Was Matthias Straub alles macht? Wo soll man da anfangen? Der Familienvater ist Agrarökonom, Fotograf, DJ, Redakteur und vor allem auch Magazin-Macher. Am Samstag (19 Uhr) präsentiert der 42-Jährige in der Galerie Kernweine die sechste Ausgabe von THE OPÉRA: Eine Spurensuche zu den Anfängen einer ungewöhnlichen Fotografiezeitschrift von unserem 0711er Matthias Straub.

von Saeed Kakavand und Marcel Schlegel 


Wir haben Matthias vor etwa einem Jahr in seiner Wohnung am Marienplatz getroffen und uns mit ihm über seine Arbeit und Ansichten über Stuttgart unterhalten. Dabei hat er uns so viel Konzepte, Ideen und Projekte um die Ohren gehauen, dass uns dabei fast schwindelig geworden ist. Eines seiner Herzensprojekte ist THE OPÉRA – ein jährlich erscheinendes Fotomagazin mit dem Schwerpunkt auf klassischer und zeitgenössischer Aktfotografie. Das fanden wir schon ganz schön crazy. Und weil beim letzten Interview nicht so viel Zeit war, um noch mehr über THE OPÉRA zu erfahren, haben wir nochmals nachgefragt: Was also ist THE OPÉRA überhaupt?

Matthias: „THE OPÉRA ist ein Fotomagazin, das den Menschen in den Mittelpunkt stellt – stark und zerbrechlich zugleich.“

Die Inspiration
Matthias mag anscheinend Menschen. Und ihre Geschichten. Aha. Das sagt er zumindest. Deswegen hat er auch seinen Job als Redakteur gewählt: um Geschichten über Menschen zu erzählen. Und eine wunderbare Art um eine Geschichte über jemanden zu erzählen, ist ein ausdrucksstarkes Foto, das die ganze Story in sich trägt. Ein Porträt also. Und das unmittelbarste Porträt, das man von einem Menschen machen kann, ist ein Aktfoto.

M: „Die Darstellung des menschlichen Körpers ist so alt wie die Menschheit selbst. Erst der Betrachter macht den Akt durch seine Intention und seine Haltung zum Motiv zur Kunst. Die Aktfotografie ist für mich die unmittelbarste Form des Porträts, bei der nichts zwischen dem Fotograf und der Person steht, die porträtiert wird. Nichts, was verkleidet, verschleiert oder verhüllt. Die Aktfotografie stellt den Menschen so dar, wie er tatsächlich ist: groß, klein, dick, dünn, stark, verletzlich, schön und hässlich.“

Die Anfänge
Eine Stadt hat es Matthias Straub angetan: Everybodys-City-Darling, Paris. Regelmäßig setzt sich der Stuttgarter daher in den TGV und stattet Frankreichs Hauptstadt einen Besuch ab. Denn einer Sache kann er sich in Paris sicher sein: neuer Inspiration. In gewisser Weise nahm THE OPÉRA auch in Paris seinen Anfang. Dort, in den vielen Galerien und Museumsbuchhandlungen, ließ er sich immer wieder von Fotobüchern inspirieren, hatte aber nicht das Cash, jedes Mal mit einem ganzen Stapel aus dem Shop zu gehen.

Irgendwann fragte er sich: Warum gibt es kein Buch oder eine hochwertige Zeitschrift, die die Arbeiten verschiedener Fotografen vereinen?

Ein regelmäßig erscheinendes Magazin, das jeweils die spannendsten und schönsten Aufnahmen eines bestimmten Fotografen oder einer Epoche vereint? Et voilà: THE OPÉRA war geboren. Zumindest gedanklich. Mit dieser Idee im Kopf machte sich Matthias 2011 auf den Weg nach Hause, um dort mit einem Bekannten darüber zu sprechen. Der Bekannte war Xavier Zuber, damals leitender Dramaturg an der Staatsoper in Stuttgart.

Das Konzept
Mit Xavier wälzte Matthias seine Idee ein Fotomagazin mit den schönsten Arbeiten internationaler Künstler zu schaffen hin und her – und war sich bald sicher: Das Bild muss im Mittelpunkt und Rampenlicht stehen, das Foto selbst ist der Star auf der Bühne. Und so war auch bald die eine Metapher für das Fotobuch gefunden.

