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In der Serie „0711er der Woche“ stellen wir euch jeden Montag einen Stuttgarter vor, den man unter Umständen kennt – und doch nicht so recht kennt. Leute, die unsere Stadt durch ihr Schaffen auf verschiedenste Art bereichern, aber oftmals doch im Hintergrund bleiben. Menschen wie du und ich, die ihren Teil dazu beitragen, dass Stuttgart das ist, was es ist: unsere Stadt, die Mutterstadt. Nachdem wir mit dem jeweiligen 0711er etwas Zeit verbringen, verewigen sie sich in unserem 0711er Buch.


Eine große Prise Nächstenliebe, gepaart mit einer großzügigen Portion Gerechtigkeitssinn – das ist Louisa Sánchez. Die 24-Jährige war an der griechisch-mazedonischen Grenze, um dort Flüchtlingen zu helfen. Im Lager in Idomeni erlebte sie das Leid der Geflohenen, die dort unter menschenunwürdigen Bedingungen leben. Bilder, die unsereiner nur aus den Nachrichten kennt. Wir sprachen mit der Wahl-Stuttgarterin über ihre sprichwörtliche Grenzerfahrung.

Ein Text von Alessandra mit Fotos von Saeed


Mit ihren erst 24 Jahren hat Louisa Sánchez schon so einiges von der Welt gesehen. Geboren und aufgewachsen im schönen Hamburg, nannte sie später zunächst Konstanz ihr Zuhause. Vor gut fünf Jahren zog es die junge Frau mit den wohl längsten Wimpern des Kessels, nach einem längeren Aufenthalt in Santiago de Chile, schließlich nach Stuttgart. Nach einer Ausbildung zur Foto-Medienfachfrau rutschte sie mehr oder weniger durch einen Zufall ins Marketing. Seit einem halben Jahr arbeitet sie nun für das Organic-Clothing-Label „Lovjoi“. Beruflich gesehen sei sie da angekommen, wo sie immer hin wollte, schwärmt Louisa. Sie dürfe einen Job machen, der sowohl ihre Liebe zur Mode als auch ihren Wunsch nach mehr Tiefsinn im täglichen Miteinander repräsentiere.

 


Für mich ist das einfach die ehrlichste Arbeit, die ich machen kann.

 

Und genau hier fing alles an: Als Fraktionssprecherin bei den Grünen in Riedlingen setzte sich Lovjoi-Chefin Verena Paul dafür ein, Flüchtlinge in ihrem Unternehmen zu beschäftigen. „Einfach, um ihnen zu helfen, sich bei uns zu integrieren, da es viele sehr talentierte Schneider gibt, die nach Deutschland kommen, die nichts lieber möchten, als wieder in ihrem Beruf zu arbeiten“, erzählt Louisa. „Und so kamen eben nach und nach Flüchtlinge zu uns.“

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Unter anderem auch Khaled Barkel, der seit mittlerweile zwei Jahren in Deutschland lebt. Zwei Jahre, in denen Khaled weder seine Frau, noch seine nun dreijährigen Zwillinge gesehen hat. Eine Trennung, bei der – trotz der Bemühungen zweier Anwälte – kein Ende in Sicht schien. Also beschlossen Louisa und Verena gemeinsam mit Khaled ins 1739 Kilometer entfernte Idomeni zu fahren, um seine Familie vor Ort zu unterstützen und die Sache selbst in die Hand zu nehmen.

 

Als Khaled uns erzählte, dass er gerne nach Griechenland fahren würde, war für uns klar: Wir fahren mit ihm. Wir unterstützen ihn. Wir helfen ihm.

 

Nachdem sie vorab bereits haufenweise Spenden gesammelt hatten, ging es dann endlich los. „Natürlich mit gemischten Gefühlen. Man wusste ja nicht, auf was man sich da wirklich einlässt“, gesteht Louisa. Nach einer 36-stündigen Fahrt über die Schweiz, Italien und das Mittelmeer, kamen die drei in der Nacht von Donnerstag auf Freitag völlig entkräftet in Idomeni an. „Wir hatten den Motor noch nicht einmal abgestellt, da klopfte es schon an unseren Fenstern – klar: deutsches Kennzeichen, großes Auto, viele Kisten – das bedeutet natürlich Hoffnung“, sagt Louisa. Kaum angekommen seien sie auch schon mit Fragen überhäuft worden: „Habt ihr Cappies für die Sonne am Tag? Habt ihr Mützen für die Nacht? Habt ihr Windeln für die Kinder? – Da haben Verena und ich uns angeschaut und ich glaube, dass wir in diesem Moment erst realisiert haben, was da eigentlich auf uns zukommt”, erinnert sich die 24-Jährige. „Wir haben dann erst mal den Motor abgestellt und wurden unter Tränen von Khaleds Familie empfangen.“

