Suff Daddy

Suff Daddy ist einer der bekanntesten Produzenten der Hip-Hop Republik. Mit Dexter aus Stuttgart und dem Wiener Brenk Sinatra bildet der Wahl-Berliner das Beatmacher-Trio Betty Ford Boys. Wir trafen Suffy in Stuttgart – beim Minigolf.

Ein Interview von Marcel Schlegel mit Fotos von Saeed


Da stehen wir nun: Suff Daddy, mein 0711-Compadre Saeed und ich, vor dem Minigolfplatz – und überlegen, wie wir nun am schnellsten von der Uhlandshöhe hinunter in den Stuttgarter Kessel kommen. Gerade hat Suffy im Rahmen des F&K+S Radio eine Handvoll Platten aufgelegt, während um ihn herum die Leute ein paar Bälle über die Bahnen des Minigolfplatzes jagten. Beim Gehen sagen wir der netten Oma im Kassierer-Häuschen artig „Tschüss“. Suff Daddy muss ins Freund+Kupferstecher, um dort den Stuttgarter Abend voll zur Nacht zu machen. Der Berliner hat nicht viel Zeit. Aber er nimmt sie sich für uns.

Saeed, dem alten Sneaker-Nerd, sind direkt Suffys Schuhe aufgefallen: ein Paar Patta x Nike Air Max 1 “Spring Green”. „Darf ich ein Foto von deinen Schuhen machen“, fragt er. Suff Daddy lacht. Mittlerweile weiß auch er, dass es sich bei den Teilen um Sammlerstücke handelt, für die Liebhaber gut und gerne auch mal ein paar Hundert Euro hinblättern. Er sei mal mit einem Kumpel zum Tennisspielen gegangen, als dieser auf dem Court Suffys Schuhe gesehen habe und nur ungläubig mit dem Kopf schütteln konnte. „Der verstand die Welt nicht mehr, wie ich solche Schuhe zum Sport anziehen konnte“, erklärt uns der Beatmacher. „Ich habe nicht gewusst, dass die so viel wert sind.“ Saeed schmunzelt. Er weiß es. Er kann Suff Daddys Kumpel wohl verstehen. „Jungs, kommt, wir laufen einfach in die Stadt“, sagt der Gast aus Berlin. Und so wird aus dem Interview ein netter Abendspaziergang durch Stuttgart. Und genau da fangen wir an – bei der Mutterstadt, bei Deutsch-Rap aus der Stuttgart.

Nikes

SUFF DADDY: „Ich habe 1993 angefangen deutschen Rap zu hören, mit Absolute Beginner, die damals mit Platin Martin noch zu viert waren, und solchen Bands. Mein älterer Bruder hatte mir die Musik näher gebracht und natürlich waren auch die Stuttgarter für mich immer relevant – gerade auch die ersten Alben von Massive Töne.“

Trotzdem hatte es dem gebürtigen Düsseldorfer zunächst eher die House-Musik angetan. Zu Beats aus dem Genre Hip-Hop sei er erst später gekommen. 1999 habe das angefangen.

S: „Irgendwann kam ein Freund an und sagte: ,Hier ist ein Programm, damit kannst du Beats machen.’ Ich hätte damals am liebsten geantwortet: ,Was zum Geier sind Beats?’ Nicht, dass ich das nicht gewusst hätte. Es schien für mich am Anfang einfach so weit weg zu sein, dass ich mal einen vernünftigen Beat zustande bringe. Ich habe zu Beginn auch echt viel Schrott gemacht.“

Er habe sich damals in einer Phase befunden, in der er viel House gehört habe. Und irgendwie sei er dann irgendwann doch wieder zum Hip-Hop zurück gekommen, sagt Suff. Die Inspiration kommt aus der Musiksammlung seines Bruders. Ein DJ Premier vom legendären Duo Gang Starr etwa inspiriert ihn in dieser Zeit.

S: „Zunächst habe ich versucht Premo nachzumachen – und ich bin mir sicher, dass dieser Einfluss auch noch heute im ein oder anderen Track mitschwingt. Aber wenn du mir damals gesagt hättest, dass mich meine Musik einmal zu Gigs in halb Europa bringt, hätte ich wohl nur Grinsen können. Ich hatte anfangs nicht mal gedacht, dass ich überhaupt mal vernünftige Beats machen werde.“

Suff Daddy

Letztlich sei dies ein schleppender Lernprozess gewesen. „Das entwickelte sich über eine super lange Zeit. Bis ich irgendwann mal etwas heraus gebracht habe, sind ja nochmals acht Jahre vergangen. Und in dieser Zeit war ich stets davon überzeugt, dass das Beatmachen eine höhere, eine für mich vielleicht sogar zu hohe Kunst darstellt.“ Über MySpace entstand schließlich der Kontakt zu seiner musikalischen Heimat, dem Kölner Label Melting Pot Music. Der „Daddy“ war im Spiel – und plötzlich auf dem Radar von immer mehr Instrumental-Liebhabern. 2008 erschien die „Efil4ffus“, ein Jahr später im Rahmen des „Hi-Hat Club“ (Vol. 2) die „Suff Draft“ und dann ging es Schlag auf Schlag: 2010 kamen „The Gin Diaries“ und 2012 „Suff Sells“ heraus. MySpace war es übrigens auch, das ihm den Namen „Suff Daddy“ einbrockte, erzählt der Producer, der mit Vornamen David heißt.

