Demograffics Glue Release _34

Maniac ist der Bayer, der auf Englisch rappt. Gemeinsam mit DJ Rufflow bildet der 30-jährige Achim das Hip-Hop-Duo „Demograffics“. In den USA groß geworden, zog es Maniac als 18-Jähriger zurück nach Deutschland. Uns erzählte er, warum – und wie es eigentlich so ist als englischsprachiger Rapper in Hip-Hop-Deutschland.

Ein Interview von Marcel Schlegel mit Fotos von Stephan Frick


Wenn Deutsche meinen, sie müssten auf Englisch rappen, bin ich meistens erst mal etwas kritisch. Schuster bleib’ bei deinen Leisten, denke ich mir dann. Denn oftmals hört man den MCs ihre deutsche Herkunft einfach an – so wie man als Schwabe bei den „Hochdeutsch-Versuchen“ des Ex-Bundestrainers Jürgen Klinsmann direkt immer dachte: „Ah, stimmt. Der kommt ja aus Göppingen.“ Bei Maniac von den Demograffics ist das anders. Der selbsterklärte „Bayer, der auf Englisch rappt“, klingt – um gleich in der passenden Sprache zu bleiben – „realer“.

 

Und das, obwohl er ebenfalls englische Reime kickt, als Regensburger. Wie kommt’s?

 

Der 30-Jährige, der gemeinsam mit DJ Rufflow (Foto unten) das Duo „Demograffics“ bildet, wuchs in South Carolina auf. Als er sieben war, zog die Familie in die USA. Er ging dort zur Schule, kam dort mit Rap-Musik in Berührung, besuchte in Asheville (North Carolina) sein erstes Rap-Konzert (El Da Sensei von den „Artifacts“) und gewann dort seine ersten Freestyle-Battles. „Früher, als ich bei vielen Battles mitgemacht habe, war meistens die Reaktion: ,Wow, this dude is white and he’s german and he’s winning battles. That’s crazy“, erzählt Achim.

Demograffics Glue Release _52

Nun bist du in den USA großgeworden, was dich von vielen anderen deutschen MCs unterscheidet, die einen auf Ami machen. Es galt jedoch hierzulande oft als No-Go, als Deutscher auf Englisch zu rappen – früher, am Anfang, war es genau andersherum. Wie kommt der Wandel zustande?

M: „Ich kann es schon verstehen, dass es für manche ein No-Go ist. Es gab da schon paar Ami-Rap-Deutsch-Verschnitte, die es ziemlich verkackt haben. Es gibt eben genug sauwhacke Deutsche, die sich wie Arnold Schwarzenegger ,tryin’ to speak ebonics’ anhören und das ist dann schon mad unauthentisch, wenn man die über manche Sachen rappen hört wie zum Beispiel über ,Cornbread and Beans’. Dann kann man theoretisch mit gutem English über den Bayerischen Wald rappen und ist authentischer. Es gibt aber auch ein paar sehr gute englischsprachige MCs in Deutschland – wie zum Beispiel Chrizondamic, Juju Rogers oder Nicest Dudes Around. Die haben es drauf und denen kaufe ich ab, was sie rappen. Ich habe in den USA mit englischen Raps begonnen und bin dann hier dabei geblieben.“ 

 

Aber bald kommen ein paar bayerische Parts: Watch out for bavarianiac.

 

Im Alter von 18 zog es Maniac zurück nach Deutschland. Er habe sich damals in Amerika nicht mehr wohl gefühlt, wenig Perspektive gesehen und für den Lebensunterhalt hier und dort gejobbt. „Ich war einfach voll auf dem Rapfilm“, sagt Maniac. „Ich war in Deutschland zu Besuch, mir hat es gefallen und daher bin ich zurück.“ Achim machte eine Lehre zum Feinwerkmechaniker und holte sein Abi nach. Und trotz des Jobs – eigentlich verstand er sich in erster Linie stets als Beatmaker und Rapper. Woher die Faszination für Beats und Raps? „Das Community Ding, das ist es, was mich an Hip-Hop fasziniert“, antwortet er. „Und dass Rap in meiner Jugend mein ,Teacher’ war.“

Demograffics Glue Release _7

Und wie fing die Sache mit dem Produzieren und dem Rappen an?