M: „Die Oper als reichhaltige und altehrwürdige Kunstform, der Körper als Schauspiel und Bühne zugleich. Genau wie bei der Oper, die Tanz, Bühnenbild, Gesang, Schauspielerei, Musik und vieles mehr vereint, möchte das Magazin Raum lassen für große und kleine Inszenierungen, für einfache und aufwendige Kulissen, und vor allem für alle menschlichen Emotionen: Freude, Wut, Enttäuschung, Hoffnung und Liebe …“

Die Umsetzung
Die klassische Oper ist in fünf Akte eingeteilt: Exposition (das Thema und die beteiligten Personen werden eingeführt), Komplikation (ein Problem bzw. eine Herausforderung kommt zum Vorschein), Peripétie (der vorläufige Höhepunkt tritt ein, alle Beteiligten sind involviert), Retardation (nach einer scheinbaren Auflösung tritt erneut eine Herausforderung zutage) und Katastrophe (das große Finale, bei dem alle glücklich sind – oder sterben). Damit hatte das Magazin auch schon eine ideale Kapiteleinteilung, wobei sich die einzelnen Kapitelinhalte gedanklich und ästhetisch an den Akten der Oper orientieren.

Fehlte also nur noch ein Verlag, der das alle mitmacht. Nach zahl- und vor allem erfolglosen Anfragen konnte Matthias den Kerber Kunstbuchverlag aus Bielefeld/Berlin breitschlagen, seinen irrwitzigen Plan mitzutragen und eine erste Ausgabe zu drucken. Doch wie kam er an die Fotografen – oder besser: Wer erscheint in THE OPÉRA überhaupt?

M: „Zuerst habe ich meine Lieblingsfotografen angeschrieben und mich dabei gewundert, dass ich kaum Überzeugungsarbeit leisten musste. Die meisten waren froh eine Plattform gefunden zu haben, auf der ihre Arbeit in einem künstlerischen Kontext wahrgenommen wird. Mittlerweile bekomme ich viele Strecke initiativ zugesandt. Aus einigen Kontakten ist eine intensivere Zusammenarbeit entstanden – und wir haben uns zum Teil auch schon persönlich getroffen. Manche Fotografen haben auch schon mehrmals in THE OPÉRA veröffentlicht.“

Die Reaktionen
Trotz wenig bis keiner Werbung für den ersten Band, der 2012 auf der Buchmesse in Frankfurt vorgestellt wurde, war die Resonanz zu Matthias’ Erleichterung überraschend positiv. Bestellungen kamen von Fotobuchläden, Musemsshops und Concept Stores wie das Colette in Paris, die Helmut Newton Foundation und Do you read me?! in Berlin, Soda Books in München. Shops in Seoul, Kopenhagen und Amsterdam orderten fleißig. Selbst im PS1 Bookstore des MoMA in New York ist THE OPÉRA erhältlich. Hatte er das gedacht?

M: „Ich hatte nie eine spezifische Zielgruppe im Kopf. Ich freue mich, dass THE OPÉRA von ganz unterschiedlichen Menschen aus der ganzen Welt gekauft wird – darunter ein sehr großer Anteil Frauen. Einmal sagte eine Leserin zu mir, dass sie sich nach dem Betrachten des Magazins ,schöner gefühlt’ hätte.“

Der Ausblick
Mittlerweile ist die sechste Ausgabe von THE OPÉRA erschienen, die am Samstag (9. Dezember, ab 19 Uhr) bei der Release-Party in der Galerie Kernweine in der Cottastraße 4-6 präsentiert wird. Seit drei Ausgabe sind Matthias und Romano Dudas, Gestalter aus Leidenschaft und mittlerweile Wahlberliner aus Neugier, ein unzertrennbares Herausgeber-Team. Die beiden werden nicht nur durch den Abend führen, sondern mit den Gästen sicherlich auch den einen oder anderen Kurzen kippen. Sie haben es sich zum Ziel gesetzt, mindestens zehn Ausgaben voll zu bekommen. Ob sie das schaffen, ist ungewiss, sich selbst bekommen sie am Samstag aber 100%ig in diesen Zustand …

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Der Sound

kommt auf der Release-Party übrigens von St. Malo (Matthias’ DJ Pseudonym) und the most famous Ringo Stelzl aka Prince Bahadu, der mit seinem aktuellen Mixtape „I have never reached such heights“ auf Mixcloud ordentlich für Wirbel gesorgt hat.

 

Das Gewinnspiel

 Wir verlosen drei handsignierte Ausgaben von THE OPÉRA Volume VI. Wer bei Facebook in die Kommentare postet, mit wem er oder sie gerne zur Release-Party gehen möchte, kann sich unter Vorlage eines Screenshots unserer Gewinnbenachrichtigung sein Exemplar bei Matthias am Samstagabend abholen.

Fotos von Saeed Kakavand

Marcel Schlegel
Author

Schreibt viel und immer mit zwei Fingern. Mal über dies, mal mehr über das. Stärke: die Kommasetzung. Punkt. Ein Werdegang in Linkform – hier: http://bit.ly/2ajtdCU

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