In unserer Serie SchwarzWeißBunt stellen wir euch Künstler vor, die mit ihrem Schaffen unsere kleine Welt ein kleines bisschen schöner machen. Diesmal bringt der Stuttgarter RICH – also known as RICHO – Farbe ins Spiel. Er begann schon Ende der 80er jahre mit Graffiti. RICH selbst sagt: „Ich sehe mich nicht als Künstler. Ich bin Graffiti-Writer und Linol-Drucker.“ Nuff said.

Interview von Pascal Hof


Wieso hast du angefangen mit der Kunst?

R: „Wir sind damals, das war so 1988 in München, an den Flohmarkthallen zum ersten Mal mit Graffiti in Berührung gekommen. Die Typen, die dort ganze Wände besprüht hatten, hörten den gleichen Sound wie wir – also war klar: Wir müssen das auch machen! Am Anfang hatten wir keine Ahnung, um was es dabei ging, dass man seinen Namen sprüht und so. Wir haben irgendwelche Wörter an die Wände gesprüht. 1990 habe ich dann das Buch ,Graffiti Live, Die Züge gehören uns’ über die Münchner Graffitiszene in die Finger bekommen und war komplett geflasht! Kurz danach gab’s dann auch ,Subway Art’ und ,Spraycan Art’, im TV lief ,Wildstyle’ und von irgendjemandem bekam ich ,Stylewars’ auf Video. 1990 legte ich mir dann den Namen ,RICH’ zu, und es ging los.“

Wie ging’s danach weiter?

R: „In Ludwigsburg haben wir einige Wände zum Besprühen bekommen, die Unterführung beim Bahnhof wurde unsere erste ,Hall of Fame’. Wir waren dauernd in München, sind die komplette Line abgelaufen und haben alles fotografiert. Brutal, was die damals schon für Dinger gesprüht haben! 1991 haben wir schließlich die mittlerweile verstorbene Graffiti-Legende ,DARE’ aus Basel kennengelernt und sind gleich mal auf ’nen Besuch vorbeigefahren. Die Line dort – absoluter Wahnsinn, ein Burner neben dem anderen. Und so haben wir im Laufe der Jahre dafür gesorgt, dass auch in Stuttgart eine Graffiti-Szene entstand, die sich heute, glaube ich, nicht mehr verstecken braucht.“

Mittlerweile geht’s bei Dir nicht mehr nur um Graffiti. Mit welchen Medien arbeitest du?

R: „Sprühdosen, Druckfarbe und Papier. Mit Linoldrucken habe ich 2013 angefangen. Ich bin von Beruf Drucker und mein Chef ist ein ziemlicher Grieshaber-Fan. In der ganzen Firma hängen Holzschnitte von Grieshaber und irgendwie haben die mich immer geflasht. Linoleum ist ein bisschen leichter zu bearbeiten als Holz. Ich habe weder Werkstatt noch Atelier, also schnitze ich meine Linolplatten am Esstisch und da drucke ich auch.“

Wie würdest du deine Kunst selbst bezeichnen?

R: „Ich sehe mich nicht unbedingt als Künstler: Ich bin Graffiti-Writer und Drucker! Wenn jemandem meine Sachen gefallen, OK. Wenn nicht, schade, aber auch OK.

 

Mittlerweile nennt sich ja jeder, der es schafft, eine Wand bunt anzumalen, oder seinen Style auf eine Leinwand malt, selbst Künstler.

 

„Da gibt es kaum noch welche, die krass rausstechen, und wirklich etwas Neues, Innovatives oder Interessantes machen. Ich denke mal, dieser ganze Hype um ,Streetart’ oder ,Urban Art’ – nennt es wie ihr wollt – wird auch wieder abflachen und es werden ein paar wirklich kreative Jungs und Mädels übrig bleiben.“

Wo arbeitest du am liebsten?

R: Am liebsten steh’ ich mit ein paar anderen Jungs an einem sonnigen Tag an einer schattigen Wand, gute Musik in den Ohren, in einer Hand ’ne Dose und in der anderen ein Bierchen. Schöner geht’s nicht …

Deine Lieblingsfarbe?

R: „Bei Graffiti steh ich voll auf Pink, Türkis und so – da müssen die Farben knallen.  Ansonsten mag ich auf Erdtöne.“

Was inspiriert dich?