M: „Ich war schon immer ,Music & Entertainment’-Fan und habe mit zehn Jahren schon Michael-Jackson-Playback-Shows gemacht und die Nachbaren dazu eingeladen. Danach bin ich ins ,Skeelo & Montell Jordan’-Tape-Game gesteppt – und von da an immer mehr in Richtung Rap geschlittert. Ein Schulfreund fixte mich in der High School dann endgültig mit Rap an. Wir haben in der Schule gefreestyled und Texte geschrieben und bei regionalen Freestyle-Battles mitgemacht. Und nun mache ich das nun schon seit 15 fucking years, Oida.“

Demograffics Glue Release _33

Er sehe sich selbst jedoch mehr als Producer denn als Rapper, sagt Maniac. „Weil ich einfach auch mehr produziere.“ Entsprechend mag er die Entwicklung der letzten Jahre, dass Beatmacher ganze Instrumental-Platten rausbringen, Beatsets live spielen, dafür gefeiert werden und die Producer mehr und mehr auf dem Vormarsch sind.

 

MANIAC @ FACEBOOK

DEMOGRAFFICS @ FACEBOOK

 

M: „Das ist super! Endlich mal kein Gerappe und trotzdem geil. Ich finde es super, wie es abgeht: Mit Beattapes und Instrumental-Alben. Und wie viele krasse Producer es in Deutschland mittlerweile gibt, das ist krass. Alleine in Regensburg sind schon viele dope Beatmakers und ,new kats making fire’. Warum das so ist? Weil viele Beats mittlerweile nicht nur reine Loops sind, sondern wie Songs arrangiert werden. Songs, die auch ohne Gesang gut funktionieren und tanzbar sind.“

Unter anderem machte Maniac Beats für Roger & Schu vom Blumentopf, Fatoni, Edgar Wasser, Liquid, BBou (Foto unten) zusammen und auf dem im Oktober 2015 erschienen Album “Glue” warteten die beiden dann mit einem ganz besonderen Schmankerl auf: Für den Album-Track „Bavarias Most Blunted“ konnten die Demograffics keinen Geringeren, als die kurz danach verstorbenen US-Legende Sean Price (inklusive Maniac-Raps) gewinnen. Ein Track, der international gefeiert und unter anderem von DJ Premier live „upgecuttet“ wurde.

Demograffics Glue Release _53

Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

M: „Ich wollte schon immer mit Sean Price zusammen arbeiten und es kam leider nie zu einem persönlichen Treffen. Ein Freund hat uns dann connected und ich habe ihm Beats zukommen lassen. Raus kam der Song ,Bavarias Most Blunted’, einer der letzten Sean-Price-Parts. His spirit lives in the music und schön zu sehen, dass seine Frau Bernadette den Song auch feiert und DJ Premier ihn in seinem Set spielt. Rest in Peace, Sean P.“

Demograffics-Glue-Release-_22

Noch bevor du nach Bayern zurückkehrtest, hast du in den USA deine erste Platte herausgebracht. 2004 erschien die „Demograffics EP“ – damals in einer noch kleinen Auflage. Wie kamst du dann mit DJ Rufflow in Kontakt?

M: „Ich habe unter dem Namen ,Demograffics’ schon 2003 in den Staaten Musik gemacht – zusammen mit Dave Black. Die ,Demograffics 2004 EP’ habe ich in Deutschland dann gehustled und habe dadurch den Namen ,Demograffics’ beibehalten. Ich war damals zunächst noch solo unterwegs: mit eigenen Beats, ohne DJ, aber mit Mini-Disk-Player. Rufflow habe ich dann 2006 auf einer Hip-Hop-Party kennen gelernt, wo er auflegte. Ich fragte ihn direkt, ob er nicht mit mir Live-DJ machen und Scratches recorden will.“

 

Zehn Jahre ,later’ sind wir noch immer ein Team – und beste Freunde.

