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Die einen kommen – die anderen gehen: Während der Blumentopf vor ein paar Wochen nach über 20 Jahren Bandgeschichte seinen Abschied verkündete, kehrte eine andere Deutsch-Rap-Gruppe aus München wieder in den Cypher zurück: Main Concept um den MC vom Goetheplatz, David P.

Ein Interview von Marcel Schlegel mit Fotos von Saeed Kakavand


Das muss man sich mal geben: Als sich Main Concept 1990 in München gegründet haben, da brachte in den USA die Oldschool-Legende Lord Finesse seine erste Platte „Funky Technician“ heraus. Guru und DJ Premier steppten als Gangstarr erstmals „in the Arena“. Masta Ace war zarte 24, als er mit „Take A Look Around“ debütierte und kaum einer konnte zu diesem Zeitpunkt erahnen, wie sehr A Tribe Called Quest mit ihrem Debüt „People’s Instinctive Travels and the Paths of Rhythm“ den amerikanischen Sprechgesang noch prägen sollten.

Rap in Deutschland war damals noch etwas völlig Neues gewesen, ein Nischenprodukt, belächelt, wie zunächst „die Fantas“, als sie ein Jahr später „Jetzt geht’s ab“ mit ihren funky-funny Outfits vom Stuttgarter Kessel aus in die Charts schleuderten und damit die Etablierung von deutschsprachigem Rap mitbegründeten. Denn wer in dieser Zeit hierzulande Rap machte und dabei real bleiben wollte, der rappte auf Englisch – so wie die Pioniere in den Staaten. Mit den Fantastischen Vier, den Heidelbergern von Advanced Chemistry um Torch und Toni L und später den Stieber Twins und anderen Crews sollte sich das ändern.

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In dieser Zeit also kreuzten sich in München die Wege von David P, DJ Explizit und Glammerlicious. Irgendwo am Goetheplatz muss das passiert sein. 25 Jahre ist das nun her. Mindestens. Eigentlich mehr. „Ich habe als 13-Jähriger angefangen, Rap zu hören und eigene Texte zu schreiben – natürlich auf Englisch“, sagt David Papo, „der 58er“. Er habe damals zu Hause so vor sich hin gerappt, bis er 1990 auf einem Auftritt von „Raw Deal“ (später Square One) „Glam“ kennengelernt habe. „Der sagte, ich mache Beats. Ich sagte, ich rappe. Und kurz darauf haben wir den ersten Track aufgenommen“, erzählt David.

 

Glam kannte Explizit – et voila: Main Concept war gegründet.

 

DAVID P: „Wir waren so jung damals und haben uns nichts dabei gedacht, schon gar nicht, dass wir später mal Alben herausbringen und auf Tour gehen werden. Null. Das war damals so weit weg. Selbst nach unserer ersten Veröffentlichung hatten wir nicht im Traum daran gedacht, dass wir mal Profi-Musiker werden könnten. Wir haben ja alle noch zu Hause gewohnt. Das war ein Taschengeld und uns ging es um Beats, ums Rappen, Scratchen und Cutten.“

Im gleichen Jahr folgte der erste Auftritt der Band, bei der „Munich All Star Jam“, wo unter anderem auch ein gewisser David Lou Bega auftrat – genau: Mister „Mambo Number 5“. „Mit dieser Zeit verbinde ich etwas Unbedarftes“, sagt der MC vom Goetheplatz. „Wir sind zu Jams gegangen. Alles war ungezwungen. Nichts verfolgte einen Plan. Wir haben gerappt um des Raps willen, wir haben Hip-Hop gemacht um des Hip-Hops Willen.“

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Der nationale Durchbruch folgte um die Jahrhundertwende, als die Major-Deals kamen, als Rap in der Bundesrepublik zusehends in den Fokus rückte – mit den „Kopfnickern“ und den Kolchose-Dudes in Stuttgart, den Eimsbush-Jungs in Hamburg, Royal Bunker in Berlin und den 360-Grad-Pionieren aus Heidelberg. Als Mitbegründer von deutschsprachigem Rap sehen sich David, Glam und Explizit deshalb jedoch nicht.

