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Ein Schlachthof in der Bronx? Die Bronx in München? Hä? „Schlachthofbronx“ ist der Spitzname für das Viertel, das die gleichnamige Band ihr zu Hause nennt: das Schlachthofviertel in München. Ahhh! Wir sprachen mit dem DJ-Duo, mit Jakob und Bene.

Ein Interview von Marcel Schlegel


Wie oft sagt man das über Musiker? – dass sich deren Sound in keine Schublade stecken ließe. Bei den Jungs von Schlachthofbronx ist das wirklich so. Ehrlich jetzt! „Wikipedia“ bestätigt das. Unser aller allzeit gern zitierte Quelle sagt: „Schlachthofbronx mischt Musikstile verschiedener Kulturen mit elektronischen Beats.“ Und weiter: Der Sound von Jakob und Bene sei „ein Hybrid aus Ghetto Tech, Kuduro, Baltimore Club, Dubstep und Miami Bass“. Ahh! Lieber mal eine renommierte Quelle, oder? Wie wäre es mit der „Süddeutschen“? Voila! Schlachthofbronx kombiniere Elektro, Dancehall, Dub, Kuduro und Baile Funk, steht da. Und schlauer? Nee! Genug der Theorie. Fragen wir die beiden Münchner einfach selbst. Bitte!

SCHLACHTHOFBRONX: Wir sitzen soundmässig so gut wie immer zwischen allen Stühlen. Das hat Vor- und Nachteile. Ganz verkürzt: Wir machen hybride Clubmusik.

Sinngemäß nach Eißfeldts Motto also: Wer Hip-Hop macht, aber nur Hip-Hop hört, betreibt Inzest?

S: „Genau, das Problem haben wir nicht. Wir haben uns nie auf ein Genre festgelegt oder konzentriert. Prinzipiell finden wir aber auch, dass man sich selber eher blöd limitiert, wenn man wirklich nur eine Art von Musik hören würde. Aber das gibt es bei der jüngeren Generation tendenziell eh nicht mehr so stark, so wie wir das mitbekommen.“

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Und wie und wo entsteht eure Musik?

S: „Wir haben ein kleines Studio in München, da sitzen wir eigentlich fast jeden Tag unter der Woche zusammen drin und arbeiten. Das ist eher so ein konstantes Arbeiten an mehreren Sachen gleichzeitig, bis sich irgendwann sowohl Testversionen für den Club am Wochenende als auch Beats zum Voicen von MCs herauskristallisieren. Der ganze Keller ist eine Studiogemeinschaft, was gut ist, weil man sich zum Beispiel gegenseitig Drum Machines und Synthies ausleihen kann – und es ist auch gut für spontane Weihnachtsfeiern das ganze Jahr über – Hashtag „spumanti“. Seit kurzem sind wir auch happy mit unserer Oldtimer-Faema-Espresso-Maschine. Und Pasta gibt’s gegenüber beim Italiener.“

Im Münchner Schlachthofviertel begann 2008 die Geschichte von Schlachthofbronx. Durch gemeinsame Freunde wurden Jakob und Bene Teil einer Grafitti-Crew. Man sah sich zunächst ab und zu, erzählen die beiden, mal in Clubs, mal auf Konzerten.

 

Am Anfang haben wir uns gar nicht leiden können, erzählen sie.

 

Bei einem Geburtstag eines Freundes änderte sich das dann: „Wir haben lange übers Auflegen gesprochen und dann recht spontan beschlossen, zusammen Musik zu machen.“ Und was damals in München begonnen hat, das ist und bleibt bis heute ein Münchner Projekt. Während es viele andere Produzenten elektronischer Musik oftmals ins hippe Berlin zieht, bleiben die beiden bajuwarischen „Elektro-Schlächter“ ihrer süddeutschen Perle treu.

Was zeichnet München aus?

S: „Wir sind allgemein recht fest in München verwurzelt. Woanders hin zu ziehen, war eigentlich nie eine Option für uns – vor allem, weil wir auch schon recht früh oft verreisen konnten zu Shows im In- und Ausland, so dass das Fernweh gut gelevelled ist. München als Stadt ist recht entspannt, man kann konzentriert und ohne viel Ablenkung arbeiten. Es gibt zudem durchaus eine aktive und recht gesunde Subkultur, so dass einem auch nicht langweilig wird.“

Böse Münchner Zungen behaupten ja, das Schönste an Stuttgart sei die A8 nach München. Was verbindet ihr mit den Schwaben?

S: „Unsere subjektive Sicht schwankt zwischen Stuttgart21, gutem Zwiebelrostbraten mit Spätzle, alten Afrob-Zitaten und dem seit jeher starken Standing der Stadt, was Reggae- und Dancehall-Sachen angeht. Außerdem: Die Autobahn kennen wir gar nicht. Wir haben beide kein Auto und nehmen in München eigentlich immer das Rad oder werden von Kumpels gefahren.“

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Ihr bespielt große Hallen, aber auch – wie zuletzt im Stuttgarter Freund+Kupferstecher – eher schnuckelig-ehrliche Clubs. Was macht mehr Spaß?

S: „Wir kommen mit beidem sehr gut zurecht, beides hat viel Schönes. Viel wichtiger als die Größe der Location ist für uns erfahrungsgemäß, dass der Vibe und der ganze Kontext stimmen. Also auch, dass man zum Beispiel auch in größeren Venues nicht auf riesenhohen Bühnen steht, sondern trotzdem nah bei den Leuten ist.“

Was ist euch bei Auftritten konkret wichtig?