S: „Mit diesem blöden Namen hatte ich mich damals bei MySpace angemeldet. Ich war wohl in meinem Freundeskreis der Kerl gewesen, der irgendwie immer ein Bier in der Hand hatte. Irgendein Kumpel nannte mich dann Suff Daddy. Irgendwie wachse ich jedoch allmählich einerseits aus diesem Namen heraus. Doch dann denke ich andererseits: Das ist dein Künstlername. Und irgendwie bin ich dann noch immer cool damit.“

Seit 2012 bildet Suff Daddy zusammen mit dem Stuttgarter Dexter und Brenk Sinatra aus Wien die Beatmacher-Crew „Betty Ford Boys“. Erst seien die Freundschaft und der gegenseitige Respekt gewachsen, dann das gemeinsame Interesse, eine Band zu gründen. „Ich war auf MPM und irgendwann kam da der Neue, Brenk Sinatra.“ Suff studierte die Pressefotos des Österreichers und war vom markanten Aussehen des Wieners – mit Tätowierungen, Bart und dem markanten Gesicht – zunächst etwas irritiert gewesen. „Wer ist denn das?“, habe er sich damals gefragt.

 

Der sieht irgendwie übel aus.

 

Heute lacht er darüber. Heute sind die Jungs Kumpels. In der Folge hörte er in Brenks Platten hinein – und ihm gefiel, was er da hörte. „Auf Dexter bin ich dann spätestens bei den ,Jazz Files’ gestoßen.“ In der Folge kreuzten sich die Wege der drei Produzenten immer wieder. „Wir bedienen ja dieselbe Szene“, weiß David. „Entsprechend sind wir oft zusammen gebucht worden.“

2011, bei einer Pre-Party für das Splash in Wien, legte das Trio erstmals gemeinsam auf. Noch waren sie aber keine Crew, nur geschätzte Kollegen. „Bei unserem ersten Gig, den wir alle zusammen gespielt haben, haben wir dann natürlich einen getrunken und uns auf Anhieb sehr gut verstanden“, erinnert sich der Hauptstädter. Ein Jahr später, beim Beatbarbecue in Köln, folgte schließlich der zweite Auftritt als Trio – und die Idee, eine Band zu gründen.

S: „Da kam dann Brenk an und meinte: ,Jungs, wir müssen eine Band gründen. Und wir heißen Betty Ford Boys’. Branko hat immer die lustigen Quatsch-Ideen, der ist sehr auf Nonsense getrimmt und der mit Abstand lustigste Typ unserer Band.“

Von der Idee zur Umsetzung, bis also auf die Gründung auch ein Album folgte, ging erneut ein Jahr ins Land. David war mit seiner Freundin nach Australien gezogen, Musik im Team zu machen war damit zunächst nicht möglich. Entsprechend sei die erste Scheibe der „Boys“, die „Leaders of the Brew School“ (2013), mehr ein Cloud-Ding gewesen. „Wir haben uns damals Files hin- und hergeschickt. Anders ging es nicht“, sagt Suff. Anders machten es die drei dann beim zweiten Album, „Retox“ (2014).

Suff Daddy

S: „Da haben wir uns zehn Tage in einer Hütte in Bayern eingeschlossen und alles zusammen gemacht. Das war das absolute Beatmach-Paradies. Nur leider können wir das nicht immer so machen, jeder hat selbst nebenher viel zu tun. Dexter ist Arzt. Brenk sitzt in Wien. Solchen Treffen sind immer viel Organisation und wir sind allesamt Typen, die in ihrer Freizeit gerne einfach zu Hause abhängen, Musik machen und wenig Lust auf Organisation haben.“

Wir sind nun ein gutes Stück gelaufen und legen eine kleine Pause an einer Haltestelle ein. Saeed versorgt uns mit einem Bierchen, als eine Bahn einfährt. Darin sitzt, genau: Dexter, der etwas fragend die Arme ausstreckt und den Kopf schüttelt – nach dem Motto: „Was zum Geier macht ihr denn da?“ Suff erklärt: „Wir sehen uns eigentlich fast jeden Monat. Uns bringt dann meistens die Musik zusammen.“ Rat für die eigenen Beats hole man sich indes selten.

