collant3Wir haben eine neue Serie: In “SchwarzWeißBunt” stellen wir euch Künstler vor, die mit ihrem Schaffen die Welt ein kleines bisschen schöner machen. Zum Start: Frëd Collant.


Rote und blaue Großbuchstaben, die dem Betrachter mal witzige, mal ironische und immer bitterwahre Botschaften überbringen, geklebt auf Stromkästen, an Stuttgarter Haltestellen und dergleichen mehr: Klingelt’s da? Eben! Hinter dieser Streetart steckt Frëd Collant.

Ein Interview von Alessandra mit Fotos von Fred & Fynn

Wieso hast du angefangen mit der Kunst?

FRED: Ich bin ein praktisch veranlagter Typ und brauchte schon immer einen Weg, mit meinen Händen zu gestalten. Obwohl ich stets einen künstlerischen Anspruch verfolge, fallen viele meiner Projekte eher in die Kategorie Basteln und Werkeln. Wenn ich durch ein Geschäft laufe, kommen mir ständig Ideen, wie ich angebotene Waren selber herstellen könnte. Mir macht es irre Spaß, Dinge selber zu machen – von der Konzeptzeichnung bis hin zum fertigen Produkt. Teilweise überschätze ich mich natürlich total und das Bastelprojekt geht grandios nach hinten los. Aber wenn es klappt und du deine selbstgebaute Lochkamera oder Lampe in den Händen hältst und dir denkst: Ja, das ist richtig fett geworden – dieses Gefühl ist einfach klasse.collant

Mit welchen Medien arbeitest du?

FRED: Meine Lieblingsmaterialien sind Papier und Holz – die kann ich auch zu Hause bei wenig Platz bearbeiten und brauche keine aufwendigen Maschinen. Allerdings bin ich leicht zu begeistern, daher ist meine Materialpalette ziemlich breit gefächert. Meine Postkarten, die es im Heusteigviertel in Michas Lädle zu kaufen gibt, habe ich zum Beispiel auf Karton gestempelt. Dazu habe ich eigene Gummistempel aus Gummiplatten geschnitzt.

Und seit einiger Zeit habe ich den Siebdruck für mich entdeckt. Wenn du die richtige Idee hast und dir bei der Schablone Mühe gibst, kannst du richtig geile Sachen drucken.

Und zwar nicht nur auf Papier, sondern auch auf Kunststoffe, Textilien, Metall, Holz oder Glas. Ansonsten experimentiere ich einfach gerne: Ich bin ein großer Fan von guten Lichtkonzepten und stehe total auf passives und atmosphärisches Licht. Deshalb baue ich gerne Lampen, mit denen ich dann ganzen Räumen meinen Stempel aufdrücke.

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Wo arbeitest du am liebsten?

FRED: Mein Traum ist ein eigenes Atelier mit kleiner Werkstatt. Zurzeit arbeite ich aber am liebsten an meinem Schreibtisch und auf meinem Fußboden. Natürlich mit anständigem Lichtkonzept (lacht). In meinen eigenen vier Wänden habe ich alles, was ich brauche. Das ist für meinen kreativen Prozess total wichtig. Ich bereite mich auf mein nächstes Kunstprojekt vor, wie andere auf den Weltuntergang: Mittlerweile liegen in meinem Zimmer bestimmt über 30 Cutter und tonnenweise Stifte. Dabei brauche ich für meine Plakate lediglich einen blauen und einen roten Marker. Wahrscheinlich könnte ich für die nächsten vier Jahre Kunst machen, ohne das Haus zu verlassen. Ich schätze, ich bin ein Material-Prepper (lacht).

Was ist deine Lieblingsfarbe?

FRED: Pale Ultra Marine.

Was inspiriert dich?

FRED: Die beste Inspirationsquelle ist und bleibt das Leben. Einfach die Dinge, die im Alltag um mich herum passieren. Ideen für mein nächstes Projekt kommen mir im Bus, auf der Arbeit, beim Malen oder im Gespräch mit Freunden. Wenn ich mich dann an meinen Schreibtisch setze, muss die richtige Musik am Start sein. Die treibenden Beats von Bands wie Ratatat oder Slagsmålsklubben bringen mich nach vorne. Da fährt in mir alles hoch und ich bin richtig gut drauf. Dann habe ich Bock und die Kreativität fließt.

