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In der Serie „0711er der Woche“ stellen wir euch jeden Montag einen Stuttgarter vor, den man unter Umständen kennt – und doch nicht so recht kennt. Leute, die unsere Stadt durch ihr Schaffen auf verschiedenste Art bereichern, aber oftmals doch im Hintergrund bleiben. Menschen wie du und ich, die ihren Teil dazu beitragen, dass Stuttgart das ist, was es ist: unsere Stadt, die Mutterstadt. Nachdem wir mit dem jeweiligen 0711er etwas Zeit verbringen, verewigen sie sich in unserem 0711er Buch.


Wunderland, Sesam öffne dich oder Bermuda Dreieck – die kleinen, besonderen und vor allem auch geschmackvollen Backkunstwerke im tarte & törtchen sind alles andere als Mainstream. Ihre Namen machen neugierig, ihr Look Lust auf mehr. Dahinter steckt unser mindestens genauso zuckersüßer „0711er der Woche“, Aline John. Die 28-jährige Konditorin aus Leidenschaft wird ihre Patisserie im Stuttgarter Westen noch in diesem Jahr vergrößern und ein neues Café eröffnen.

Fotos von Felix

Bei der Stuttgarterin läuft’s. Die Leute rennen ihr die Bude ein, Alines süße (und auch salzige!) Leckereien will niemand mehr missen. Kein Wunder, dass die Chefin des tarte & törtchens strahlt wie little Miss Sunshine höchstpersönlich. Doch auch für die frischgebackene Mama war aller Anfang schwer, auch sie hatte noch vor gut drei Jahren keinen Plan, ob alles so klappen würde, wie sie es sich erhofft hatte. Und trotzdem war da immer dieser Grundoptimismus. „Ich wusste einfach, dass ich es schaffe“, erinnert sie sich. Mit zwei Mitarbeitern war Aline damals in das Abenteuer „eigene Patisserie“ gestartet, mittlerweile beschäftigt sie fünf kreative Mädels, darunter zwei Azubis. Dass aus der Leidenschaft Backen mal ein Beruf und damit ein echter Erfolg werden würde, hätte sich Stuttgarts Törtchenqueen in jungen Jahren allerdings nie erträumen lassen. Klar, hatte sie früher gern am Wochenende Kuchen für ein Café im Stuttgarter Süden gebacken und natürlich war es ein großer Spaß.

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Bei der Wahl einer Lehrstelle war jedoch zunächst nur eines entscheidend: „Es soll unbedingt etwas Handwerkliches sein.“ Mit dieser Gewissheit im Hinterkopf habe sie sich unter anderem auf Schneider- und Kostümbildlehrstellen beworben, doch schnell war klar: das Konditorhandwerk soll es sein. Die Lehre begann und „ich habe gleich gemerkt, das will ich machen, das tut mir gut, darin kann ich aufgehen“, erzählt die leidenschaftliche Konditorin mit leuchtenden Augen. Die aufregendste und einflussreichste Zeit sollte aber erst noch folgen. Aline tingelte durch halb Europa, verweilte in Berlin und Paris, ließ sich von Süßem inspirieren und verführen. Vor allem die französische Backkunst hatte bleibenden Eindruck hinterlassen. „Petit Four, Eclaires, Macarons – das ist genau mein Ding.“ Die Schwäche für kleine Törtchen erklärt die 28-Jährige damit, dass sie gerne viele verschiedene Dinge probiere und einfach kein Fan von Riesenportionen sei. Logisch, dass es dann hieß: Ciao große mächtige Torten, salut kleine individuelle Törtchen. „So kann jeder von mehreren Leckereien probieren, ohne sich ganz und gar zu überfressen.“ Und vor allem sei Süßes ja nicht dazu gedacht, sich satt zu essen, sondern z.B. als Highlight am Ende eines Menüs. Wichtig ist: das Auge isst mit. Deshalb kommen Aline selbstverständlich keine plumpen, langweiligen Törtchen in die Tüte bzw. auf die Theke, sondern vielmehr liebevoll kreierte Backkunstwerke. Diese gibt es in zwei Größen, einmal in S und dann nochmal in XXS – in identischer Ausführung versteht sich.

