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In der Serie „0711er der Woche“ stellen wir euch jeden Montag einen Stuttgarter vor, den man unter Umständen kennt – und doch nicht so recht kennt. Leute, die unsere Stadt durch ihr Schaffen auf verschiedenste Art bereichern, aber oftmals doch im Hintergrund bleiben. Menschen wie du und ich, die ihren Teil dazu beitragen, dass Stuttgart das ist, was es ist: unsere Stadt, die Mutterstadt. Nachdem wir mit dem jeweiligen 0711er etwas Zeit verbringen, verewigen sie sich in unserem 0711er Buch.


Der Profi-Kämpfer Alan Omer meistert den Spagat zwischen Sportlerkarriere und Studium mit Bravour. Wir trafen den gebürtigen Kurden janz weit draußen, wie man in Berlin sagen würde (Zuffenhausen fühlt sich so gar nicht mehr nach Stuttgart an) in seinem Kampfsportzentrum, dem Stallion Gym. Dort erzählte er uns, warum MMA zu Unrecht in Verruf geraten ist, was es mit der Champions League des Sports, der UFC auf sich hat und demonstrierte uns ein paar Techniken.

Ein Text von Maren mit Fotos von Saeed

Alan begrüßt uns in einem Hinterhof im Zuffenhausener Industriegebiet. Als wir wenige Minuten später mit zwei weiteren muskelbepackten Typen in einem Lastenaufzug stehen, flachst einer der Jungs: „Ihr dürft niemandem von diesem Ort erzählen.“ Wir lachen sicherheitshalber erst mal verlegen, fragen uns aber insgeheim, ob das tatsächlich ein Scherz war. Die Tür zum Gym wird geöffnet und mit ihr erschließt sich uns eine ganz neue Welt – die der MMA genauer gesagt.

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Weiß jeder, was die Buchstabenkombi MMA bedeutet, frage ich hier mal in die Runde? Alle, die gedanklich gerade ein eindeutiges “Nein” von sich gegeben haben, sollten nun die Öhrchen spitzen: Die Abkürzung steht für Mixed Material Arts, was so viel bedeutet wie “gemischte Kampfkünste”. Diese bedienen sich an Techniken verschiedener Kampfsportarten: Von Boxen, über Kickboxen, Karate, Brazilian Jiu-Jitsu, Judo und Ringen ist so ziemlich alles dabei, was das Kampfkunst-Portfolio hergibt. Und auch fast alles erlaubt, wie Kritiker mit erhobenem Zeigefinger nun sagen würden. Denn MMA unterscheidet sich von traditionellen Kampfsportarten vor allem dadurch, dass der Gegner auch in der Horizontalen, also am Boden liegend, geschlagen werden darf. Schwuppdiwupp, da wären wir auch direkt bei einem der größten Vorurteile, mit dem der Sport zu kämpfen hat. Und zwar der Brutalität, die MMA zugeschrieben wird. Laut Alan alles halb so schlimm, denn „als trainierter Kämpfer weiß man sich auch am Boden zu wehren und ist nicht hilflos“. Er fährt fort: „Aufgrund der dünnen Handschuhe kann es immer mal zu Cuts kommen, die dann im Kampf blutig aussehen.“ Aber das seien nur oberflächliche Wunden und nichts Weltbewegendes, klärt Alan auf. Dass die Kämpfe für gewöhnlich in einem Käfig ausgetragen werden, passt für den ein oder anderen ebenso in das martialische Bild.

 

Der Käfig ist eigentlich zum Schutz des Kämpfers da – und nicht dafür, dass es brutal aussieht.

