass in meiner Familie schon immer „schwarze Musik“ gehört wurde. Gerade mein älterer Bruder war es, der Schallplatten sammelte und mich in diese Richtung prägte.

Nach so vielen Jahren, in denen du als Journalist und DJ aktiv das Hip-Hop-Genre begleitest: Strahlt Hip-Hop auf dich immer noch die Faszination vom ersten Tag aus – oder ist er zunehmend zu einem Job geworden?

F: Es ist für mich nach wie vor weit mehr als ein Job. Natürlich gibt es Momente, in denen man sich mit Dingen auseinandersetzen muss, die einen persönlich nicht interessieren. Aber dabei geht es dann um den individuellen Musikgeschmack. Ich höre zum Beispiel nicht die Musik von Robbie Williams, aber ich würde mir eine Doku über ihn anschauen.

In dieser Hinsicht lebst du also deinen Beruf des Musikjournalisten vor, als den man dich kennt …

F: Genau! Ich muss nicht Fan von einem Künstler sein, um mich für diesen zu interessieren. Wenn ich zum Beispiel mit Artists zu tun habe, die für mich musikalische Abgründe darstellen, dann strahlt eben dies auch eine gewisse Faszination auf mich aus.

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Wie kommt’s?

F: Ich bin generell an Phänomenen interessiert: Was sind die Hintergründe und Motivationen von Künstlern und Bewegungen und welche Einflüsse üben sie aus? – solche Fragen. Außerdem sehe ich das alles als Teil der Entwicklung einer Kultur an, zu der ich nach wie vor eine Liebe habe, wie am ersten Tag und deren Wandlung ich verstehen möchte. Dazu gehört dann auch, dass ich mich mit allen Facetten dieser Kultur und ihren Entwicklungen beschäftige.

Was hat sich in all den Jahren denn konkret gewandelt?

F: Ich beobachte das Auseinanderdriften der Elemente ­– auch bei mir selbst – und suche nach den Hintergründen dafür. Obwohl ich mich stark für Musik interessiere und da auch am meisten drinstecke, sind die anderen Elemente wie Graffiti und Breakdance dennoch weiterhin relevant für mich.

Wie kommt ein solcher Wandel zustande?

F: Wie sich jeder Mensch individuell weiterentwickelt, so bleibt auch eine Kultur wie Hip-Hop nicht stehen. Und man kann nur mit Liebe Teil einer Kultur bleiben, wenn man sich selbst mit ihr weiterentwickelt und immer offen für Neues ist.

Wie sieht diese, deine persönliche Weiterentwicklung aus?

F: Ich habe genügend Freunde, die auf diesem Hip-Hop-Weg stehengeblieben sind, die ganz starke Probleme haben, sich mit aktuellen Entwicklungen anzufreunden, bei denen die Scheuklappen raufgehen, wenn man sich mit ihnen über neuere Musik unterhält. Das will ich für mich nicht. Ich möchte am Puls der Zeit bleiben und wissen, was passiert.

Wie kann man das schaffen?

 

Das Geheimnis ist, sich von Zwängen und Fesseln der Kultur zu befreien.

 

Ich habe sehr viel zu den Ursprüngen der Kultur geforscht, dabei stellt man schnell fest, dass die tradierten Regeln und Geschichten nicht immer zwingend Tatsachen entsprungen sind, sondern sehr viel davon auch Schönmalerei war und ist. Ich komme zu dem Punkt, dass eine Reihe von wichtigen Grundregeln Auslegungssache sind, und damit kommen wir in den Bereich einer Religion, wo das Meiste eine Glaubensfrage ist. Ich bin aber Agnostiker und möchte Beweise habe. Wer sich diese Beweise nicht einholt, oder diese nicht wahrhaben will und ihre Folgen auch nicht akzeptieren kann, der wird immer wieder von Hip-Hop enttäuscht sein.

Was macht die Hip-Hop-Kultur so faszinierend?