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Nach einem herzzerreißenden Wiedersehen und der ersten Euphorie über den Besuch aus Deutschland, ging es in die Stadt, um Passbilder machen zu lassen und Lebensmittel einzukaufen. Denn die Zustände vor Ort seien unvorstellbar, so Louisa. Kaum fließendes, dafür meist verschmutzes Wasser, nicht genügend Essen und eine katastrophale medizinische Versorgung – das sei Tagesordnung. Dazu Zelte, die seit mehr als zwei Monaten jeglichen Launen der Natur ausgesetzt seien und so dem kräftezehrenden Wechsel aus drückender Hitze am Tag und unerbittlicher Kälte in der Nacht kaum standhalten.

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Zurück im Lager hatten die Familien bereits das Zelt der beiden aufgebaut und hergerichtet. Nach einem gemeinsamen Abend am Feuer, bei dem man versuchte, sich näher kennen zu lernen, seien sie dann todmüde ins Bett gefallen. „In der Nacht bin ich mindestens zehn Mal aufgewacht. Es war wirklich bitter, bitter kalt“, erzählt Louisa. Alles in allem sei die Lage nach Monaten der Ungewissheit und des Hoffens auf ein Weiterkommen natürlich angespannt. Keiner wisse, wie es weitergehe. Außerdem gebe es einfach nicht ausreichend Hilfe für die Flüchtlinge vor Ort – vor allem mangele es an Übersetzern, die den Familien mit dem Papierkram helfen können. „Vieles, was ich den Menschen dort gesagt habe, von dem ich ausgegangen bin, dass sie das schon seit Monaten wissen, wussten sie gar nicht.“

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Nach einem verregneten Samstag, den sie hauptsächlich mit der Übersetzung arabischer Dokumente verbrachten, begann der Sonntag mit einer friedlichen Sitz-Demo am Zaun der mazedonischen Grenze. „Nach ungefähr zwei Stunden liefen dann ein paar Menschen mit gepackten Sachen vor an den Grenzzaun.“ Dann sei alles ganz schnell gegangen: „Auf einmal flogen Tränengas-Bomben zu uns herüber. Das Gas verteilte sich wahnsinnig schnell. Die Augen fühlten sich an, als würden sie gerade verbrennen und wir bekamen keine Luft mehr.“ Vier mazedonische Militärhelikopter tauchten auf und kreisten bedrohlich tief über den Köpfen der Hilfesuchenden. Sie verteilten das Tränengas weiter. „Man war wie gefangen auf diesem Feld – überall waren Menschen.“

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Unter ihnen seien vor allem Frauen und Kinder gewesen. „Sie alle waren mitgegangen, in der Hoffnung, endlich weiter zu kommen“, sagt Louisa. Nach und nach seien dann bewusstlose Körper aus dem Feld getragen worden und mit nichts weiter als aufgeschnittenen Zitronen behandelt worden. Szenen und Bilder, die die Stuttgarterin nie vergessen wird. In ihrer Verzweiflung, so Louisa, griffen einige der Flüchtlinge nach Steinen, die sie dann über die Grenze warfen.

 

Es fühlte sich ein bisschen so an, als würde man gegen Goliath kämpfen.

 

„Das Schlimme war eigentlich zu sehen, wie hilflos die Menschen waren“, meint Louisa. „Die Kinder hatten alle eine Riesenangst. Du hast in deren Augen und an deren Körpersprache gesehen, dass für sie wieder Krieg herrscht.“ Wir sind fassungslos. Können nicht glauben, dass so etwas mitten in Europa geschieht. Dass unschuldige, schutzsuchende Menschen grundlos angegriffen werden. Dabei ist das noch längst nicht alles: „Und ich stehe da, schaue nach rechts und auf einmal fliegt eine der Tränengas-Bomben direkt an den Kopf eines der Kinder. Das Kind ist sofort ohnmächtig geworden. Die Mutter zusammengebrochen. Die Geräuschkulisse war einfach furchtbar und ich höre sie auch jetzt noch. Wenn ich abends einschlafe, höre ich genau diese Geräusche.“

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Das Gefühl zu wissen, dass man nach so einem Tag wieder fahren müsse, sei für die drei Helfer das Schlimmste gewesen. „Wir haben lange hin und her überlegt, ob wir fahren sollen oder nicht und sind dann zu dem Entschluss gekommen, dass wir von Zuhause aus einfach besser helfen können.“ Also seien sie gefahren. Immer das Ziel vor Augen, das Erlebte zu publizieren. In der Hoffnung auf die Zustände in Idomeni aufmerksam zu machen. Den Menschen klarzumachen, „dass es noch schlimmer ist, als man es in den Medien dargestellt bekommt“, betont Louisa.