 

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In Schweden, England, Irland oder Japan sind MMA-Kämpfer gefeierte Promis. Auch in den USA habe MMA dem Boxsport, was die Popularität angeht, schon längst den Rang abgelaufen. Während die Kämpfe dort zur Primetime ausgestrahlt werden, galt hierzulande bis Ende 2014 noch ein Sendeverbot. Alan erklärt sich das, sagen wir mal, angeknackste Image seines Sports mitunter durch die pazifistische Mentalität der Deutschen. Der Boxsport trage schließlich sein Übriges dazu bei. „MMA ist viel spektakulärer, viel spannender, viel schöner anzusehen und dagegen wehrt sich die Boxlobby. Die sind ja hier gut vertreten und machen es dem Sport nicht leicht.“

So weit, so gut – aber wie kommt man nun zu so einem Sport? In Alans Fall wie die Jungfrau zum Kind. Freunde von ihm haben sich zum gemeinsamen Training getroffen und sich die Skills per YouTube quasi selber angeeignet. „Ein Kumpel hat mich dann mal mitgenommen und seitdem trainiere ich“, erinnert er sich zurück. Zu Beginn sei er überhaupt nicht talentiert gewesen. Bis zu seinem ersten Amateur-Kampf, den er mir nichts dir nichts gewann. Das habe ihn zum Weitermachen angespornt, beschreibt Alan. Beim Sieg der Ostdeutschen Meisterschaft entdeckte ihn sein späterer Manager. Nach einem entscheidenden Sieg in Polen habe alles ganz andere Dimensionen angenommen. Der Durchbruch kam schließlich 2010 mit dem Federgewichtstitel der BAMMA in England, resümiert er. Einer der Kämpfer fiel aus und Alan wurde hinzugeholt – „eigentlich als Fallobst, damit der Engländer seinen Titel holen kann“. Den Kampf habe er praktisch ohne Vorbereitung und on top mit gebrochener Rippe angetreten. Mit dem Sieg habe er als erster deutscher MMA-Kämpfer einen Titel im Ausland gewonnen. „Die Engländer waren ganz schön schockiert, weil sie mich eigentlich zum Verlieren gebucht haben“, erzählt er lachend.

 

Ich habe mich nicht wirklich für Kampfsport interessiert, das kam von heute auf morgen. Davor hatte ich nie die Intention den Sport auszuüben, geschweige denn mich im Käfig zu prügeln. 

 

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2014 passierte schließlich das, was sich jeder Profikämpfer erhofft: Die Ultimate Fighting Championship (UFC) nahm ihn unter Vertrag. Das sei der größte Veranstalter in dem Sport. Sozusagen die Champions League der MMA. In 20 Jahren haben es – inklusive Alan – nur eine Handvoll Deutsche in die UFC geschafft. Holla, die Waldfee! Wie er das angestellt habe? „Man muss sich auf lokalen sowie internationalen Veranstaltungen hochkämpfen gegen namenhafte Kämpfer“, erklärt er. Nachdem er zwei Kämpfe unglücklich verlor, wurde Alan Ende letzten Jahres wieder von der UFC entlassen. Doch so schnell gibt der ehrgeizige Sportler nicht auf: „Jetzt versuche ich, mich da wieder rein zu kämpfen.“

So eine Profikarriere bedeutet aber auch knallhartes Training und eiserne Disziplin. Steht ein Wettkampf bevor, seien täglich drei Trainingseinheiten an der Tagesordnung und das sechs Wochen am Stück. Diese Vorbereitung finde vorzugsweise im Ausland statt, weil man sich da weniger ablenken könne. Zuletzt sei er beispielsweise in Thailand gewesen. Verletzungen, wie ein Kreuzbandriss bleiben nicht aus und zwingen den ehrgeizigen Sportler immer wieder zu ungewollten Pausen. Aber das sieht der 27-Jährige gelassen. Genauso wie den Druck, dem er als Profikämpfer standhalten muss. Die mentale Stärke sei ihm glücklicherweise angeboren. Früher war er vor Kämpfen noch nervös mit zittrigen Händen und allem, was dazu gehört. Aber mittlerweile sei es ein Spaziergang für ihn.