F: Es ist ihre Wandlungsfähigkeit, ihr Do-It-Yourself-Charakter. Aber was mich am meisten fasziniert, ist das Sampling, die Remix-Kultur. Man nimmt etwas, was es schon gibt – und transformiert es in eine neue Form. Aus etwas Altem wird etwas Neues! Es gibt zudem immer wieder neue spannende Entwicklungen: inhaltlich, die Sprache, den Slang betreffend – und alles, was damit zusammenhängt.

Dann vergleichen wir doch mal die Golden Era des Deutsch-Raps aus den 90ern mit der New School. Wie sieht der Wandel aus?

F: Das Paradoxe ist, dass es sich nicht allzu sehr voneinander unterscheidet: Ich bin auf einem Konzert von MoneyBoy gewesen mit einem Freund, der schon lange dabei ist. Er meinte, das könne er sich nicht antun, er sei raus. Ich habe ihm geraten, sich die Ohren zu zu halten und das Publikum, das ausrastete, zu beobachten. ,Ist es nicht dasselbe, was wir in den 90ern gemacht haben?’, habe ich ihn gefragt. Denn das ist der Punkt: Am Ende sind beide Zeiten – wenn man vereinzelte, inhaltliche Unterschiede ausblendet – sehr ähnlich. Und ich kann den Fans von heute nicht ihre Liebe absprechen zu dieser Kultur. Ich kann auch nicht sagen, das alles sein kein Hip-Hop mehr. Ich kann nur feststellen, dass Hip-Hop ein lebendes Wesen ist, das sich wandelt. Und das gefällt mir besser als Teil einer starren und damit toten Kultur zu sein.

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Dennoch klingen die Stieber Twins anders als etwa ein Haftbefehl …

F: Aber wir haben auch nicht mehr 1995, sondern 2015: Es sind 20 Jahre vergangen, in denen unzählige neue Elemente und Styles dazukamen. Wenn sich ein Rapper von dem, was schon da war, abheben möchte, muss er auch neue Wege gehen. Das heißt auch, mit Tabus zu brechen. Und das finde ich förderlich für die Entwicklung einer Kultur.

Angenommen, du wärst heute nochmals 15 – wäre es wieder Hip-Hop?

F: Ja! Welches andere Genre gibt einem so viele Möglichkeiten sich auszudrücken? Ich kenne keines. Hip-Hop is universal, wie Afrika Bambaataa sagt.

Als du diese 15 Jahre alt gewesen bist, da hast du auch selber getanzt und später Musik gemacht. Wie bist vom Musikmachen zum Journalismus oder zu Medien wie VIVA und dergleichen gekommen. War dieser Schritt geplant?

 

Es war nie geplant. Der Grund, der mich dazu gebracht hat und warum ich es bis heute mache, ist der derselbe: Ich glaube, dass es kaum jemand so gut kann wie ich.

 

Angefangen habe ich, weil ich über Hip-Hop sehr schlechten Journalismus gesehen habe. Ich wollte es besser machen – und so hat sich das entwickelt. Ich habe acht Jahre lang Radio und Zeitung über Hip-Hop gemacht, ohne dafür Geld zu bekommen. Irgendwann ergab sich die Chance, auch Geld damit zu verdienen und die habe ich genutzt. So konnte ich meine Leidenschaft zu einem Beruf verbinden.

Du bist als Kritiker und Musikjournalist schon fast zwei Jahrzehnte im Business und zwangsläufig entwickeln sich da Bekannt- und womöglich Freundschaften zu Musikern. Wie schafft man den Spagat aus Freundschaft und kritischer, journalistischer Distanz?