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Welche Kunst sollte man gesehen haben?

FRED: Ich kann jedem Street Art Fan nur einen Trip nach Wien empfehlen. Direkt am Donaukanal gibt es eine zwei Kilometer lange Mauer, die bemalt werden darf. Da sieht man auch richtig tolle Kunstwerke. Mich hat das in meiner Zeit in Wien stark beeindruckt. Damals habe ich Szenegrößen wie Nychos beim Sprayern zugeschaut. In der Hinsicht besteht in Stuttgart noch Potential: Die Cannstatter Hall of Fame ist ein guter Platz, aber kein Vergleich. Ein wirklich tolles Angebot ist der Hobbyhimmel in Fellbach: Da können sich Bastler wie ich austoben und für kleines Geld mit teuren Maschinen wie Lasercuttern, 3D-Druckern oder Schweißgeräten hantieren. Ich würde es feiern, wenn es noch viel mehr solcher Freiräume gäbe, wo Menschen sich kreativ austoben können.

Woran denkst du während du arbeitest?

FRED: Mir geht Musik durch den Kopf, ich singe gerne bei der Arbeit. Aber grundsätzlich bin ich mit meinen Gedanken bei dem Kunstwerk. Wenn ich nicht komplett fokussiert bin, fange ich an, Fehler zu machen. Mir ist schon passiert, dass ich falsche Buchstaben gemalt habe. Das ist dann richtig ärgerlich, da geht eine Menge Zeit bei drauf.

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Welche anderen Künstler nimmst du dir zum Vorbild?

FRED: Mich fasziniert das Phänomen Barbara. Ich finde es toll, dass sie so viele Menschen mit ihrer Kunst abholt. Und, dass sie so konsequent inkognito bleibt. Ein Künstler, der mich schon mein ganzes Leben begleitet, ist Keith Harring. Mir gefallen seine klaren Linien und die schnellen Striche. So versuche ich auch an meine Kunst heranzugehen.

Wie gehst du mit Kritik um?

FRED: Ich bin in der glücklichen Position, dass 98 Prozent der Resonanz auf meine Kunst positiv ausfällt. Ich bin jetzt seit einem halben Jahr auf Instagram unterwegs und habe nur eine Handvoll negative Reaktionen erhalten. An denen hatte ich allerdings schon zu knabbern.

Schließlich mache ich bewusst Kunst, die Menschen gefallen soll. Wenn ich dann negatives Feedback bekomme, beschäftigt mich das eine ganze Weile.

Ich fange an zu grübeln: Hat der Kritiker vielleicht Recht? Muss ich anders an die Sache herangehen? Letztlich gehört das zum Prozess: So hinterfrage ich meine Kunst und verbessere mich. Ich muss nur aufpassen, dass ich mich nicht von der Negativität komplett einnehmen lassen.

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Was ist dir wichtiger, Kunst oder Liebe?

FRED: Während viele Menschen ein tolles Leben ohne Kunst führen, ist ein Leben ohne Liebe doch voll für‘n Arsch. Also würde ich mich im Zweifel immer für die Liebe entscheiden. Aber mal angenommen, ich müsste den Rest meiner Tage mit meiner großen Liebe auf einer einsamen Insel verbringen und dürfte mich überhaupt nicht künstlerisch betätigen –  ich würde eingehen.

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Wo siehst du dich in fünf Jahren?

FRED: Grundsätzlich mag ich Pläne. Ich bin immer froh, wenn ich weiß, was ich morgen mache. Mein Tag muss gut durchgetaktet sein. Aber länger als eine Woche will ich mich nie festlegen (lacht). Fünf Jahre, das ist mir viel zu weit weg. Ich hoffe, ich kann mir in Zukunft ein Atelier mit Werkstatt aufbauen. Wenn ich von meiner Kunst leben – das wäre der Knaller!

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