Zeit für Meinung. Zeit für eine Kolumne. Diesmal haben unsere Gastautoren Stadtlücken in die Tasten gehauen. Die Initiative setzt sich ein für ein lebenswertes Stuttgart und fordert mehr aktive Stadtteilhabe. Dabei rufen sie uns unser Recht auf Mitgestaltung des öffentlichen Raums wieder ins Bewusstsein.

Text und Bild von Stadtlücken


Stuttgart, was wir dich noch fragen wollten… 

Warum wollen alle nach Berlin? Was macht diese Stadt scheinbar so viel attraktiver und lebenswerter, als unsere Landeshauptstadt? Ist es eine unumgängliche Tatsache, dass Stuttgart für den aufgeschlossenen Menschen des 21. Jahrhunderts zu wenig zu bieten hat? Muss man spätestens nach dem Studium das Schwabenland verlassen? Um was geht es hier? Wollen wirklich alle weg oder sind das nur schnelle Vorurteile?

Was sind denn die echten Probleme dieser Stadt? Was macht uns die Identifikation mit ihr so extrem schwer? Warum hat man beim Umherstreifen hier so selten das Gefühl, dass sich die Bürger diese Stadt zu eigen machen? Ist es die ad absurdum getriebene Eventisierung, die in regelmäßigen Abständen jeden öffentlichen Platz der Innenstadt zum Inbegriff des hohlen Spektakels macht? Ist es die richtige Entscheidung der Stadtverwaltung, uns dadurch eine Kultur des rein passiven Konsumierens – nicht aber der aktiven Stadtteilhabe anzubieten? Oder sind wir es selbst, denen diese Art des Zusammenlebens nicht mehr im Bewusstsein ist?

Immer gleiche Muster, Vorgänge, Routine. Entsteht diese Unbeweglichkeit der städtischen Gestalt Stuttgarts durch den lähmenden Luxus? Warum ist es am Palast der Republik immer so voll, obwohl uns da die Beine einschlafen? Warum gibt es bei uns eigentlich keine Spätis? Können wir mit den öffentlichen Räumen unserer Stadt nicht mehr umgehen? Brauchen wir sie überhaupt noch? Konsum ist ein essentieller Bestandteil einer lebendigen Stadtgesellschaft. Doch wer behält das Maß?

Wodurch kann ein Ort belebt werden? Und was heißt das überhaupt? Haben wir letztendlich nicht nur das Recht, sondern vor allem die Pflicht auf Stadt?

Unsere Überflussgesellschaft zeigt in Stuttgart ihre glatte Oberfläche. Wo sind die Resträume dieser dichten, verspekulierten Stadt? Sollten wir diese rauen Räume suchen und wieder zugänglich machen – die Stadt an diesen Orten endlich aufatmen lassen? Braucht es profitorientierte Unternehmen oder eine erkennbare Öffentlichkeit, um einen Ort zu beleben? Braucht es Ideen? Wo hat Wandel seinen Ursprung?

Stuttgart ist eine Stadt der Infrastruktur und Ökonomie. Steht diese Tatsache der Entstehung öffentlicher Gemeinplätze, zwischenmenschlichen Austauschs und aktiver Mitgestaltung unbedingt im Weg? Auf welcher Ebene findet Identifikation statt? Ist es die Region, ist es die Stadt, ist es das Viertel?

Warum haben in Stuttgart so wenige Stadtteile einen Namen? Braucht Stuttgart Kieze?

Ein Spannungsfeld zwischen Individualitätszwang und Pragmatismus. Aber liegt hier nicht auch so viel unentdecktes Potenzial? Ist es nicht gerade die Herausforderung, sich die vermeintliche Tristesse und subkulturelle Armut zu eigen zu machen und sich dem Problem selbst anzunehmen? Müssen es immer die armen und wirtschaftlich ausgebrannten Orte sein, die die Nährböden für originäre, subkulturelle Unternehmungen liefern? Vielleicht ist Stuttgart dank hilflosem Klammern an das Erbe Gottlieb Daimlers ja bald schon selbst so weit. Lohnt es sich darauf zu warten?

Wollen wir in Zukunft unsere Stadt und unser Zusammenleben nicht eher gestalten als planen? Was würde passieren, wenn sich mehr Leute diese Fragen stellen würden? Hätten sie die Möglichkeit auf einen Dialog? Würde sich dann etwas ändern? Oder ist das zu idealistisch gedacht? Initiativen, Unternehmen, Verwaltung – in Stuttgart trifft man auf Einzelkämpfer.

Ist jetzt die Zeit gekommen, um Kräfte zu bündeln und gemeinsam Vorhandenes zu hinterfragen?


Zu den Autoren: STADTLÜCKEN

Stadtlücken ist ein gemeinnütziger Verein, initiiert von jungen Gestaltern unterschiedlicher Disziplinen. Er wurde aus dem Bedürfnis heraus gegründet, das Bewusstsein für öffentlichen Raum und Stadterfahrung zu schärfen und ein digitalanaloges Netzwerk für das gemeinsame Entwickeln einer lebenswerten Stadt zu fördern.

Mehr zur Initiative Stadtlücken erfahrt ihr hier:
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Anmerkung: Die Meinung, die in dieser Kolumne kundgetan wird, ist jene der Autoren, eine fundiert argumentierte, aber nur eine mögliche von vielen – und nicht zwangsläufig die des 0711blogs. Eben das ist das Wesen einer Kolumne.

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Wir haben zwar ein festes Redakteurs-Team, doch bisweilen laden wir auch den ein oder anderen Autor ein, für uns als Gast unter der Flagge des 0711-Auges zu schreiben.

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