 

AUF LOUISAS FACEBOOK-PROFIL GIBT ES IHREN BERICHT ZUM NACHLESEN! Hier erfahrt ihr in Form von Bildern, welches Leid Louisa in Idomeni zu sehen bekam:

 

Wieder zurück in Deutschland habe sie erst einmal eine gewisse Zeit gebraucht, um alles zu verarbeiten und zu akzeptieren, „dass wir hier in einer völlig anderen Welt leben“. Immer wieder seien ihr Bilder des Erlebten durch den Kopf geschossen. Gemeinsam mit Khaled habe sie dann den Entschluss gefasst, erneut nach Idomeni zu fahren. Erneut Spenden zu sammeln und den Menschen Hoffnung zu geben.

 

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….

Mein größter Wunsch ist es, sobald wie nur möglich ein Bild zusammen mit Khaled und seiner Familie posten zu können. Hier in Deutschland. Das wär‘ schön.

 

Tief beeindruckt von so viel Nächstenliebe und Engagement, können wir nur eines sagen: Es sollte einfach viel mehr Louisas auf dieser Welt geben! Louisa freut sich über Spenden für die Flüchtlinge. Wer gerne helfen möchte, kann dies über das Future 4 Kids Spendenkonto (siehe unten) tun. Und das passiert mit den Spenden:

In Deutschland: Für Pässe (370 Euro pro Pass), Dokumente, Beglaubigungen, Anwälte usw.
In Griechenland: Über Pfingsten gehen Khaled und Louisa wieder nach Griechenland und nehmen Medikamente, Hygieneartikel, Essen, Wasser, Gebühren für Botschaften usw. mit

 

Spendenkonto: Future 4 Kids
IBAN: DE26 6005 0101 0002 2010 03
BIC: SOLADEST600
BW-Bank Stuttgart

WICHTIG – Verwendungszweck eintragen:
“Idomeni Louisa & Verena”

 

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NAME … Louisa Sanchez – ALTER … 24

HERKUNFT … Hamburg – STADTTEIL … Feuersee (West)

 

WAS ICH SO MACH’ … Marketing + PR für Lovjoi organic clothing GmbH

MEIN LIEBLINGSORT IN STUTTGART IST … Die Karlshöhe

GLÜCKLICH MACHEN KANN MAN MICH MIT … Sonnigem Wetter

MEIN PERFEKTES WOCHENENDE VERBRINGE ICH MIT … Ausschlafen, Frühstück im Freien, nicht zu wissen wo der Tag endet

ICH KANN NICHT OHNE … Musik

DAS SOLLTE MAN GESEHEN HABEN … Santiago de Chile

DAS MACHE ICH, WENN KEINER ZUSCHAUT … Und zuhört: Singen. In allen Sprachen, ohne sie zu können

ICH WÜRDE NIEMALS … Nur zusehen

ICH LIEBE AN STUTTGART … Die kurzen Wege innerhalb der Stadt und den antiken Baustil

ICH HASSE AN STUTTGART … Stau + zu wenig Wasser (Seen)

WENN NICHT STUTTGART, DANN … Hamburg

DAS HABE ICH IMMER IM GEPÄCK … Meine Kamera

WENN ICH MORGENS AUFSTEHE, MACH ICH DAS IMMER ZUERST … Kaffee, Kaffee, Kaffee

SO KRIEGT MAN MICH RUM … Mit guter Laune

WENN ICH DIE FREIE WAHL HÄTTE, WÜRDE ICH HEUTE ABENDESSEN MIT … Khaled + seiner Familie

UND ZWAR WO? … Egal wo, hauptsache in Deutschland

STUTTGART, ICH WOLLTE DIR SCHON IMMER EINMAL SAGEN … Hab ein bisschen mehr Verständnis und Bewusstsein für all das, was wir hier haben

1 Comment

  1. Hey Louisa, lange ist es her… Getroffen haben wir uns das erste mal in Kiel am fotomediumforum . Ich war schon damals beheistert von dir, doch was ich heute über dich gelesen habe, ist der totale Hammer !!!! Ich bin hin und weg…. Das du dich entschlossen hast den Menschen zu helfen , die schutz und Hilfe in der Zeit am meisten brauchen ! Wie im Text schon stand: “wir brauchen noch viel mehr Louisas auf dieser Welt wie dich !!!

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