S: „Jeder hat dann doch seine eigene Herangehensweise und auch seinen eigenen Style. Dennoch habe ich etwa bei Branko sehr viel gelernt, weil er ähnliche Programme benutzt und da holt man sich dann schon ab und zu einen Tipp.“

Für viele Kenner der Szenen sind die Betty Ford Boys die „Beatmacher-Supercrew“ – jener Haufen also, dem im deutschsprachigen Raum so etwas wie die Vorreiterrolle zugeschrieben werden darf, wenn es um die jüngste Entwicklung geht, dass der Produzent allmählich aus dem Schatten des MCs herausrückt. Suff Daddy würde das niemals bestätigen. „Diese Entwicklung haben noch viele andere angestoßen“, sagt er.

 

Über die Stellung des Produzenten im Game habe er sich ohnehin kaum einmal Gedanken gemacht.

 

S: „Aber ich muss ehrlich sein: Als ich angefangen habe, da hatte ich keinen Bock darauf, dass ich ein schönes Instrumental liefere und der MC den Ruhm einheimst. Das darf man nicht falsch verstehen, ich habe bestimmt nicht den Fame gesucht, wie hätte ich in meiner Anfangszeit auch darauf kommen können. Aber ich hatte keine Lust darauf, ein Produzent zu sein, den man irgendwo in den Credits suchen muss.“

Entsprechend findet man auf Suff-Daddy-Platten eigentlich nie Features von MCs. Tracks wie der in diesem Jahr erschienene „Schmutzige Rapper“, über den Audio 88 & Yassin rappen, sind daher eine Seltenheit. „Ich liebe diese Leute“, sagt David. „Aber ich mache keinen Deutsch-Rap, das flasht mich nicht so sehr. „Ich fahre auf meiner Instrumental-Schiene und da fühle ich mich wohl.“ Wenn Suffy einen Beat baut, steuert da auch immer der Zufall seinen Senf bei. Ein Prozess, ein ewiges Versuchen sei das Beatbauen. Manchmal habe er einen Geistesblitz und im nächsten Moment sei die Idee schon wieder vergessen. Und selten werde ein Instrumental am Ende so, wie er sich das am Anfang vorgestellt habe.

S: „Ich bin ein sehr vergesslicher Dude und oft weiß ich selber nicht, wie ich all diese Sachen hinbekommen habe. Ich habe schon Beats gemacht, da musste ich danach selbst staunen, da hatte ich keine Ahnung mehr, wie der zustande gekommen ist. Und womöglich könnte ich den nicht mal mehr nachbauen.“

Suff Daddy im Gespräch mit unserem Marcel

Ob analog oder digital produziert wird – das ist Suff Daddy letztlich einerlei. „Ich bin da super undogmatisch. Ich finde es sogar schlimm, wenn Leute so sehr auf ihre analoge Technik beharren“, sagt er. „Auch ich habe meinen eigenen Workflow und ich würde niemals jemand anderem befehlen, wie er seine Beats zu machen hat.“ Wenn das Ergebnis passt, dann sei es im wurst, wie es produziert worden sei. „Am Ende geht es um die Musik-Idee, die muss mich überzeugen“, sagt er. Und klar, auch er sei ein Vinyl-Liebhaber. Aber er könne auch dem digitalen Medium etwas abgewinnen.

S: „Früher blieben Demos liegen, weil der Künstler vielleicht keinen neuen Vertrag mehr bekommen hat. Heute geht diese Musik nicht zwangsläufig verloren. Und das ist eine gute Entwicklung, denn vielleicht gibt es ja da draußen jemanden, der mag, was ein Label womöglich abgelehnt hat. Und gerade in diesen kleinen Nischen, in denen auch ich mich schließlich mit meiner Musik bewege, erreicht man über das Internet sein Publikum leichter.“

Doch auch Suff Daddy gesteht, dass es schwerer geworden ist, sich im Dschungel der unzähligen Online-Künstler einen Namen zu machen.

S: „Es geht mir ja selbst so, dass ich oftmals nur noch einen Track einer Platte kaufen – und das online. Ein bisschen hat das Albumformat dahingehend vielleicht an Stellenwert verloren. Ich freue mich daher auch immer wahnsinnig, wenn jemand ein Album rausbringt, dass ich vom Anfang bis zum Ende gerne durchhöre. Unterm Strich bleiben Alben das Wichtigste. Am Ende wirst du als Künstler an deinen Alben gemessen.“

Und am Ende des Tages setze sich Qualität durch, davon sei er felsenfest überzeugt. „Die Musik ist und bleibt doch das Wichtigste. Es geht mir gut, wenn ich gute Musik mache – und es geht mir schlecht, wenn ich schlechte Musik mache“, sagt er. So einfach ist das.

LINKS:
SUFF DADDY @ FACEBOOK  –  @ SOUNDCLOUD  –  @ BANDCAMP

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Marcel Schlegel
Author

Schreibt viel und immer mit zwei Fingern. Mal über dies, mal mehr über das. Stärke: die Kommasetzung. Punkt. Ein Werdegang in Linkform – hier: http://bit.ly/2ajtdCU

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