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IN DER SERIE „0711ER DER WOCHE“ STELLEN WIR EUCH JEDEN MONTAG EINEN STUTTGARTER VOR, DEN MAN UNTER UMSTÄNDEN KENNT – UND DOCH NICHT SO RECHT KENNT. LEUTE, DIE UNSERE STADT DURCH IHR SCHAFFEN AUF VERSCHIEDENSTE ART BEREICHERN, ABER OFTMALS DOCH IM HINTERGRUND BLEIBEN. MENSCHEN WIE DU UND ICH, DIE IHREN TEIL DAZU BEITRAGEN, DASS STUTTGART DAS IST, WAS ES IST: UNSERE STADT, DIE MUTTERSTADT. NACHDEM WIR MIT DEM JEWEILIGEN 0711ER ETWAS ZEIT VERBRINGEN, VEREWIGEN SIE SICH IN UNSEREM 0711ER BUCH.


Wenn Bartek gerade nicht über Erdbeeren und Apfelschnitzen rappt, träumt unser 0711er der Woche von Fiji-Baguettes und einem Häuschen in der Provence, wo er als Schriftsteller mit langen Haaren und weißem Leinenhemd Käse isst. Mit seinem Frankreich-Faible macht er eine Punktlandung bei uns. Kronenbourg in der Hand und los gehts: Wir haben im Le Tonneau im Westen mit ihm ganze zwei Stunden über Gott und die Welt philosophiert und uns herrlich amüsiert.

Ein Text von Valentina mit Fotos von Saeed

Man nehme zwei Scheiben hauchdünnes, saftiges Roastbeef, feine Cornichons, Zwiebelringe und paart das ganze Ensemble mit Sahnemeerrettich. Schon hat man ein Rezept kredenzt, welches den Maître höchstpersönlich zufriedenstellt, nämlich oben genanntes „Fiji-Baguette“. Was Bartek sonst noch so mag? Obst und noch mehr Obst! Darüber hat der 31-Jährige in den letzten beiden Jahren ziemlich viel geschrieben und gesungen („Apfelschnitzschneider“, „Erdbeeren Baby“). Gefühlt ist er schon immer Musiker. Tatsächlich angefangen hat alles aber als Background-Rapper für Karibik Frank. Mittlerweile ist er mit den Orsons in der ganzen Republik bekannt. Mit „Schwung in die Kiste“ haben die vier Jungs 2015 den ganz großen Coup gelandet. Wie’s dazu kam?

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1985, Breslau

Bartek Nikodemski kommt – nein, nicht 1983, wie unzählige Internetquellen und Enzyklopädien fälschlicherweise behaupten ­– sondern 1985 in Breslau auf die Welt. Nach der Wende verschlägt es seine Familie und ihn in den beschaulichen Süden – Ludwigsburg, um genauer zu sein. Von der Realschule wechselt er als Halbwüchsiger aufs Sportgymnasium und beginnt, sich mit Musik auseinanderzusetzen. Den Anfang macht Metall, ganz viel Nirvana und Metallica.

Wenn wir nach Polen gefahren sind, gab’s immer geile Fan-Shirts von Nirvana und Metallica. Perfekter Fake-Merch für vier Euro. Das Zeug hab’ ich geliebt!

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Durch einen Kumpel entdeckt er Nas. Bartek verliebt sich in dessen Single „If I ruled the world“ und brennt fortan für Rap und Hip-Hop. „Ich hab’ mich voll in die Musikrichtung reingefuchst, hab’ alle Discographien studiert, Unmengen CDs gekauft und angehört. Damals noch im Müller (Anmerkung der Redaktion: das Parfüm-Armageddon)…“, erinnert sich der Stuttgarter. Irgendwann wagt er sich selbst an die Musik. Er fängt an, seine liebsten Rapper aus Übersee zu kopieren, textet auf Englisch. Aus f(x) im Matheheft werden eigene Songzeilen. Karibik Frank tut es ihm besonders an. Über ihn findet er zum Freestylen.