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Die Miniaturausgabe der Törtchen soll selbst die nicht ganz so süßen Zeitgenossen zum Probieren von Sweetem verführen, denn mit einem Happs sind die im Mund. Das Coolste: Jeder bekommt seinen eigenen, kleinen Kuchen und nicht nur ein Stück von der Torte. Doch zurück zu Alines Anfängen und damit zurück nach Stuttgart, der Mutter aller Städte. Die 28-Jährige hatte also vor mehr als drei Jahren den Plan wieder Fuß in der alten Heimat zu fassen und begab sich in der Schwabenmetropole auf Jobsuche. Wir Normalsterblichen wissen, was das bedeutet: Es ist nicht einfach. Vor allem wenn man so seine Ansprüche hat. „Ich habe keinen Job gefunden, der mir von den Rohstoffen gepasst hat“, erklärt sich Aline. Das sei ihr total wichtig, darauf lege sie besonderen Wert. „Mir war immer klar, ich werde aus Mist keine Kuchen zaubern.“ Nach drei Monaten bei einem Konditor, der mit konventionellen Rohstoffen gearbeitet hatte, war Feierabend. „Eines Morgens lief mir ein Schauer über den Rücken und ich wusste: Du machst da gerade was, das würdest selbst nicht essen.“

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Sich diesem Prozedere Tag täglich auszusetzen, darauf hatte die kreative Patisseriechefin keine Lust mehr. 2012 hieß es dann: Nicht lang fackeln, Ärmel hochgekrempelt und auf geht’s. tarte & törtchen sollte seine Heimat in einer ehemaligen Backstube finden, die von Aline mit viel Liebe zu Selbstgemachtem zu neuem Leben erweckt wurde. Außergewöhnlich: Gucklöcher ermöglichen einem von außen den Blick hinter die Kulissen und damit in die Backstube. „So kann jeder sehen, dass wir wirklich alles von Hand machen und welche Rohstoffe wir verwenden. So eine Transparenz ist immer wichtig.“ Und das Sortiment kann sich sehen lassen. Vier Törtchen – die guten alten Klassiker – gibt es immer. Der Rest wechselt durch, je nach Saison. Gerade gibt es z.B. verstärkt Birnen-, Zwetschgen- oder Brombeervariationen. Auffallend und ganz besonders erfrischend sind aber die kreativen Namen.

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Das Problem: die Komponentenanzahl. Wie soll man denn ein Törtchen mit mehr als zwei Komponenten nennen? Ein Cheesecake mit getränktem Maracujaboden, einer gekochte Mangocreme, einem Limettenspiegel und einem Biscuit? „Vergiss es“, winkt Aline ab, „ich gebe ihnen einfach ganz andere Namen und im Untertitel steht dann was drin ist.“ Fertig. Schluss. Aus. Einige Namen geben dabei quasi Tipps, was drin sein könnte. Andere seien völlig an den Haaren herbei gezogen. Ersteres ist z.B. beim Bermuda Dreieck der Fall. Das Törtchen hatte nicht nur die Form eines Dreiecks, sondern war – dem Mythos des Bermuda Dreiecks wird nachgesagt, dass dort immer Schiffe auf sonderbare Art und Weise verschwunden sind – aufgrund der Mischung von zwei Mousse und einem Schaum verschwindend leicht im Abgang.

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Ein wahres Geschmackserlebnis für alle Sinne sind die tarte & törtchen-Leckereien also allemal, was nicht zuletzt an den Zutaten liegt, die darin verarbeitet werden. Obst und Gemüse stammen von einem Hof im Remstal, die Eier von einem Hof auf den Fildern und die Schokolade ist von Original Beans  – kein Weltkakao, dementsprechend pur sei der Geschmack und auch ebenso besonders. „Ich mache jetzt nicht mega Werbung damit, ich sage einfach: man schmeckt es“, ist Aline überzeugt. Von der Zutat bis zum fertigen Produkt kann es aber mehrere Monate dauern. „Man probiert einfach mal aus, nicht nur, ob es geschmacklich zusammen passt, sondern ob verschiedene Zutaten von der Konsistenz her spannend miteinander agieren. Es sollte zum Beispiel nicht nur durchgehend total weich sein, sondern auch mal bissfeste Schokolade oder Krokant dazwischen anbieten, damit man ein Erlebnis hat“, findet Aline. Nach einer Testphase wird festgelegt welche süße Leckerei es fest ins Sortiment geschafft hat.