F: Ich konnte diese kritische Distanz, wenn ich ein Interview mache, eigentlich immer wahren. Ich habe manchmal sogar das Gefühl, dass ich zu Leuten, mit denen ich auch so gut kann, eher schroffer bin als zu Fremden. Das ist aber nur meine Selbsteinschätzung, wahscheinlich beurteilen das andere anders. Natürlich lernt man die Künstler näher kennen, einen Kool Savas kenne ich bestimmt schon 20 Jahre, und ich habe damals sein erstes Live Konzert veranstaltet, für das er Geld bekam. Und natürlich ist die Beziehung zu einem länger bekannten Künstler anders als zu einem Newcomer. Doch wenn die Arbeit zu machen ist, schone ich keinen und das wissen die Künstler auch. Sie sollen nicht meine Freunde, sondern meine Interviewgäste sein. Man muss da auch eine Unterscheidung treffen: Echte Freunde hat jeder Mensch nur wenige, vielleicht zwei, vielleicht drei. Das mag hart klingen, aber im Endeffekt kennt jeder gefühlt eine Million Menschen, aber die Fluktuation innerhalb dieser vielen Bekanntschaften ist doch enorm. Zudem kommt es auch darauf an, wie man seine Interviews macht …

Führe das bitte einmal aus …

F: Die Art und Weise, wie ich Interviews mache, greift Leute erst einmal nicht persönlich an. Ich frage kritisch nach, bleibe dabei aber professionell-höflich. Denn es ist wie im richtigen Leben auch: Wenn man seinem Gegenüber mit Aggressivität begegnet, bekommt man diese auch zurück. Und ein Gespräch, in dem man die Gegenseite verstehen möchte, kann sich nur bei gegenseitigem Respekt entfalten. Das ist auch das Problem von modernem Journalismus. Es gibt unendlich viele Kanäle und jeder meint, am lautesten brüllen zu müssen, um wahrgenommen zu werden. Und dabei wird eben häufig nicht eine kritische Haltung, sondern eine verurteilende eingenommen. Das führt automatisch dazu, dass sich Leute vor den Kopf gestoßen fühlen. Sowohl der Interviewpartner als auch die Leute, die seiner Meinung sind. Dass sich dadurch ein immer größeres Misstrauen zu Medien und der Presse aufbaut, ist ja jetzt schon zu beobachten. Wobei das nur einer der Aspekte des gestörten Verhältnisses darstellt.

Jeder kann heute ohne viel Stress online seine Musik veröffentlichen. Setzt sich dabei die Qualität dennoch durch?

F: In dieser Gleichung schaut man oftmals nur auf die Seite des Erstellenden von Musik und verliert zu oft den Blick für die Rezipienten-Seite. Aber beide Seiten bedingen sich!

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Inwiefern?

F: Das Internet zeigt uns auch auf, dass es schon immer eine unfassbar große Menge an dummen Menschen gab und immer noch gibt. Nun haben diese die Möglichkeit, sich zu Wort zu melden. Ich sehe manchmal Nachrichten – gerade im Internet, da frage ich mich, was das zur Nachricht macht: Es scheint berichtenswert zu sein, weil es so dumm ist und diese Dummheit geht dann auch noch viral. Vor dem Internetzeitalter wäre diese Nachricht gar nicht als Nachricht akzeptiert worden. Sie hätte uns als solche nicht erreicht, weil die Kanäle anspruchsvoller waren; sie wäre verpufft – aufgrund ihrer Dummheit. Wir befinden uns auf dem Weg der Boulevardisierung der Medien.

Das Internet beschleunigt also Dinge, die dumm sind?

F: … die dumm, einfach und platt sind. Ein Katzenfoto wird eine Milliarde mal geliked und wenn du einen guten Text schreibst, bekommst du kaum Resonanz.

Um auf die Ausgangsfrage zurück zu kommen: Setzt sich Qualität durch?

F: Die faire Frage, die man stellen muss, ist: was ist Qualität? Es hängt vom Rezipienten ab, was er als Qualität definiert. Es gibt Menschen, für die ist Dieter Bohlen besser als Kompositionen von Bach. Aber wer hat Recht? In soweit ist die Demokratiesierung der Medien positiv, den jeder kann sich jetzt damit beschäftigen, was er für Qualität hält. Am Ende liegt es nicht am Medium selber, ob sich ein Inhalt durchsetzt, sondern daran, mit welchem Wert die Nutzer diesen Inhalt bewerten. Und ihr persönlicher Bewertungshorizont ist für mein Verständniss häufig kurz.

