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Ein zweiter Blick kann oft entscheidend sein. Er hält uns davon ab, Menschen sofort in Schubladen zu stecken und bringt uns dazu, mit offeneren Augen durch die Welt zu gehen. Genau das will Daniel Trautwein mit seinem „The Second Look Project“ bewirken. Im Rahmen seiner Bachelorarbeit portraitiert der Stuttgarter Fotograf Menschen mit Stigmata und will ihnen dadurch den Raum geben, um ihre persönliche Geschichte zu erzählen.

Ein Interview von Maren mit Fotos von Saeed und Daniel


Der 26-Jährige steckt mit seiner Bachelorarbeit gerade in den letzten Zügen seines Studiums an der Hochschule der Medien in Stuttgart. In seinem Studiengang habe er sich gegen Ende allerdings nicht mehr so wohl gefühlt, erzählt Daniel. „Ich habe gemerkt, dass ich mich von der Management- und Marketing-Ausrichtung ein bisschen distanziert habe und mich mehr dem Sozialen und Kreativen widmen möchte.“ Für seinen Abschluss wollte er deswegen etwas machen, was schon in diese Richtung geht. „Das Projekt hatte ich schon länger im Kopf“, verrät Daniel. Nun habe er den Rahmen seiner Bachelorarbeit genutzt, um das Projekt ins Leben zu rufen.

D: „Die Idee des Projekts ist, dass Personen, die mit Stigmata zu kämpfen haben – also zum Beispiel Obdachlose, Aidskranke oder Alkoholsüchtige – einfach Menschen, die es in der Gesellschaft schwer haben, ein Raum gegeben wird, um ihre persönliche Geschichte zu erzählen.“

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Angefangen zu fotografieren hat er schon mit 16 Jahren. Zu Beginn noch digital, mittlerweile ist er aber auf die analoge Fotografie umgestiegen – vorzugsweise in schwarz-weiß. Das ist auch das Stilmittel, das Daniel für sein „The Second Look Project“ verwendet. Die analoge Fotografie gebe ihm einfach ein anderes Gefühl beim Fotografieren, erläutert er: „Die Wahl des Films, den Film einzulegen, zu entwickeln, die Negative zu Scannen usw. – das macht es für mich spannend.“ Auch die Tatsache, dass man kein direktes Feedback bekomme, reize ihn. Somit sei die Vorfreude auf das Ergebnis noch viel präsenter. „Ich hatte schon lange geplant ein Projekt im fotografisch-dokumentarischen Stil zu machen“, erzählt Daniel. Also habe er sich überlegt, mit welchen Menschen er sich beschäftigen möchte. „Mir ist es zunächst schwer gefallen, mich einzugrenzen, denn ich wollte viele verschiedene Menschen kennen lernen.“ Also entschied er sich dazu, sich Menschen zu widmen, die mit Stigmata zu kämpfen haben bzw. ein sehr bewegtes Leben führen.

 

Analoge Fotografie, begleitet von ehrlichen Worten.

 

D: „Die Intention hinter dem Projekt ist, dass man solchen Menschen auf einer gemeinsamen Ebene begegnet. Im besten Fall liest jemand die Geschichte und das nächste Mal, wenn die Person durch die Straße läuft und ‘nen Obdachlosen sieht, stempelt sie ihn nicht einfach ab, sondern denkt sich: ,Dieser Mensch hat bestimmt voll die krasse Lebensgeschichte hinter sich und es hat ‘nen Grund, warum er obdachlos geworden ist.‘“

Er sei bereits im regen Austausch mit verschieden sozialen Einrichtungen in Stuttgart und erhoffe sich dadurch, die verschiedensten Menschen und Lebensweisen kennen zu lernen. Emanuell, die erste Person, die Daniel portraitiert hat, ist ein ehemaliger Obdachloser, der jetzt bei Trottwar arbeitet. „Ich verbringe dann drei Tage mit den Personen, lebe so ein bisschen den Alltag mit und mache alles mit, was sie so machen.“ Mit Emanuell war er im Trottwar-Office, sie haben zusammen Zeitschriften verkauft, sich bei ihm zum Kaffee getroffen usw. – eben ganz alltägliche Dinge. „Zwischendurch habe ich mir immer wieder notiert, was er mir so erzählt hat. Und daraus ist die Geschichte entstanden.“ Er sei Emanuell sehr dankbar dafür, dass er es ihm ermöglicht habe, seine Sicht auf das Leben kennen zu lernen.

D: „Besonders geprägt hat mich, dass Emanuell so viele Schicksalsschläge in seinem Leben hatte, so viele Tiefpunkte durchleben musste und trotzdem ein zufriedener Mensch ist. Er macht auf mich einen gefestigten und glücklichen Eindruck und das obwohl er auch heute noch sehr wenig besitzt. Es hat mir mal wieder bewusst gemacht, wie wenig man eigentlich braucht, um glücklich zu sein.“

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Wenn er nicht gerade am Knipsen ist, steht Daniel auf dem Skateboard. Bereits seit 16 Jahren bedeuten Bretter die Welt für ihn: „Das Skaten war das, was mein Leben am stärksten geprägt hat.“ Und es sei ein weiterer Beweggrund für sein Projekt gewesen. Denn ganz nebenbei habe das Skaten den Kontakt zu den unterschiedlichsten Menschen mit sich gebracht, erklärt Daniel.

D: „Als Skater hatte ich schon immer mit den verschiedensten Menschen zu tun. Dadurch, dass man selbst viel auf den Straßen unterwegs ist, lernt man auch oft Obdachlose kennen. Und ich hab‘ mich schon immer gut mit ihnen verstanden. Es kam auch nicht selten vor, dass ich dann länger mit ihnen gechillt habe und sie mir ein bisschen aus ihrem Leben erzählt haben.“

 

Ich hab’s schon von Anfang an so gesehen, dass das Leute sind wie du und ich, nur einfach mit ‘ner krasseren Geschichte.

 

Wenn er mit dem Studium fertig sei, wolle er erst mal reisen. Nach Südamerika soll’s gehen. Er könne sich gut vorstellen, sein Projekt dort weiter zu führen. „Ich denke beim Reisen lassen sich auch mega interessante Menschen finden, die ich portraitieren könnte“, führt Daniel aus. „Ich kann mir aber auch vorstellen dort in sozialen Einrichtungen zu arbeiten oder etwas anderes in der Richtung zu machen.“

D: „Das Projekt hat zwar mit meiner Bachelorarbeit gestartet, aber es ist ganz sicher nicht so, dass ich nur eine Story mache und dann war‘s das. Sondern das ist etwas, was ich für längere Zeit verfolgen will.“

 

The Second Look Project @ HOMEPAGE

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Maren Wiesner
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