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Seine Eltern stehen den sportlichen Ambitionen ihres Sprösslings mit gemischten Gefühlen gegenüber. „Mein Vater ist mittlerweile wirklich ein Fan des Sports geworden. Aber meine Mutter hält gar nix davon.“ Sie schaue sich auch keinen einzigen seiner Kämpfe an. Alan kommt aus dem kurdischen Teil des Iraks und ist im Krieg aufgewachsen. Als sein Vater von der Irakischen Armee desertierte, mussten sie flüchten. Nach Zwischenstationen in Jordanien, Syrien, dem Jemen, der Türkei und Bulgarien, kamen er und seine Familie nach Deutschland. Da war Alan zarte fünf Jahre alt. Es folgten Aufenthalte in unterschiedlichen Flüchtlingsheimen, bis sie schließlich in Stuttgart landeten. „Anfangs war es schwer sich zu integrieren, doch zum Glück legten meine Eltern stets sehr viel Wert auf meine schulische Bildung, was mir später zu Gute kam.“ Seitdem sei die Mutterstadt seine Heimat. Aber mit Kurdistan fühle er sich noch immer stark verwurzelt und sei regelmäßig dort, um Verwandte zu besuchen.

Ganz nebenbei wuppt das Schlauerle auch noch sein Maschinenbau-Studium. Vor Kurzem habe er sein Bachelorstudium abgeschlossen und mache nun direkt weiter mit dem Master, erzählt er eher beiläufig. Wenn er fertig ist, wolle er sich trotzdem erst mal voll und ganz dem Sport widmen. „Aber es ist ein gutes Gefühl, ‘was in der Tasche zu haben, falls alle Stricke reißen“, merkt er an. Profisportler und Studentendasein könnten zweifelsohne schon einnehmend genug sein. Aber Alan setzt noch einen drauf: Vor zwei Jahren eröffnete er zusammen mit zwei Partnern eine große Kampfsportschule in Zuffenhausen, das Stallion Gym. Quasi aus der Not heraus, denn „es gab keine richtigen Trainingsmöglichkeiten hier in Stuttgart, was MMA oder Kampfsport angeht“.

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Weg aus Stuttgart hat es den bodenständigen Sportler nie gezogen. „Erstens wegen des Sports, weil hier meine Trainingskollegen, meine Trainer und das Gym sind – das kann ich ja nicht einfach alles stehen und liegen lassen. Und mein Studiengang, Maschinenbau, bietet sich in Stuttgart natürlich auch an“, erklärt Alan. Auch wenn die Leute etwas spießig seien, fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu, habe er nie den Anreiz gehabt von hier wegzuziehen.

 

Hier habe ich echt alles: meinen Sport, mein Studium, meine Freunde – wozu also das Ganze aufgeben und irgendwo anders hingehen?

 

Und wie geht’s weiter? „Sportlich will ich natürlich so weit kommen, wie es nur geht, das Gym ausbauen und mein Studium fertig machen.“ Wir ziehen den Hut vor so viel Disziplin und drücken die Daumen, wenn Alan im Oktober in Finnland wieder in den Käfig steigt.

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NAME … Alan Omer – ALTER … 27 

HERKUNFT … Kurdistan – STADTTEIL … Feuerbach

  

WAS ICH SO MACH’ … Leute für Geld vermöbeln, studieren

MEIN LIEBLINGSORT IN STUTTGART IST … Killesberg

GLÜCKLICH MACHEN KANN MAN MICH MIT … Essen

MEIN PERFEKTES WOCHENENDE VERBRINGE ICH MIT … Beine hochlegen und entspannen

ICH KANN NICHT OHNE … Essen

DAS SOLLTE MAN GESEHEN HABEN … meinen Bizeps

DAS MACHE ICH, WENN KEINER ZUSCHAUT … Selbstgespräche, vom Monolog bis hin zum Dialog

ICH WÜRDE NIEMALS … Veganer werden

ICH LIEBE AN STUTTGART … alles

ICH HASSE AN STUTTGART … fast nichts, nur die Menschen 😉

WENN NICHT STUTTGART, DANN … Erbil

DAS HABE ICH IMMER IM GEPÄCK … meinen Rasierer

WENN ICH MORGENS AUFSTEHE, MACH ICH DAS IMMER ZUERST … weiter schlafen

SO KRIEGT MAN MICH RUM … kein Kommentar

WENN ICH DIE FREIE WAHL HÄTTE, WÜRDE ICH HEUTE ABENDESSEN MIT … Michael Jackson

UND ZWAR WO? … bei mir im Gym

STUTTGART, ICH WOLLTE DIR SCHON IMMER EINMAL SAGEN … ich liebe dich

 

Maren Wiesner
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