Karibik Frank ist der weltbeste Freestyler für mich. Der improvisiert wirklich. Der erzählt tatsächlich Geschichten, die ihm in genau diesem Moment einfallen. Verrückt, dass so etwas geht!

Bartek klebt förmlich an Karibik Frank, seinem „krassesten Vorbild“. „Für mich ist ‚Psychisch Frank EP’ bis heute noch eines der besten Releases von ihm“, verrät uns unser 0711er der Woche. Der kleine Stöpsel feiert die freshe Wortwahl und die neue Technik des alten Hasen. Der wiederum wird aufmerksam auf den aufstrebenden Stern am Rap-Himmel. Zwei Jahre lang begleitet Bartek Karibik Frank als Background-Rapper auf Touren. „Noch heute weiß ich die Texte, wenn du mich nachts um drei Uhr weckst“, erzählt uns der Wortakrobat sichtlich stolz. Nach der elften Klasse schmeißt er die Schule, widmet sich vollkommen der Musik und ist mit den Massiven Tönen und Clueso unterwegs.

Ich bin mit riesigen Spongebob-Augen durch diese Welt aus Nightlinern und Künstlern getingelt und habe gedacht: ‚Boah, geil, genau das will ich machen!’

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2001, Jugendhaus Mitte, Stuttgart

Immer zur Wochenmitte trifft sich der damals 18-Jährige zum Rap-Mittwoch mit Weggefährten im Jugendhaus Mitte. Zeilen werden vorgerappt, Texte ausgetauscht. Hier lernt er Maeckes kennen – „un vrai coup de coeur“, oder auch: Liebe auf den ersten Blick. Sie schreiben sich die Finger wund, nächtelang. 2004 veröffentlichen sie ihr erstes gemeinsames Album „Dayz of the Championz“. „Das ist schon so lange her. Ursprünglich wollten wir die Songs noch auf eine Kassette spielen“, erinnert sich Bartek und lacht. Chimperator, zu dieser Zeit ein kleines Label, gegründet von vier Freunden, nimmt sie unter Vertag.

Plan B, wie sich Bartek damals noch nannte, und Maeckes bringen drei weitere Alben heraus, vergrößern ihre Hörerschaft, spielen auf dem Splash, moderieren das Splash, schreiben Theaterstücke, die sich da “RapUp-Comedie” nennen. Künstler durch und durch. Mit ihrem Stück “Zimmer 601” klappern sie ganz Deutschland ab – von Berlin über Dresden und Leipzig bis hin zu München.

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Drei Jahre vergehen. Wir schreiben das Jahr 2007. Die Orsons werden geboren. Während einer Busfahrt machen Bartek und Maeckes Connections mit Tua und Kaas.

Und wir so: ,Hö? Warum kennen wir die Zwei noch nicht? Wie geil sind Tua und Kaas bitte! Wir müssen sofort was zusammen produzieren!’

Kein halbes Jahr später schließt sich das Quartett vier Tage lang im Studio vom Tourmanager, welchen sie liebevoll „Vadder“ nennen, ein. Herauskommt das erste Album „Das Album“. „Einfach perfekt“, fasst Bartek zusammen.

2015, die ganze Republik

Mittlerweile ist die Stuttgarter Band aus der deutschen Rap-Szene nicht mehr wegzudenken. Die Jungs sind erwachsen geworden. „Das letzte Album, das da heißt ‚What’s goes?’, gefällt mir am Besten. Wir haben zu viert als homogene Gruppe funktioniert und uns optimal ergänzt“, sagt der Musiker und fügt hinzu: „Wir lieben uns, aber in jeder Produktionsphase hassen wir uns auch. Mittlerweile wissen wir die Stärken der nderen zu schätzen, wissen, was zu tun ist und wie wir klingen wollen.“ Sie haben gelernt, dass weder Kinderchor und Trompeten noch Cro zu ihrem Sound passen und sich in der Zusammenarbeit mit Produktionsfirmen geübt. Was wohl wäre, wenn Bartek nicht bei den Orsons dabei wäre? „Dann wär’s nicht dumm. Dummheit ist gleich Geilheit für mich. Und ich bin für die Unbeschwertheit da“, scherzt er.