 

Was zeichnet euch als Rapper und Producer aus?

M: „Raw Rap ins G’sicht, Dirty-Sample-Beats und Hard Drums. Im Ernst: Viel Output mit Qualität und mit vielen Variationen – eben nicht immer dasselbe Rap-Beat-Arrangement. Das gilt allgemein für die Demograffics, wir machen Rap-Entertainment, bei dem auch eine Message hängen bleibt.“

Demograffics Glue Release _36

Auf der Bühne bist du bisweilen ein echter Entertainer – wie wichtig ist Humor für dich?

M: „Music is like glue – it sticks. Humor ist wichtig und gerade, wenn man ein kritisches Thema behandelt, sollte man das auf eine unterhaltsame Art und Weise machen. Das will ich auch auf der Bühne rüberbringen. Eine Maniac-Show zeichnet aus, dass viel Energie im Spiel ist, echte ,Gnackbreak-Banger in dei’ G’sicht’ – mit viel Kontakt zum Publikum und mit hoffentlich einer guten Stimmung.“

Demograffics Glue Release _43

Unter anderem steckt Maniac auch hinter der „Loop Sessions“, die die Demograffics gemeinsam mit den „Tribes of Jizu“ ins Leben gerufen haben. Bei der besagten Session handelt es sich um eine Konzert-Reihe, welche sich bislang auf Bayern und den süddeutschen Raum beschränkt. In zweimonatigem Rhythmus findet diese hauptsächlich im süddeutschen Raum, aber vereinzelt auch außerhalb statt.

 

Was die Veranstaltung für Besucher attraktiv und unterhaltsam macht, ist der Umstand, dass die Band zu jeder neuen Tour einen neuen Rapper innerhalb der Show präsentiert.

 

Unter anderem waren schon Hiob & Morlockk Dilemma, Nico Suave, Amewu, Roger & Schuh, Holunder, Liquid, Bbou, Retrogott, Johnny Rakete, Dexter, Roger Rekless, Witten Untouchable, Damion Davis, Fatoni und viele andere mit von der Partie. Gehosted wird die Session von Keno (Moop Mama) & Maniac.

Demograffics Glue Release _16

Seit 2003 macht Achim schon Musik. Namhafte Rapper und Producer arbeiteten mit ihm zusammen –  Dexter (Foto unten), Figub Brazlevic, die Topf-Jungs, um nur ein paar davon zu nennen. Doch erst im letzten Jahr machten die Demograffics sich dann auch deutschlandweit und außerhalb von Kennerkreisen einen Namen.

Demograffics Glue Release _25

Warum so spät?

M: „Keine Ahnung, Oida. Aber dass die Homies das gut finden ist eh klar und es ist auch super zu sehen, dass es ein bisschen gespreaded wird und mehr Leute erreicht, weil der Shit ja auch dope ist (lacht). Wir waren schon 2011 als ,Dexter & Maniac’ auf Tour mit Blumentopf. Fünf Jahre später produziere ich Beats für Roger & Schu und es ist eine Ehre, mit den Jungs zu arbeiten, weil they had a big influence on me. Super guade Jungs, die Topf-Leute. Sie sind mega nice, einfach cool und auf dem Boden geblieben.“

Demograffics-Glue-Release-_15

Ein bisschen Namenskunde: Warum eigentlich „Demograffics“? Der Name sei am Anfang nur „eine schnelle Idee gewesen“, sagt Maniac. Als 2004 die erste EP erscheinen sollte, habe er rasch einen Namen gebraucht: „Und wir dachten: ,Hey, sounds dope’.“ Aber da die beiden Bayern sich nunmehr viel mit der Gesellschaft beschäftigen, auch soziale Themen ansprechen und deren Musik so gesehen ohnehin viel mit Demographie zu tun hat, passe der Name ohnehin perfekt zu dem, was die Demograffics, was DJ Rufflow (Foto direkt darunter, d. Red.) und Maniac so machen.