R: „Ich war dieses Jahr nach langer Zeit mal wieder in New York, das hat mich brutal inspiriert (Foto unterhalb). Aber nicht direkt so, dass man es an meinen Arbeiten sehen kann, sondern insofern, dass man checkt, dass einfach den Arsch hochkriegen und mehr machen muss. Die Stadt ist der Knaller, Graffiti konnte auf diese Weise nur dort entstehen.“

Welche Kunst sollte man gesehen haben?

R: „Graffiti auf einer New Yorker U-Bahn. Falls dich das nicht flasht, geh’ deinen Namen tanzen. Alternativ auch gerne auf Zügen generell, wobei die neuen Züge einfach nicht mehr cool aussehen. Die alten Silberlinge in Deutschland sahen auch richtig gut aus. Wenn ich mir die neuen S-Bahnen hier anschaue, die sehen halt aus wie Elektroautos ­– nicht wirklich funky.“

Wand in Brooklyn, New York – 2017 gemeinsam mit POEM gemalt.

Was geht einem durch den Kopf, wenn du arbeitest?

R: „Inzwischen ist Sprühen gehen für mich eher Entspannung. Ein paar Stunden aus dem Alltag ausklinken, ein schönes Bild sprühen, ein bisschen Scheiße labern mit den Jungs. Da versuche ich an nichts zu denken. Heißt: Es ist nicht so, dass ich voll konzentriert auf das Bild bin. Beim Drucken ist das anders. Zeichnen, Schnitzen, Drucken – da muss man bei der Sache sein. Generell gilt: Musik laut aufdrehen und einfach machen!“

Welche anderen Künstler nimmst du dir zum Vorbild?

R: „Zum Vorbild nehme ich mir niemanden. Man wird ja zwangsweise, vor allem am Anfang, von vielem beeinflusst und orientiert sich auch mal mehr, mal weniger an anderen. DARE hat uns zum Beispiel Anfang der 90er ziemlich beeinflusst. Ich sollte mir aber vielleicht mal Leute zum Vorbild nehmen, die gut darin sind sich zu vermarkten.“

Wie gehst du mit Kritik um?

R: „Kritik, das ist ja immer so eine Sache: Wenn mir jetzt zum Beispiel der TOAST erklärt, was ich bei den Drucken anders machen könnte oder sollte, dann ist das keine Kritik, dann sind das hilfreiche Tipps von einem Profi. Wenn mir aber jemand an den Kopf knallt, dass meine Linoldrucke kacke sind, weil es zum Beispiel nicht der allgemeinen Norm entspricht, perlt das an mir ab. Habe ich mir schon gelegentlich anhören müssen, dass klassische Linoldrucke ja eher Schwarz-Weiß sind und meine Sachen deswegen nicht ,real’ seien. Ich mach’ das, worauf ich Bock habe – und nutze das Medium Druck, wie ich Bock habe. Ich mache den Scheiß jetzt schon so lange und vor allem mache ich es für mich. Wenn es jemandem nicht gefällt: nicht mein Problem. Das gute an Graffiti ist doch, dass ich mir innerhalb dieser Subkultur – die es zumindest mal war – nicht noch selber Grenzen setzen muss.“

Was ist dir wichtiger: Kunst oder Liebe?

R: „Da ich ja kein Künstler bin, die Liebe natürlich.“

Wo siehst du dich in fünf Jahren?

R: „Puh, da bin ich ja schon 50: Regelmäßig ein bisschen Graffiti-Malen wäre cool, und vielleicht werde ich ja doch noch ein richtiger Künstler (lacht). Ob das dann immer noch Linoldrucke sind oder was ganz anderes, das mich flasht, da mach ich mir jetzt mal noch keine Gedanken drüber. Aber irgendwas in der Richtung werde ich bestimmt noch machen. Ich war dieses Jahr ein paar Mal mit meiner Tochter sprühen – und die hat einen Riesenspaß dran. Wenn die in fünf Jahren immer noch mitgeht, wäre das schon ein Riesending. Außerdem wird sie in fünf Jahren zwölf sein – und kann den Tauchschein machen. Dann nehm ich sie mit in die Unterwasserwelt. Ansonsten möchte ich keine Pläne machen.“

RICH in der South Bronx, 1992.

Weshalb?

R: „In den 90ern haben wir uns auch nicht so viele Gedanken darüber gemacht, wo das alles noch hinführt, und jetzt gibt es im Landesmuseum eine Ausstellung über 25 Jahre Kolchose (Foto unten), wo auch Bilder von uns ausgestellt werden. Also einfach nicht so viel planen, sondern machen!“

Kolchose-Wand von RICH.

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Pascal Hof
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