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In der Serie „0711er der Woche“ stellen wir euch jeden Montag einen Stuttgarter vor, den man unter Umständen kennt – und doch nicht so recht kennt. Leute, die unsere Stadt durch ihr Schaffen auf verschiedenste Art bereichern, aber oftmals doch im Hintergrund bleiben. Menschen wie du und ich, die ihren Teil dazu beitragen, dass Stuttgart das ist, was es ist: unsere Stadt, die Mutterstadt. Nachdem wir mit dem jeweiligen 0711er etwas Zeit verbringen, verewigen sie sich in unserem 0711er Buch.


Fotografen gibt es heutzutage zur Genüge. Aber jetzt mal Hand aufs Herz: Wie viele davon schaffen es, wirklich gute Bilder zu machen? Bilder, die sich von anderen abheben. Einer, der die Kunst des „Lichtschreibens“ beherrscht und nicht nur ein Händchen, sondern vor allem ein Auge für das Einfangen besonderer Momente hat, ist Fotograf Joris Haas. Im Cape Collins nahm uns der 35-Jährige mit auf einen Streifzug durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

 Ein Text von Alessandra mit Fotos von Saeed

Dass dieser Mann weiß, was er tut, wird einem beim Betrachten seiner Werke schnell bewusst. Neben Fotos für Kunden wie Breuninger und HUGO BOSS, dürfte die Arbeit unseres „0711er der Woche“ dem ein oder anderen beim Blick auf das Cover des Stuttgarter re.flect Magazins begegnet sein. Dabei führte ihn sein beruflicher Weg zunächst in eine, oder besser gesagt mehrere ganz andere Richtungen. „Bevor ich Fotograf wurde war ich Türsteher, Manöverstatist bei der Armee (ja, sowas gibt’s), hab‘ in einem Callcenter Nachtschichten geschoben, auf dem Bau gearbeitet, Kinderbetreuung gemacht und und und“, erzählt der gebürtige Leonberger.

Ich hab‘ 15 Jahre lang jeden Job gemacht, den man sich nur vorstellen kann.

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Bis er sich dann – vor ziemlich genau acht Jahren – eine Kamera kaufte. Einfach so. Ohne Hintergedanken und ohne auch nur den Hauch einer Ahnung zu haben, wo ihn dieser Kauf einmal hinführen würde. „Irgendwie hat das damals einen Schalter bei mir umgelegt – ich konnte einfach nicht mehr aufhören zu fotografieren. Mich hat das total fasziniert“, erinnert sich Joris zurück. Fortan verbrachte er jede freie Minute mit der Fotografie. Kurze Zeit später lernte er einen Kommunikationsdesigner auf einer Hochzeit kennen, mit dem er den lieben langen Abend über Fotografie philosophierte. Und dann führte eins zum anderen: „Er hat mir dann testweise ein paar Bilder zum Nachbearbeiten zugeschickt und war so begeistert von meiner Arbeit, dass er mir immer mehr Jobs vermittelte“, erzählt der 35-Jährige.

Und dann dachte ich: ‚Okay, damit kann man Geld verdienen.‘ Also hab‘ ich irgendwann beschlossen, ins kalte Wasser zu springen, hab‘ meinen Job gekündigt und bin Fotograf geworden.

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Eine Entscheidung, die er bis heute nie bereut habe. „Klar gibt’s als Selbständiger immer mal Wochen und Monate, in denen man hart ranklotzen muss, auch ohne dass was dabei rauskommt, aber das gehört einfach dazu“, erklärt Joris. Mit dem Schritt in die Selbständigkeit kamen nach und nach auch größere Jobs. „Meine erste Strecke habe ich für einen Interessensverband für Biolebensmittel geschossen. Da sind wir durchs Allgäu gefahren und haben Bauern bei der Arbeit fotografiert“, erzählt Joris und kommt bei dem Gedanken an damals ins Schwärmen. „Das war ziemlich cool, weil wir viel kreative Freiheit hatten und die Leute einfach super waren. Diese Klischee von Bio-Landwirten, sehr ,laid-back‘ und cool.“ Neben der Arbeit habe er außerdem spannende Einblicke in den Alltag der Bauernhöfe gewinnen können. „Du hast einfach mal gesehen, wie das abläuft auf so einem Generationenhof im Allgäu, wo von den Kids bis zur Großmama noch alle auf einem Hof leben und zusammen Käse machen. Das fand‘ ich schon ziemlich klasse, vor allem damals, weil das mein erster größerer Job war, war das natürlich der Knaller“, so der 35-Jährige.

