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In der Serie „0711er der Woche“ stellen wir euch jeden Montag einen Stuttgarter vor, den man unter Umständen kennt – und doch nicht so recht kennt. Leute, die unsere Stadt durch ihr Schaffen auf verschiedenste Art bereichern, aber oftmals doch im Hintergrund bleiben. Menschen wie du und ich, die ihren Teil dazu beitragen, dass Stuttgart das ist, was es ist: unsere Stadt, die Mutterstadt. Nachdem wir mit dem jeweiligen 0711er etwas Zeit verbringen, verewigen sie sich in unserem 0711er Buch.


„Hilfe bei der Lohn- und Gehaltsbuchhaltung gesucht? Ich biete ein umfassendes Leistungsangebot rund um Steuern und Finanzen.“ So oder so ähnlich würde sich Susi Bauers Beruf im nächsten Leben anhören, denn dann wäre sie Steuerberaterin. In diesem Leben jedoch hat sie sich für die schönen Dinge entschieden: Als Stylistin lebt sie nicht nur aus dem Koffer, sondern arbeitet auch daraus. Die Expertin für sämtliche Modefragen hat uns ihre Haustüre geöffnet und mit uns über Kapstadt, die Kunst des guten Stils und ihren Kleiderschrank geplaudert. Der wird übrigens beim nächsten Mal inspiziert, versprochen!

Ein Text von Valentina mit Fotos von Saeed

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Viele Wege führen nach Rom. Tatsächlich. Denn unser 0711er der Woche ist eher durch Zufälle ins Fashion-Business gerutscht. Angefangen hat alles wo ganz anders. Susi trägt nebenbei nämlich auch den Titel des Quotenossi: Geboren wird sie 1983 in der ehemaligen DDR. Ein Jahr vor der Wende beschließen ihre jungen Eltern mit Sack und Pack und zwei kleinen Kindern (Susi war gerade einmal fünf Jahre alt) auszureisen. Endstation: Bietigheim-Bissingen. Hier wächst sie mit ihrem jüngeren Bruder und sehr vielen Freiheiten auf.

Wahnsinn, wie meine Eltern das gemacht haben – ganz alleine, mit zwei kleinen Kindern, ohne irgendetwas, nur mit Koffern, um dann wieder bei null anzufangen.

Respekt, das sei der Schlüssel zum Erfolg oder besser die Grundlage für die sehr enge Beziehung zu ihren Eltern gewesen. Die wollen wir übrigens unbedingt kennenlernen, sollen unheimlich cool sein!

Vom Turnen und dem 20-Stunden-Training in Teenie-Jahren findet Susi zum Tanzen und Touren. Ballett, Modern, Hip-Hop – alles mit dabei. Die Bühne wird ihr zweites Zuhause. So schwoft sie unter anderem für the Dome im Background. Und weil sie noch nicht genug von der körperlichen Ertüchtigung hat,  macht unser 0711er der Woche eine Ausbildung zur Sport- und Gymnastiklehrerin am GluckerKolleg, damals noch eine private Schule am Kräherwald. Durch ihren Nebenjob als Tänzerin und Tanzlehrerin gerät sie an die Showarchitekten – eine Agentur für Fashionshows, wie der Name schon anklingen lässt.

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Sie choreographiert was das Zeug hält und assistiert nebenbei den älteren Stylistinnen und Designern, denn – wer hätte es gedacht – für Mode brennt Susi neben dem Tanzen schon immer. Als 2006 die Stylisten-Stelle frei wird, geht sie eine Festanstellung ein. „Warum nicht?“, erinnert sie sich zurück, „ich war bereit für etwas Neues” (zu dem Zeitpunkt ist das letzten Jahr ihres Studiums angebrochen und sie unterrichtet bereits seit zehn Jahren). “Probier’ ich das doch einfach mal aus.“ Ein Sprung ins kalte Wasser. Ein Glück hat sich Susi über Wasser gehalten.

Entweder man kann kraulen oder geht eben unter.

