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Flughand ist ein Internetphänomen, ein quasi-anonymer Beatmacher aus Leipzig, der neben seiner Musik in der Öffentlichkeit höchstens noch seinen Hund für sich sprechen lässt. Dennoch brachten ihm seine bisherigen beiden Releases „Expedition Moonloops“ und die „Gudina“ in Kennerkreisen reichlich Respekt ein. Und auf YouTube etliche Views. Am 21. Juli erscheint seine dritte LP, „Peaceful Weibs“ heißt sie. Wir präsentieren euch schon mal das Snippet dazu und haben mit dem Produzenten geschnackt.

Ein Interview von Marcel Schlegel


Es ist nicht leicht, im Netz etwas über dich rauszufinden. Warum?

Flughand: Wenn man nach mir sucht, findet man die bisherigen Releases – und so sollte es auch sein. Es geht um die Musik, eine gewisse Stimmung und den roten Faden, der sich überall durchzieht.

Das zeigt sich auch an den Cover-Artworks deiner Platten, die träumerische, märchenhafte Zeichnungen offenbaren. Das Artwork zu deiner neuen LP zeigt deinen Hund und dich, wie ihr auf einer Wolke über die Dächer der Stadt hinwegfliegt …

Flughand: Es geht um die Musik, eine gewisse Stimmung und den roten Faden, der sich überall durchzieht. Die peaceful Weibs. Name ist da Programm, was sich in den Tracks, aber auch den Artworks widerspiegelt. Mein Gesicht tut da nicht not. Djonni, mein Hund, ist da repräsentativer. Sie ist fester Bestandteil im Team Flughand und muss des Öfteren für Promozwecke herhalten.

Deine Beats sind entspannt, langsam, ja so träumerisch wie das beschriebene Artwork. Wie läuft das ab, wenn du Beats machst?

Flughand: Die Musik entsteht in meiner Freizeit, wenn ich in der richtigen Stimmung bin. Kein Druck, alles läuft in entspanntem Rahmen ab. Kein großes Set-Up – alles muss intuitiv passieren und fürs Erste technisch schnell umsetzbar sein.

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Wie hat das bei Dir mit dem Produzieren angefangen?

Flughand: Angefangen damit habe ich etwa um 2011, nach dem Studium. Nach der Prüfung bin ich damals in den nahegelegenen „Rockshop“ spaziert und habe mir die erste Version der „Native Instruments Maschine“ zugelegt. Vorher hatte ich schon etwas mit der MPC 500 geschraubt, die war mir aber für meine Arbeitsweise zu unübersichtlich. Musik war schon immer ein großes Thema für mich. Zu Hip-Hop bin ich durchs Turntableizm gekommen. Selber Instrumentals zu machen, hat mich zeitnah gereizt, auch weil man da schön vor sich hinschustern kann und nicht vor Leuten stehen muss, prinzipiell eben nicht abhängig ist.

Wie läuft das ab, wenn du Beats machst?

Flughand: Das Prozedere ist eigentlich immer das gleiche. Ich gehe auf Sample-Suche, entweder kommt’s von Platte oder aus dem Netz. Ich bin kein Typ, der Samples auf Vorrat bunkert. Entdecke ich was, wird’s auch kurze Zeit danach verwurschtelt. Die Suche ist eigentlich der zeitaufwändigste Vorgang, aber auch der schönste – wenn man denn erfolgreich war. Dann passe ich’s so an, wie’s mir gefällt. Entweder wird’s komplett auseinander genommen und neu arrangiert, oder nur geloopt, wenn’s ein schöner Part ist. Hinzu kommen dann eventuell Schnipsel aus anderen Songs und die Drums, die dann eben meinen Sound haben. That’s it.

Wie würdest du deine Musik selbst charakterisieren?

Flughand: Zu Beginn hörte ich des Öfteren von Leuten, die noch keinen Zugang zu der Art Musik hatten, dass meine Musik erst einmal etwas eintönig, vielleicht auch langweilig klingt. Der Begriff „Fahrstuhlmusik“ fällt da hin und wieder. Ich würde mir Fahrstühle wünschen, in denen so was läuft (lacht).

Für mich ist da weniger mehr.

Klar sind es meist „nur“ Loops, aber genau diese Loops zu finden, die eingängig sind, einem nicht schon nach kurzer Zeit auf den Sack gehen – eben darin liegt am Ende doch das Wundervolle; gepaart mit einem cleanen Drumpattern, was dem Vibe entspricht. Befassten sich die oben genannten Leute eine Weile damit, haben sie das tatsächlich meist erkannt und waren dankbar für den Ausflug.

Warum gibst du deinen Beats dann genau diesen entspannten Klang?

Flughand: Meine Musik bewegt sich in der entspannten, friedlichen Instrumentalecke. Die Produktion von großen Clubbangern ist nicht beabsichtigt. Härtere Boombap-Sachen höre ich gerne, reizen mich jetzt aber in der Produktion weniger. In Bezug auf die Samplesuche bleibe ich immer bei den friedlichen, frei von hektischen Klängen hängen. Der Hörer soll mit auf die Reise genommen werden und runterkommen vom Alltagsstress. Das ist der Hintergrund, warum ich die Musik für mich mache. Steigt der Hörer drauf ein und fühlt dasselbe, freut’s mich.

