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In der Serie „0711er der Woche“ stellen wir euch jeden Montag einen Stuttgarter vor, den man unter Umständen kennt – und doch nicht so recht kennt. Leute, die unsere Stadt durch ihr Schaffen auf verschiedenste Art bereichern, aber oftmals doch im Hintergrund bleiben. Menschen wie du und ich, die ihren Teil dazu beitragen, dass Stuttgart das ist, was es ist: unsere Stadt, die Mutterstadt. Nachdem wir mit dem jeweiligen 0711er etwas Zeit verbringen, verewigen sie sich in unserem 0711er Buch.


Mit Konstantin Sibold hat es uns ganz unbewusst erneut hoch hinaus getrieben (ihr erinnert euch an das 0711tape auf dem Fernsehturm!?). Ob das mit seiner steilen Karriere zu tun hat? Möglich. An einem etwaigen Höhenflug kann es allerdings nicht liegen, denn der Stuttgarter DJ, Produzent und Mitbegründer der legendären Common-Sense-People-Partys ist sowas von auf dem Boden geblieben. Über den Dächern der Stadt hat er uns mitgenommen auf eine musikalische Zeitreise durch sein Leben.

Ein Text von Maren mit Fotos von Saeed

Was war das wieder für ein Fest der elektronischen Tanzmusik am vergangen Samstag! Mit Acts wie Soundstream, Move D und Redshape starteten Konstantin Sibold und Leif Müller ihre Veranstaltungs-Reihe „Common Sense People“ einst im Rocker33. Im White Noise feierten sie mit Panorama-Bar-Resident „nd_baumecker“ am Wochenende ihr Fünfjähriges. „Wir versuchen avantgardistische Musik zu spielen, aber trotzdem auf eine Weise, dass es jeder verstehen kann. Denn wir wollen niemanden ausschließen“, erklärt Konstantin zum Konzept, das die beiden Kumpels seit Anbeginn verfolgen.

Seine musikalische Ader entdeckte „Konsti“ schon als kleiner Bub. So fing er im zarten Alter von sechs Jahren an mit Schlagzeug spielen und war Mitglied im Blasorchester. Als er in der fünften Klasse auf Leif Müller traf, war das nicht nur der Beginn einer unzertrennlichen Freundschaft, auch der Grundstein ihrer musikalischen Laufbahn sollte damit gelegt werden. „Wir haben auf Klassenfesten Breakdance-Aufführungen gemacht, haben gerappt oder sind in der Pause mit Leifs Diskman verschwunden“, erinnert er sich. Mit einem alten DJ-CD-Player von Leifs Vater (der frühere Fußball-Nationalspieler Hansi Müller) begannen sie schließlich – erst mal nur im heimischen Kämmerlein – aufzulegen. Zusammen mit Leifs Lichtanlage muss das ganz großes Kino gewesen sein. Mit elf Jahren habe Konstantin parallel dazu schon angefangen, mit Musiksoftware Beats zu machen. „Ich hatte damals noch keinen CD-Brenner, deshalb musste ich das auf Kassette überspielen.“

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Irgendwann habe die Abiturklasse von ihrem Gymnasium die beiden gefragt, ob sie bei ihrer Abiparty auflegen wollen. „Und dann kamen wir da an mit einem Wäschekorb voller Schallplatten, einem Plattenspieler von meiner Oma, mit dem man auch ein bisschen auflegen konnte und mit Leifs altem CD-Player“, erzählt Konstantin Sibold. Die Party kam gut an und so wurden sie erneut „gebucht“. Das sprach sich schnell ‘rum in Waiblingen, sodass auch andere Klassen und Schulen auf sie zukamen. Im Nachhinein sei das die beste Schule gewesen, um das Auflegen zu lernen. „Man muss sich vorstellen, du hast du eine Party, bei der das Publikum total durchmischt ist. Und dieses Schiff musst du sicher in den Hafen manövrieren, mit der Musik, die du da auflegst.“ Die Abipartys und ihr damit einhergehender Ruf bescherten den besten Freunden schließlich regelmäßige Gigs in einer Waiblinger Bar. Und so haben sie bereits mit 16 Jahren angefangen, ihre ersten Partys zu schmeißen – schon damals mit elektronischer Musik.

Irgendwann hatten wir ein Monopol auf die ganzen Abipartys. Das ging so weit, dass auf jedem Flyer unser Logo drauf war. Und das war damals noch nicht ,Common Sense People’, sondern ,SM DJs’. Also wie Sadomaso, nur haben wir das damals noch nicht geblickt. Das sollte für Sibold und Müller stehen – eigentlich total bescheuert.