S: „Dunkel sollte es sein und eine gute, druckvolle Anlage im Laden ist auch immer sehr wichtig für das, was wir machen, damit die Musik auch eine direkte, eine körperliche Ebene bekommt. Ein Kollege von uns sagt zu diesem Thema immer, dass sein Idealkonzept sei: ,undersized venue, oversized soundsystem’ – ein kluger Mensch.“

 

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Was bekommt man, wenn man euch hört, was man von anderen Künstlern nicht bekommt?

S: „Mit Eigenlob haben wir’s ja nicht so, das müssen andere sagen. Was man aber klar feststellen kann, ist: Wir spielen live fast ausschließlich eigenes Material. Das beinhaltet zu einem großen Anteil immer auch viele unveröffentlichte Songs. So trainieren wir die Leute auch darauf, nicht wegen der alten Hits zu unseren Shows zu kommen, sondern weil sie eben neugierig auf das ganz neue Zeug sind, das sie – wenn überhaupt – dann in vielleicht zwei Jahren erst kaufen können. Das ist dann mittel- und langfristig für alle Beteiligten auch viel interessanter – und klappt bisher ganz gut.“

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Wie entscheidet ihr, welche musikalische Mischung da zustande kommt?

S: „Das ergibt sich live eigentlich immer recht spontan. Im Studio beim Produzieren gibt es auch keinen Masterplan. Das ist eher ein sich unterbewusstes Inspirieren-Lassen, sowohl von diversen Musik-Mikro-Genres als auch einfach von Stimmungen oder Eindrücke, zum Beispiel beim Touren.“

Viele Mikro-Genres also. Privat sind die beiden musikalisch ebenso wenig festgelegt wie beim eigenen Produzieren. Von Cumbia-CDs aus Mexico oder Peru beim Kochen oder der Hood-Rap inspirierten Dusch-Playlist beschallen die beiden ihre Ohren auch gerne mit Roots Reggae, Dub, Country, Grime, Drone Metall, Techno, und vieles mehr.

 

Jakob hat Karten für die Rihanna-Show in München im Sommer, sagt Bene und grinst.

 

Wo liegen eure musikalischen Wurzeln?

JAKOB: „Ich habe die klassische Hip-Hop-Sozialisation hinter mir: über Graffiti, Rap, Auflegen, Scratchen zum „Entlanghangeln“ zwischen diversen Fächern im Plattenladen bis hin zu Dancehall, Techno, Dubstep und Grime.“

BENE: „Ich habe mit 12 mit Gabba-Platten angefangen und bin dann – mit einem Abstecher über Cosmic – bei einem Reggae-Soundsystem gewesen.“

Nun gibt’s euch ja schon einige Jahre. Doch erst in den letzten Jahren wurde ihr dann, ich sage mal, „größer“ Wie kommt’s?

S: „In unserer Wahrnehmung war das eher ein langsames, aber organisches Wachstum. Wir haben immer eher von irgendwelchen Sachen geträumt, und ein oder zwei Jahre später war das dann teilweise plötzlich Realität. Uns ist es so aber auch ganz recht, die Nachteile von einem Hype oder einem Hit und die Reduzierung darauf auch nach Jahren müssen wir nicht haben. Wir sind ja auch eher international ausgerichtet und finden eher außerhalb des manchmal recht engen deutschen Musikkosmos statt. Und da gilt dann eh: there’s always a bigger fish. Musikalisch stellt man rückblickend sicher eine Entwicklung fest, für uns hat sich das aber immer wie eine logische Evolution angefühlt.“

 

 Seit April haben die beiden Jungs ein interessantes Projekt am Laufen – das Ding heißt Blurred Vision. Reinschauen!

BLURRED VISION @ HOME

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Das dritte und jüngste Album aus der Schlachthofbronx trägt den wunderbaren Namen „Rave and Romance“. Davor war „Dirty Dancing“ angesagt. Inwiefern kann Raven auch eine Romanze bedeuten?
S: „Das Ganze hat natürlich viele Ebenen. Das jetzt aufzuschlüsseln würde dem ganzen ja etwas den Reiz nehmen. Aber sagen wir es mal so: In unserem Ideal-Club dreht sich so gut wie alles um zwei Sachen: Die Musik und die Interaktion zwischen Menschen und Körpern. Wir sind Romantiker.“

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– MARCELS 07ELF –

Schwäbisch oder Berlinerisch? – puhhh …

Hip-Hop oder Rock? – Hip-Hop

Weißwurst oder Pommes? – Weißwurst

Kaffee oder Tee? – Espresso (Jakob), Tee (Bene)

Fußball oder Basketball? – Basketball

Ein Album, das ihr euch immer wieder geben könnt? – Nas mit “Illmatic” (Jakob),  Congos mit “Heart of the Congos” (Bene)

Lieblings-Album oder Lieblings-Künstler fernab euren Genres? – Johnny Cash mit “American recordings IV: man comes around” (Jakob), Led Zeppelin mit “IV”

Was macht ihr vor einem Konzert? – Scheißen

Wofür gebt ihr zu viel Geld aus? – Smoothies und Anzüge

Welche Serie hat euch geflashed? – Breaking Bad (Jakob), Southpark (Bene)

Wovon habt ihr wirklich keinen Plan? – Fußball und Autos

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Fotos von Lucas Bergmüller, David Rasche, Dour Joules

 

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Marcel Schlegel
Author

Schreibt viel und immer mit zwei Fingern. Mal über dies, mal mehr über das. Stärke: die Kommasetzung. Punkt. Ein Werdegang in Linkform – hier: http://bit.ly/2ajtdCU

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