Gleichzeitig verliert das analoge Medium an Bedeutung. Musik ist längst digital, sie wird gespeichert, geteilt, gestreamt. Alben klickt man schnell durch. Hat der Künstler in dieser Entwicklung an Wert verloren?

F: Er hat im eigentlichen Sinne nicht an Wert verloren, er muss schließlich immer noch all das machen, was ein Künstler vor dem Internet machen musste. Aber es wirkt so auf mich, als ob die Kunst selber immer weniger wahrnehmbar wird. Die technologische Entwicklung bewirkt, dass viele Sinneseindrücke des Künstlerischen abhanden gekommen sind. Das Cover-Artwork hat extrem an Bedeutung verloren. Alle Sinneseindrücke, die durch die Handhabung von Kassetten, Schallplatten und Tonbändern vorhanden waren, fehlen heute als Teil der Erfahrung von Musikhören. Nimm’ als Beispiel das Skippen: Früher bist du die drei Minuten sitzengeblieben bei der Platte, die lief, wenn dir ein Song nicht gefallen hat, heute skippst du sofort. Früher konnte so ein Song aber wachsen, irgendwann konnte er dir auch gefallen, weil er immer wieder eine Chance bekommen hat. Das passiert heute nicht mehr. Diese veränderten Selektionsprozesse machen zwangsläufig etwas mit dir als Hörer. Früher hat man Alben auch jahrelang gehört. Heute wollen wie nach einer Woche schon das nächste Album des Künstlers hören. Da tut sich eine paradoxe Schere auf. Die Musik ist im Alltag wichtiger denn je geworden. Überall wird sie konsumiert, ständig. Aber gleichzeitig hat der Wert des einzelnen Songs, Künstlers und Werkes an Wert verloren, da wir uns ständig mit dem nächsten Werk konfrontieren.

 

Das ist wie Fastfood. Viele Menschen fressen nur noch Musik, sie genießen nicht.

 

Was genau ist verloren gegangen?

F: Wenn ich früher losgezogen bin und mir Platten gekauft habe, war das ein Kauferlebnis, das eine Art Ritual darstellte: Man sah die Platte, deren Namen, die Tracklist, das Artwork, den Künstler darauf und all das ist im Gedächtnis geblieben. Sogar von Künstlern, deren Musik ich nicht mag. Ich habe dadurch zu Künstlern eine Reihe von unterschiedlichen Informationen und Erlebnissen im Gehirn gespeichert. All diese unterschiedlichen Informationen existieren heute für mich nicht mehr. Ich habe etwa von den allermeisten Künstlern keinerlei Bilder in meinem Kopf. Sowohl die Künstler als auch die Musik, die ich höre, sind auf der Bildebene alle gleich. Ich sehe sie nur noch als Datei in einem Verzeichnis. Ich nutze sehr viele MP3s, weil die Musik, die mich am meisten interessiert, nicht auf Streamingplattformen oder bei itunes oder Amazon stattfindet. Deshalb fällt es mir echt schwer, mir Künstlernamen zu merken. Zu viel gute Musik auf meinen Festplatten, die alle kaum noch visuelle Informationen enthalten. Nur wenn ein Künstler es schafft, immer wieder gute Songs zu machen, und er häufiger in meiner Playlist auftaucht, fange ich an, mir Namen zu merken. Da gibt es Verschiebungen in der Wahrnehmung.

 

Was Falk zu seinem Beitrag in Sékous Film über die Geschichte von Deutsch-Rap sagt, steht bei uns im Blog – hier!

In Kooperation mit dem Freund+Kupferblatt

 

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Marcel Schlegel
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Schreibt viel und immer mit zwei Fingern. Mal über dies, mal mehr über das. Stärke: die Kommasetzung. Punkt. Ein Werdegang in Linkform – hier: http://bit.ly/2ajtdCU

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