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Sich selbst beschreibt unser 0711er der Woche als bescheidener, als noch zu Beginn seiner Karriere. „Mein früheres Ego? Ekelhaft“, gibt er zu.

Gangsterrap, Bitches und Autos? Nichts davon ist wichtig für mich!

Seine Schüchternheit habe er abgelegt. Bevor er 2002 seine Raps öffentlich gemacht hat, hat er nämlich zunächst im Geheimen abertausende von Blöcken und Schulheften vollgeschrieben – aus Angst, bei der Außenwelt nicht anzukommen. Noch heute überkommt ihn ein komisches Gefühl, wenn er in einem Raum mit anderen ist und „Schwung in die Kiste“ läuft.

„Ich frag’ mich manchmal, wer die Musik hören soll, die ich mache. Ein Song über Erdbeeren?! Wirklich?! Alter… Aber das muss einfach gemacht werden, sonst macht’s keiner!“ Vom Gangsterrap über Drogen und Lamborghinis habe er genug.

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Im Kessel ist Bartek übrigens seit fast sieben Jahren zu Hause. „Meine erste Wohnung glich einem Loch. Kalt und ungemütlich. Ich dachte: ‚Noch ein Winter in dieser Bude und ich bin Plan C!’“ In der Hip-Hop-Hochburg fühlt er sich pudelwohl. „Stuttgart isch’ mega! Überschaubar und grün.“ Ziele für die nächsten Jahre? „Für uns Orsons reicht erstmal Deutschland als Epizentrum. Obwohl, Japan wär’ auch ganz schön. Da füllt man schnell riesige Hallen!“ resümiert der Schwabe, dessen Dialekt ihn unheimlich sympathisch macht. 2017 steht ein Urlaub mit Maeckes, Kaas und Tua an. Wohin es gehen soll, steht noch in den Sternen. Fest steht aber: „Hauptsache: Warm, Strand und die ‚Familie!’“ Als Solo-Künstler drängt es Bartek, immer besser zu werden.

Am liebsten würde ich mich den ganzen Januar einschließen und nur Musik machen.

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Merci, lieber Bartek. Inspiration und Amüsement par excellence! Bleib so ein cooler Apfelschnitzschneider, Erdbeer-Liebhaber und Frankreichvergötterer wie du ohnehin schon bist.

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NAME … Bartek – ALTER … 31

HERKUNFT … Breslau, Polen – STADTTEIL … West

WAS ICH SO MACHE … Musik, Quatsch, Unfug, Geilheit

MEIN LIEBLINGSORT IN STUTTGART IST … Der Bärensee im Herbst

GLÜCKLICH MACHEN KANN MAN MICH MIT … Einem guten Buch

MEIN PERFEKTES WOCHENENDE VERBRINGE ICH MIT … Einem guten Buch

ICH KANN NICHT OHNE … Geilheit

DAS SOLLTE MAN GESEHEN HABEN … Wilhelma Theater

DAS MACHE ICH, WENN KEINER ZUSCHAUT … Über dem Boden schweben

ICH WÜRDE NIEMALS … Über dem Boden schweben

ICH LIEBE AN STUTTGART … Das viele Grün und die Überschaubarkeit

ICH HASSE AN STUTTGART … Das für immer bleibende Bahnhofsloch 21

WENN NICHT STUTTGART, DANN … New York

DAS HABE ICH IMMER IM GEPÄCK … Ein gutes Buch

WENN ICH MORGENS AUFSTEHEN, MACHE ICH DAS IMMER ZUERST … Kippocino

SO KRIEGT MAN MICH RUM … Mit Humor und Geilheit

WENN ICH DIE FREIE WAHL HÄTTE, WÜRDE ICH HEUTE ABENDESSEN MIT … Botho Strauß

UND ZWAR WO? … In der alten Wache, Calamaris essen

STUTTGART, ICH WOLLTE DIR SCHON IMMER EINMAL SAGEN … Du bisch geil!

 

Valentina Kress
Author

Fast-Französin und Vollblut-Stuttgarterin, will Journalistin werden, wenn sie groß ist. Weil das so schön abenteuerlich klingt.

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