Hier bei den Showarchitekten lernt sie das Handwerk des Stylings: Sie managt Projekte, bookt Models, arrangiert Kleidung und organisiert Events – darunter namhafte Kunden wie Coca Cola, Mercedes Benz und Max Mara. Eine gute Entscheidung mit ehrlichen Einblicken und echten Erfahrungen, wie sie im Nachhinein gesteht.

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Drei Jahre später, 2009 nämlich, als die Welt “out of money” war, steht Susi vor der Entscheidung: Kurzarbeit oder Kündigung. „Kurzarbeit? Wie lange dauert so etwas? Kam also nicht in Frage, weil keiner es begrenzen konnte. Ich war (right, jung, und brauchte das Geld) 25 und wollte nicht zuhause rumsitzen. Ich bin damals ausgezogen und war auf das Geld angewiesen“, beschreibt sie die Situation. Sie bleibt dem speziellen Mix aus Fashion und Event dennoch treu und aus „was nun?“ wurde die Selbstständigkeit – der nächste Sprung ins kalte Wasser. Eine schwierige Zeit, doch das Umfeld habe sie wachgerüttelt.

Alle haben gesagt: Mein Gott, mach dich doch selbstständig!

Allen voran einer ihrer besten Freunde nimmt sie bei der Hand, gibt ihr Tisch und Stuhl und unterstützt sie maßgeblich. Susi rockt innerhalb einer Woche den Antrag zur Existenzgründerhilfe (ist noch schrecklicher als es ohnehin schon klingt). Die bewilligten 60 Prozent ihres früheren Gehalts seien wahrlich nicht viel gewesen, aber zumindest konnte sie damit die Fixkosten decken. Sie krankenversichert sich selbst und zahlt Steuern. Und dann nehmen die Dinge ihren Lauf, wie man so schön sagt. Den Anfang macht ein großes Kunstprojekt in Heilbronn, bei der sie die Projektleitung übernimmt, gefolgt von Jobs, deren Tagesgagen sie über Wasser halten. Tendenz steigend, denn jedes Jahr kommen neue Arbeiten dazu, vor allem im Bereich Werbung.

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Ich hatte wirklich Glück!

Mittlerweile reist sie einfach mal mit 500.000 Euro – Warenwert, versteht sich – im Gepäck um die ganze Welt (jüngstes Projekt: Eine Strecke für die l’Officiel in Carrara, dem berühmtesten aller Marmorsteinbrüche). Und als sei das nicht genug, sind die Kleidungsstücke auch noch Samples, weltweit einzigartig also. Genau wie Susi selbst. Das Credo ihrer täglichen Arbeit? „Ich kann nichts machen, was hässlich ist“, sagt sie und lacht herzlich. Ihre gute Laune und ihre offene Art stecken uns an. Den Stress während den Produktionen sieht man ihr nicht an. Mit gekonnter Lockerheit erzählt sie, wie knapp Zeit und wie wichtig Flexibilität in ihrem Business ist. Fast schon wieder paradox, wie detailliert sie dennoch planen muss. Beim Styling ist eben nicht nur kreatives Handling gefragt, sondern auch Organisation on point. Zum Beispiel beim Verschiffen von Kleidung. Zehn Paletten seien es für eine Produktion für BMW in Kapstadt gewesen. Dass das soziale Leben dabei auf der Strecke bleibt, sei eben so. Und macht nebenbei eine kleine Liebeserklärung an ihre Freunde, die unheimlich viel Verständnis zeigen würden.

Du kannst dir’s halt nicht aussuchen.

Der springende Punkt beim Styling sei allerdings nicht die eigene Verwirklichung, sondern das Auge für den Auftraggeber und seine Marke. „Styling ist ein ganz heikles Thema, viele Kunden sind einfach schon einmal auf die Nase gefallen und haben Angst. Mein Job ist es, sie zu beruhigen und die Marke zu verstehen. Was sagt sie aus? Wen soll sie ansprechen? Wo will der Kunde mit ihr hin? Und das ist natürlich nicht immer mein Geschmack.“ Der Kunde ist eben der King, wie es so schön heißt. Und dazu zählen bei ihr so allerhand ­– von A wie Adidas über L wie Lidl bis hin zu V wie VVS, kleine UND große Namen sind in ihrem Repertoire vertreten.