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Der Plattenladen ihres Vertrauens, das „Humpty“ in der Paulinenstraße, diente nicht nur dazu, ihre Vinyl-Wünsche zu erfüllen, sondern war auch bei ihrer musikalischen Entwicklung von elementarer Bedeutung. „Ich bin da mit 15 das erste Mal reingelaufen und die haben sofort gemerkt, dass ich total der ,Grünschnabel‘ bin.“ Doch er habe nach „‘was ganz Gutem gefragt“, und zwar einer alten Detroit-Techno-Platte. Die Verkäufer, Daniel Benavente und Oliver Hauff, schienen schnell das Potenzial zu entdecken, dass da vor sich hinschlummerte und dienten den Jungs fortan als eine Art „Ziehväter“, wenn es um elektronische Musik ging. „Das halbe Stuttgarter Nachtleben ist in diesem Plattenladen abgehangen. Also hast du auch viele andere DJs und Promoter kennen gelernt. Die konnten dann einordnen, wer du bist und welche Musik du kaufst.“

Nach dem Abi ging Leif ein Jahr auf Weltreise und Konstantin begann sein Studium der Luft- und Raumfahrttechnik an der Uni Stuttgart. Wie in vielen Geschichten, bei denen es um das Stuttgarter Nachtleben geht, kommt auch an dieser Stelle das Rocker33 ins Spiel: Die Jungs vom Plattenladen haben ihn eines Tages gefragt, ob er für sie dort auflegen wolle.

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Das war für mich total die Ehre. Als kleiner Bengel hast du immer gehofft, dass du ins Rocker reinkommst und dann darfst du da plötzlich auflegen.

An besagtem Abend sollte er zusammen mit zwei Resident DJs auflegen. Soweit, so gut. Bis sich die beiden in die Haare bekamen und auf einmal anfingen sich zu prügeln, während sie da zu dritt aufgelegt haben, erinnert sich Konstantin zurück. „Ich war total aufgeregt – mein erster Gig im Rocker – dann schlagen die sich, der Türsteher kommt, schmeißt sie raus und ich stehe plötzlich alleine da“, erzählt er lachend. „The show must go on“, entschloss Konstantin kurzerhand und legte „ultra konzentriert“ bis in die frühen Morgenstunden hinein auf.

Damit spielte er sich nicht nur in die Herzen des Partypublikums, sondern auch in das vom damaligen Rocker-Chef Kai Beykirch. So wurde er schließlich als Resident angeheuert. Dann habe er angefangen das Warm-Up für alle großen Leute zu spielen und habe dadurch verstärkt das Auflegen von elektronischer Musik gelernt. „Als Leif von seiner Weltreise zurück kam, habe ich ihn sozusagen mit ins Boot geholt und dann haben wir das immer zu zweit gemacht.“

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Aus der Zeit der Abipartys seien sie irgendwann buchstäblich rausgewachsen: „Erstens wurden wir zu alt für Schulpartys und wir hatten auch keine Lust mehr auf dieses Mixed-Music-Ding.“ Auch die Partys in Waiblingen mussten dran glauben. Das Rocker wollte das eingespielte Team unbedingt für einen Donnerstag gewinnen, was eigentlich ein Herabstufen war, wenn man zuvor schon am Wochenende aufgelegt habe. „Leif und ich haben irgendwann gesagt: ,Ok, wir spielen einmal an einem Donnerstag unter dem Namen Common Sense People.‘ Und dann haben wir – das werde ich nie vergessen – an diesem Donnerstag gespielt und das war absoluter Besucher-Rekord. Ich glaube, wir hatten 500 Leute dort und die Party ist völlig eskaliert.“ Das Event schrie also förmlich nach einer Wiederholung. Und so bekamen sie das „Go“ für ihre eigene Partyreihe und fingen an monatlich Acts zu buchen. An dem Grundprinzip und der musikalischen Ausrichtung wurde bis heute nichts geändert. „Wir wollten, dass es nie zu speziell Techno wird, aber auch nie zu ,housy’, sondern immer zwischen den Stühlen bleibt“, so der Stuttgarter DJ und Produzent. Nach dem Motto „educate and entertain“ wollen sie die Leute unterhalten und dabei ganz nebenbei musikalisch weiterbilden.