Und warum bist du der Maniac?

M: „Ich hatte nie wirklich einen Rapper-Namen, ich war einfach immer der Achim – oder halt Demograffics. 2009 dann habe ich so ein ,Abstract Spacey Mixtape’ gemacht, das ,Psychodelic Maniac’ hieß. Und als das ,Raw Shit’-Album mit Dexter fertig wurde, habe ich mir den Namen vom Mixtape geschnappt und wir nannten uns ,Dexter & Maniac’. Seit dem Projekt ist ,Maniac’ geblieben.“

Demograffics Glue Release _1

Als Rap-Fan nutzt Maniac selbst auch Streaming-Plattformen und mag derlei Portale zwar, „um als Künstler gehört zu werden“, wie er sagt. Dennoch sei es wichtig, dass man Acts, die man feiert, auch durch Käufe supportet. Er sagt: „Buy records“. Als Produzent indes müsse es nicht immer analog sein, findet der Bayer. Solange das Ergebnis passe, sei es ihm egal, ob der Track an der MPC oder am Rechner entstanden sei.

 

 

Ich finde das super, dass jeder mit dem PC heutzutage Musik machen kann. Aber das hat auch Nachteile.

 

Der Nachteil sei, dass jeder seinen Sound auch gleich mit dem Rechner im Internet veröffentlichen könne. In der Masse von Musik bliebe viel Gutes ungehört und bekäme viel Schlechtes zu viel Aufmerksamkeit.

Hat der einzelne Künstler dadurch an Stellenwert verloren – man skipt durch Alben, hört Lieder, keine Alben, hört das Lied, nicht den Künstler?

Demograffics-Glue-Release-_63

M: „Ich glaube schon, dass wenige die Zeit haben, sich was auf Albumlänge anzuhören oder sich die Zeit erst gar nicht nehmen wollen. Zudem sind viele durch andere Sachen am Handy oder Laptop abgelenkt – und darum ist es das Beste, sich die Vinyl zu holen. Aber ich habe auch nichts dagegen, wenn Leute meine Musik downloaden. Whatever – auch geil.“

 

LOOP SESSIONS @ FACEBOOK

STEPHAN FRICK @ FACEBOOK

 

Heutzutage gibt’s im Deutsch-Rap alles: Leute, die oldschool klingen, Asslacks wie Haftbefehl, Mainstream-Rapper wie Cro. Wie geht’s Dir dabei? Und wohin wird sich Rap entwickeln?

M: „Das passt doch, wenn jeder sein Ding machen kann im facettenreichen Rap-Cosmos. Ich glaube, dass sich der ,Real Shit’ durchsetzen wird. Schmarrn, das ist schwer zu sagen: I hope not more autotune.“

Demograffics-Glue-Release-_60

xxx

– MARCELS 07ELF –

Schwäbisch oder Berlinerisch? – Beides geil, jeder Dialekt kann was.

J Dilla oder Madlib? – Madlib.

Weißwurst oder Pommes? – Pommes.

Kaffee oder Tee? – Kaffee.

Fußball oder Basketball? – Basketball.

Ein Rap-Album, das du Dir immer wieder geben kannst? – “Madvillainy” (von MF Doom & Madlib als “Madvillain”).

Lieblings-Album oder Lieblings-Künstler – fernab von Hip-Hop? – Gerade: “ROB – Make it fast, Make it slow”.

Was macht der Maniac vor einem Konzert? – Chillin’ like a villain.

Wofür gibst du zu viel Geld aus? – Schallplatten.

Welche Serie hat dich geflashed? – Nix.

Wovon hast du wirklich keinen Plan? – Viel.

xxxxx

Marcel Schlegel
Author

Schreibt viel und immer mit zwei Fingern. Mal über dies, mal mehr über das. Stärke: die Kommasetzung. Punkt. Ein Werdegang in Linkform – hier: http://bit.ly/2ajtdCU

Write A Comment