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Um sich auszutoben, versucht Susi nebenbei immer wieder, freie Arbeiten wie Editorials zu machen. „Sachen fürs Herz und Investitionen in mein Buch an Referenzen“, wie sie zu sagen pflegt. Dabei bleibt der eigene Verdienst häufig auf der Strecke, viel mehr zahlt sie als Stylistin noch drauf.

Was sie dabei antreibt, wollen wir wissen. „Ich bin ein Typ, der nicht aufhört, wenn ich nicht 150 Prozent zufrieden bin, mit dem was ich habe“, erzählt sie und fährt fort: „Der Kunde wäre in diesem Fall schon mit 80 Prozent happy, du musst dich aber sicher fühlen, für alle Eventualitäten gewappnet sein und suchst bis zum perfekten Teil.“.

Ganz im Gegensatz zu ihrem eigenen Stil. Da ist es für Susi viel mehr der Mix, der den Mehrwert ausmacht. Man nehme also eine Portion High-Fashion wie Chloé und Céline, gibt etwas skandinavische Zurückhaltung à la COS und die nötige Prise Zara dazu und würzt das Ganze mit einem Hauch Vintage, ergibt tutto completto Susi Bauer. Oder aber man nennt es einfach in einem Wort: Aufwertung. Inspiration findet die Stylistin aber vor allem auf der Straße („Hier in Stuttgart jetzt vielleicht nicht ganz so viel wie in anderen Städten“, Zitatende) und „bei ganz normalen Leuten“, denn nur wer sich nicht zu viel mit anderen Dingen beschäftige, sei frei im Kopf und könne seiner Kreativität freien Lauf lassen. Uns wundert es also nicht, dass Susi Städtetrips genauso sehr liebt wie wir. Mal nach Amsterdam und Architektur bestaunen oder aber ein Trip nach Hong Kong und sich die Zeit auf Stoffmärkten todtrödeln, das mag und macht sie richtig gerne.

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Ähnlich geht sie bei ihrem täglichen Schaffen vor, wo sie sich treiben lässt. Styling sei für sie nämlich ein richtiger Kreativprozess.

Wenn wir ein Thema haben, geh ich los und schaue mir Kollektionen an. Dann sehe ich ein Teil, nehm’ es und so weiter… Ich muss rumlaufen, suchen und mit der Zeit kommt mir ein Bild und ich denke: ,Ja, das wäre jetzt echt cool.‘

Besser hätten wir es nicht auszudrücken vermögt. Für Shootings muss bei ihr außerdem die Silhouette stimmen, und natürlich die Liebe zum Detail. Besonders Layering und die Kombination aus Mode und Schmuck seien nur dann richtig gut, wenn man das Handwerk beherrsche und so zusammensetze, dass es nicht stört und am Ende harmonisch aussieht – eben wie ein Bild, welches man am Ende gerne anschaut. „Wenn Frauen nicht mehr schön aussehen, sondern gewollt hässlich, finde ich das schon auch cool, aber das ist nicht so mein Stil.“ Verstehen wir und machen einen Punkt dahinter, obwohl die Gesundheitslatschen Nummer eins, Birkenstocks, nicht nur unsere große Schwäche sind, sondern auch Susis.

Mit Blick auf den Eckladen des Tarte und Törtchens startet sie in den Tag. Ihr Zuhause ist nämlich neben Kapstadt (wo ihr Mann lebt und sie immer dann hin entflieht, wenn sich good old Germany von seiner kältesten Seite zeigt) der Stuttgarter Westen.

Ich steh morgens auf, und dann ist entweder Welt-Hip-Hop-Tag, und ich pack meine Sneakers und meinen Hoddie aus, oder aber nicht. Dann ist auch mal ein Kostüm drin, eben wie ich mich fühle. Ich wär‘ schließlich keine Stylistin, wenn ich nicht auch einen High Heel zum Angucken hätte!