0711 Mix #3: Flughand (Peaceful Weibs snippeT)

Hast du Idole, die dich inspirieren?

Flughand: Idole gibt’s nicht – Leute, die wirklich tolle Sachen produzieren und die ich auch gerne höre auf jeden Fall. Um den Namen J.Dilla kommt man da nicht rum. Unbeschreiblich. Kankick, Wun Two, Sugar Cane Davis, Idealism, Twit One, die Cota Jungs, Flo Filz und, und, und – alle ganz groß! Die Mixtapes von BeatPete [zum 0711 Mix], immer wieder schön. Macht man solche Musik befasst man sich automatisch mit den Samplequellen und feiert die natürlich auch. Jazz und Soul laufen da viel bei mir: Bill Evans, ach da gibt’s so viel gute Scheiben.

Deine LPs erschienen alle auf Vinyl Digital. Wie kam’s zu dieser Zusammenarbeit?

Flughand: Sie haben mich vor gut zwei Jahren über Soundcloud entdeckt und seitdem läuft das mit den Jungs. Großen Dank nochmal an dieser Stelle. So entspannt wie die Musik ist, so entspannt läuft’s auch hier. Ich gebe mein Master ab und irgendwann halt ich’s auf Vinyl in meinen Händen. Das finde ich auch mega wichtig, zumindest ist es das für mich. Das Ganze dann auf allen Plattformen zu pushen und unter die Leute zu bringen, ist weniger mein Ding. Wenn’s Neuigkeiten gibt, melde ich mich gerne mal auf Facebook oder Instagram, aber mehr braucht’s dann auch nicht.

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Du sagtest, es sei sehr wichtig für dich, am Ende dein Vinyl in Händen zu halten. Was ist der Reiz von Vinyl?

Flughand: Das Gefühl, die eigene Musik auf Vinyl zu hören und auch in den Händen zu halten, ist, denke ich, in dem Bereich mit das Größte. Vinyl ist einfach eine Sache, die unvergänglich und in Kombination mit einem schönen Cover nicht zu toppen ist. Das Internet und die Digitalisierung sind eine feine Sache, aber zumindest ich verliere da oft und schnell den Überblick, wodurch auch einige tolle Sachen einfach untergehen. Kram’ ich in Vinyls, hab ich’s griffbereit und erfreue mich zugleich auch über die Prozedur die Platte aufzulegen.

Schöner als Klicken oder Tippen und das Ganze ähnelt sehr der Kaffeezubereitung. Bei mir wird man auch keinen Vollautomaten finden, bei dem nur geklickt wird.

Dennoch ist dein Erfolg maßgeblich mit Streaming-Diensten und dem Internet verbunden. Wie stehst du zu solchen Plattformen, Social Media Promo und Co.?

Flughand: Die digitale Schiene ist nicht mehr wegzudenken und erleichtert einiges. Klicks bei Youtube, Spotify und Co. erfreuen einen. Man sieht, dass die eigene Musik Anklang findet – und klar schielt man da auch immer mit einem Auge drauf; ebenso auf Kommentare von Hörern. Nur so bekomme ich ja mit, wenn sich die Leute beim Hören wohlfühlen und ich sie bestenfalls in eine angenehme Stimmung versetzt habe. Dass das jetzt alles auch so weltweit seine Züge nimmt, ohne es darauf angelegt zu haben, berührt einen schon.

Wieso eigentlich Flughand?

Flughand: Ich bin Kameramann, produziere also Bewegtbilder, die sich eben auch aus der Perspektive heraus bewegen sollen. Ich bin kein Freund davon, alles vom Stativ zu filmen. Drohnen, Handkamera, Slider, Gimbals, Steadycam sind Möglichkeiten das so umzusetzen. Da gibt’s auch den Begriff der „fliegenden Kamera“, die Handkamera, die fliegende Kamera. Handflug klang nicht so prickelnd, Flughand war ok.

 

FLUGHAND @ SPOTIFY

FLUGHAND @ BANDCAMP

 

Wie hast du dich zwischen den Releases selbst weiterentwickelt?

Flughand: Eine klangliche Weiterentwicklung zwischen den einzelnen Releases höre ich schon. Das bezieht sich aber weniger auf den Gesamtstil der Instrumentals, sondern eher auf technische Feinheiten, etwa wie den Klang der Snare oder der Kick. Wie habe ich damals daran rumgedoktert, bis es so klang wie es klingen sollte. Weiterentwicklung ist gut, manche Dinge sollten aber auch beständig bleiben. Auf meiner Reise muss sich für mich momentan nicht viel ändern. Soll allerdings nicht heißen, dass ich da festgefahren und für nichts Neues offen bin. Momentan flieg’ ich allerdings so ganz angenehm.

Ein paar letzte Worte für uns?

Flughand: Ich wünsche allen einen angenehmen Flug, vielen Dank und nehmt euch Zeit.

 

INTERVIEW: FloFilz

INTERVIEW: Wun Two

Marcel Schlegel
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Schreibt viel und immer mit zwei Fingern. Mal über dies, mal mehr über das. Stärke: die Kommasetzung. Punkt. Ein Werdegang in Linkform – hier: http://bit.ly/2ajtdCU

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