D: „Das waren andere. Ich bin einer, der darauf womöglich Einfluss hatte – mehr nicht. Das macht mich dankbar, aber ich bilde mir darauf nichts ein. Jemand, der jetzt mit dem Rappen anfängt, hatte diese Chance, einer der Ersten in Deutschland zu sein, gar nicht – allein wegen seiner späten Geburt. Auch darüber bin ich dankbar: dass ich in den 90er die Möglichkeit hatte, Teil einer Bewegung zu sein und über all die schönen Momente auf Tourneen, bei Konzerten und im Studio.“

Und da sind wir bei mir. Es gibt ja diese Bands, die ihre Blüte vor der eigenen Zeit hatten, deren letzte Alben schon Staub angesetzt haben – und doch noch ab und zu aus dem CD-Regal geholt und gefeiert werden. Man denkt dann: Ach, wie schade, dass man diese Jungs oder diese Mädels nie live zu sehen bekommen hat. Der Fluch der jungen Geburt, von dem David sparch. Eben das dachte ich auch von Main Concept. Was habe ich „Equlibrium“, das erste Album der drei Münchner, das ich bewusst wahrgenommen habe, gefeiert, als es 2005 veröffentlicht wurde. David P, der mittlerweile Arzt ist – ich dachte nicht, dass ich nochmals eine Show des „58ers“ sehen werde.

 

REVIEW: 25 Jahre Main Concept

 

Doch das Trio strafte mich lügen. Gott sei ewiger Dank. Zehn Jahre nach „Equilibrium“ und pünktlich zum 25-jährigen Bandjubiläum haben Main Concept vor ein paar Wochen mit „Hier und Jetzt“ wieder ein Album herausgebracht. Zur Geburtstags-Sause in der Muffathalle kamen viele, die in Deutschland Rang und Namen haben: MC Rene, der Retrogott, Aphroe, Fatoni, Torch, Spax, Wasi und, und, und …

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D: „Dass wir nochmals ein Album machen, hatten wir schon länger vorgehabt und es auch eigentlich nie verheimlicht. Ursprünglich sollte die Platte vor fünf Jahren herauskommen. Aber wir wollten uns Zeit lassen und da jeder von uns Verpflichtungen hat, wurde daraus dann zunächst einmal nichts. So ein Jahr ist halt auch schon mal schnell vorbei und in meinem Alter macht es auch kaum noch einen Unterschied, ob ein Album ein paar Jahre länger braucht als gedacht. Dieses Jahr erschien uns aber als finale Deadline, denn ein 25-jähriges Jubiläum lässt sich mit mehr Genugtuung feiern, wenn man noch Platten macht. Dann ist es nicht nur ein Schwelgen in der Vergangenheit.“

Auf „Hier und Jetzt“ klingen die drei Bayern wie immer – und anders als die meisten Kollegen, die die deutsche Raplandschaft dieser Tage prägen. Zum einen mag das damit zusammen hängen, das manche Tracks schon vor sieben, acht Jahren von Glam, Explizit und David Papo angefangen, aber lange Zeit nicht fertig gemacht wurden. Sie entstammen sozusagen einer anderen Zeit. Dave P. aber vermutet, dass er sich von externen Eindrücken habe bei der neuen Platte kaum beeinflussen lassen, weil ihn Hip-Hop in Deutschland nicht mehr so sehr fessle als noch vor zehn Jahren.

D: „Zu Equilibrium-Zeiten habe ich mich noch viel mehr für aktuellen Deutsch-Rap interessiert. Ich bekomme zwar schon noch im Groben mit, was passiert – aber habe bei Weitem nicht mehr jeden Release auf dem Schirm. Der Klang hat folglich natürlich auch damit zu tun, dass wir insgesamt weniger gemacht haben und dass nur wenige Einflüsse von draußen aus dem aktuellen Rap-Geschehen kamen. Ich wusste aber zu jeder Zeit genau, was ich auf dem nächsten Album sagen möchte. Und ich denke, im Stil, in der Haltung und auch im Musikalischen ist es ein typisches Main-Concept-Album. Das ist, wie wenn EPMD eine Platte herausbringen: das ist dann eben EPMD-Style. Und so ist das auch bei uns: wir sind wir. Ein wesentlicher Unterschied liegt aber auch darin, dass das Album letztlich zehn Jahre reifer ist.“

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Zehn Jahre, in der die deutsche Hip-Hop-Landschaft ein gänzlich anderes Gesicht bekommen hat. Damals kannte noch jeder jeden – heute findet man Rap in den Charts, deutscher Hip-Hop ist vielfältiger geworden, er ist im Mainstream angekommen.

D: „Die Szene war kleiner, man kannte sich. Jetzt ist das Ganze unübersichtlicher geworden. Damals gab es auch nicht diese große Käuferschaft. Platten wurde in kleiner Auflage gepresst und eigentlich fast nur von Hip-Hoppern gekauft. Das hat sich geändert: Hip-Hop ist nun Teil der populären Musik. Das ist einerseits sehr gut so. Andererseits hat es natürlich zur Folge, dass Hip-Hop keine kleine, eingeschworene Gemeinde mehr ist, sondern ein Markt, der Käufer bedient.“

Für David P, der der Konkurrenz in seinen Texten gerne mal im besten KRS-One-Stil verbale Schellen verteilt, sieht darin partout nichts Schlechtes. Im Gegenteil, David ist ein belesener Typ, der Hip-Hop-Arzt, der es vermeidet, Entwicklungen vorschnell zu negieren. Am Ende gleiche sich alles aus, sagt er. Dafür steht auch der Albumtitel „Equilibrium“ – für ein Gleichgewicht im Stile des Ying Yang.