Wir haben von Anfang an gesagt: ,Wir wollen elektronische Musik so präsentieren, dass auch Leute, die nichts damit am Hut haben, zu unseren Partys kommen, eine gute Zeit haben und vielleicht auch dadurch an die Musik herangeführt werden.‘

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Neben dem Auflegen habe er all die Jahre fleißig weiter produziert, erzählt Konsti. Weil in seinen Augen bis dato noch nichts gut genug war, habe er nie etwas released. Das sollte sich aber bald ändern. „Ich habe damals regelmäßig CDs gebrannt und sie denen im Plattenladen gegeben, damit sie mir Feedback geben. Dann haben die das im Laden laufen lassen, wodurch auch die anderen DJs meine Musik gehört haben.“ Einmal habe er eine CD mit einem noch nicht fertig produzierten Lied abgegeben und haute damit alle von den Socken. „Was ist denn das für ‘ne Granate!? Du musst das Ding unbedingt fertig machen“, hieß es. Grund genug, ein eigenes Label zu gründen, fanden Daniel und Oliver vom Humpty. Das ließ sich Konsti nicht zweimal sagen, denn wenn man Musik mache, sei es der Traum eines jeden, sich mit seinem Release eines Tages selber auf Schallplatte zu verewigen. Und so kam 2010 Konstantins erste Platte „Apart“ auf Salon Rosi raus. „Für mich war das das Größte“, erzählt er. „Ein Kumpel ruft dich aus einem Club an und sagt: ,Alter, Radioslave spielt gerade dein Lied.‘“ Der Schallplatten-Laden musste irgendwann schließen, aber Konsti hatte bereits neue Lieder im Gepäck, die er auf anderen Labels veröffentlichte. „Das hat dann so seinen Lauf genommen, dass Leute auf dich aufmerksam werden – ein bisschen wie eine Leiter, auf der man aufsteigt. Die erste Release, die du machst, kann die zweite bezwecken usw.“

Ich habe eigentlich mein ganzes Leben lang jeden tag Beats gemacht. Irgendwie hatte ich so eine ungestillte Energie in mir, die mir sagte: ,Du musst immer weiter gehen’, aber die mir nicht sagen konnte wieso, sondern nur ,mach‘s einfach’.

Doch das Jahr 2013 sollte dann alle bisherigen Erfolge in den Schatten stellen. Vorab müssen wir aber ein bisschen weiter ausholen: Zu dieser Zeit wurde der Deep House neu definiert und Dixon und Âme vom Label „Innervisions“ waren gerade im Begriff, die Superstars dieses neuen Sounds zu werden, so Konstantin. Er kam mit ihnen in Kontakt und sie meinten „Wir mögen deine Musik, schick uns mal Lieder!“ Schließlich spielten sie seinen Track „Madeleine“ bei DEM legendären Boiler Room auf dem ADE, „der medial voll durch die Decke ging“.

„Madeleine kam genau zum richtigen Zeitpunkt auf Innervisions raus“, erzählt der 28-Jährige. Mit dem Remix von „No one gets left behind“ lieferte Konsti direkt einen zweiten Hit hinterher. „Und dann hatte ich auf einmal zwei Releases, die überall gespielt wurden.“ Im gleichen Jahr wurde er vom Groove Magazin zum Newcomer des Jahres gewählt und ab Ende 2013 „ging’s gut ab“, da habe er fast jedes Wochenende irgendwo aufgelegt.

Es folgten Gigs im Berliner Berghain und im Space auf Ibiza. Doch an den Erfolg anzuknüpfen, sei schwierig gewesen, erläutert Konstantin. „Es gibt einfach unkreative Phasen, da passiert nichts und du kannst es auch nicht erzwingen. Aber trotzdem musst, bzw. willst du am Ball bleiben und dich ständig mit dem Produzieren auseinandersetzen.“ Über die Jahre habe er sich so eine riesige Sound-Bibliothek aufgebaut, auf die er zurückgreifen könne, wenn er eine bestimmte Idee habe.

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Ende 2014 bahnte sich wieder etwas an. „Ich hatte einen neuen Track fertig und habe den dann Leuten geschickt, die es zum Teil geliebt und zum Teil gehasst haben. Aber es hat sofort polarisiert“, berichtet Konstantin. „Und dann hab‘ ich das Lied liegen lassen, wie ich‘s mit all meiner Musik immer gemacht habe“, fährt er fort. Denn dieser Track hatte womöglich das Potenzial, mehrere Jahre überdauern zu können, hatte er im Gefühl. „In meinem Bereich ist es leider nicht unwichtig, welches Lied du auf welchem Label released, welche Leute dieses Label machen und für welchen Sound sie stehen.“ Seine Vorahnung bestätigte sich, als er „Mutter“ das erste Mal spielte – in der Panorama-Bar im Berghain.

Auf einmal war der ganze Floor voll mit halbnackten Schwulen, die sich gegenseitig aufaßen. Da war so eine extrem sexuelle Energie im Raum, dass man förmlich durch die Luft schneiden konnte. Das Lied hatte alle total angeturnt und aufgewühlt, wie ein Katalysator, der irgendwas ins Schwingen bringt.

Anschließend habe er das Lied in einen Mix für XLR8R gepackt und die Aufmerksamkeit für den Track stieg blitzartig in die Höhe. Nacheinander schrieben ihm alle großen Namen der Szene und wollten den Track haben.

