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In der Serie „0711er der Woche“ stellen wir euch jeden Montag einen Stuttgarter vor, den man unter Umständen kennt – und doch nicht so recht kennt. Leute, die unsere Stadt durch ihr Schaffen auf verschiedenste Art bereichern, aber oftmals doch im Hintergrund bleiben. Menschen wie du und ich, die ihren Teil dazu beitragen, dass Stuttgart das ist, was es ist: Unsere Stadt, die Mutterstadt. Nachdem wir mit dem jeweiligen 0711er etwas Zeit verbringen, verewigen sie sich in unserem 0711er Buch.

Ab sofort gibt es neben unseren regulären 0711ern“ auch das 0711er Doppelpack. In diesem stellen wir euch zwei Stuttgarter vor, die nicht nur auf eigene Faust können, sondern die Stadt mit vereinten Kräften ein Stück l(i)ebenswerter machen.


In Teil 2 unseres „0711er“-Doppelpacks stellen wir euch den zweiten Italiener im Bunde vor. Dabei sei eines gesagt: Dieser „ragazzo“ hat ganz schön was auf dem Kasten. Sein Name: Daniele Luciano Ferrazzano. Seine Profession(en): Gründer und Inhaber des „STUDIO DLF“, Kellner eures Vertrauens beim Open-Dinner, Mitbegründer des „OBEN STUDIO“ und Gelegenheits-DJ. Wir haben den Designer in seinem Büro getroffen und mit ihm über seine neusten Projekte, seine „passione“ (Leidenschaft) für die Musik und die Notwendigkeit von kreativen Räumen gesprochen.

Ein Text von Alessandra mit Fotos von Felix

Aufgewachsen im beschaulichen Wernau am Neckar im Kreis Esslingen, zog es den 33-Jährigen schon in seiner Jugend immer wieder ins 20 Kilometer entfernte Stuttgart. „Ich fühl‘ mich auf jeden Fall mit ‘Schtuttgart’ verbunden, wie ‘mer am Dialekt ja au’ hört“, schwäbelt er und lacht. Seine Eltern, beide aus Süditalien und Kinder von Gastarbeitern, lernten sich in einem Jugendhaus in Plochingen kennen. Von ihnen hat er auch seine Leidenschaft für die Musik geerbt. Aber dazu später mehr.

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„Nach meinem Realschulabschluss, Neunzehnhundert…neun…und…neunzig (mach’ dir nichts draus, Dani. Wie sagt man so schön: Man ist immer nur so alt, wie man sich fühlt.) habe ich eine Ausbildung zum Hotelfachmann gemacht. Deshalb bin ich beim Open-Dinner auch der Kellner“, lacht Daniele. Nach seiner Ausbildung habe er dann erneut die Schulbank gedrückt, seine Fachhochschulreife oben draufgepackt und sich noch einmal umorientiert. Und zwar in die richtige Richtung, wie wir finden. „Vor dem Studium habe ich dann erst einmal ein Praktikum im Bereich Modedesign in München gemacht. Einfach weil das für mich irgendwie nicht greifbar war und ich schauen wollte, ob das was für mich ist, was es dann nicht war“, scherzt Daniele, aber weiß heute, dass sich dieses Praktikum trotz allem gelohnt hat: „Mein Glück war, dass ich in München jemanden kennenlernte, der mich auf den Studiengang Industriedesign aufmerksam machte. Letztendlich war es also trotzdem cool, dass ich in München war, auch wenn das mit der Mode nicht mein Ding war.“

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Neue Stadt, neues Glück: Zurück in Stuttgart absolvierte er dann ein zweites Praktikum im Bereich Industriedesign und entdeckte dort seine Leidenschaft für minimalistisches Design und ergonomische Produkte. Kurze Zeit später begann er dann sein Studium zum Industrie- und Produktdesigner an der Hochschule für Gestaltung in Schwäbisch Gmünd. Mit einem Zwischenstopp in – dreimal dürft ihr raten – München (natürlich) für ein Praktikum und einem Auslandssemester in Lissabon, kehrte er 2008 wieder zurück ins Ländle, um dort eineinhalb Jahre in einem kleinen Unternehmen namens ‚Berchtold’ in Esslingen als Designer zu arbeiten.

 Irgendwann habe ich dann realisiert, dass ich doch eher der selbstständige Typ bin.