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Neben gestandenen Landwirten stehen heute vor allem auch viele weibliche Models vor seiner Linse, die im Gegensatz zu den Herren bei seinem ersten Job nicht nur deutlich jünger sind, sondern auch deutlich weniger am Leib tragen. Und mit deutlich weniger, meinen wir an dieser Stelle nichts. Wie er das schafft? „ Ich hab‘ nie angefangen zu fotografieren, um Mädels nackt zu kriegen und bin auch nicht Fotograf geworden, um Frauen kennenzulernen oder abzuschleppen. Ich glaub‘, die Mädels merken das und haben das Gefühl, dass ich einfach schöne Bilder machen will und es mir wirklich nur darum geht“, so Joris.

Ich fotografiere am liebsten Menschen. Und zwar nicht nur irgendwelche Mädels, die halb nackt sind, sondern einfach Menschen.

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Und das sieht man. Keine Frage. Seine Bilder sprechen für sich. Auch wenn er selbst das sehr kritisch sieht. „Ich mag meine eigenen Fotos eigentlich gar nicht. Klar gibt es immer wieder Bilder, die mir richtig gut gefallen und mir auch sehr wichtig sind, aber das kommt sehr selten vor“, verrät Joris und fährt fort: „Ich glaube das liegt daran, dass du irgendwann einfach betriebsblind wirst. Du weißt nicht mehr, ob deine Arbeit nun gut ist oder nicht. Dann stellst du alles in Frage, obwohl das ja eigentlich Quatsch ist. Die Reaktionen der Kunden und Models bestätigen ja, dass die Bilder gut ankommen.“ Das müsse er sich hin und wieder dann doch einfach eingestehen, fügt er lachend hinzu.

Ich hab‘ so ein paar Bilder, die meine absoluten Favoriten sind. Bei denen ich schon beim Shooting vor meinem inneren Auge gesehen hab‘: Das wird’s. Das ist das Bild.

Einige dieser seltenen Exemplare wollen wir euch an dieser Stelle natürlich nicht vorenthalten. Aus diesem Grund hat Joris uns eine kleine Auswahl seiner Lieblingsbilder zukommen lassen:

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Aber nicht nur bei sich selbst, sondern auch bei Kollegen schaut der Wahlstuttgarter genau hin. Diese Tatsache bedeute jedoch keinesfalls, dass er nicht offen für unterschiedliche Ansätze sei, betont Joris. „Ich find‘s total cool, wenn jemand was ganz anderes macht als ich und das einfach auf eine Art macht, die ihm entspricht. Aber manchmal find‘ ich zum Beispiel eine Inszenierung total albern – gerade bei Modeproduktionen – da bin ich dann schon sehr kritisch und denk mir: ‚Hä warum die Pose, das sieht ja aus, als hätte sie sich gerade in die Hose gemacht“, scherzt er und fügt hinzu, dass das jedoch immer eine subjektive Meinung sei. „Vielleicht hat sich derjenige etwas dabei gedacht, das ich in dem Moment einfach nicht sehe, aber da ist man dann schon sehr kritisch und zieht an jeder Ecke und zupft alles so ein bisschen auseinander“, gesteht er und unser Saeed muss spätestens jetzt gewaltig schlucken.