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Dauergast in der Auslage ist unter anderem Wunderland, bestehend aus Mohnmousse, weißer Schokolade und einer Schicht aus schwarzer Johannisbeere. Witzig: das Törtchen ist gepunktet, wie ungefähr alles was Aline trägt. Man sei eben sehr experimentierfreudig im tarte & törtchen, Grenzen setze man sich keine. „Wenn der Hype um das „Mini-Gebäck“ mal vorbei sein sollte, dann backen wir eben Großmutters Kuchen.“ Auch jetzt schon werden zusätzlich Blechkuchen angeboten, gerade Applecrumble mit Tonka-Bohne. Und auch die Coolen unter uns kommen auf ihre Kosten. Zur Zeit noch im Angebot: Das Basilikum-Weißwein- Limette-Sorbet. Aber nicht nur das Eis erfrischt, vor allem auch die Abwechslung und Herausforderung würden Aline im Kopf wachhalten und ihr den Spaß am Job immer wieder von Neuem ins Gedächtnis rufen. „Nach dreieinhalb Jahren kann ich sagen: Auch wenn ich viele Fehler gemacht habe, ich würde nichts anders machen.“ Ihr Ziel sei lediglich, wieder mehr Zeit in der Backstube und weniger im Büro zu verbringen.

Danke liebste Aline, dass du unseren Alltag mit deinem tarte & törtchen auf erfrischende Weise versüßt – wir sind liebend gern deine Stammgäste.

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NAME: Aline John – ALTER: 28

HERKUNFT: Stuttgart – STADTTEIL: West

 

WAS ICH SO MACH’ … Konditorin, Ladeninhaberin, Management, Mutter …

MEIN LIEBLINGSORT IN STUTTGART IST … der blaue Weg

GLÜCKLICH MACHEN KANN MAN MICH MIT … gutem Essen

MEIN PERFEKTES WOCHENENDE VERBRINGE ICH MIT … meiner Wunsch-Familie

ICH KANN NICHT OHNE … meine Liebsten

DAS SOLLTE MAN GESEHEN HABEN … Tarte und Törtchen Werkstatt

DAS MACHE ICH, WENN KEINER ZUSCHAUT … laut Musik hören und durch den Garten tanzen

ICH LIEBE AN STUTTGART, … den Kessel, es ist einfach ein Dorf

ICH HASSE AN STUTTGART … Baustellen

WENN NICHT STUTTGART, DANN … Lissabon

DAS HABE ICH IMMER IM GEPÄCK … Kamera

WENN ICH MORGENS AUFSTEHE, MACHE ICH IMMER ALS ERSTES … recken und strecken

SO KRIEGT MAN MICH RUM … Schokolade

WENN ICH DIE FREIE WAHL HÄTTE, WÜRDE ICH HEUTE ABENDESSEN MIT … Paul Bocuse

UND ZWAR … am Montmarte

STUTTGART, ICH WOLLTE DIR SCHON IMMER EINMAL SAGEN … ich liebe dich!

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Tanne
Author

Word-Rebel, Sneaker-Addict, HipHop-Lover – Geboren in Skopje (Mazedonien) – Aufgewachsen in Stuttgart – Studiert an der Uni Passau – Gearbeitet in München bei den Magazinen Cosmopolitan/Joy/Shape – Volontariat bei der Cannstatter Zeitung – Freie Journalistin/Redakteurin beim Stadtkind Stuttgart (Stuttgarter Zeitung) + Textlieferant für viele kreative Projekte

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