Und genau aus diesem Grund wagte er 2009, mit dem STUDIO DLF, den Schritt in die Selbstständigkeit. Anfangs arbeitete er noch von seiner WG in der Olgastraße aus. Ohne das Ziel, irgendwann ein eigenes Büro zu eröffnen. „Ich wollte erstmal weiterhin für meinen bisherigen Chef arbeiten, aber eben auch eigene Sachen machen.“ Das mit den eigenen Sachen sei jedoch anfangs gar nicht so einfach gewesen. „Die Arbeit konnte ja erst beginnen, wenn der erste Anruf kam. Und der kam erst mal nicht“, erinnert sich Daniele zurück. Und auch Anfragen per E-Mail blieben zu Beginn seiner Selbstständigkeit erst einmal aus. „Irgendwann dachte ich, da muss jetzt irgendwie was anderes kommen.“ Und so zog er kurzerhand aus seiner WG aus, um sich ein Büro zu suchen.

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In der Schlossstraße, wo sich heute auch das OBEN STUDIO befindet, wurde er dann schließlich fündig. „Und auf einmal hatte ich ein Büro. Dort konnte ich dann viel disziplinierter arbeiten und habe mir Ziele gesetzt, die ich mittlerweile seit sieben Jahren verfolge”, fährt er fort. 2012 bekam Daniele dann den Auftrag, das Interiordesign für den SUPPA Store in Stuttgart zu übernehmen.

Der SUPPA Store war mein erstes Interior-Projekt und auch der Startschuss für weitere Projekte in diesem Bereich.

Die Arbeit für den Store habe ihm nicht nur besonders viel Spaß gemacht, sondern ihm auch andere Türen geöffnet, so der 33-Jährige. Mittlerweile habe sich viel getan. Die Projekte und sein Team seien größer und es gebe eine Menge zu tun. Dieses Jahr habe er beispielsweise das Interieur für Kunden wie das ‚Brillenarchiv 3‘ in Esslingen, das Maßatelier ‚Andreas Hildebrand‘ und einen Laden für weibliche Sneakerheads namens ‚Overkill‘ in Berlin Kreuzberg gemacht. Bei letzterem war übrigens kein geringerer als Schuhriese Nike Auftraggeber des Projekts.

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Im Moment arbeitet Daniele am zweiten Store des ‚JEM urbanwear‘ in Konstanz und designt außerdem als externer Creative Director bei der Firma ‚Kerrock‘ seine eigene Bad-Kollektion. „Eine Küchenkollektion ist auch geplant“, verrät der 33-Jährige. (Wenn das mal nicht ziemlich nice ist, wissen wir auch nicht.) „Achja und nebenbei ziehen wir gerade auch noch eine eigene Marke auf“, fährt Daniele fort. „Dafür entwerfen wir unsere eigenen Möbel und Produkte.“ Angefangen bei kleineren Wohn-Accessoires bis hin zu Regalsystemen sei alles dabei. Er könne sich jetzt wirklich auf seine Arbeit konzentrieren und müsse nicht mehr die anfänglichen „Side-Business-Dinger“ machen, um mal ein bisschen Geld zu verdienen, so Daniele.

Ich mache heute das, was ich früher immer machen wollte: Meine eigene Kollektion.

Neben Festangestellten, seien mittlerweile auch einige Freelancer, Werkstudenten und Praktikanten Teil des Teams. Vor allem letztere haben Danieles Ehrgeiz als Berater und Mentor gepackt. „Das Feedback, das ich von meinen Praktikanten bekommen habe, war durchweg so, dass es hieß: ‚Hey, es ist cool, dass du dir so viel Zeit nimmst, einem alles erklärst und auch Verständnis dafür hast, dass man das ein oder andere mal nicht checkt“, erzählt Daniele.

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Irgendwann sei einer der Praktikanten dann auf ihn zugekommen und habe ihn gefragt, ob er ihm nicht bei der Erstellung seiner Mappe helfen könne. Denn jeder Kreative weiß, eine solche Mappe entscheidet oft darüber, ob man zum Studiengang seiner Wahl zugelassen wird – oder eben nicht.

 Also habe ich ihm Tipps und Basics mit auf den Weg gegeben, von denen ich dachte, dass er sie gut gebrauchen könnte.

Später habe sich dann herausgestellt, dass die Mappe seines Praktikanten nicht nur mehr als gut bei den Hochschulen ankam, sondern auch, dass ihm Danieles Tipps selbst bis ins 4. Semester noch weiterhalfen. Dieses Statement war für den Italo-Schwaben der ausschlaggebende Punkt, um zu sagen: „Ich würde gerne etwas für junge Leute machen. Ihnen etwas beibringen.“ Mit dem OBEN STUDIO kam dann die Idee, neben den Dinnern, Release-Partys und Co. auch Mappenkurse als Orientierungshilfe für Interessierte anzubieten.