D: „Ich denke, dass es im Leben nach einem Gleichgewicht der Kräfte zu streben gilt. Die Dinge sind weder gut, noch schlecht. Auch Schlechtes hat gute Aspekte. Am Ende liege die Wahrheit in der Mitte. Ein ausbalanciertes Leben macht einen zufriedenen Menschen. Letztendlich wird diese Einstellung auch mit dem natürlichen Prinzip der Homöostase beschrieben: Die Natur strebt immer nach einer Balance der Kräfte. Isst du zu viel Zucker, bekommst du Diabetes. Hast du Unterzucker, fällst du um.“

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Auch die Möglichkeit, dass heute jeder über das Internet auf sich aufmerksam machen kann und der Markt mittlerweile mit Rappern überschwemmt ist, sieht der 58er weder positiv noch negativ. Auf diese Weise könnten sich gute Acts leichter präsentieren. „Aber viel Bullshit erreicht Goldstatus“, sagt der Münchner. „Aus meiner Sicht kommen viele zu Unrecht an Fame, weil das, was sie verzapfen, Bullshit ist und die Leute sich an dieser Dummheit ergötzen“, so David, der überzeugt davon ist, dass sich unterm Strich Qualität in den Massenmedien nicht mehr durchsetzt. „Qualität ist etwas, das man sich hart erarbeiten muss“, weiß er. Beim neuen Album der drei Münchner paarte sich derweil sogleich Qualität mit Erfolg. Mit „Hier und Jetzt“ schafften es Main Concept direkt auf Rang vier der „Offiziellen Deutschen Hip-Hop-Charts“. Stolz empfinde er nicht, sagt David beim Blick auf 25 Jahre erfolgreichen Musikmachens.

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D: „Stolz ist eine Emotion, die ich prinzipiell verwerflich finde. Mit 25 Jahren Main Concept verbinde ich Dankbarkeit. Ich bin dankbar darüber, dass ich Glam und Explizit getroffen habe. Dankbar, dass wir in derselben Besetzung so lange durchgehalten haben. Und ich bin auch dankbar darüber, dass wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen sind.“

Politik, Gesellschaftskritik, Zweifel an der Obrigkeit – das sind typische Elemente in Davids Texten. Immer wieder spricht David 58 P von „Evolution“ und verneint die „Revolution.“ Wie ist das gemeint?

 

Ich schreibe immer, worüber ich nachdenke und lebe vor, was ich sage und denke.

 

D: „Aber ich mache deswegen keine Musik, um die Welt zu verändern. Denn die Welt kann man alleine nicht ändern. Du kannst nur ändern, der du bist und wie du handelst. Und das kann die Welt ändern. Du kannst dich selbst zum Besseren wandeln. Ein Wandel von innen heraus, also eine Evolution, ist immer besser und langfristiger als ein aufgezwungener Wandel, das heißt eine Revolution. Mit dem, was ich sage, kann ich also nur ein Beispiel sein für einen Weg, den ich gehe und von dem ich überzeugt bin. Und wenn das andere auch so sehen und vielleicht ein Stück weit mit mir diesen Weg einschlagen, dann freut mich das.“

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„Die erste Hip-Hop-Lektion war, dass Wissen sich lohnt. Wer Wissen hat, kann Dinge ändern, das ist Evolution“, rappt David dazu passend im Track „Wir leben’s lieber“. „Und das ist der Punkt, da unterscheiden wir uns. Euch geht’s um Drumherum, mir allein um die Kunst“, sagt David „Wer seid ihr“. Zehn Jahre liegen zwischen „Hier und Jetzt“ und „Equilibrium“. Worin liegt der Unterschied?

D: „Wir sind seit Equilibrium – auch als Charaktere – zehn Jahre gereift. Auf meine Texte bezogen, bedeutet das, dass diese so dicht sind wie nie zuvor. Dichter kann man Information, glaube ich, nicht verpacken! Es gibt keine überflüssige Zeile, keinen Vers, den man nutzt, um den Reim zu retten oder die Strophe zu füllen. Meine Texte sind Information in hochkonzentrierter Form. Das, was ich sagen wollte, habe ich gesagt, ohne dabei herum zu labern.“

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Marcel Schlegel
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Schreibt viel und immer mit zwei Fingern. Mal über dies, mal mehr über das. Stärke: die Kommasetzung. Punkt. Ein Werdegang in Linkform – hier: http://bit.ly/2ajtdCU

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