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Die hippe Dame macht dennoch nicht jeden Trend mit. „Ich finde Creepers toll, aber die stehen mir einfach nicht. Wenn ich die anziehen würde, würde ich aussehen wie verkleidet.“ Genau das sei das Schwierige in der Modewelt: „Die Leute holen nicht immer das Beste aus sich raus, ziehen sich nicht für ihre Figur passend an oder umschmeicheln ihre Schokoladenseiten, sondern quetschen sich in Cropped Tops, weil die eben gerade angesagt sind. Wie lasse ich mich schön aussehen? Wie komme ich gut weg? Das ist für mich Stil!“ Das merken wir uns definitiv für den nächsten Shoppingtrip. Den müssten wir allerdings ohne unsere Stuttgarterin machen, denn die hasst einkaufen. Berufskrankheit eben.

Mit einem Shoppingtag kann man mir keine Freude machen, vor allem in Kaufhäusern. Sowas wie das Milaneo wäre für mich die Todesstrafe! Da kriegt man mich nicht mal zum Arbeiten hin, da bekomme ich Zustände.

Wir müssen zugeben: Diese Frau hat wirklich Power. Und unseren Interview-Rekord geknackt. Ihr Tipp für Erfolg? Vertrauen und Mut, „denn mit manchen Sachen muss man einfach anfangen. Und dabei hilft es, ein bisschen dumm zu sein und nicht zu sehr darüber nachzudenken. Ich meine, es gibt Leute, die haben eine Furzapp erfunden…“. Wow, einen klasse Humor hat sie dazu auch noch. Wir sind gespannt, ob wir ihre Werke einmal in der Crème de la crème der Hochglanzzeitschriften, der Vogue oder der Hapers Bazar, bestaunen können und uns zurückerinnern, wie herrlich bodenständig die Blondine geblieben ist. Und vielleicht probiert sie dann immer noch ihre Samples an, um zu prüfen, ob sie miteinander harmonieren. „Natürlich nur insofern ich reinpasse… Das Gute ist, dass ich zwei Köpfe kleiner bin“, albert sie herum. Und falls es doch nicht klappen sollte: Ihr Karriere als Fingermodel (ja, das gibt es tatsächlich) wäre bestimmt eine genauso gute Erfolgsstory.

Zum virtuellen Zuhause der Stylistin

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NAME … Susi Bauer – ALTER … 32

HERKUNFT … Deutschland – STADTTEIL … West

WAS ICH SO MACH’ … die Modewelt verschönern

MEIN LIEBLINGSORT IN STUTTGART IST … mein Balkon

GLÜCKLICH MACHEN KANN MAN MICH MIT … guter Laune und Optimismus

MEIN PERFEKTES WOCHENENDE VERBRINGE ICH MIT … meinem Mann, Familie und Freunden

ICH KANN NICHT OHNE … Nutella

DAS SOLLTE MAN GESEHEN HABEN … einen Sonnenaufgang auf dem Lionshead in Kapstadt

DAS MACHE ICH, WENN KEINER ZUSCHAUT … das gleiche wie wenn alle zu schauen

ICH WÜRDE NIEMALS … nie sagen

ICH LIEBE AN STUTTGART … dass es so überschaubar ist

ICH HASSE AN STUTTGART … dass es so überschaubar ist

WENN NICHT STUTTGART, DANN … eine andere Weltmetropole

DAS HABE ICH IMMER IM GEPÄCK … eine Sonnenbrille

WENN ICH MORGENS AUFSTEHE, MACH ICH DAS IMMER ZUERST … die Snooze-Taste drücken

SO KRIEGT MAN MICH RUM … mit sehr guten Argumenten

WENN ICH DIE FREIE WAHL HÄTTE, WÜRDE ICH HEUTE ABENDESSEN MIT … meiner Uroma

UND ZWAR WO? … bei ihr zuhause

STUTTGART, ICH WOLLTE DIR SCHON IMMER EINMAL SAGEN … ich mag dich echt gerne

Valentina Kress
Author

Fast-Französin und Vollblut-Stuttgarterin, will Journalistin werden, wenn sie groß ist. Weil das so schön abenteuerlich klingt.

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