Aber jetzt mal Hand aufs Herz, was hat man da noch für Ziele? Ein konzeptionelles Album wäre ein Herzenswunsch, verrät uns Konstantin. „Nur das Problem bei der Musik, die ich in den letzten Jahren rausgebracht habe ist, dass mein roter Faden so ein bisschen ist, dass ich keinen roten Faden hab‘. Erst bei meinen letzten zwei Veröffentlichungen hat sich herauskristallisiert, wohin die Reise gehen kann.“ Die musikalische Findungsphase sei für ihn womöglich ein ewig andauernder Prozess der Weiterentwicklung und des sich neu Erfindens. Und vielleicht komme dann irgendwann der Punkt, wo ein Album absehbar wird. Eines ist ihm bei seiner Musik ganz wichtig: „Meine Musik soll viele Menschen erreichen können. Das heißt, sie soll unmittelbar funktionieren – so ein bisschen wie Popmusik, nur ohne die Zutaten und Konventionen der Popmusik.“

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Wenn ich Musik produziere, ist das wie Meditieren – ich denke da an nichts. Das ist für mich der perfekte Zustand.

Trotz oder vermutlich gerade aufgrund seiner internationalen Bookings und dem vielen Reisen hat es den gebürtigen Stuttgarter nie weggezogen aus der Mutterstadt. Ganz im Gegenteil, er wohnt nämlich noch bei seinen Eltern. Da er mehr unterwegs, als zu Hause sei, hatte er bis jetzt noch nicht die Ruhe und Kraft, um sich nach etwas Eigenem umzuschauen. Das Landleben und die damit einhergehende Stille seien genau das Richtige, wenn er sich zwischen seinen Gigs regenerieren müsse. „Das viele Auflegen und Rumreisen und der damit einhergehende Schlafmangel können schon kräftezehrend sein und deine Ohren sind gestresst von dem ganzen Lärm.“ Nicht verwunderlich, dass Konstantin schon einen Gehörsturz hinter sich hat. Seitdem achte er extrem auf seine Gesundheit. So hat er seine Ernährung komplett umgestellt, macht viel Sport und trägt beim Auflegen einen Gehörschutz. „Ich bin in der Hinsicht total extrem geworden, aber wahrscheinlich muss ich das auch sein.“

Danke für das Gespräch, lieber Konsti! Wir warten jetzt schon gespannt, wie die Flitzebögen auf ein Album von dir und hoffen, dass du der Mutterstadt ewig treu bleibst.  

KONSTANTIN SIBOLD @ FACEBOOK

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KONSTANTIN SIBOLD @ SOUNDCLOUD

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NAME … Konstantin Sibold – ALTER … 28

HERKUNFT … Stuttgart – STADTTEIL … Hohenacker 

WAS ICH SO MACH’ … Musik

MEIN LIEBLINGSORT IN STUTTGART IST … Leif Müllers Dachterasse

GLÜCKLICH MACHEN KANN MAN MICH MIT … Witzen, gutem Essen, Natur, Sonne, Stille und Tieren

MEIN PERFEKTES WOCHENENDE VERBRINGE ICH MIT … meinen Freunden am Strand

ICH KANN NICHT OHNE … Saubere Hände

DAS SOLLTE MAN GESEHEN HABEN … Tel Aviv, Tokyo, das Berghain und Uhrwerk Orange

DAS MACHE ICH, WENN KEINER ZUSCHAUT … Musik produzieren und Krafttraining

ICH WÜRDE NIEMALS … AfD wählen

ICH LIEBE AN STUTTGART … Die Ehrlichkeit/Einfachheit

ICH HASSE AN STUTTGART … Das Opportunistentum  

WENN NICHT STUTTGART, DANN … Berlin, Ibiza, Barcelona und Mittelamerika

DAS HABE ICH IMMER IM GEPÄCK … Schlafanzug

WENN ICH MORGENS AUFSTEHE, MACH ICH DAS IMMER ZUERST … Zeit nehmen fürs Nichtstun

SO KRIEGT MAN MICH RUM … Humor und Intelligenz 

WENN ICH DIE FREIE WAHL HÄTTE, WÜRDE ICH HEUTE ABENDESSEN MIT … Putin, Merkel, Obama, Harald Schmidt, Volker Pispers, Mathias Richling, Gerhard Richter, Jesus und meinem verstorbenen Hund Strolchi

UND ZWAR WO? … Daheim, Mutter macht vegetarische Moussaka für alle

STUTTGART, ICH WOLLTE DIR SCHON IMMER EINMAL SAGEN … Konsum ist nicht alles

 

Maren Wiesner
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