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Vielleicht gibt es auch andere Leute, die gerne so etwas Ähnliches machen wollen. Leute, die Kurse zu Themen anbieten, von denen ich überhaupt keine Ahnung habe.

So habe beispielsweise erst vor kurzem ein Kreativ-Workshop der Firma Bosch im OBEN STUDIO stattgefunden, bei dem sich die Teilnehmer abseits des Büroalltags austauschen konnten. „So ein Ortswechsel bringt einen oft auf ganz neue Ideen. Das kann unglaublich wichtig für den kreativen Prozess sein“, so Daniele.

Apropos Ideen, davon hat unser 0711er der Woche mehr als genug. Eine Eigenschaft, die ihm auch bei einer seiner liebsten Freizeitbeschäftigungen hilft: Der Musik. Denn neben dem Hören, produziert der Designer gerne auch mal selbst das ein oder andere Lied und legt ab und zu sogar als DJ auf. Gemeinsam mit Bruder Michele habe er schon früh die Schallplattensammlung seiner Eltern rauf und runtergehört. „Marvin Gay, Diana Ross und wie sie alle heißen.“ Ganz die Geschäftsmänner nahmen die beiden bereits im Alter von 11 Jahren Kassetten auf, um diese dann in der Stadt zu verkaufen. „Ich habe schon immer ein Faible für Musik gehabt. Und das ist auch nach wie vor noch so“, schwärmt Daniele. Heute mache er das in erster Linie, weil er „Bock“ darauf habe und nicht, um Geld damit zu verdienen. Früher habe er – gemeinsam mit seinem Bruder – öfter mal in der Bar Romantica, der Schräglage und auf den Jazz Open aufgelegt. „Die Lust am Auflegen habe ich nach wie vor nicht verloren und lege ab und zu im YART und im TATTI auf. Oder – wenn ich es einrichten kann – zusammen mit meinem Bruder in Clubs in Shanghai”, fügt Daniele hinzu.

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Niente male, lieber Daniele. Oder wie die Schwaben sagen würden: „‘Ed schlechd.“  Wir sagen danke für deine kreativen Adern, denn davon hast du offensichtlich mehr als nur eine und hoffen, dass du deine Ziele weiterhin fest im Blick behältst. Und wer weiß, vielleicht planschen wir ja schon bald in einer deiner herrlich puristischen Badewannen.

NAME: Daniele Luciano Ferrazzano– ALTER: 33

HERKUNFT: Italien – STADTTEIL: Stuttgart-West

WAS ICH SO MACH’ … Ich betreibe das Produktdesignbüro STUDIO DLF und das OBEN STUDIO. Nebenbei erwischt man mich auch beim Auflegen

MEIN LIEBLINGSORT IN STUTTGART IST … Der Killesberger Höhenpark und unser Studio Hinterhof

GLÜCKLICH MACHEN KANN MAN MICH MIT … Einem Caffè am Bett

MEIN PERFEKTES WOCHENENDE VERBRINGE ICH MIT … Freunden und Familie bei gutem Essen

ICH KANN NICHT OHNE … Kohlenhydrate

DAS SOLLTE MAN GESEHEN HABEN … Apulien

DAS MACHE ICH, WENN KEINER ZUSCHAUT … Meine PIN eingeben

ICH WÜRDE NIEMALS … einen Junggesellenabschied in Stuttgart feiern

ICH LIEBE AN STUTTGART … Die Aussichtspunkte und versteckte Schmuckstücke

ICH HASSE AN STUTTGART … Ungerechtfertigtes Hypen schlecht eingerichteter Lokalitäten und das unterdurchschnittliche Essensangebot zu später Stunde

WENN NICHT STUTTGART, DANN … fällt einem der teilweise unfreundliche Umgang im Ländle auf

DAS HABE ICH IMMER IM GEPÄCK … so wenig wie möglich

WENN ICH MORGENS AUFSTEHE, MACH ICH DAS IMMER ZUERST … mich freuen dass ich es geschafft habe

SO KRIEGT MAN MICH RUM … Mit Humor und Überraschungen

WENN ICH DIE FREIE WAHL HÄTTE, WÜRDE ICH HEUTE ABENDESSEN MIT … Meinem Bruder

UND ZWAR WO? … In Shanghai

STUTTGART, ICH WOLLTE DIR SCHON IMMER EINMAL SAGEN: Du bist nicht nur „the city of Mercedes Benz and Porsche“. Lass die Leute mal machen…

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