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Bei all der Fotografie für die Arbeit, bleibt die Frage, ob er auch in seiner Freizeit gerne mal den Apparat zückt. „Jap, brutal gerne“, sagt Joris und muss lachen. „Meine Freunde ziehen mich sogar immer damit auf, dass ich die ganze Zeit Bilder mache. Es ist nicht mehr ganz so schlimm wie früher, aber ich pack‘ schon noch gerne die Kamera aus – auch für das ein oder andere Klischee-Essensfoto“, verrät er. Neben der Fotografie hat der 35-Jährige außerdem eine Schwäche für Sport, gutes Essen (wer kann’s ihm verübeln) und für Musik. „Das ist alles ein bisschen in den Hintergrund getreten, weil die Arbeit – wie das so ist, wenn man selbständig ist – einfach wahnsinnig viel Zeit in Anspruch nimmt.“ Trotz allem hat ihn die viele Arbeit bisher nicht davon abgehalten, ab und zu im Universum, im Milliways oder im Kottan aufzulegen.

Den Namen „Joris“ hat der 35-Jährige übrigens seinen „Hippie-Eltern“ zu verdanken, die ihm einen ungewöhnlichen Namen geben wollten. „Mein Vater wollte mich sogar Leandrin nennen, aber dann haben sie sich doch auf Joris geeinigt“, lacht er. „In Süddeutschland heiß‘ ich auch oft Boris oder Jochen.“ Ein Glück, dass er berufsbedingt auch mal in Holland oder Norddeutschland unterwegs sei, da kenne man seinen ungewöhnlichen Namen schon eher.

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Für die Zukunft hat der Künstler eigentlich nur einen Wunsch: „Ich möchte mich als Fotograf weiterentwickeln und einfach Dinge schaffen, die anderen Menschen gefallen.“ Und wenn er irgendwann mal die Möglichkeit hätte, mit Kate Moss zusammenzuarbeiten, wäre er sicher auch nicht abgeneigt, verrät er. „Und dann würde ich unglaublich gerne mal eine Strecke in der Atacama Wüste shooten. Einfach, weil ich finde, dass das eine unglaublich schöne, fast unwirkliche und atemberaubende Landschaft ist“, schwärmt Joris. Ansonsten reise er immer gerne nach Kapstadt. Aus einem ganz einfachen Grund:

Wenn man da unten fotografiert, dann ist das wie schummeln. Du hast einfach ein Licht da unten, das findest du in ganz Deutschland vielleicht ein, zwei Mal im Jahr.

Na dann können wir doch umso erleichterter sein, dass Joris trotz schlechterer Lichtverhältnisse, Namensverwechslungen und Co. noch immer im Kessel wohnt und seine Fotos auch ohne Schummel-Licht ganz schön was hermachen!

 

Joris Haas @ HOME

Joris Haas @ FACEBOOK

Joris Haas @ Behance

NAME … Joris Haas – ALTER … 35

HERKUNFT … Stuttgart – STADTTEIL … West

WAS ICH SO MACH’ … So Fotos

MEIN LIEBLINGSORT IN STUTTGART IST … Das Mókuska in West

GLÜCKLICH MACHEN KANN MAN MICH MIT … Essen und zu viel Alkohol

MEIN PERFEKTES WOCHENENDE VERBRINGE ICH MIT … Meiner Freundin Feli und gutem Essen

ICH KANN NICHT OHNE … Kaffee, Muskelkater

DAS SOLLTE MAN GESEHEN HABEN … Jürgen Tellers „Go Sees“

DAS MACHE ICH, WENN KEINER ZUSCHAUT … Hose aus

ICH WÜRDE NIEMALS … Ich lege mich ungerne fest

ICH LIEBE AN STUTTGART … Die Aussicht von den Hängen

ICH HASSE AN STUTTGART … Die städtebauliche Entwicklung in der Innenstadt  

WENN NICHT STUTTGART, DANN … Kapstadt oder Mailand

DAS HABE ICH IMMER IM GEPÄCK … Kopfhörer, Musik und Hörbücher

WENN ICH MORGENS AUFSTEHE, MACH ICH DAS IMMER ZUERST … Kaffee und Zeitung

SO KRIEGT MAN MICH RUM … Rum 

WENN ICH DIE FREIE WAHL HÄTTE, WÜRDE ICH HEUTE ABENDESSEN MIT … Lebend: Jürgen Teller. Tot: Francisco De Miranda

UND ZWAR WO? … Im Kloof Street House in Kapstadt

STUTTGART, ICH WOLLTE DIR SCHON IMMER EINMAL SAGEN … Komm mal klar mit deinen Mieten

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